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Stars im Portrait: SYLVESTER STALLONE

Von Riggs J. McRockatansky vor 6 Jahren geschrieben11 / 20102 Kommentare

Portrait

Aufgrund einer gewissen unrühmlichen Auszeichnung muss wohl die Frage gestattet sein, ob der im folgenden besprochene Star in der Kategorie Acting Legends tatsächlich richtig aufgehoben ist: mit vier Auszeichnungen und weiteren neun Nominierungen zwischen 1984 und 2000 verdiente sich Sylvester Stallone die Ehre, zum schlechtesten Schauspieler des 20. Jahrhunderts bei den Golden Raspberry Awards gekürt zu werden. Aber nichts legendär Gutes ohne legendär Schlechtes (woran sollte man das Gute sonst auch definieren?!) und außerdem: auch wenn man das Acting in diesem Fall sicher in Klammern setzen muss, so verdient sich Stallone seinen Status als Legende des Filmgeschäfts und einer der größten (Action)Stars der 1980er doch eigentlich unumstritten, allein seiner beiden berühmtesten Figuren wegen. Was dem Schwarzenegger sein Terminator und Conan, dem Willis sein John McClane, dem Ford sein Han Solo und Indiana Jones und dem Gibson sein Mad Max ist dem Stallone sein John Rambo und Rocky Balboa: popkulturelle Ikonen, wohl auf ewig von Filmfreuden freudig zitiert. Und sonst so? Let‘s have a look…

»I jus’ want ta let ya know that I am very available.« (Rocky Balboa, Rocky)
Tatsächlich und buchstäblich war, so könnte man sagen, Sylvester Gardenzio Stallone von Geburt an nicht unbedingt zum Schauspieler bestimmt. Komplikationen während der Wehen zogen den Einsatz von Geburtszangen nach sich, die versehentlich einen Gesichtsnerv Stallones durchtrennten. Teile seiner Lippe, Zunge und seines Kinns sind seitdem gelähmt, doch allen Problemen während der Kindheit und aller Ratschläge, es nicht als Schauspieler zu versuchen, sollte Stallone später genau diesem Unfall seine Markenzeichen, das knurrige Aussehen und die verwaschene Sprache, verdanken. Der ärgerreichen, problematischen Ehe seiner Eltern wegen immer wieder bei Pflegefamilien unterkommend wuchs Stallone in Hell’s Kitchen, New York, auf, war in der Schule ein Außenseiter, bekam schlechte Noten und fiel durch Prügeleien auf. Gemeinsam mit seinen Eltern Frank und Jackie zog er später nach Washington DC, kam auf eine High School für Problemkinder und wurde zu dem Schüler gewählt, der am wahrscheinlichsten auf dem elektrischen Stuhl enden würde…



»Don’t push it or I’ll give you a war you won’t believe.« (John J. Rambo, Rambo)
Nicht die besten Aussichten also für den jungen Sly, der sich nach frühen Auftritten in der Grundschule jedoch auf’s Schauspielen besann. Stallone besuchte für zwei Jahre das American College of Switzerland in Leysin, inklusive einem ersten Bühnenauftritt in Tod eines Handlungsreisenden. An der Universität von Miami blieb er hingegen nicht lange, sondern versuchte sich unter den Pseudonymen Q. Moonblood und J.J. Deadlock erfolglos als Drehbuchschreiber, winzige Rollen nebenher spielend. Ein verzweifelter, weil plötzlich obdachloser und in einem New Yorker Busbahnhof übernachtender Stallone übernahm für zweihundert Dollar und zwei Arbeitstage die Hauptrolle im Softporno The Party at Kitty and Stud’s (1970), der mehrere Jahre und große Erfolge später als Italian Stallion wiederveröffentlicht werden sollte. Ebenfalls 1970 spielte Stallone in No Place to Hide, der zwanzig Jahre später um seine Outtakes ergänzt zu dem sich selbst parodierenden A Man Called… Rainbo umgeschnitten wurde und zum Kritikerhit avancierte.

