Skip to content
Autor: am 31.01.2011, um 18:10 Uhr | Kategorie: Kritiken | 11 Kommentare

Review: THE SOCIAL NETWORK

THE SOCIAL NETWORK Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film


Filmemacher kommen bisweilen auf seltsame Ideen und an merkwürdige Projekte. Das Peter Berg demnächst mit Battleship (2012) die Leinwandversion von Schiffe versenken abliefert klingt auch nach Spielzeugfiguren- (Transformers, G.I. Joe) und Freizeitparkattraktionenverfilmung (Pirates of the Caribbean) noch doof, genauso wie Rodley Scotts angeblicher Monopoly-Film. Aber es müssen gar nicht solche Zelluloidungewöhnlichkeiten wie Brettspiele sein, auch im Zusammenhang mit den neuen Medien hört sich einiges erstmal schräg oder gar sinnfrei an. Da werkelt widerum Scott gemeinsam mit Kevin Macdonald aus allen an einem bestimmten Tag hochgeladenen Videos die YouTube-Produktion Life in a Day zusammen – und David Fincher dreht einen Facebook-Film. Einen Facebook-Film? Einen Facebook-Film! Der für düsteres, abgründiges und kritisches bekannte Fincher dreht nach Thriller-Glanzstücken wie Sieben, Fight Club und Zodiac – einen Facebook-Film… Das klang selbst nach der Mainstream-Annäherung Der seltsame Fall des Benjamin Button (2008) nach einem Stoff unter der Würde und den Möglichkeiten des ehemaligen Videoclip- und Werbespot-Genius. Aber wer ist man denn eigentlich, dass man Fincher nicht vertraut?! Natürlich ist auch The Social Network wieder erstklassig geworden und viel mehr als „ein Facebook-Film“.

Story



»You are probably going to be a very successful computer person. But you’re going to go through life thinking that girls don’t like you because you’re a nerd. And I want you to know, from the bottom of my heart, that that won’t be true. It’ll be because you’re an asshole.« Die hübsche Studentin Erica Albright hat keinen Bock mehr auf den arrogant-klemmigen Mark Zuckerberg – und ihre Worte hinterlassen Wirkung bei dem Computergenie. Nachdem er über seinen Blog ein wenig Frust abgelassen hat richtet Zuckerberg mit dem Algorithmus seines Freundes Eduardo Saverin innerhalb von ein paar Stunden die Seite FaceMash ein, auf der sich die Studenten der Harvard University zwischen jeweils zwei Kommilitoninnen für die heißere entscheiden können. Binnen kürzester Zeit bringt der Traffic die Universitäts-Server zum Zusammenbruch, Zuckerberg ist bei den Damen unten durch, aber andernorts gefragt: die ebenfalls in Harvard studierenden Zwillinge Cameron und Tyler Winklevoss und ihr Kommilitone Divya Narendra haben eine Idee für ein soziales Netzwerk und bitten Zuckerberg um Mithilfe. Der sagt zu, lässt jedoch Besprechungen immer wieder sausen – und stellt ein paar Wochen später das soziale Netzwerk TheFacebook online…

Der Film

»[...]a movie[...]about semi-important things[...]« meint David Fincher am Anfang seines Audiokommentares über The Social Network. Passende Analyse. The Social Network ist die Geschichte des jüngsten Self-made-Milliardärs der Welt, die Geschichte des 1984 geborenen Mark Elliot Zuckerberg – oder auch nicht, denn da geht sie bereits los, die semi-importance. Aaron Sorkins Drehbuch basiert auf Ben Mezrichs The Accidental Billionaires, seine Faktentreue schätzt der Autor David Kirkpatrick, der widerum The Facebook Effect: The Inside Story of the Company That Is Connecting the World verfasste, aber auf höchstens vierzig Prozent. Während der Ex-Berater der Facebook Inc. Sean Parker, im Film gespielt von Justin Timberlake, ihn als »a complete work of fiction« bezeichnete und Olympionit Cameron Winklevoss, der gemeinsam mit seinem Bruder Tyler gegen Zuckerberg prozessierte, ihn für faktisch korrekt erachtet, ist es wohl tatsächlich Zuckerberg selbst, der die beste Einschätzung zu The Social Network abgab. Die vom Time Magazin gewählte Person of the Year erklärte bei Oprah: »It’s a movie, it’s fun [...] I can promise you, this is my life so I know it’s not that dramatic«. Fun, Spaß, Unterhaltung, genau das ist The Social Network und das auf, in mehrerlei Hinsicht, hohem Niveau und völlig losgelöst davon, wer den Film aus welcher Position heraus als faktentreu oder -fern bezeichnet, ’cause in the end, that’s semi-important.



