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Autor: am 15.03.2010, um 11:35 Uhr | Kategorie: Stars im Portrait | 4 Kommentare

Stars im Portrait: MARTIN SCORSESE


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Portrait

Hollywood und seine Kinos stecken in der Krise. Die größten Stars der Traumfabrik sind am ausbrennen oder längst erloschen, die alt hergebrachten und kaum variierten Konzepte der Studios locken das Publikum kaum noch weg vom heimischen Fernseher und vor die Leinwände. Es sind schwierige Zeiten und die Macher und Bosse in Hollywood stehen ihnen ratlos gegenüber. Mit technischen Innovationen wie 3D und aufwendigen Mammutproduktionen, mit aufgeblasenem, aber letztlich substanzlosem Spektakel will man die Leute wieder für den Besuch der Kinos begeistern, doch so hoch der Aufwand auch betrieben wird: dem Überdruss der Zuschauer gegenüber des ständigen Kreisens um die eigene Achse kann auch damit nicht erfolgreich entgegen gewirkt werden und so bleiben die Säle leer, die Einspielergebnisse niedrig, die Verluste hingegen gewaltig. Willkommen im Hollywood der 1960er Jahre…

Die USA stecken inmitten eines Generationenumbruchs, Protestbewegungen ziehen sich durch das Land, die die Gleichbehandlung afroamerikanischer Bürger fordern und sich gegen den Vietnamkrieg stellen. Die Ermordung John F. Kennedys hinterlässt die Vereinigten Staaten in traumatisiertem Zustand. Es finden politische und kulturelle Umwälzungen statt, denen das alte Hollywood und sein klassisches Studiosystem nach dem Ende der goldenen Ära in den 1950ern nichts zu antworten hat, denn längst wird von Schöpfern und potenziellen Konsumenten nicht mehr die selbe Sprache gesprochen. Europäische Autorenfilme und japanisches Kino hingegen werden zur beliebten Alternative und in Hollywood erkannte man, dass es vor allem eines brauchte, um das Publikum wieder zu erreichen: frische Konzepte von einer ganz neuen Art von Filmemachern. Aber es waren nicht die Obersten der Oberen, sonder der B-Movie-König Roger Corman, der sich das Establishment anzutasten wagte, der Autoren, Regisseuren und Schauspielern auf den Weg half. Nachdem das sogenannte New Hollywood unter anderem mit Arthur Penns Bonnie & Clyde, Mike Nichols‘ Die Reifeprüfung (beide 1967) und besonders Dennis Hoppers Easy Rider (1969) künstlerische und kommerzielle Erfolge gefeiert hatte, verhalf Corman auch einem Regisseur zu seinem Spielfilmdebüt, der später als einer der einflussreichsten Filmemacher überhaupt gelten würde: Martin Scorsese.



Doch vor solcherlei Ehrungen zog es Martin Marcantonio Luciano Scorsese in die Gefilde der Geistlichkeit. In seinen Jungen- und Jugendjahren von den Eltern oft mit ins Kino genommen entschied er sich seiner erweckten Leidenschaft für die bewegten Bilder wegen aber doch für ein Studium der Filmkunst an der New York University. Dieses schloss er 1966 nach den Kurzfilmen What’s a Nice Girl Like You Doing in a Place Like This? (1963) und It’s Not Just You, Murray! (1964) mit dem Master of fine Arts ab. Als einen Kommentar zur selbstzerstörerischen Beteiligung der USA im Vietnamkrieg lieferte Scorsese 1967 den vielbeachteten 6minüter The Big Shave, in dem sich ein Mann in einer immer blutiger werdenden Szene Haare und Haut ab- und schließlich seine Kehle durchschneidet. Gemeinsam mit Kommilitone Harvey Keitel und der Cutterin Thelma Schoonmaker drehte er im selben Jahr seinen ersten Langfilm, Who’s That Knocking at My Door.

Anfang der 1970er schloss Martin Scorsese Freundschaft mit weiteren Vertreten des New Hollywood, Francis Ford Coppola, George Lucas, Steven Spielberg und Brian De Palma. Letzterer stellte ihm einen jungen Schauspieler namens Robert De Niro vor und nachdem Scorsese am Schnitt der Konzert-Doku Woodstock (1970) gearbeitet und für Produzent Roger Corman Boxcar Bertha (1972) gedreht hatte, besetzte er jenen De Niro neben Keitel in Hexenkessel (1973). Basierend auf den Alltäglichkeiten Little Italys etablierte dieser typische Zutaten Scorseses, wie das grobkörnige Portrait der Straßen New Yorks, blutige Gewaltakte und eine Subkultur aus Machotum und Soziopathie, irgendwo zwischen Schuld und Erlösung. Für das Roadmovie-Drama Alice Doesn’t Live Here Anymore (1974) erhielt Hauptdarstellerin Ellen Burstyn den Oscar. Ein Werk von einer solch weitreichenden Bedeutung, wie es kaum ein zweites besitzt, schufen Scorsese, Keitel und De Niro zwei Jahre später mit der abgründigen Psychostudie Taxi Driver, in der sich ein Vietnam-Veteran auf Rachefeldzug durch New York begibt. Der viel diskutierte Film gewann die Goldene Palme von Cannes, Scorsese wurde als wichtigster Filmemacher seiner Zeit gefeiert. Obwohl die großen Kassenerfolge ausblieben, führte der Ruhm für Scorsese in die Drogensucht, Affären und manische Zustände. Sein Tribut ans klassische Hollywood-Musical New York, New York (1977) fand wenig Anklang, Scorsese driftete in Depressionen und eine zunehmend ernstere Kokainabhängigkeit ab, konnte aber mit der Konzert-Doku The Last Waltz (1978) erneut Lob ernten.



