Skip to content

Review: SHUTTER ISLAND

SHUTTER ISLAND Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film

Story


1954: der US-Marshall Edward ‚Teddy‘ Daniels und sein neuer Partner Chuck Aule sollen auf Shutter Island das Verschwinden einer Insassin aus einem Heim für geistesgestörte Schwerverbrecher aufklären. Doch die Belegschaft um den leitenden Arzt Dr. Cawley zeigt sich wenig hilfsbereit und bringt die Cops bei ihren Ermittlungen nicht voran. Die spärlichen Antworten, die sie erhalten, scheinen von den Leitern eingeimpft zu sein. Daniels und Aule finden jedoch schnell heraus, dass die Patientin Rachel Solando nicht auf eigene Faust entkommen sein kann. Hinter dem beharrlichen Schweigen der Mitarbeiter des Ashecliffe Hospital beginnt Daniels bald mehr zu vermuten, doch je intensiver er die Ermittlungen führt, desto tiefer stürzt der Marshall selbst in einen Strudel aus schrecklichen Erinnerungen und Paranoia…

Der Film

Der Wahnsinn greift um sich in Hollywood. Damit sind an dieser Stelle weder die alltäglichen Verrücktheiten der Traumfabrik gemeint, noch der überzeichnete Einsatz von Allmachtsphantasten und psychopathischen Schurken in Actionfilmen. Gemeint ist die wirkliche Auseinandersetzung mit den Umwegen, die der menschliche Geist bisweilen nimmt und das Labyrinth, in dem er sich allzu leicht verlaufen kann. Filme wie Miloš Formans Meisterwerk Einer flog über das Kuckucksnest (1975), Zeit des Erwachens (1990) mit Robin Williams und Brad Andersons Session 9 (2001) beschäftigten sich mit Ursachen und Wirkungen geistiger Erkrankungen und wählten als Handlungsort gar das Refugium der vermeintlich Irren, die Heilanstalt. Auch die New Yorker Regielegende Martin Scorsese hat sich in seiner Karriere mehr als einmal mit Wahn und Psyche auseinandergesetzt, schickte einen sich immer weiter in seine Obsessionen hineinsteigernden Robert De Niro in Taxi Driver (1976) auf Gewaltfahrt durch den Big Apple, ließ ihn am Kap der Angst (1991) den geisteskranken Killer in eine neue Dimension des Terrors vorstoßen und beobachtete das Zerbrechen des Krankenwagenfahrers Nicolas Cage in Bringing out the Dead (1999). Mit der Romanadaption Shutter Island schafft Scorsese nun, das darf behauptet werden, den (beinahe) ultimativen Trip in den zerebralen Wahnsinn.



Eine Fähre schiebt sich aus dem dicken Nebel, der seekranke Marshall Daniels hängt über der Kloschüssel, ermahnt sich selbst, sich zusammenzureißen. Kurz berät er sich mit seinem neuen Partner, dem ruhigen Marshall Aule. In wenigen, knappen Sätzen erzählt Daniels von seiner Frau Dolores, die in dem Feuer starb, dass ein verrückter Brandstifter in ihrer Wohnung gelegt hatte. Dann kommt Shutter Island in Sicht. Sie sollen sich beeilen mit dem von Bord gehen, lässt der Kapitän sie wissen. Auf der in Stille gehüllten Insel werden die Marshalls von argwöhnischen Blicken empfangen, eine Patientin ist auf unerklärliche Weise verschwunden, eine Kindermörderin, es herrscht höchste Anspannung unter den Aufpassern. Fruchtlos verlaufen erste Gespräche mit Dr. Cawley, der nur bis zu einem gewissen Punkt Auskunftsbereitschaft zeigt. Stecken wohlmöglich auch hinter ihm und dem deutschen Dr. Naehring der Wahnsinn? Werden auf Shutter Island grausame Experimente an den Gefangenen durchgeführt? Daniels ist sich dessen sicher, aber gibt es nun für ihn überhaupt noch ein Entkommen von der Insel?

