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Stars im Portrait: TONY SCOTT

Von Riggs J. McRockatansky vor 6 Jahren geschrieben03 / 20112 Kommentare

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Portrait

Wenn sich Geschwister in der selben Disziplin messen werden oft ziemlich endgültige Urteile gefällt: einer muss es besser können, als der andere. So bleibt zum Beispiel Ralf Schumacher mit seinen sechs Rennsiegen gegenüber den zahlreichen Formel 1-Rekorden seines siebenfachen Weltmeister-Bruders Michael ewig der „kleine Schumi“. Dannii Minogue ist in den internationalen Charts nur eine Randerscheinung gegenüber ihrer populäreren großen kleinen Schwester Kylie, und wer ist eigentlich Frank Stallone? Aber natürlich gibt es auch genügend Gegenbeispiele, Wladimir und Vitali Klitschko nehmen sich an Erfolg und Ansehen nicht viel, Regie-Geschwister wie die Coen-Brüder, sowie die Matrix-Macher Lana und Andy Wachowski sind überhaupt nur im Doppelpack vorstellbar. Zwei weitere Klappstuhl-Dirigenten sind in gewisser Weise ein Mittelding: Ridley und Tony Scott sind zwar im selben Business tätig, gründeten die gemeinsame Produktionsfirma Scott Free und beide verbinden diverse Zusammenarbeiten. Trotzdem spielen die beiden nicht in der selben Liga. Während der ältere Ridley Kino und Welten mit Nachgeschmack und über den Moment hinaus schuf, siehe Alien (1979), Blade Runner (1982) oder Gladiator (2000), ist Tony eher der Mann für den schnellen Actionhappen für zwischendurch. Ridley, das aufwendige Gourmetmenü, Tony, das Fastfood-Sparangebot in Hochglanzpappschachtel.

Anthony D. L. Scott tat seine ersten Schritte des Filmemachens mit Hilfe seines älteren Bruders. Der sechzehnjährige Tony trat dabei zunächst vor der Kamera auf und spielte eine Rolle im Regiedebüt des damals dreiundzwanzigjährigen Ridley, dem Kurzfilm Boy and Bicycle, der während Ridleys Studium am Royal College of Art in London entstand. Tony folgte außerdem dem schulischen Weg seines Bruders, besuchte die Grangefield Grammar School, das West Hartlepool College of Art und die Sunderland Art School, sowie ebenfalls das Royal College of Art. Der jüngere Scott hegte dabei ursprünglich nicht die Ambitionen seines Bruders, hatte vielmehr eine Karriere als Maler im Sinn. Ridley Scott indes arbeitete nach seinem Studium als Set Designer für BBC, ehe er mit Ridley Scott Associates (RSA) seine eigene Produktionsfirma für Film und Werbung gründete und Tony engagierte.



In den 1970ern und ‘80ern drehte Tony Scott tausende TV-Werbespots für RSA und überwachte außerdem die Geschicke der Firma, während Ridley seine Filmkarriere voran trieb und mit The Duellists (1977) einen ersten Eindruck hinterließ und mit Alien (1979) einen Meilenstein schuf. Tony Scott hatte bis dahin die Kurzfilme Loving Memory (1969), One of the Missing (1971) und, nach dem Gewinn eines Münzwurfs gegen Ridley, eine Episode der französischen Fernsehreihe Nouvelles de Henry James, L’auteur de Beltraffio (1976), gedreht. Im Zuge des Erfolges seines Bruder und anderer britischer Werbefilmer wie Hugh Hudson, Alan Parker und Adrian Lyne erhielt auch Tony Anfang der 1980er erste Angebote aus der Filmindustrie, doch der plötzliche Krebstod des zweiten Bruders, Frank, machte diese Ambitionen zunächst vergessen. Anschließend war das erste Projekt, an dem Scott verstärktes Interesse zeigte, eine Adaption von Anne Rice‘ Interview with the Vampire. Die Produzenten von MGM ließen sich jedoch nicht davon überzeugen und Scott akzeptierte schließlich deren Angebot für ein hauseigenes Vampir-Projekt, The Hunger (1983).