»You need a new image.« (Marion Cobretti, Die City-Cobra)
In der Gegenwart war der Erfolg Sylvester Stallone jedoch noch nicht vergönnt, daran änderten auch die Komparsen- und Nebenrollen in Woody Allens Bananas, dem Psycho-Thriller Klute (beide 1971) von Alan J. Pakula, der schwarzen Komödie The Prisoner of Second Avenue mit Jack Lemmon, sowie die Produktionen des B-Movie-Königs Roger Corman Capone und Death Race 2000 (alle 1975) nichts. Am 24. März 1975 brachte schließlich der Boxkampf zwischen Muhammad Ali und Chuck Wepner die entscheidende Wende. Inspiriert verfasste Stallone innerhalb von drei Tagen das Script zu Rocky und die Story eines jungen Boxers aus Philadelphia, der es zum Schwergewichtsweltmeister bringen will, spielte allein in den USA sensationelle 117 Millionen ein, wurde für zehn Oscars nominiert und gewann drei, unter anderem als bester Film. Stallone selbst wurde als bester Hauptdarsteller und für das beste Original-Drehbuch nominiert und die märchenhafte Erfolgsstory des from rags to riches-Fighters Rocky Balboa setzte sich für seinen Erfinder und Darsteller fort. Ehe Stallone selbst das Sequel Rocky II (1979) schrieb und inszenierte spielte er in den gelobten, aber kommerziell erfolglosen Dramen F.I.S.T. und Paradise Alley (beide 1978), sowie 1981 im Action-Krimi Nighthawks und in John Hustons Victory neben Michael Caine, Max von Sydow und Fussballstar Pelé. Den nächsten Höhepunkt markierte das Jahr 1982, in dem Stallone nicht nur im diesmal mehr Boxaction denn –drama bietenden Rocky III auftrat, sondern als Vietnamkriegsveteran John J. Rambo in First Blood seine zweite Paraderolle ergatterte. Was genau hingegen sämtliche Beteiligte zu der miserablen Saturday Night Fever-Fortsetzung Staying Alive (1983) motivierte, die Stallone schrieb und inszenierte, bleibt ebenso schleierhaft, wie der Sinn der Komödie Rhinestone (1984), in der sich der Actionstar neben Country-Bardin Dolly Parton zum Affen macht.



»I must say, you’re a real piece of shit.« (Gabe Walker, Cliffhanger)
Unterdessen machte sich ein Konkurrent im Genre der Muskelmänner breit, und zwar gewaltig. Mit Conan (1982), James Camerons Terminator (1984) und Phantom Kommando (1985) wurde die österreichische Eiche Arnold Schwarzenegger, bar jeden Schauspieltalents aber mit No-Brainer-Charisma, zum gefragtesten und erfolgreichsten unter den Actionrecken. Sylvester Stallone, bis dahin mit einigem Gelingen und vielen Versuchen, sich tatsächlich mimisch zu betätigen und Figuren zu charakterisieren, statt sie bloß zu verkörpern, gab dies in der Folge auf und der Actionfilm der 1980er Jahre wurde stumpf, laut und ideologisch fragwürdig. Statt mitreißender Storys und (zumindest hinein interpretierbarer) Tiefe der Figuren schwang sich Stallone als nachträglicher Vietnamkriegsgewinner in Rambo II: Der Auftrag und als Sowjetunionverklopper und Ost/West-Vereiniger in Rocky IV (beide 1985) zu Gewehr und Faust der Reagan-Ära auf. Ähnlich stumpfe Vehikel wie Die City-Cobra (1986) und das Armdrücker-Drama Over the Top (1987) folgten, gekrönt von Rambo III, in dem der mittlerweile zur aufgeblasenen Parodie seiner selbst verkommene Recke die Sowjetarmee aus Afghanistan vertreibt. Im Gegensatz zum Kollegen Schwarzenegger, der in der Folge seinen stärksten Kassenerfolge erzielte, verflachte das Zuschauerinteresse an Stallone allerdings, zumindest in den USA. Rambo III kam dort nur noch auf ein Drittel des Einspiels des direkten Vorgängers, die Knast- und Buddy-Actioner Lock Up und Tango & Cash (beide 1989) liefen durchschnittlich, regelrechte Flops wurden Rocky V (1990) und vor allem die Komödienversuche Oscar (1991) und Stop! Or My Mom Will Shoot (1992).

»How do you think this makes me look.« (Freddy Heflin, Cop Land)
Einzig seine Popularität außerhalb der USA ließ Sylvester Stallone bei horrender Gage und Produktionskosten nicht zum Verlustgeschäft werden, aber so sehr er im lustigen Fach gescheitert war, so wenig ließ es sich leugnen, dass der Actionfilm ab den 1990ern nicht mehr derselbe war und es Stallone nur zum Teil gelang, sich daran anzupassen. Mit dem passablen Doppelpack aus Bergsteiger- und SciFi-Action, betitelt Cliffhanger und Demolition Man (beide 1993) gelangen nochmals ordentliche Kassen- und Kritikerhits, als Sprengstoffexperte und Sharon Stone an die Hupen-Geher samt blanker Rückansicht in The Specialist und auch als Comicheld Judge Dredd (beide 1994) gab’s mehr Hohn denn Beifall und reihenweise Nominierungen für den ungeliebten Golden Raspberry Award. Mit dem lahmen Killer-Thriller Assassins (1995) und dem doch soliden Katastrophenfilm Daylight (1996) wurde es nicht besser, dafür überraschte er 1997 Fans und Kritiker mit fünfzehn draufgefutterten Kilos in dem erstklassigen NYPD-Thriller Cop Land, in dem Stallone seine eindeutig beste schauspielerische Leistung abliefert, und das neben Robert De Niro, Harvey Keitel und Ray Liotta. Dennoch, spätestens mit Beginn des neuen Jahrtausends galt Stallones Zeit als mehr oder weniger vorbei.