Robert De Niro schließlich redete Martin Scorsese den Drogenmissbrauch aus und gemeinsam drehten sie 1980 das Boxer-Drama Wie ein wilder Stier, der als bester Sportfilm aller Zeiten gilt und seinem Regisseur die erste Oscar-Nominierung brachte. Die fünfte Zusammenarbeit mit De Niro, The King of Comedy, floppte 1983, im selben Jahr begann Scorsese mit der Arbeit an Die letzte Versuchung Christi. Aufgrund des Drucks, den religiöse Vereinigungen auf das produzierende Studio ausübten wurde der Dreh jedoch abgesagt. Die ursprünglich gecasteten Aidan Quinn und Sting wurden später durch Willem Dafoe und David Bowie ersetzt und der umstrittene Film kam 1988 in die Kinos. Im mehr und mehr kommerzialisierten Hollywood der 1980er sah Scorsese jedoch zunächst seine stilistischen Möglichkeiten des Filmens stark eingeschränkt und drehte als Antwort darauf mit niedrigstem Budget die schwarze Komödie Die Zeit nach Mitternacht (1985), für den er in Cannes den Preis als bester Regisseur erhielt.

Mit dem gefeierten Billiad-Drama Die Farbe des Geldes (1987), in dem Paul Newman seine bereits in Haie der Großstadt (1961) gespielte Rolle des Profispielers Eddie Felson fortsetzt und den nach Top Gun (1986) zum Superstar aufgestiegenen Tom Cruise aussticht, gelang Martin Scorsese sein kommerziell bis dahin größter Erfolg. Nebenbei schuf er mit Michael Jacksons Bad (1987) einen Meilenstein der Musikvideo-Geschichte. Neben Woody Allen und Francis Ford Coppola inszenierte Scorsese die Episode Lebensstudien für New Yorker Geschichten (1989). Jenen Film, dessen Nicht-Gewinn bei den Oscars als eines der größten Fehlurteile der Academy-Geschichte gilt, legte Scorsese 1990 mit GoodFellas vor. Das authentische Mafia-Portrait mit Robert De Niro, Ray Liotta und Joe Pesci ist für viele als DAS Meisterwerk in Scorseses Vita, das entromantisierte Bild der kriminellen Machenschaften gilt als der Gegenentwurf zu Coppolas Der Pate (1972) und dessen Sequels. Ungeschönte Brutalität, furioser Schnitt und weitere typische Stilmittel wie erklärender Off-Kommentar, Freeze Frames und Tracking Shots vereint Scorsese in GoodFellas zu einem beeindruckenden Ergebnis.



Gleiches Urteil kann auch Kap der Angst (1991) für sich beanspruchen. Martin Scorseses Remake von Ein Köder für die Bestie (1962) gilt durch seine erstmals in den Dienst eines Thrillers gestellten inszenatorischen Finesse und Robert De Niros ultimativer Psychopathenperformance als eine der ganz raren Neuverfilmungen mit uneingeschränkter Daseinsberechtigung. Dennoch betrachten viele Fans und Kenner des frühen Scorsese seine Zeit als meisterhaften Erzähler und untrüglichen Komponisten des Visuellen nach GoodFellas als abgelaufen. Zwischen Herzensangelegenheiten, wie dem opulenten Kostüm-Drama Zeit der Unschuld (1993) mit Daniel Day-Lewis und Michelle Pfeiffer, und Selbstzitat, auf das das Las Vegas-Opus Casino (1995) reduziert wird, sahen viele Unbändigkeit, Kraft und Einfluss seines Werkes zunehmend schwinden. Besonders Casino ist damit jedoch schweres Unrecht getan, bietet dieser doch einen annähernd unvergleichlichen Bildersturm. Kundun (1997), der dem Weg des 14. Dalai Lamas von 1937 bis ’59 folgt, ging in seiner meditativ-trancehaften Bildsprache in eine völlig andere Richtung. Der für 28 Millionen in Marokko gedrehte Film spielte in den USA kaum 6 Millionen ein und trug zur Entfremdung der Fans am Werk Scorseses bei.