Doch das mächtige Unwetter, das bald über Shutter Island tobt, braut sich mit nicht minder verheerenden Folgen in Daniels Verstand zusammen. Er muss den Wahnsinn nicht auf der Insel finden, er hat ihn selbst dorthin mitgebracht. Ohne das die bedrohliche Stimmung in der Heilanstalt darauf Einfluss nehmen müsste, wird Daniels von Visionen heimgesucht, in denen ihm seine tote Frau erscheint, Warnungen ausspricht, die er nicht versteht. Verschwinden soll er, flüchten, solange er es noch kann, doch Daniels hat einen Fall aufzuklären und dabei geht es ihm weniger um die verschwundene Rachel Solando, sondern um die Machenschaften auf Shutter Island. Mit eiserner Zähigkeit versucht der Marshall allem zu trotzen, was ihm widerfährt und was in seinen Gedanken herumspukt und ihn nicht zur Ruhe kommen lässt.



Shutter Island ist, erzählerisch und gestalterisch, Kino der Zitate, eine Huldigung an das amerikanische Horrorkino der 1940er Jahre. Darin mag der Film besonders für Entdecker, Nostalgiker und Liebhaber vergangener Kinotage seinen Reiz haben und kommt aufgrund der Klasse Scorseses nie auch nur in die Nähe eines müden Plagiats oder einer bloßen Fingerübung des Regisseurs. Den Respekt und die Liebe für diese Ära, die Scorsese faszinierte und seine eigene Leidenschaft für das Medium Film mit entfachte, merkt man Shutter Island in jedem Detail, in jeder Einstellung an. Darüberhinaus ist der Film aber nicht nur eine akkurate Konservierung alter Kinowerte, es ist auch ein Portrait des Wahnsinns, wie es kaum ein Film zuvor derart kraftvoll bebildert, aber auch jederzeit authentisch wirkend geschaffen hat. Allein Daniels‘ erste längere Vision, in der ein Ascheregen auf ihn und seine Frau niederrieselt, ist optisch und durch den hervorragenden Soundtrack ein Genuss. Und auch die Gespräche zu Anfang der Marshalls mit den Insassen, die keinesfalls über-, sondern in einer sorgfältig durch Beiläufigkeiten gebrochenen Normalität gezeichnet werden, gefallen mit ihrer Subtilität und ihrem aus kleinen Gesten Spannung erzeugenden Aufbau, etwa wenn Daniels einen zu Befragenden mit Bleistiftgekritzel kirre macht.

Wo der Trailer noch knackeharten Psychothrill mit reichlich Schockmomenten anpries, funktioniert das, was Shutter Island schließlich geworden ist, auf eine ganz andere Art. Nur einen winzigen Bruchteil der sich anbietenden Schockeffekte löst Scorsese auch tatsächlich in einen solchen auf, ansonsten zieht er die Anspannung der einen gleich mit in die nächste Sequenz, lässt sie manchmal aber auch einfach verpuffen oder sprengt sie durch den Einsatz der Visionen und Erinnerungen Daniels‘. Obwohl sich dabei zwar nie das Gefühl einstellt, eine im Nachhinein wenig nutzbringende oder ungenutzt liegengelassene Szene gesehen zu haben (dafür inszeniert Scorsese einfach zu kunstvoll, dafür bildet sein Kameramann Robert Richardson die Geschichte in zu poetisch-verzerrt-schönen Bildern ab), führt es doch zu einem kleinen nachteiligen Aspekt des Films: Scorsese verzichtet komplett auf das gängige Repertoire zum Erzwingen von Anteilnahme für seine Hauptfigur, bietet aber allerdings auch keinen unbedingten Ersatz an. Daniels‘ Erinnerungen an seinen Einsatz im Konzentrationslager Dachau, in dem er am Massenmord an deutschen Soldaten beteiligt war, zeigen schockierende Bilder und diese mehrmals, jedoch ohne einen spürbar emotionalen Anteil an Daniels‘ aktuellem Zustand zu haben (abgesehen davon, dass er nie wieder töten will). Die surrealen Momente, in denen er seiner Frau begegnet und die immer wieder minutenlang die eigentliche Handlung abschneiden, spiegeln sich im gegenwärtigen Geschehen rund um den Geisteszustand des Protagonisten zwar sehr ausdrucksstark, schwanken während ihres Passierens aber ein wenig zwischen kryptisch und lapidar. Für die Wirkung auf den Zuschauer entwickelt sich der Nachteil, dass man dem Film nur interessiert, nicht aber gefühlsmäßig voll involviert folgt. Dies ändert sich erst gegen Ende, wenn die Auflösung der Geschehnisse vieles rechtfertigt.



