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Review: DEFIANCE

Von Riggs J. McRockatansky vor 7 Jahren geschrieben11 / 20090 Kommentare
DEFIANCE Filmkritik

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Story

Polen, 1941: die Eltern der jüdischen Bielski-Brüder Zus, Asael und Aron werden auf Befehl der nationalsozialistischen Besatzer auf ihrem Hof von der örtlichen Polizei getötet. Auf der Flucht durch die Wälder treffen die Bielskis auf ihren ältesten Bruder Tuvia. Ohne, dass er ihre Versorgung mit Lebensmitteln ausreichend sichern kann, nimmt Tuvia immer mehr Flüchtlinge in die Gruppe auf, sehr zum Missfallen von Zus, der lieber in den offenen Kampf gegen die Besatzer ziehen würde. Doch Tuvia besteht darauf, dass die Gruppe sich ihre Menschlichkeit bewahrt und erklärt ihr Überleben zum höchsten Ziel. Im Streit verlässt Zus die Gruppe und schließt sich sowjetischen Partisanen an. Währenddessen bricht der harte Winter herein und die jüdische Gemeinschaft wird im Wald nicht nur von Krankheiten geplagt, auch die Häscher kommen immer näher…

Der Film

Hollywood mag seine Heldengeschichten einfach gestrickt: die Helden sind gut, die Schurken sind böse und besonders gern und gewichtig kommen diese Attribute vor einem genau darauf reduzierten historischen Hintergrund zum Tragen, der zwecks eingängigerer Dramaturgie noch um einiges an politischem Gewicht und/oder fragwürdiger Fakten und Vermutungen rund um seine Helden erleichtert wird. Edward Zwicks Defiance ist so ein Film, der es mit der im Vorspann erwähnten wahren Geschichte nicht ganz genau nimmt. In Polen löste er gar Proteste ob der zu posiiven Darstellung der Bielski-Brüder aus, deren Partisanentruppe das Plündern von Dörfern und die rücksichtslose Ermordung polnischer Bauern und Zivilisten nachgesagt wird. Der schlimmste Vorwurf, die Tötung von 128 Zivilisten im Dorf Naliboki, konnte allerdings eindeutig widerlegt werden. Das ihr Einsatz das Leben von über ein tausend Juden rettete steht ohnehin außer Frage und dem Medium Film darf es durchaus gestattet sein, an den Mut und die Taten zum Wohle einer guten Sache zu erinnern, schließlich nimmt man so etwas in der echten Welt selten genug wahr. Solange Tatsachen nicht radikal verfälscht oder zum Zwecke zweifelhafter Ideologien umgedeutet werden, ist einem Film aufgrund fehlender geschichtlicher Akkuratesse nicht per se eine Schwäche zu unterstellen. Diese liegt dann auch bei Defiance eher in anderen Bereichen.



Regisseur Zwick ist ein Filmemacher, der in großen Bildern schwelgt, der die Weite der Leinwände voll ausnutzt, dabei aber die Geschichten nicht vernachlässigt, die überhaupt erst zu den Bildern führen und werden. Das Prinzip Film hat Zwick verstanden, was er mit Arbeiten wie Glory (1989), Last Samurai (2003) und zuletzt Blood Diamond (2006) bewies. Bei Defiance gelingt es ihm nicht völlig, dafür wird die außergewöhnliche Geschichte der Bielskis die meiste Zeit zu gewöhnlich erzählt. Dabei fehlt es Charakteren und Handlung nicht unbedingt an Tiefe, nur wird aus dieser immer wieder aufgetaucht, um, so lange es nötig ist, die Story voran zu bringen, an der Oberfläche zu dümpeln. Die Konstellation der Brüder zum Beispiel ist gut angelegt und bestimmt die erste Hälfte des Films. Bei der ersten Begegnung Tuvias mit Zus wird die Spannung untereinander durch eine kurze Bemerkung Zus’ deutlich, doch was auch immer zwischen ihnen steht, der Tod ihrer Eltern gibt ihnen eine Gemeinsamkeit und Einigkeit zurück, die sie in unterschiedlich gelebten Leben verloren zu haben scheinen. Doch ihre Gegensätze lassen sie anders auf die Situation reagieren, Zus will Rache, nicht nur für Mutter und Vater, später ebenso für Frau und Kind, und obwohl Zus als „der Wilde“ gilt ist es der besonnene Tuvia, der jenen Polizeichef erschießt, der ihre Eltern ermordet hat. Doch nach einem nächtlichen Angriff auf eine Gruppe Nazis und des Verlustes einiger Gefährten erkennt Tuvia, was die stärkste Form von Rache ist, die ihnen möglich ist: die anwachsende Flüchtlingsgruppe am Überleben zu halten. Zus aber will weiter kämpfen und in den Versuchen seines Bruders, Menschlichkeit im Umgang mit jenen zu wahren, die den Nazis unter Zwang zur Beihilfe verpflichtet sind, wie ein alter Milchbauer, erkennt er nichts als Schwäche. Daneben müssen sich die jüngeren Brüder, Asael und Aron,für einen Weg entscheiden. Liegt die größte Leistung im Töten des Feindes oder in der Verantwortung für das Leben des Freundes?



