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Review: CLIFFHANGER

Von Riggs J. McRockatansky vor 6 Jahren geschrieben10 / 20100 Kommentare

Der Film

Erfolg zieht nicht nur Neider nach sich, sondern auch Nachahmer. Finde ein erfolgreiches Konzept und es werden dir Dutzende folgen und es kaum verändert übernehmen. Ein gutes Beispiel: John McTiernans Actionkracher Stirb langsam aus dem Jahr 1988. Selbst basierend auf dem Roman Nothing Lasts Forever von Roderick Thorp, zog Bruce Willis‘ Kampf gegen eine überlegene Gruppe von Terroristen in einem Hochhaus eine Unzahl ähnlicher Ballervehikel nach sich, die man simpel aber aussagekräftig mit dem Untertitel „Stirb langsam im…[jeweiliges Merkmal des Settings]“ hätte versehen können. Passagier 57 (1992): Stirb langsam im Flugzeug. Sudden Death (1995): Stirb langsam im Eishockeystadion. Alarmstufe: Rot (1992): Stirb langsam auf’m Schiff. Und so weiter. Und was sich in der Filmographie eines Wesley Snipes, eines Jean-Claude van Damme und eines Steven Seagal gut macht (und natürlich ursprünglich eines Bruce Willis), dagegen hat auch Sylvester Stallone nichts einzuwenden. Passenderweise mit Stirb langsam 2: Stirb langsam im Fluhafen-Regisseur Renny Harlin und dem Drehbuchkollegen Michael France entstand 1993 der für über ein Jahrzehnt letzte Blockbuster-Erfolg des 80er-Jahre-Kassenmagneten. Cliffhanger: Stirb langsam im Gebirge.

Der Rettungskletterer Gabe Walker ist bei der Bergwacht in den Rocky Mountains. Bei einem Routineeinsatz soll er seinen am Knie verletzten Kumpel Hal Tucker, ebenfalls ein erfahrener Bergsteiger, und dessen Freundin Sarah bergen. Doch nach einem tragischen Zwischenfall kommt Sarah ums Leben und der traumatisierte Gabe zieht sich aus den Bergen zurück. Acht Monate später führt eine Gruppe von skrupellosen Terroristen unter Führung Eric Qualens einen großen Coup durch: in der Luft rauben sie ein Transportflugzeug aus, verlieren dabei jedoch ihre Beute und stürzen selbst ab. Als sie einen fingierten Hilferuf absenden macht sich Hal auf den Weg. Auch Gabe ist zufällig vor Ort und obwohl er selbst und vor allem Hal ihm Sarahs Tod nicht verziehen haben will er helfen. Aber die Kletterer werden von den Terroristen für deren Zwecke gebraucht, sollen drei millionenschwere Koffer in den Bergen aufspüren. Als Gabe fliehen kann beginnt ein gnadenloser Wettlauf um das Geld und Hals Leben…



Seiner Vielzahl an Vor- und Nachfahren hat Cliffhanger besonders für Freunde des Weitwinkels etwas voraus, womit der Film gleich in seiner Eröffnungsszene protzt, nämlich Panoramen. Stirb langsam & co. zeichnen sich für gewöhnlich durch Enge, durch den klar eingegrenzten, klaustrophobisch genutzten Raum aus, innerhalb dessen sich die Handlung ereignet. Der in den Dolomiten gedrehte Cliffhanger verzichtet darauf, zumindest augenscheinlich, zugunsten atemberaubender Weite, Höhe und Tiefe. Aber natürlich relativiert sich diese scheinbare Freiheit ganz schnell, wenn plötzlich die einzige Sicherheit darin ein hauchdünnes Seil bietet, von einer Bergspitze zur anderen gespannt. Hochdramatisch geht’s also zu, als aus locker-neckischen Sprüchen plötzlich hektisches Gezeter wird, die am Berg unerfahrene Sarah hilflos in den Seilen hängt und Rettungskletterer Gabe sie trotz eines waghalsigen Versuchs nicht mehr vor dem Absturz retten kann.

