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Review: MIDDLE MEN

Autor: am 18.07.2011, um 12:45 Uhr | Kategorie: Kritiken | 5 Kommentare

MIDDLE MEN Filmkritik
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Das Internet bietet jedem alles und von allem mindestens etwas. Da muss man nun natürlich nicht ausgerechnet auf einem Blog die großen Exkurse halten, da wohl jeder, der hier vorbei liest, längst alle Vorzüge und Nachteile des World Wide Webs, seine Vielfältigkeit, seinen Nutzen und seine Belanglosig- und Schädlichkeiten selbst entdeckt hat. In einer Sache rund um’s Internet muss man wohl dem zynischen Dr. Cox aus Scrubs zustimmen. Der meint: »I am fairly sure that if they took porn off the internet, there would only be one website left and it would be called „bring back the porn“«. Recht dürfte er haben. Tatsächlich ist auch in Sachen Pornographie alles für jeden geboten und jede Vorliebe, die sich da vor’m Bildschirm tummelt, kann mit entsprechendem Suchbegriff ratzfatz befriedigt werden. Aber wie kam die Bumsindustrie zu einer der ertragreichsten, wie kam das XXX ins WWW? Davon erzählt Middle Men, basierend auf wahren Ereignissen im Leben des heutigen Filmproduzenten Christopher Mallick.

Story

Los Angeles, 1995: die Kumpel Wayne Beering und Buck Dolby haben sich in ihren noch jungen Leben bereits dermaßen viel Stoff in die Birne gekloppt, dass es mit Veterinär- und Raketenwissenschaftlerkarriere vorbei ist. Die beiden potenziellen Genies frönen dem Schwachsinn und haben trotzdem eine große Idee: sie verkaufen Bilder von nackten Frauen über diese neue Sache namens Internet. Rasend schnell sind die ersten paar tausend Dollar verdient – und die self made Geschäftmänner gleichen eine gute durch eine dämliche Idee aus, indem sie die Russenmafia zu ihren Partnern machen. Alsbald stecken Wayne und Buck in verstandübersteigenden Schwierigkeiten, doch ihr gerissener Anwalt Jerry Haggerty hat die Lösung in Person parat. Der integre Familenvater Jack Harris ist ein Mann mit außergewöhnlichem Geschäftssinn und Verhandlungs- und Schlichtungsgeschick. Er bekommt nicht nur die Mafia besänftigt, sondern treibt die Einnahmen in den nächsten Jahren in ungeahnte Millionenhöhen. Doch die Schattenseiten der Pornoindustrie machen vor Jack nicht halt. Eine russische Leiche und ein junges Webcamgirl sind da nur der Anfang…

Der Film



Geschichten von Aufstieg und Fall sind ‘ne publikumswirksame Sache: meist mindestens inspiriert von wahren Ereignissen und doch völlig unglaublich, reinster Filmstoff eben, für den sich das real life den dicksten writing credit verdient. Dem Staunen und der stückweiten Bewunderung über und für die Werdegänge von amoralischen Emporkömmlingen wie Kokainhändler George Jung (Blow), Pornostar Dirk Diggler (Boogie Nights) oder Mobster Henry Hill (GoodFellas) folgen außerdem immer auch ein bißchen die Schadenfreude und Genugtuung, wenn es für sie vom Gipfel wieder steil bergab geht und als Zuschauer weiß man: mit füg$amer, recht$chaffender Art hat man’$ dann letztlich doch weiter gebracht… Hm… :-\

Nun ja, garantiert sind zumindest anderhalb bis zwei oder wie im Falle von Martin Scorseses Casino gar drei Stunden Eskapismus pur; während dieser Zeit erlebt man nicht nur Welten, zu denen man sonst niemals Zugang hätte und die trotzdem nicht irgendwelchen SciFi- oder Fantasyszenarien entspringen, die vielleicht bloß einen Stadtteil weit entfernt vor sich gehen, man erlebt außerdem ein breites Spektrum emotionaler Zustände. Gut gemacht bieten diese Geschichten also alles, was von einem Film zu wünschen man sich so vorstellen kann.