Der Bruderkoflikt ist also durchaus ein interessanter und von Zwick auch mehr als ausreichend ergründeter, zudem stehen in Daniel Craig, Jamie Bell und dem Experten für Geschwisterzwistigkeiten 2009, Liev Schreiber (siehe X-Men Origins: Wolverine), Schauspieler zur Verfügung, die sehr gut miteinander harmonieren (George MacKay als jüngsten Bruder Aron kann man außen vor lassen, da er im Film fast keine Rolle spielt). Andererseits sind die Stationen ihrer Auseinandersetzungen und überhaupt der Story in sehr konventionellem Takt abgeklopft und die Brüder funktionieren im Gruppengefüge besser, als jeder für sich genommen. Gerade Craig bekommt zwar einige wirklich starke Einzelszenen, etwa wenn er von Krankheit und Fieber gepeinigt versucht, Herr des Lagers und über einen aufmüpfigen Delinquenten zu bleiben und dazu zur härtesten Konsequenz greift. Die typischen aufmunternden Reden dürfen aber genau an den Stellen nicht fehlen, an denen man sie vermutet und spätestens, wenn Craig sie vom strahlend weißen Pferd aus hält wirkt das etwas zu nah an Braveheart‘schen oder Der Herr der Ringe‘schen Mechanismen angelehnt, wohinter das Ausmaß der Leiden, die die Waldgemeinschaft durchlebt haben muss, nicht voll entfaltet werden kann. Ähnlich ergeht es Jamie Bell als Asael, der in der Treue zu Tuvia dennoch die Stärke Zus’ vermisst, selbst aber mehr und mehr, und von Bell überzeugend dargestellt, in seine eigene Rolle als verantwortungsbewusster Kämpfer wächst. Dafür muss er sich mit der gleichen Unbeholfenheit gegenüber dem weiblichen Geschlecht herummühen, wie es viele kleine Brüder vor ihm mussten, bis ihn die Initiative der angebeteten Dame schließlich in deren Arme führt. In einem solchen Wechsel zwischen ausgezeichnet eingefangenen und portraitierten Charaktermomenten und austauschbarem Storyfüllern und -voranbringern befindet sich Defiance über die volle Laufzeit.

