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Stars im Portrait: COLIN FIRTH

Von Riggs J. McRockatansky vor 6 Jahren geschrieben02 / 20112 Kommentare

Portrait

»His character was decided. He was the proudest, most disagreeable man in the world, and every body hoped that he would never come there again.« So beschreibt Jane Austen ihren aristokratischen und vor Stolz schwellenden Mr. Darcy in Pride and Prejudice. Keine Attribute, die man Schauspieler Colin Firth zuschreiben würde. Das ist doch so ein knuffiger, liebenswürdiger, schwiegersohntauglich von der Haarspitze zur Fußsohle, ein Grundsatzsympath aus dem Lehrbuch britischer Etikette. Nicht von der Hand zu weisen, dass Firth sich so einen oder so ähnlichen Ruf erschauspielert hat. Grundlagenbildend eben als Austens Mr. Darcy, der am Ende ja auch gar nicht so eine verachtenswerte Menschengestalt ist, der Firth in Großbritannien gar zum Sexsymbol der „reading woman“ machte, wie BBC schrieb. Erst Recht, als er die Rolle in der Verfilmung von Helen Fieldings durch Austen inspiriertes Bridget Jones’s Diary quasi nochmal übernahm. Nun sind bereits nach einem knappen Absatz viele Adjektive und Begrifflichkeiten über Firth geschrieben – einem der meistbeachtetsten und –gelobten Darsteller der letzten beiden Award Seasons ist damit aber nicht mal im Ansatz Genüge getan.

Colin Andrew Firth wurde als mittleres von drei Kindern in Grayshott, Hampshire, geboren, verbrachte seine frühe Kindheit jedoch in Nigeria, wo sein Vater, ein Geschichtslehrer, als Missionar wirkte und lehrte. Später lebte die Familie außerdem in St. Louis, USA, ehe Firth zurück in Hampshire die Montgomery of Alamein Secondary-Gesamtschule in Winchester und das Barton Peveril College in Eastleigh besuchte. Seine Schauspielausbildung absolvierte Firth im Drama Centre London in Clerkenwell, das zum Beispiel auch Michael Fassbender, Tom Hardy, Paul Bettany oder Pierce Brosnan besuchten. Während seines Abschlussjahres wurde Firth in der Rolle von Shakespeares Hamlet entdeckt und spielte daraufhin 1983 erstmals professionell Theater: in Julian Mitchells Stück Another Country, aufgeführt im Londoner West End, spielte er die Hauptrolle des homosexuellen Guy Bennett, der mit seinem besten Freund, dem Marxisten Tommy Judd, ein Außenseiter an einer snobistischen englischen Schule ist. Seinen ersten Filmauftritt absolvierte Firth ebenfalls in Another Country (1984), in Marek Kanievskas Version spielte Debütant Rupert Everett die Hauptrolle, während Firth den Part des Judd übernahm. Nebenbei der Beginn einer Fehde, die über zwanzig Jahre andauern sollte, nachdem Everett Firth öffentlich als »boring« und als »ghastly guitar-playing redbrick socialist« bezeichnete. Firth trockene Antwort: »We didn’t get along very well the first time we worked together. I think he was probably terribly threatened because I was an awful lot better than him.«



So oder so, eine Karriere ward gestartet, die allerdings noch einige Jahre der Reifung benötigen sollte, ehe sie zur Kenntnis genommen werden würde. Im TV-Film Camille (1985), basierend auf Alexandre Dumas‘ La Dame aux Camélias, spielte Colin Firth neben Greta Scacchi und Ben Kingsley, danach war er im Berlinale-Beitrag 1919 und, wiederum eine Fernsehproduktion, in Dutch Girls (beide 1986) neben Bill Paterson und Timothy Spall zu sehen. Firth spielte die Hauptrollen in der sechsfach für den BAFTA Television Award nominierten Miniserie Lost Empires (1986), Adaption eines J. B. Priestley-Romans, sowie in der J. L. Carr-Adaption A Month in the Country (1987), neben ihm Kenneth Branagh und Natasha Richardson. Für letzteren erhielt Firth eine Nominierung für den Evening Standard Award, für das Falklandkrieg-Drama Tumbledown (1988) folgte eine Nominierung als Bester Schauspieler für den den BAFTA Television Award. Der argentinische psychologische Thriller Apartment Zero (1989), in dem Firth einen Soziopathen spielt, der einem Profikiller verfällt, lief erfolgreich auf einigen Festivals, wurde unter anderem für den Grand Jury Prize beim Sundance Film Festival nominiert. Als einer der aufstrebenden britischen Schauspieler wurde Firth zu einem Teil des vom The Face-Magazins ausgerufenen Brit Packs, zu dem auch Intimfeind Everett, Bruce Payne, Tim Roth, Paul McGann, Gary Oldman, Spencer Leigh, Miranda Richardson und Daniel Day Lewis gezählt wurden.