Die ganz typische Rise and Fall Story erzählt auch Middle Men, mit typischen Zutaten wie selbstreflexivem Off-Kommentar, flirrenden Montagen, in denen so viel Information über gewisse Sachverhalte wie möglich vermittelt wird, optische Spielereien, eine entfesselte Kamera und rasender Schnitt visualisieren den unwiderstehlichen Sog der unaufhaltsam ihren Lauf nehmenden Ereignisse. Selbige sind losgelöst vom Zwang chronologischer Erzählstrukturen, gerade zu Beginn hoppelt der Film von hier nach da, vor und zurück und nutzt einen wiederum bekannten Kniff, nämlich an einem Punkt zu beginnen, an dem der Zenit des Erfolges für die Hauptfigur Jack Harris längst überschritten ist (siehe vergleichsweise z.B. die spektakuläre Casino-Eröffnung mit Autobombenopfer Robert De Niro). Resigniert, geläutert, verzagt macht sich Jack mit einer Tasche voll Geld in einer finsteren, verregneten Nacht auf den Weg zur Russenmafia, die zwecks Argumentationsverstärkung seinen Jungen in ihrer Gewalt hat. In den folgenden anderthalb Stunden resümiert Jack, wie es soweit kommen konnte – und beginnt dabei mit dem Mann und seinem Drang zu masturbieren.



Larry Page und Sergey Brin machten ihr Geld mit einer Suchmaschine, Mark Zuckerberg mit einem sozialen Netzwerk, Jack Dorsey, Biz Stone und Evan Williams mit einem Mikroblogging-System – und zwei dauerbreite Idioten scheffeln Millionen, indem sie Männern rund um den Globus das Auftreiben einer Wichsvorlage erleichtern. Wissensdurst, Freundschaft, Kommunikation, Onanie. Eben die Selbstverständlichkeiten der Bedürfnisbefriedigung. Ob und inwieweit nun Middle Men Authentizitätsansprüche erfüllt, ob der Film über die Grundidee hinaus ein brauchbares Portrait der Pornoisierung des World Wide Web ist? Fragen, die ein »Inspired by true events« natürlich herausfordert. Well… Es dürfte wohl eher eine Verzerrung, eine Vereinfachung, in gewisser Hinsicht eine Karikatur und an den entsprechenden Stellen natürlich eine Dramatisierung und Überspitzung (höhö) sein. Der paranoid-cholerische Wayne und der zugedröhnte Buck, die über Nichtigkeiten wie Kleinkinder ans Raufen geraten und die an jedem Stolperstein hängen bleiben, der unverhofften Millionären so vor die benebelten Schritte fallen kann – die sind schon so unwahrscheinlich, dass sie ihre realen Vorbilder haben dürften. Aber zuvorderst sind das natürlich Figuren, die, wie alle anderen in Middle Men im Prinzip auch, gewisse Stichwortfunktionen erfüllen.

Um das unbedingt zwingende »Ja« bei der Beantwortung der Frage nach Authentizität mogelt sich Middle Men durch einen weiteren klassischen Kniff ohnehin herum, indem er seine Story als vollkommen subjektives Erinnerungsstück aus dem Gedächtnis von Luke Wilsons Jack erzählt und da dürfen dann Figuren und Handlungen schonmal fragmentarisch und Wesenszüge illustrativ sein. Darin begründet sich nicht, warum Middle Men nicht zur Größe seiner deutlichen Vorbilder aufschließt. Das liegt eher daran, dass er von denen ein paar Standarts zu viel übernimmt, ohne dass das eigene Milieu darauf narrativen Einfluss besäße. Das Middle Men von der ersten Erektion der Pornographie im Internet handelt merkt man ihm überwiegend nur dadurch an, dass da ein paar mehr nackte Brüste und lesbelnde Chicks als üblich durch’s Bild wackeln und züngeln, konkreter wird’s erst später, wenn masturbierende Terroristen ins Visier des FBI geraten und die Trottel Wayne und Buck sich unwissentlich mit einem Kinderpornographen einlassen. Für Figuren und Handlungsverlauf bräuchte es ansonsten nicht viel Retusche, um zwischengeschnittene Szenen aus Casino oder Blow wie den selben Film aussehen zu lassen. Die Unkontrollierbarkeit der Geschäftspartner, das nahende Unheil in Gestalt einer verführerischen Frau – da unterscheiden bloß Nuancen und Geschmacksfragen zwischen Giovanni Ribisi/Gabriel Macht und Joe Pesci, bzw. Laura Ramsey und Penélope Cruz.