Der Stallone-typisch gebeutelte Held ist in Windeseile und Bergeshöhe geschaffen. Acht Monate später wird in einer texanischen Münzanstalt über den idiotensicheren Transport von 100 Millionen Dollar per Flugzeug mit Kurs über die Rocky Mountains gefachsimpelt und eigentlich ist völlig klar, wohin es mit Cliffhanger und Gabe Walker gehen wird, der um ein paar persönliche Habseligkeiten abzuholen noch mal in sein altes Wirkungsgebiet zurückkehrt, gerade in dem Moment, als Kilometer weit über ihm ein paar Terroristen und ein verräterischer Bundesagent die Beute zu stehlen versuchen, drei Koffer voller Geld irgendwo in den Bergen verlieren und selbst abstürzen. So come on, Gabe, overcome your trauma and kick some bad guys ass! Renny Harlins Cliffhanger ist ganz sicher kein Film über das „Was“, sondern einzig über das settingabhängige „Wie“. Nach einer kleinen Rede ins Gewissen von Gabes resoluter Freundin Jessie entschließt er sich, Hal bei der Rettung der Abgestürzten zu begleiten, nur um unversehens in die Falle der grantigen Gangster zu tappen. Bis dahin ist Cliffhanger ein teils recht quälend langsamer Aufstieg, der das „Was“  uninteressant präsentiert und bei dem das „Wie“ sich dagegen noch nicht durchsetzen kann.



Mit der Konfrontation mit den Terroristen um den berechnenden Geldschieber Eric Qualen, der unfreiwilligen Bergtour durch die Rocky Mountains und Gabes lawinenunterstützter Flucht, bei der der Inhalt des ersten Geldkoffers draufgeht, zieht der Film allerdings ordentlich an. Denn nun hat’s sich mit dem „Was“, jetzt geht es nur noch um das „Wie“: wie schaltet Gabe die Gangster aus, wie gelingt es ihm, die zahlen- und waffenmäßige Übermacht auszugleichen und wie nutzt er dabei die Umgebung. Ab hier hat Cliffhanger dann neben schönen Naturaufnahmen auch die entsprechende Dosis Action in den Bergen zu bieten und die Gangster werden von Schneemassen in den Tod gerissen, mit spitzem Bergsteigerwerkzeug massakriert, Abhänge hinab als Schlitten missbraucht und beim brutalsten Kill des Films von Stalaktiten aufgespiest. Nebenbei natürlich auch noch ganz konventionell erschossen. Sylvester Stallone, bzw. seine Stuntdoubles, kraxelt, springt, hechtet und prescht an Felswänden, über klapprigen Hängebrücken und an Seilen schwingend durch das Geschehen, bei mörderischen Minusgraden machmal ohne Sinn, sondern einfach nur der Körperschau wegen auch ärmel- oder gleich ganz shirtlos.

Das passt nicht unbedingt zu schneebedeckter Berglandschaft, wohl aber zum Film, denn Cliffhanger ist ein sehr physischer solcher. In Zeiten, in denen CGI nach James Cameron’schen Effektschlachten wie The Abyss (1989) und Terminator II (1991) oder Steven Spielbergs urgewaltigem Jurassic Park (1993) noch bestaunenswerte Ausnahme und nicht ermüdende Regel waren, nutzt Cliffhanger sein 70 Millionen-Budget zu überwiegend beeindruckender praktischer Effektarbeit. Da ist zwar immer mal wieder eine Pappmaché-Attrappe mühelos auszumachen, insgesamt vermittelt der Film aber das richtige Gefühl seiner rauen und harten und im Grunde wenig lebensfreundlichen Umgebung, in der starke, wenn auch nicht immer plausible Action und Stunts abgeliefert werden. Fehler in der (geographischen) Logik, wie tropische Fledermäuse in den Rockies, frostschädenfreie Outdoor-Übernachtungen und übermenschliche Sprungkräfte, kann man da als Zuschauer genauso ignorieren, wie es die Filmemacher getan haben.