Glory and Fame ließen dennoch, zumindest im ganz großen Stil, noch etwas auf sich warten. Miloš Formans Valmont (1989) etwa, in dem Colin Firth die frauenverführende Titelfigur gab, kam nicht an die Popularität des ebenfalls auf Pierre Choderlos de Laclos Les Liaisons dangereuses basierenden und ein ein Jahr zuvor mit Glenn Close, John Malkovich und Michelle Pfeiffer gestarteten Dangerous Liaisons (1988) heran. Doch nach weiteren Zweitreihern wie der Fantasy-Comedy Wings of Fame (1990) mit Peter O’Toole, der HBO-Produktion Hostages (1993) und der Romanverfilmung Circle of Friends mit Minnie Driver und Chris O’Donnell war es schließlich so weit: Firth erhielt die Hauptrolle des Fitzwilliam Darcy im sechsteiligen TV-Drama Pride and Prejudice (beide 1995), wurde mit dem Broadcasting Press Guild Award als Bester Schauspieler ausgezeichnet und international bekannt. Plötzlich zum Herzensbrecher und Sexsymbol getauft, hing und hängt die Rolle Firth seitdem nach. Im Anschluss an Mr. Darcy wurden die Filme und Produktionen zwar populärer, die Firth‘-Rollen aber nicht entsprechend proportional größer oder bedeutender, im Gegenteil. Für den Typus des distinguierten Wohl- bis Mittelstandsbriten wurde er nun zum Synonym, zum Beispiel in Anthony Minghellas Oscar-Abräumer The English Patient (1996), in dem Firth zum ersten von insgesamt zwei Malen eine Frau an einen der Fiennes-Brüder verliert, in diesem Falle Ralph.



Nach der Hauptrolle in der Nick Hornby-Adaption Fever Pitch absolvierte Colin Firth einen nächsten kleineren Part neben dem Damentrio Jessica Lange, Michelle Pfeiffer und Jennifer Jason Leigh in A Thousand Acres (beide 1997). Dem folgte ein weiterer Insel-Oscar-Abräumer: in Shakespeare in Love (1998) unterlag Firth dem zweiten Fiennes, Joseph, im Kampf um die Gunst von Gwyneth Paltrow, wurde quasi zu so etwas wie dem britischen Bill Pullman. Es folgten weitere Film- und Fernsehauftritte, ehe Firth im Komödien-Hit Bridget Jones’s Diary (2001) zum nächsten Mr. Darcy ansetzte und promt eine BAFTA-Nominierung erntete. In der Oscar Wilde-Verfilmung The Importance of Being Earnest (2002) kam es zum nächsten Aufeinandertreffen mit Rupert Everett, als Künstler Johannes Vermeer bewunderte Firth Scarlett Johansson alias the Girl with a Pearl Earring, um sich danach in der romantischen Komödie Hope Springs zwischen Heather Graham und Minnie Driver zu entscheiden. In DER romantischen Komödie, Richard Curtis‘ Love Actually, war Firth Teil eines namhaften britischen Ensemble-Casts, unter anderem sind neben ihm Alan Rickman, Emma Thompson, Hugh Grant und Keira Knightley zu sehen. Die Komödie What a Girl Wants (alle 2003), das weit weniger erfolgreiche Sequel Bridget Jones: The Edge of Reason und der Psycho-Thriller Trauma (beide 2004) mit Mena Suvari legten Mitte der 2000er schließlich den Schluss nahe, dass Firth, wenngleich selbst in seinen Leistungen kaum zu kritisieren, sein Talent nicht immer in den Dienst der richtigen Filme stellte.