Trotz ein paar Variablen zu wenig ist Middle Men aber nicht bloß billige Abklatschware. Rise and Fall-Storys funktionieren halt nach diesen Mustern und Middle Men ist eine gute, kleinere, weniger wuchtige und nicht ganz so sogkräftige Alternative zu z.B. den Scorsese-Epen, ein flotter Quickie auf dem Küchentisch statt kamasuträrer Stellungsamarathon. Mit den richtigen Partnern nimmt sich das auf dem Höhepunkt nicht viel und hier passt die Wahl. Luke Wilson bietet als zentrale Figur nicht ganz die emotionale Tragweite, die Johnny Depp in Blow bot, auch weil sein Family Plot zu deutlich auf das Zerbrechen der Werte, denen Jack Harris treu zu bleiben glaubt, hinausläuft und Jacinda Barrett als zurückgelassene Ehefrau unterbeschäftigt und –charakterisiert bleibt. Da macht sich dann auch die gestutzte Länge von Middle Men bemerkbar, der ist mit seinen 108 Minuten eben auch deutlich kürzer als die genannten Genrevorbilder ist. Aber back to topic, Wilson bietet hier eine seine besten Karriereleistungen, bleibt nach Außen stets beherrscht, aber transportiert viel an innerer Zerrissenheit mit nur geringem mimischem Aufwand. Stark! Giovanni Ribisi liefert einen weiteren Showstealerauftritt, vor allem im Zusammenspiel mit DER Überraschung des Films, Gabriel Macht. Auch neben den drei Pornokollaborateuren ist Middle Men erstklassig und mit immer gern gesehenen Charakterköpfen besetzt, wie James Caan als vorteilsversessenem Anwalt, Terry Crews als loyaler Bodyguard, Kelsey Grammer und Robert Forster in Kurzauftritten als Staatsanwalt und Schläger. Auch Laura Ramsey gefällt (auf welche Art auch immer, …ähem…) als aufstrebendes Solocamgirl, Rade Šerbedžija macht zwar den Standartrussen, aber auch das können nur wenige besser. Szenekenner dürften auch ein paar echte Pornostarlets erkennen, so gibt sich etwa Naked Aces 2- und Top Guns-Darstellerin Jesse Jane die Ehre.

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Explosions- und schusswechselfrei, aber den irren Tempomontagen ist hier ein Punkt zu gönnen.
Spannung: 2,5/5
Zu viel Genrestandart, um Überraschungen zu bieten – aber auch hier kommt dem Film sein Tempo zu Gute, langweilig wird’s trotz einiger kleinerer Längen nie.
Anspruch: 1,5/5
Wohl kaum hundertprozentig authentisch und bietet seiner knackigen Länge (bzw. Kürze) wegen auch nicht genügend Raum für die große Tiefgründigkeit. Trotzdem in Zeitgeistportrait und Figurenzeichnung mehr als nur Oberfläche.
Humor: 1,5/5
Die unzüchtig-lockere Stimmung des Auftakts kippt schnell. Der Ton wird dennoch nicht erdrückend bitter und besonders das Duo Ribisi/Macht sorgt für Laune.
Darsteller: 4,5/5
Bis in die kleinsten Rollen toll besetzt und in den großen Rollen ebenso gespielt.
Regie: 3,5/5
George Gallo bedient sich ausgiebig bei den üblichen Genremustern – was einem als Fan der selbigen nicht soooo viel ausmacht.
Fazit: 7,5/10
Sehr gute Alternative zu den ganz dicken rise and fall-Brocken à la Casino, GoodFellas oder Blow. Kratzt aber natürlich höchstens an deren Klasse. Trotzdem: höchst unterhaltsam und ausgezeichnet gespielt.

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  • Wird auf jedenfall auf DVD geschaut, danke für die tolle Review!

  • Ich würd ja mal nach Chris Mallick und Betrug und seiner Firma Epassporte Googlen. Der Hat so viele Menschen abgezogen – der Film verdient es allein deswegen nicht, geguckt zu werden – mal davon ab, das die ware story eine ganz andere war.

  • Uh, der klingt gut. Muss ich mir merken. allein wegen der Besetzungsliste schon ein hingucken wert. ;)