»What the hell’s he doing?« (Barney Ross, The Expendables)
Höchstens noch mit dem Prädikat „Nur für Fans” versehen sah man (oder auch nicht) Sylvster Stallone im Remake Get Carter (2000), dem trashigen Rennfahrerspektakel Driven (2001) und dem Serienkiller-Thriller D-Tox (2002). Die Actionkomödie Avenging Angelo (2002), in der unwürdigerweise Anthony Quinn seine letzte Rolle spielt, und das Neo-Noir Krimi-Drama Shade (2003) stellten schließlich den absoluten Tiefpunkt dar. Beide Filme kamen in den meisten Ländern nicht einmal mehr in die Kinos, sondern erschienen direkt auf DVD. Shade bekam in den USA zumindest einen limeted release und lief landesweit in ganzen 6 (!) Kinosälen. Stallones Karriere schien endgültig am Ende, den meisten gefiel er, auch seiner diversen Aufspritzaktionen wegen, nur noch als Witzfigur. Einen Plan für danach schien Stallone außerdem nicht zu haben und so drohte ihm ohne Alternative eine Zukunft als DVD Regal-Füller in den Videotheken, ähnlich wie es den weit talentloseren Kollegen wie Jean-Claude van Damme, Dolpf Lundgren und Steven Seagal längst ergangen war. Mit der Ankündigung eines sechsten Rocky-Films, schlicht Rocky Balboa (2006) genannt, wurde aus Hohn schon fast Mitleid, doch siehe da: entgegen allen Trends und Erwartungen feierte Stallone mit dem nostalgischen Abschluss des Leinwand-Mythos ein vom Fan bis zum Kritiker gelobtes und erfolgreiches Comeback, ebenso mit dem ultrabrutalen John Rambo (2008), mit dem er auch seiner zweiten Ikone einen würdigen Schlusspunkt setzte.

Gegen alle Widrigkeiten, aber auch eigene Unzulänglichkeiten, war Sylvester Stallone einigermaßen triumphal auf die große Leinwand zurückgekehrt, irgendwie nach rückwärts entwickelt, aber immerhin. Mit viel Rückenwind ging Stallone den ultimativen Actionfilm The Expendables (2010) an, der einen ganzen Haufen alter und aktueller Krawallmänner vereint und sogar den inzwischen in die Politik gewechselten Arnold Schwarzenegger zurück vor die Kamera bringt. Mit einem Einspielergebnis von über 260 weltweiten Millionen ging auch dieser Coup voll auf, trotz während der Dreharbeiten gebrochenem Nacken und eingesetzter Metalplatte arbeitet Stallone bereits am Sequel und wird einmal mehr und weiterhin enormes Durchsetzungs- und Stehvermögen beweisen. Im Vergleich mit den meisten seiner Hau drauf-Kumpanen, das muss man Stallone einfach zugestehen, hat er in seiner wechselhaften Karriere gerade zu Anfang und einmal mittendrin durchaus bewiesen, dass schauspielerisch mehr möglich gewesen wäre, als der simplifizierte, archaische Ballermann. Aber sich trotz oder halt wegen aller zum Großteil selbst auferlegter Limitierungen und nach Rück- und Tiefschlägen in Vielzahl seit mittlerweile vierzig Jahren im Geschäft zu halten – das ist so oder so eben doch einfach legendär.
Ladys and Gentleman, Mr Sylvester Stallone.

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Kommentare

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  • Mr. Pink 16 Kommentar(e)

    Wieder ein super Text und dazu noch mit schönen Gimmicks erweitert! Jetzt ist der Text auch nicht mehr durch die rechte sidebar (die zwar übersichtlich ist aber recht störend beim lesen WAR.) verdeckt. Sehr gut!

    • christiansfoyer 1462 Kommentar(e)

      Danke schön!
      Ja, das Problem mit der Sidebar hab ich endlich in den Griff bekommen, das war natürlich nie beabsichtigt, sondern lag bei bestimmten Auflösungen etc. am fehlerhaften html-Code

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