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Stars im Portrait: SUSANNE BIER

Von Riggs J. McRockatansky vor 6 Jahren geschrieben09 / 20111 Kommentar


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Portrait

Irgendwie hat das immer noch etwas sensationelles, etwas pressemachendes und unbedingt extra erwähnenswertes, wenn Frauen mit wichtigen Filmpreisen in wichtigen Kategorien ausgezeichnet werden. Da wurde in der Award Season 2010 der „Kampf“ um den Regie-Oscar zum Geschlechtergefecht der brisanterweise auch noch Ex-Ehepartner James Cameron und Kathryn Bigelow; ein medienwirksames Brimborium, wie es so natürlich nicht stattgefunden hätte, wenn den nicht gerade wie Damenstoff wirkenden The Hurt Locker ein männlicher Kollege inszeniert hätte. So aber gewann Bigelow nicht nur den Sorgerechtsstreit um den Goldjungen, sondern halt auch noch als erste Frau die höchste Weihe, die die Filmwelt für ihre Macher zu vergeben hat. MakeUp-Künstlerinnen und Kostümdesignerinnen sieht man tatsächlich wesentlich öfter auf der für eine Nacht wichtigsten Bühne der Welt auftauchen. In Europa weht der Blätterwald da weniger heftig, wenn Bedeutendes in weibliche Hände geht. In Susanne Biers zum Beispiel. Die Dänin gewann die beiden wichtigsten Filmpreise ihres Landes, die Bodil und den Robert, seit 1993 insgesamt fünfmal, dazu kommen sechs weitere Nominierungen. Ach ja, und den GoldenGlobe und den Oscar gab’s 2011 ebenfalls. Aber NUR für den Besten fremdsprachigen Film, also in so einer schnarchigen Nebenkategorie, die kaum Presse wert ist… Macht aber nix. Biers Arbeit spricht eh für sich.

Als Tochter eines jüdischen Flüchtlings und einer Dänin wurde Susanne Bier 1960 in Kopenhagen geboren. Nach Studiengängen in Angewandter Kunst an der Hebräischen Universität Jerusalem und Architektur an der Architectural Association School of Architecture in London schloss sie 1987 an der National Film School of Denmark in Kopenhagen das Fach Filmregie ab. Lob und Auszeichnungsregen begannen für Bier bereits mit ihrem Abschlussfilm De Saliges Ø, der auf dem Internationalen Festival der Filmhochschulen in München prämiert wurde. Mit der Arbeit an Werbespots und Videoclips schlug sie im Anschluss einen zu Beginn der 1990er nicht unüblichen Umweg auf dem Pfad zur Spielfilmkarriere ein, unter anderem inszenierte Bier 1989 für die deutsche Band Alphaville für deren Kollektion Songlines das Video zu Summer Rain vom Album The Breathtaking Blue. Ihr Spielfilmdebüt markierte schließlich der in Schweden produzierte Freud flyttar hemifrån… (Freud Leaving Home, 1991), eine Tragikkomödie über eine jüdische Familie, aus der die 25jährige Angelique, ihrer spitzfindig-psychoanalytischen Kommentare wegen Freud genannt, den Absprung zu wagen versucht.



1992 erschien der dokumentarische Kurzfilm Brev til Jonas, für den Susanne Bier im Jahr darauf erstmals mit dem dänischen Academy Awards-Pendant Robert ausgezeichnet wurde. Für’s Fernsehen drehte sie Luischen (1993), es folgten Det bli’r i familien (1994), Pensionat Oskar (1995) und der Thriller Sekten (1997), bei dem Bier am Drehbuch mitschrieb und erstmals mit einem der bekanntesten dänischen Schauspieler, Ulrich Thomsen, zusammenarbeitete. Mit der tragisch-romantischen Beziehungskomödie Den eneste ene (Der einzig Richtige) gelang der Regisseurin 1999 der endgültige Durchbruch in der Heimat. Der Film, in dem sich die komplizierten Wege zweier auf die ein oder andere Art entzweiter Pärchen kreuzen, brach in Dänemark Kassenrekorde und wurde sowohl mit dem Robert, als auch der Bodil als bester Film des Jahres geehrt. Hierbei drehte Bier zum ersten Mal mit Paprika Steen. Im Jahr 2000 folgte mit Livet är en schlager (Once in a Lifetime) die Geschichte eine Frau, die ihre Liebe zur Musik und zum Eurovision Song Contest mit einem Rollstuhlfahrer in einer Behinderteneinrichtung teilt.