Zumal Sorkin da auch noch einen ziemlich genialen Kniff in seinem Skript hat, mit dem er es ohnehin beinahe gänzlich von der Diskussion befreit. Er und Fincher erzählen The Social Network auf drei Zeitebenen und eine davon ist eine absolut mehrdeutige und keinesfalls endgültige. Die eigentliche Entstehungsgeschichte von Facebook, oder TheFacebook, wird umrahmt von zwei späteren Verhandlungen, denen sich Zuckerberg zu stellen hat und bei denen er zum einen von den Winklevosses wegen des Diebstahls ihrer sozialen Netwerk-Idee HarvardConnection, zum anderen vom TheFacebook-Mitbegründer Eduardo Saverin verklagt wird. So sind es die von ihrem jeweiligen Standpunkt zu Zuckerberg geprägten Rückblicke und Eindrücke, festgefahrene Meinungen und Überzeugungen, die die Sicht auf die eigentliche Story und die Perspektive, aus der sie gezeigt wird, bestimmen. Es ist Zuckerbergs eigenes Selbstverständnis, mit dem er auf sein Handeln zurück schaut und es sind die aufgebrachten Ansichten der Winklevosses und Saverins. »I guess that would be the first time somebody’s lied under oath…«, meint Zuckerberg an einer Stelle der Verhandlung zynisch. Wie nah das den realen Personen und Ereignissen kommt? Semi-important…

…und dramaturgische Rechtfertigung für einiges an Freiheit. Mag so sein, dass der echte Mark Zuckerberg nicht einmal annähernd der sarkastsich-überhebliche Arsch ist, als der er in The Social Network oft (aber auch längst nicht nur) gezeigt wird, die dem innewohnende Ironie, das so eine Sozialkrücke das bedeutendste soziale Netzwerk des Globus entwickelt, rechtfertigt es. Mag ebenso sein, dass hinter Facebook die generöse Grundidee eines »useful, innovative service that people enjoy using to connect and share« (Facebook über Facebook) steckt. Dadurch das The Social Network die zunächst Universitäts-interne Grüdnung und Verbreitung der Seite in den Kontext von wer-mit-wem, wer-ist-zu-haben, wer-macht’s-mit-dem-oder-der, kurz gesagt, in den Kontext von schnellem Sex und einer Übersicht darüber, wer potenziell zum klar machen bereit ist, stellt, spiegelt der Film das ganze Phänomen des sozialen Vernetzens über das Internet (so wenig Stellung der Film auch ansonsten dazu bezieht oder sich überhaupt besonders für den Reiz des Phänomens interessiert) als das, was es letztlich ist: semi-important. Passend dazu die Szene, in der Eduardo Saverins Freundin Christy ausrastet, weil der Beziehungsstatus auf seinem Facebook-Profil ihn immer noch als Single ausweist.



»We lived in farms, then we lived in cities, and now we’re gonna live on the internet!« The Social Network also ein Film über die semi-importance einer ganzen Generation? Nein, keinesfalls, weder betrachten Sorkin und Fincher ihr Thema mit solch genereller Anmaßung, noch treten sie ihm mit Gegenteiligkeit entgegen. The Social Network lässt sicher Lehren zu, zieht selbst aber keine. Trotz allerlei Verratsverdächtigungen, Freundschaftsbrüchen und moralisch fragwürdiger Verführungen steht am Ende keine Botschaft oder gar eine Läuterung. The Social Network ist keine Stellungnahme oder Bestandsaufnahme der Generation self made-Millionaire oder der Generation Facebook oder ganz allgemein der Generation Internet. Wenn überhaupt, dann ist er eine Statusmeldung. Ein flottes, enorm eloquent formuliertes und fix konsumiertes Update, ein Zeitgeistfilm, dem selbst kaum Zeit bleibt, ehe die gezeigte Schnelllebigkeit auch ihn überholt hat. Man betrachte nur die Zeitspannen: ahnliche Rise&Fall-Storys (wobei The Social Network natürlich viel mehr Rise als Fall ist) wie Blow (2001) oder GoodFellas (1990) decken ganze Jahrzehnte an Lebensgeschichten und Ereignissen ab, The Social Network hingegen erscheint gerade mal sechs Jahre nach dem Launch von Facebook und erzählt bloß von einigen Monaten, feiert gegen Ende den millionsten Facebook-Nutzer, während die Seite heute 500 Millionen registrierte Benutzer zählt.