Die lose Adaption eines Whitley Strieber-Romans (in die Tony Scott sein visuelles Konzept für Interview with the Vampire einbrachte) um das Liebesdreieck einer Ärztin und eines Vampirpaares, gespielt von Susan Sarandon, Catherine Deneuve und David Bowie, wurde weder von der Kritik, noch vom Publikum gemocht. Roger Ebert nannte The Hunger »an agonizingly bad vampire movie«, die schon nicht sonderlich hohen Kosten von 10 Millionen bekam der Film in den USA nur zu sechzig Prozent wieder eingespielt. Der Kult, der sich später um die düstere Story und ihren Goth-Einschlag entwickelte und der sogar zu einer gleichnamigen Fernsehserie und Plänen für ein Remake führte, half Scott zunächst nicht, der in Hollywood für über zwei Jahre nicht mehr angestellt wurde und zum Werbe- und Musikvideo-Dreh zurückkehrte. Ein Spot für den schwedischen Automobilhersteller Saab aus den frühen ‘80ern, in dem ein Saab 900 turbo gegen einen Saab 37 Viggen Kampfjet antritt, brachte einige Zeit später das Produzenten-Duo Don Simpson und Jerry Bruckheimer dazu, Scott seine nächste Chance zu offerieren. Um ihm den Umstieg zu erleichtern wurde das gemeinsame Projekt, Top Gun (1986), zu einem 110minütigem Navy-Werbespot und Rekrutierungsvideo und mit weltweit eingespielten 353 Millionen zum Megahit. Hauptdarsteller Tom Cruise wurde zum Star und die Navy freute sich über Rekrutierungszahlen, die um fünfhundert Prozent stiegen.



Nach dem Stotterstart war Tony Scott plötzlich mit nur einem weiteren Film auf Hollywoods A-Liste der Action-Regisseure gedüst und hatte eines seiner Stilmittel etabliert, pathetische Bilder im sonnenuntergangerzeugten Gegenlicht. So vertrauten ihm Simpson/Bruckheimer auch ihr dickstes Projekt im nächsten Jahr an, nämlich Beverly Hills Cop 2 (1987). Die Eddie Murphy-Actionkomödie wurde zwar von der Kritik zerrissen, spielte aber weltweit nur minimal weniger ein, als der enorm populäre Vorgänger. Nebenbei ruinierte Scott seine zweite Ehe durch eine Liason mit Murphy-Co-Star Brigitte Nielsen, die zu der Zeit selbst mit niemand geringerem als Rambo/Rocky Sylvester Stallone verheiratet war. Der Crime-Drama-Thriller Revenge (1990), den Scott anschließend mit dem ansehnlichen Cast Kevin Costner, Anthony Quinn und Madeleine Stowe drehte, bedeutete für ihn nicht nur einen Genrewechsel, sondern auch einen weiteren Kritiker- und diesmal auch Publikumsflop, sowie ein frustrierendes Studioerlebnis, das Scott während der Post-Production den Final Cut verweigerte. Zurück im Simpson/Bruckheimer-Stall inszenierte Scott einen für sicher gehaltenen Hit, den „Top Gun auf Rädern“-Raser Tage des Donners (1990), wiederum mit Tom Cruise und einer schmucken Blondine, diesmal Nicole Kidman, und einem recht ähnlichen Plot. Das NASCAR-Spektakel enttäuschte jedoch an den Kassen.

Für einen weiteren dicken Fisch im Becken der Action-Produzenten, Joel Silver, drehte Tony Scott ein Jahr später mit Bruce Willis, Damon Wayans und Halle Berry den guten Buddy-Actioner The Last Boy Scout vom Lethal Weapon-Autor Shane Black, ehe er einem gewissen Quentin Tarantino vorgestellt wurde. Der gab Scott Arbeitsproben zu lesen und übergab schließlich das Skript zu True Romance (1993) in die Hände des Regisseurs. Das blutige Roadmovie mit den Tarantino-typischen Zutaten und einer Star-Besetzung um Christian Slater, Patricia Arquette, Dennis Hopper, Gary Oldman und Brad Pitt wurde zum Kulthit und etablierte Scott über das gelackte Simpson/Bruckheimer-Actionkino hinaus als fähigen Regisseur, der seinen visuellen Stil nicht nur inhaltslosen Hüllen zur Verfügung stellen kann. Was ihn, einmal das Gegenteil bewiesen, aber nicht davon abhielt. Dennoch gelang Scott mit den folgenden Projekten eine gewisse Anreicherung, ein Schritt Richtung Gleichgewichtung von Style und Substance. Der U-Boot-Thriller Crimson Tide (1995) legte mit den Oscar-prämierten Hauptdarstellern Gene Hackman und Denzel Washington, sowie Viggo Mortensen, und einer durchaus diskutierfähigen Story die Schwerpunkte nicht auf ausgewalzte Untersee-Action, der Flop The Fan (1996) mit Robert De Niro, Wesley Snipes und Ellen Barkin wollte zumindest eine psychologische Ebene haben, und mit dem Verschwörungs-Thriller Enemy of the State (1998) schuf Scott so spannendes, wie interessantes High-Tech-Bedrohungskino.