Der Wechsel zwischen Type-Casting und anspruchsvollerem Ausbruch aus selbigem setzte sich so auch in Colin Firth weiterer Karriere und bis heute fort. Gestresster alleinerziehender Vater im Fantasy-Film Nanny McPhee, bisexuell in dem abgründigen Noir-Drama Where the Truth Lies (beide 2005), unfassbar unterfordert im Historien-Flop und Blockbuster-Versuch Die letzte Legion, British Independent Film Award-nominiert für das Drama And When Did You Last See Your Father?. In Helen Hunts Then She Found Me als verbitterter, wieder alleinerziehender Vater, dann, im Franchise-Reboot St Trinian’s (alle 2007), versehentlich einen Hund namens Mr. Darcy tötend und nebenbei Versöhnung mit Everett feiernd. Das kann man nicht gerade ein konstantes Auf und Ab nennen, dafür fehlen in Firth‘ Filmographie eindeutig die Ausreißer nach ganz weit unten. Firth selber sagt: »I like playing strange characters. Some people might say it has something to do with a hidden part of myself, but I think it’s a lot simpler than that: normal people are just not very interesting.« Nur ist immer mal wieder ein uninteressanter Film dabei, egal, wie strange Firth‘ Part darin sein mag. Speaking of which: als perfect-gentleman fiancé Richard im belanglosen The Accidental Husband (2008) wird’s neben Uma Thurman und Jeffrey Dean Morgan höchstens insofern strange, als dass es wieder den typischen Firth gibt, der am Ende die Frau nicht kriegt.



Wider sämtlichen Erwartungen gelang Colin Firth 2008 aber auch sein größter Kassenerfolg mit dem ABBA-Musical Mamma Mia!. Die Träller-Revue mit Meryl Streep, Amanda Seyfried und Pierce Brosnan spielte weltweit über $600 Millionen ein. Der auf Noël Cowards Theaterstück basierende Easy Virtue mit Jessica Biel und Kristin Scott Thomas, sowie Michael Winterbottoms Genova (alle 2008) mit Catherine Keener und Hope Davis und der Flop Dorian Gray folgten. Beim 66th Venice International Film Festival im Jahr 2009 startete Firth schließlich zum Siegeszug quer durch sämtliche Award-Verleihungen. Für seine Performance in Tom Fords elegantem A Single Man, in dem er einen Collegeprofessor spielt, der nach dem Tod seines langjährigen Lebenspartners mit der Einsamkeit zu kämpfen hat, erhielt Firth den Volpi Cup als Bester Schauspieler, dazu gab es den BAFTA-Award, Nominierungen für den Oscar und GoldenGlobe und nicht zuletzt den London Film Critics Circle Award als bester britischer Schauspieler des Jahres. Nach St. Trinian’s II: The Legend of Fritton’s Gold (alle 2009) setzt seine Rolle als stotternder König in Tom Hoopers The King’s Speech den Goldregen fort: nach BAFTA, GoldenGlobe und Screen Actors Guild Award wird dieses Mal wohl auch dem Acedemy Award niemand im Weg stehen.

»I have a kind of neutrality, physically, which has helped me. I have a face that can be made to look a lot better or a lot worse, depending on how I want it to look«, meint Colin Firth über sich selbst und nach seinen letzten Leistungen wird er umso mehr die Bühne geboten bekommen, um diesen Vorzug zum Ausdruck zu bringen. Der Schauspieler mit dem everyman‘s-face ist demnächst in Main Street (2010) gemeinsam mit Orlando Bloom und Patricia Clarkson zu sehen, ist Teil des Star-Aufgebotes von Tinker, Tailor, Soldier, Spy (2011), zu dem außerdem Tom Hardy, Gary Oldman und Mark Strong gehören, im Drama Stocker spielt er 2012 neben Nicole Kidman und Mia Wasikowska. Bei all der Klasse, die Firth in den letzten beiden Jahren endgültig bewiesen hat, seinen typischen charming brit wird er wohl noch öfter in period und sonstigen pics geben und vielleicht wird er auch den guten Mr. Darcy niemals so ganz los. »His character was decided. He was one of the best, most likable actors in the world, and every body hoped to see him again and again on the big screen.«. Würde wohl auch Jane Austen so sehen.

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Kommentare

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  • Dos Corazones 61 Kommentar(e)

    Toller Schauspieler, von dem ich eigentlich noch viel zu wenig Filme gesehen habe…

    • christiansfoyer 1462 Kommentar(e)

      Geht mir auch so. Nach der Recherche heute sind noch ein paar mehr auf meiner to-watch-Liste gelandet

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