»As for the charges, I believe I deserve some recognition from this board.« The Social Network also »[...]a movie[...]about semi-important things[...]« und nach der nächsten Aktualisierung schon wieder vergessen? Vielleicht, ja, aber für den Moment, in dem er auf der Pinnwand ganz oben steht und „Gefällt mir“-Klicks, GoldenGlobes und Oscar-Nominierungen sammelt doch einer der besten Filme 2010. Aaron Sorkins Dialoge sind vom Start weg ein Genuss, so pointiert wie spannend, was für einen Film, dessen 121 Minuten aus ungefähr 120 Minuten Dialog bestehen, wichtiger kaum sein könnte. Der The West Wing-Schöpfer und –Autor macht das gesprochene Wort zum dominierenden Element des Films, alles von Relevanz wird in gesprochener Form verhandelt, aber ohne den Film zum Hörbuch zu machen. Denn wie sehr die passenden Bilder und vor allem die passenden Darsteller zu seinen Zeilen gehören ist Sorkin natürlich klar und mit Fincher hat er nicht nur den Bilderlieferanten, sondern mit Jesse Eisenberg, Andrew Garfield und Justin Timberlake auch die passenden Stimmen und Gesichter gefunden. Wie weit weg das Leading-Trio auch immer von den realen Vorbildern entfernt sein mag, für den Film funktionieren sie sowohl in der Anlegung ihrer Rollen, wie auch durch ihr Spiel ideal. Eisenberg spielt den all(besser)wissenden arroganten Nerd und unsicheren, oft in sich selbst gefangenen Sozialphobiker nicht ausstellerisch und manövriert ihn nie zu sehr in eine Richtung, um eine andere nicht mehr glaubhaft zu machen, sein Zuckerberg ist ein ambivalenter Charakter, dem Eisenbergs Mimik und Gestik situativ gerecht werden. Den verratenen und enttäuschten Eduardo Saverin, in dessen Perspektive The Social Network mehr und mehr rückt, spielt Garfield etwas ausladender und emotionsbetonter, ohne für seine Angegangen- und Betroffenheit die ganz schwer-dramatischen Gesten nutzen zu müssen. Für die ist eher Timberlake zuständig, der im Paradies von Mark und Eduardo mit dem verbotenen Apfel zu wedeln beginnt. Den Ex-Boygroup’ler kann man spätestens mit der hier gebotenen Leistung als unter den ernstzunehmenden Darstellern angekommen betrachten, sein energetischer, einnehmender und verschlagen-paranoider Sean Parker gibt den perfekten Gegenpol zu Eisenberg und Garfield.