Auch in den 2000ern legten Tony Scotts Filme einen zumindest minimalen Wert auf einigermaßen interessante Geschichten (oder zumindest ein Grundgerüst) im Mantel hektischer Schnittgewitter und generell optisch auf Strahlglanz polierter Hülle. Scott hatte einen unverkennbaren Stil etabliert, der ihn meist schon in den ersten paar Szenen deutlichst als Schöpfer seines Werkes erkennbar macht. Hipper Soundtrack, flashlightende Credits, Farbfilter und Verfremdungseffekte und eine Kamera, die Stillstand nicht kennt, die Vehikelfixierung (Jets, Rennwagen, U-Boot, später sollte die Bahn folgen) und eine gewisse, seiner Werbevergangenheit entsprechende Produktfixierung, sprich eine simplifizierte Dramaturgie mit dem wichtigsten im Mittelpunkt und wenig drumher: mehr oder weniger die Formel des mittlerweile typischen Scott, einem weiteren Mann mit Werbe- und Videoclipvergangenheit, MTV-Ästetik und Simpson/Bruckheimer-Entdeckung nicht unähnlich, nämlich Krawallkrampf Michael Bay. Zumindest unterhaltend gerieten Scotts weitere Filme allemal, der Spionage-Thriller Spy Game (2001) mit Robert Redford und Brad Pitt und das Rache-Drama Man on Fire (2004) mit Denzel Washington erzielten überdies solide Einspielergebnisse. Ganz im Gegensatz zum hyperkinetischen Domino (2005), der mit Keira Knightley und Mickey Rourke komplett durchfiel. Der mittlerweile zum Scott’schen Stammpersonal gehörende Washington brachte mit dem Zeitreise-SciFi-Actioner Déjà Vu (2006) milde Besserung, konnte hingegen neben John Travolta das hoch budgetierte und recht erbärmliche Remake Die Entführung der U-Bahn Pelham 123 (2009) nicht vor’m Scheitern bewahren. Wieder mit Washington, sowie Chris Pine und Rosario Dawson rehabilitierte sich Scott einigermaßen mit dem schlichtgemütigen, aber dynamischen Unstoppable (2010).

Bis auf das Sudan-Drama Emma’s War, das sich in Produktion befindet, ranken sich um zukünftige Projekte Tony Scotts größtenteils nur Gerüchte: angekündigt ist das Crime-Drama Potsdamer Platz, eventuell mit Jason Statham und Javier Bardem, eventuell kommt der 24-Film mit Kiefer Sutherland, eventuell adaptiert er Mark Millars neue Comic-Reihe Nemesis. Ob da der GANZ GROßE kommerzielle Hit dabei ist, der Scott seit Top Gun nicht mehr gelungen ist, ob da der Film dabei ist, mit dem er sich mal wieder etwas aus der Ecke des style-letztlich-doch-immer-over-substance-Regisseurs freiboxen kann, ob er auch nur EIN Werk abliefern wird, dass sich derart tief wie einige von Bruder Ridley in der Filmgeschichte verankern wird – das darf alles bezweifelt werden. Wobei Scott das vermutbarerweise auch nicht unbedingt vorhat. Ambitionslose Unterhaltung in makelloser Optik und unverkennbarer, wenn auch bisweilen nervender Handschrift vorgetragen: das reicht dem Tony möglicherweise ebenso, wie der Mehrheit des Kinopublikums. Dafür muss man seine Filme nicht lieben oder sie auch nur mögen, aber immerhin kann man ihnen nicht vorwerfen, dass sie überhaupt mehr vorhätten und ihre Ziele nicht erreichen. Durch die rasen die Jets, die Rennwagen und die Bahnen nämlich (fast) immer.

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Kommentare

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  • Christian 4 Kommentar(e)

    Auch wenn Ridley Scott nach seinen ersten drei Filmen nur noch Mittelmaß bis Schrott abgeliefert hat, spielt sein jüngerer Bruder Tony noch einige Klassen unter ihm. Kürzlich seinen strunzdummen “Déjà Vu” gesehen. Als sein Name im Vorspann auftauchte, hatte ich bereits das Verlangen, den Fernseher auszuschalten. Ich hätte es besser mal getan.

    • christiansfoyer 1462 Kommentar(e)

      Bei Ridley kann ich nicht zustimmen, war, bin und bleibe Fan seines Stils (wenn auch nicht von jedem seine Filme). Bei Tony sieht’s aber aus, wie du’s sagst. Déjà Vu habe ich bei drei Versuchen nicht einmal am Stück zu gucken geschafft

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