In ihrer ersten gemeinsamen Arbeit Gangs of New York (2002) beherrschte Daniel Day-Lewis das Geschehen, in Departed (2006) teilte er sich die Bühne mit Matt Damon und Jack Nicholson, bei Shutter Island nun hält Martin Scorsese, wie zuvor bei Aviator (2004), wieder voll auf seinen Lieblingsschauspieler Leonardo DiCaprio. Wie es in den 70ern, 80ern und 90ern Robert De Niro tat, so dankt auch DiCaprio dem Regisseur dieses Vertrauen mit einer rauschhaften Performance. Immer weiter steigert er sich in einen Zustand zwischen Paranoia, Pflichtbewusstsein und Verzweiflung, Trauer, Verdrängung und Leid, sieht irgendwann so fertig aus, als hätte er gerade die Titanic höchstpersönlich vom Meeresboden geborgen. DiCaprio setzt hier einen weiteren Glanzpunkt in seine Vita, spielt sich die sprichwörtliche Seele aus dem Leib und den Verstand aus dem Schädel. Über die weiteren Leistungen des hochkarätigen Casts bewahrt man besser Stillschweigen, nicht etwa, weil es hier nichts zu loben gäbe, allerdings dient beinahe jede Darstellung in exakt ihrer von den Akteuren gezeigten Durchführung dem Twist am Schluss des Films, weshalb zum Erhalt des Überraschungseffektes jedes Wort tendenziell eines zu viel sein könnte. Besonders Mark Ruffalos Spiel offenbart sich erst im Schlussakt von Shutter Island, weshalb nur gesagt sei, dass sowohl er, als auch Ben Kingsley, Max von Sydow, Michelle Williams, sowie in ihren kleinen Rollen Emily Mortimer, Patricia Clarkson und Jackie Earle Haley akzentreiche Auftritte liefern.

Dies kann man ebenso der Insel selbst und der Soundkulisse zusprechen. Als der heftige Sturm über Shutter Island tobt scheint die Insel den Marshalls ihre Wut ob ihren Ermittlungen um die Ohren pfeffern zu wollen, die steilen Klippen und dichten Wälder erweisen sich mehr als einmal als gefährliche Hindernisse auf dem Weg zur Wahrheit, genau wie die düsteren, grobkantigen Bauten mit ihren Gängen im Flackerlicht und steilen Wendeltreppen, allen voran Block C mit den gefährlichsten Verbrechern und der ominöse, kaum erreichbare Leuchtturm, von dem Daniels glaubt, dass in seinem Inneren die unmenschlichen Experimente stattfinden. Die musikalische Untermalung kommt vom pompös-bedrohlichen Beginn bis zum wunderbaren Abspann-Song „This Bitter Earth“ von Dinah Washington (siehe und höre Video in der linken Spalte) in exzellentem Timing zum Einsatz, wobei gerade ihr Nicht-Einsatz unzählige, von Ruhe und Geräuschen geprägte Momente hervorbringt.



Shutter Island ist mit seinem bis in die blanke Panik hineingesteigerten Leonardo DiCaprio, seinen elegant-verstörenden Bildern, einer umwerfenden Soundkulisse, mit der man aus dem Film auch ein höchstwertiges Hörspiel hätte produzieren können, und Martin Scorseses so zitierfreudiger wie inspirierter Inszenierung eine weitere erstklassige Zusammenarbeit des Filmemachers und seiner Muse des 21. Jahrhunderts geworden. Der Story fehlt es zwar in einigen Momenten an Durchsetzungsvermögen gegenüber Daniels‘ manchmal etwas bemüht-obskuren Visionen, dafür sind auch diese überwiegend optisch toll umgesetzt und gipfeln in einer schockierenden Auflösung. Einen Gruselkracher sollte man von Shutter Island nicht erwarten, stattdessen gibt es eine finstere Reise in die Abgründe des menschlichen Verstandes, die glaubwürdig und ohne billige Effekthascherei unternommen wird und sich auf ihre Weise in den Verstand des Publikums bohrt.