Facebook, Fakten, Fiction – Fincher filmt’s formidabel. Gerade weil er längst verstanden hat, dass nicht jeder Film den „director from Fight Club and Se7en“ braucht. Damit enttäuscht man manche, begeistert andere und viele bleiben einem treu. Da ist so viel Großartiges in The Social Network, dem Finchers Regie einfach nur zusehen und –hören muss, ohne sich in den Vordergrund zu stellen. Genau das bewirkt sie auch für den Zuschauer, man wird zum aufmerksamen Zuseher und –hörer all dieser semi-important things. The Social Network ist dennoch ein interessanter Film, bei dem die inszenatorische Raffinesse im Detail liegt und der Witz nicht in der Entlarvung oder Studenten-Klamotte, sondern den perfekten Dialogen. Das Geschehen wird nie besonders dramatisch und verzichtet völlig auf die großen Momente umwälzender Enthüllungen oder ergreifender Veränderungen, The Social Network ist ein Film, dem man mit Augen, Ohren und dem Kopf folgt, nicht mit Herz oder Bauch. »People wanna go online and check out their friends, so why not build a website that offers that. I’m talking about taking the entire social experience of college and putting it online.« And then making a film about it that is even more great.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 3/5
Keine Gefährdung für die Fingernägel, aber mit so viel Drive und kurzweilig inszeniert, dass man auch noch zwei Stunden länger gerne zusehen würde.
Anspruch: 3/5
The Social Network mag sich nicht an die Fakten halten, biegt sich die Geschichte aber auch nicht zum platten Drama zurecht. Intelligentes, dialoglastiges Kino.
Humor: 2,5/5
Aaron Sorkin ist im Moment zweifellos einer der besten Dialogschreiber und was in The Social Network an Biss und Wortwitz steckt ist schon beachtlich. Kein aufdringlicher Pennälerhumor, sondern hohes Niveau.
Darsteller: 5/5
Eisenberg, Garfield und Timberlake sind ein bestens mit- und gegeneinander agierendes Trio, neben ihnen glänzen nicht die ganz großen Namen, aber geballtes Talent.
Regie: 5/5
Kurzum: reife Leistung.
Fazit: 9/10
Facebook-Film, Zuckerberg-BioPic, [...]a movie[...]about semi-important things[...] – David Finchers The Social Network ist all das, vor allem aber ein irrer guter und unterhaltsamer Film. Gefällt mir *Klick*.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Artikel Credits
Relevante Links zum Thema

Kommentare
Deine Meinung zum Thema?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


   

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



  • [...] Christians Foyer: 9/10 Punkte Moviescape: 9/10 Punkte Willipedia: 8/10 Punkte [...]

  • Hi Christian! Bist du dir sicher, das the social network nur ein Zeitgeist Dokument ist? Vielmehr ist es doch so, das the social network authentisches Biopic und coming of age drama ist, sich mit dem Werdegang Zuckers beschäftigt… Einigie Frage in Bezug auf Facebook etc. können wohl nie geklärt werden, aber Fincher vertritt eindeutig einen ganz eigenen Standpunkt…
    Gruss!
    tobe

    • Natürlich, aber natürlich nicht NUR ist The Social Network ein Zeitgeistdokument. Welcher Film ist schon NUR eine Sache/Genre?! Inwieweit es ein „authentisches“ Biopic ist hängt ja sehr stark davon ab, wen man danach befragt

  • „The social network” ist zwar kein Meisterwerkt, aber ein verflixt guter Film geworden, der den Werdegang Zuckerbergs in der Art des Coming of Age Prozesses reflektiert.

  • Kauf ich! Der hat mich beeindruckt! Und es ist sehr schwer, mich zu beeidrucken, obwohl ich mir viel anschaue, aber vieles davon ist es nicht wert, im Schrank stehen zu haben, aber der MUSS dabei sein und wird bleiben. :)
    PS: Gute „Kritik” ;)

    • Danke.
      Ist das eigentlich ‘ne neue Angewohnheit, das „Kritik” in Klammern zu setzen? ;)
      Werd mir den bei Gelegenheit auch noch in die Sammlung stellen, durfte das Rezensionsexemplar leider net behalten

      • Das nennt man aber Anführungszeichen! ;) Ich habe das Wort deshalb so markiert, weil du es Review nennst. Und das Wort Kritik wird wohl immer mehr aus unserem schönen Wortschatz verdrängt.

  • Tja, habe den Film immer noch nicht gesehen, aber bis jetzt eigentlich nur Gutes darüber gelesen. Das muss ich demnächst mal ändern ;)

  • Der Film ist einfach groß. Darsteller, Story, Dialoge, Regie – da stimmt einfach alles, da gibt es nichts, was ich zu beanstanden hätte. Ich freue mich schon auf die Zweitsichtung via DVD. Wenn es nach mir geht, klarer Oscar-Anwärter (auch wenn er wohl gegen „King’s Speech” verlieren wird).

    • Dürfte wohl die einzige spannende Frage der Oscars werden, ob nun The King’s Speech oder The Social Network der große Abräumer wird. Gönnen wird ich Film und besonders Fincher den Goldmann auf jeden Fall