Dünn hingegen wird die Luft für Cliffhanger, wenn die Action ihre Verschnaufpausen einlegt. Der Story ist noch schnell verziehen, dass sie nicht über Bodenniveau hinaus kommt, und auch das Stallones Schuldgefühle alsbald keine wirkliche Rolle mehr spielen kommt den Ausdrucksmöglichkeiten des Stars natürlich eher entgegen. Aber die unnötigen Storyfüller (von Subplots kann man da nicht sprechen) um zwei jugendliche Extremsportjunkies und ein paar klischeetriefende Bundesagenten, die die Verfolgung des gestohlenen Geldes aufnehmen, passieren ohne jeden Zweck so nebenher und sind letztlich so hinderlich wie ein lahmes Bein beim Klettern. Auch die Terrortruppe grüßt nicht wirklich von der Bergspitze der Filmbösewichte. John Lithgow kommt als Eric Qualen trotz vieler hohler Sprüche noch ganz gut und in seiner Kaltblütigkeit durchaus einschüchternd rüber, seine Gefolgschaft bereitet einem allerdings eher den Nachnamen ihrers Anführers. Die zusammengewürfelte Gruppe liegt sich ständig in den Haaren, strahlt kein bißchen Professionalität und damit auch keine Bedrohung aus, stattdessen ranzt einer den anderen an und auf die Dauer nervt das Gekeife. Nicht nervig, aber irgendwie seltsam ist Trevor Jones‘ Score, der sehr befremdlich zwischen gefühlsduseligen Liebesmelodram-Melodien und den Themes der Unendlichen Geschichte und Predator schwankt.

Sylvester Stallone und das Bergwachttrio, bestehend aus der niedlichen Janine Turner, dem sonst auf B-Bösewichte abonnierten Michael Rooker und Walton Ralph Waite, bietet wenig Anlass zum Jubilieren, aber auch keinen zum Meckern. Stallone findet seine eigenen Oneliner scheiße (»It costs a fortune to heat this place… Bad humour, I know.«), bringt ansonsten vollen Einsatz und einen Helden, dem das Töten viel zu leicht und ‚gewohnt‘ von der Hand geht, dafür das er ‚nur‘ ein Rettungskletterer ist. Trotzdem ist sein Gabe Walker ein annehmbarer Protagonist. Anfangs noch mündig und selbstbewusst, geht Turner später in die bekannte Frau-an-der-Seite-des-Helden-Routine über, kiekst, bangt, fleht und schmachtet ein bißchen, wird dabei aber wenigstens nicht unangenehm. Rooker kann mit seinem dunklen Charisma auf der Seite des bösen definitiv mehr anfangen, Waite gibt die gutmütig-ergraute Weisheit, an der die bad guys nochmal wirkungsvoll ihre Skrupellosigkeit ausleben dürfen. Darstellerisch auf guter wie auf böser Seite, spannungs-, story- und musiktechnisch ist das letztlich nichts besonderes, dennoch macht Cliffhanger unter den ganzen Stirb langsam-Klonen noch mit den besten Eindruck. Angefangen mit dem Guinness Book of World Records-Stunt, für den Stuntman Simon Crane eine Millionen Dollar gezahlt wurde, um in 4,572 Metern Höhe von Flugzeug zu Flugzeug zu hangeln, wird zum größten Teil atemberaubende echte Action geboten, die von den Kameramännern Norman Kent und Alex Thomson ebenso sehenswert wie die Landschaftsaufnahmen eingefangen wird. Renny Harlin gelingt es zwar nicht, an den Schwächen des Films vorbei oder darüber hinweg zu inszenieren, dennoch gelingt ihm hier seine neben Stirb langsam 2 und The Long Kiss Goodnight (1996) beste Arbeit. Für den Finnen auf jeden Fall die ungerechtfertigtste der insgesamt fünf Nominierungen für die Goldene Himbeere…

Wertung

Fazit: 6/10

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