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Ein bißchen Handgemenge und sogar eine Explosion, aber kein wirklich beherrschendes Element des Films.
Spannung: 4/5
Scorsese entwirft ungewöhnliche Spannungskurven, hält das Interesse am Film aber konstant hoch.
Anspruch: 4/5
Als Zeitportrait gründlich, als Portrait der menschlichen Psyche großartig und in vielen Kleinigkeiten authentisch, die andere Filme für Übertreibung und billige Effekte nutzen.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 5/5
DiCaprio hat es zwar längst nicht mehr nötig, beweist aber mal wieder allen Zweiflern, zu welcher Leistungskraft er fähig ist. Tolle Performance!
Regie: 4,5/5
Flashbacks und Visionen nehmen ein, zwei Szenen zu viel in Anspruch, ansonsten leistet Scorsese herausragende Arbeit.
Fazit: 8,5/10
Ein über lange Laufstrecken überragend dichter Film, der gelegentlich einen Schritt zu weit neben seiner Geschichte herläuft, aber durch den sich schindenden DiCaprio, perfekten Sound und Atmosphäre voll überzeugt.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Artikel Credits

Kommentare

  • http://www.palastmagazin.de chris

    sehr gute review! freue mich schon sehr auf den film und nachdem was ich hier lese, hab ich auch allen grund dazu!

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Danke!
      Auf jeden Fall, bloß nicht von den schlechten Kritiken einschüchtern lassen (aber nach meiner jetzt auch nicht zu hohe Erwartungen haben ;))

  • http://www.independentfilme.com indiefreak

    ja, schlechte kritiken habe ich auch schon zu genüge von shutter island gelesen… werde mich dennoch am wochenende selbst überzeugen ;-) (ich liebe die Filme von Scorsese und DiCaprio – ein super Team)

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Im Gegensatz zur US-Kritik tut sich Germany irgendwie schwer damit, die Klasse des Films anerkennen zu wollen, aber das ist ja bei „Shutter Island” kein Einzelfall ;)
      Viel Spaß im Kino!

  • http://kino-tv-und-co.blogspot.com C.H.

    einer umwerfenden Soundkulisse

    Auf jeden Fall. Als Teddy und sein Patner zu Beginn zur Anstalt gefahren wird, dröhnt ja die Soundkulisse mit ihren bedrohlichen Klängen was das Zeug hält. Da hatte mich Scorsese bereits. Ich finde auch, dass „Shutter” inhaltlich nicht perfekt ist, aber das macht nichts, wenn Bilder und Musik einen so gefangen nehmen.

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Stimmt. Mich hat’s zu Anfang zugegebenermaßen noch fast ein bißchen verunsichert, man hätte ja damit rechnen können, dass der Film diesen Lautstärkepegel hält, was über die volle Laufzeit kaum funktioniert hätte. Umso stärker fand ich es, in welche Ruhe und Unterschwelligkeit er dann übergegangen ist

  • bobfalfa

    Eine weitere erstklassige Zusammenarbeit von Scorsese und DiCaprio? Die beiden müssen zusammen erst noch einen richtig guten Film stemmen. Bis jetzt war da nichts. Mit „Shutter Island” hat Scorsese seinen bisherigen Karrieretiefpunkt erreicht. Sein bester Spielfilm der letzten 10 Jahre war ein Remake. Traurig.

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Das sehen ja nicht wenige so, ich hab da aber eine etwas andere Meinung ;)

  • http://holylausiblog.wordpress.com Laosüü

    Fand den Film ebenfalls sehr gut. Dass man gegen Ende nicht mehr wusste, was nun Wahrheit und Fiktion ist und die vielen Kleinigkeiten haben mir dabei am Besten gefallen.

    • http://christiansfoyer.de christiansfoyer

      Freut mich zu lesen ;)

  • Pingback: Shutter Island (Film)