Bringing out the Dead (1999) führte den in Queens geborenen Martin Scorsese zurück in heimische Gefilde. Taxi Driver- und Wie ein wilder Stier-Autor Paul Schrader adaptierte den gleichnamigen Roman Joe Connellys und Scorsese schickte Krankenwagenfahrer Nicolas Cage auf Odyssee durch New Yorks nächtliche Straßen. Trotz guter Kritiken dürfte Bringing out the Dead zu den am wenigsten beachteten Arbeiten des Regisseurs zählen. Mit einem Budget von 100 Millionen durfte Scorsese Gangs of New York (2002) verwirklichen, der mit Daniel Day-Lewis und Leonardo DiCaprio wohl der am durchwachsendsten aufgenommene Film seiner Karriere ist. Angesichts der horrenden und damit risikobelasteten Kosten, die unter anderem durch den akribischen Kulissennachbau des New Yorks im 19. Jahrhundert entstanden, gab es heftige Diskussionen über die Gewaltdarstellung und die Länge des Films. Die Kinofassung geriet dann auch um einiges kürzer, als von Scorsese beabsichtigt, was man dem extrem getrimmt wirkenden Gangs of New York leider sehr deutlich anmerkt. Nach über einem Jahr Verspätung kam er in die Kinos und war mit zehn Nominierungen der große Oscar-Favorit 2003 und mindestens die überfällige Auszeichnung Scorseses galt als sicher. Letztlich konnte aber kein einziger Award gewonnen werden, doch die weltweit eingespielten 193 Millionen bewahrten Gangs of New York immerhin vorm finanziellen Desaster.



Dies konnte Martin Scorseses zweite Zusammenarbeit mit seiner neuen Muse DiCaprio noch um 20 Millionen toppen und für das aufwendige Howard Hughes-BioPic Aviator (2004) gab es sogar elf Oscar-Nominierungen und immerhin fünf Auszeichnungen, die prominenteste für Cate Blanchett. Scorsese selbst ging hingegen abermals leer aus. Für das Remake des Hongkonger Thrillers Infernal Affairs (2002), The Departed (2006), war es dann allerdings so weit, und diesmal eher der Überfälligkeit, nicht unbedingt und zuvorderst des Verdienstes wegen: Scorsese erhielt den Oscar für die Beste Regie, der Film mit DiCaprio, Matt Damon und Jack Nicholson drei weitere Auszeichnungen. Zwar keineswegs schlechter als das Original und absolut homogen innerhalb des Scorsese’schen Gangsterkosmos, sind die Preise für den Film doch eher eine Wiedergutmachung der Academy für ein halbes Dutzend Versäumnisse in den Jahrzehnten zuvor.

Nach der Rolling Stones-Dokumentation Shine a Light (2008) arbeitete Martin Scorsese 2010 zum vierten Mal mit Leonardo DiCaprio. Der Psychothriller Shutter Island begeisterte längst nicht jeden, bietet allerdings einen grandiosen Trip in die Abgründe menschlichen Wahnsinns und hat es dank Scorseses meisterhafter Regie keinen Meter weit nötig, den Erwartungen an einen herkömmlichen Film gleichen Genres gerecht werden zu müssen. Die Klage, er erreiche nicht mehr die Qualität vergangener Tage, ist in Scorseses Fall aber eh ein kaum ernsthaft beklagenswerter Umstand: in Zeiten, in denen nur noch in der Anzahl an CGI-Shots und in Pixelmenge gemessen wird, ob ein Film etwas revolutionäres zu bieten hat, ist und bleibt die handwerkliche Perfektion eines Martin Scorsese ein unumstößliches Gut. Der Wert seiner frühen Werke haftet zum großen Teil einer vergangenen Zeit an, in der eine ganze Industrie radikal umgekrempelt wurde, der Wert heutiger Arbeiten misst sich in Scorseses Reife, mit der er bei allen Kompromissen, denen sich Filmemacher heute unterwerfen müssen, niemals seine künstlerische Vision opfert. Das zeigt der so zitatenreiche wie autarke Shutter Island eindeutig, ebenso wie er klar macht, dass Martin Scorsese vergangene und kommende Zeiten überdauern wird. Zum Abschluss ein Zitat des Meisters, mit dem er Stanley Kubrick beschrieb, das aber ebenso gut auf ihn selbst zutrifft: »One of his films… is equivalent to 10 of somebody else’s.«

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  • Wunderbarer Text über meinen Lieblingsregisseur. Vielen Dank dafür! Eine allgemein sehr schöne Seite hast du da, Hut ab! ;)

  • ichtig gut gemacht! Fast über jeden Film Scorsese’s geschrieben, hat Spass gemacht zu lesen.
    Will Scorsese nicht irgendeinen Fantasy-Film mit Chloe Moretz (Hit Girl aus Kick-Ass) drehen?

    • Besten Dank ;)
      Richtig, hat er vor, „The Invention of Hugo Cabret” heißt der, Sacha Baron Cohen und Ben Kingsley spielen auch mit