Ein gutes Stück über dem Durchschnitt liegt Defiance trotz alledem, denn um nur Mittelmaß zu sein oder gar darunter zu fallen bietet der Film viel zu viele für sich genommen ausnehmend kraftvolle und packende Szenen, die den weitesten Teil gewisser Einfallslosigkeiten und des schablonenhaften Storytellings abolut wettmachen. Craigs Begegnung mit dem Mörder seiner Eltern, Liev Schreiber, dessen harte Fassade für einen Moment aufbricht, nachdem er vom Tod seiner Frau und seines Kindes erfahren hat, die durchgehend mitreißend inszenierten Kampfhandlungen – darin steckt viel gestalterische und schauspielerische Qualität, die sich in makelloser und authentischer Ausstattung, MakeUp- und Kostümdesign fortsetzt. Das Waldsetting, gelegentlich unterbrochen durch die Ausflüge der Bielskis in umliegene Dörfer und ein schwer bewachtes Ghetto, bietet Zwicks Bildsprache zwar nicht die epische Weitläufigkeit, die man von einigen seiner Stoffe gewohnt ist, dennoch finden er und Kameramann Eduardo Serra genügend ansehnliche Motive, wobei die Optik teils schon ein wenig zu edel wirkt. Die Action-Elemente nehmen zu keiner Zeit Überhand, werden straff vorangetrieben und mit Hilfe verschiedener Stilmittel inszeniert, wie beim Einbruch von Zus und einigen Männern in eine Polizeistation, bei dem die Bilder verzerrt sind und der Wahrnehmung des kranken Tuvia entspringen, der den Lärm des Kampfes im wartenden Fluchtauto hört. Gegen Ende, wenn das Lager im Wald von Sturzkampfflugzeugen angegiffen und zerbombt wird, die Gruppe durch Sumpfland flüchten muss und schließlich ein Panzer zum Endgefecht bereit steht, treibt Zwick den Explosionsgehalt und damit verbundene Schauwerke reichlich in die Höhe. Dabei übertreibt er es weiterhin nicht mit dem Action-Pegel, wohl aber mit der Anspielung auf biblische Gleichnisse. Das Motiv Tuvias als Moses, der sein Volk in die Freiheit führt, ist dann doch einen MG-Lauf zu weit gegriffen.



Mit voller Kampfkraft bei Bildern und Hauptdarstellern, eher weniger entschlossen, was die Umsetzung der Story angeht: Defiance ist kein origineller Film, liefert in der Anwendung vieler bekannter Mechanismen und deren Übertrag auf das Setting dennoch einen guten Unterhaltungswert und eine letztlich würdige Erinnerung an eine der unzähligen wenig bekannten Heldentaten, die sich während des Zweiten Weltkriegs ereigneten. Das Kernthema, die Frage nach der Möglichkeit, sich seine Menschlichkeit in Zeiten der Unmenschlichkeit zu bewahren, wird vor allem über Daniel Craig gut herausgearbetet. Auf ihm liegt die Last im Angesicht des drohenden persönlichen Scheiterns seines Vorhabens, aber auch des Scheiterns der Gruppe, die einen gefangenen Deutschen Soldaten stellvertretend für deren Greueltaten umbringt. Die Festigkeit und Überzeugungen des Anführers, aber auch die Zerbrechlichkeit des einfachen Mannes, der in diese Umstände hineingezwungen wird, schafft Craig zu vermitteln. Von Liev Schreiber und Jamie Bell wird er ausgezeichnet ergänzt, der übrige Cast verharrt größtenteils in den Mustern, die die jeweiligen Rollen vorgeben. So werden die Nazis als gesichtslose Masse niederzumetzelnder Uniformträger gezeigt, die sowjetischen Partisanen, denen Zus sich anschließt, als saufende Antisemiten. Das ist alles andere, als eine mehrdimensionale Betrachtungsweise, unterstreicht aber den Anspruch des Films, die Helden zu ehren, nicht die Monster zu schmücken.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Über den ganzen Film gesehen ist der Action-Anteil nicht sehr hoch, aber gut inszeniert und gegen Ende mächtig angehoben.
Spannung: 3/5
Zu unterhaltend, um langweilig zu werden, Höchstwerten stellt sich aber die Storykonstruktion in den Weg. Auf solidem Niveau.
Anspruch: 3/5
An historischer Akkuratesse mag es bisweilen fehlen, der produktionstechnische Aufwand erzeugt dennoch Authentizität und die Geschichte an manchen Stellen auch Tiefgang.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4/5
Craig, Schreiber und Bell agieren wie zu erwarten sehr gut, der Rest der Besetzung bleibt an die Zweckdienlichkeit der Rollen gebunden, geht aber voll in Ordnung.
Regie: 4/5
Edward Zwick hat fraglos schon besser Anspruch und Unterhaltung verbunden, trotzdem ist Defiance auch Dank seiner Fähigkeiten sehenswert.
Fazit: 7,5/10
Großartig bebildertes Action-Drama, dessen Takt etwas zu sehr konventionellem Storytelling folgt.

Mehr zum Film

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