2002 schloss sich Susanne Bier den Regeln des von den dänischen Regisseuren Lars von Trier, Thomas Vinterberg, Kristian Levring und Søren Kragh-Jacobsen herausgegebenen Dogma Manifestes an, das ein möglichst realistisches Filmen ausschließlich mit Handkamera, ohne künstliche Beleuchtung oder weitere verfälschende Effekte vorsieht. Biers Elsker dig for evigt (Open Hearts) zählt zu den wichtigsten und hochgelobtesten Werken der bisweilen kontrovers diskutierten Dogma-Filme. Das Drama mit Paprika Steen und Mads Mikkelsen erhielt bei zehn Nominierungen ganze fünf Roberts, Bier wurde mit dem Publikumspreis bedacht. Der dreifache Bodil-Gewinner ist außerdem seit geraumer Zeit für ein Remake unter der Regie des Scrubs– und Garden State-Stars Zach Braff im Gespräch. Die nationale und internationale Anerkennung für Bier wuchs weiterhin durch das Drama Brødre (Brothers, 2004), in dem das Leben der Daheimgebliebenen eines Majors erschüttert wird, als dieser nach einem Einsatz in Afghanistan für tot erklärt wird. Bei dem erneut mit europäischen Filmpreisen und –nominierungen überhäuften Film arbeitete Bier zum zweiten Mal mit Drehbuchautor Anders Thomas Jensen zusammen und etablierte sich endgültig als akribische Beobachterin und Chronistin aufwühlender persönlicher und familiärer Dramen und Tragik. Ihre Charaktere treibt sie an psychologische Grenzen, meist ausgelöst durch wie aus dem Nichts über die Figuren hereinbrechende Schickslsschläge, verknüpft mit einer Alltäglich- und Allgemeingültigkeit, die den präzisen Geschichten Wucht und Kraft verleihen.



Wenig von all dem blieb in Jim Sheridans Brothers übrig, 2009er-Remake von Susanne Biers Brødre, in dem Tobey Maguire, Natalie Portman und Jake Gyllenhaal die Rollen Ulrich Thomsens, Connie Nielsens und Nikolaj Lie Kaas‘ übernahmen. Bier und Jensen legten mit Efter brylluppet (After the Wedding, 2006), erneut mit Mads Mikkelsen in der Hauptrolle, ein weiteres starkes Drama vor, das für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film nominiert wurde, ehe die inszwischen bekannteste und erfolgreichste dänische Regisseurin dem Ruf Hollywoods folgte. Der von American Beauty-Regisseur Sam Mendes mitproduzierte Things We Lost in the Fire (2007) transportierte Biers außergewöhnliche Inszenierungsqualitäten angenehm kompromissfrei auf den amerikanischen Markt. Das Drama, in dem sich Halle Berry mit dem besten Freund ihres ermordeten Mannes, gespielt von Benicio del Toro und David Duchovny, anfreundet, wurde allerdings weder zum kommerziellen Erfolg, noch schlossen sich die Kritiker den bisherigen Lobeshymnen für Bier in der bis dahin gewohnten Einhelligkeit an. Zwei weitere internationale Projekte unter Biers Regie kamen anschließend nicht zustande: die Bestsellerverfilmung The Duchess (2008) mit Keira Knightley und Ralph Fiennes wurde letztlich von Saul Dibb übernommen, der seit Jahren geplanten Komödie Lost for Words, in der sich ein alternder Filmstar in eine chinesische Schauspielerin und deren Übersetzerin verliebt, ging zunächst ihr Hauptdarsteller Hugh Grant verloren und ist nun mit neuem Regisseur, Tom Harper, und verjüngtem Cast für 2012 geplant.

Vom dänischen Dogma-Film zur Hollywood-Produktion mit Weltstars – und zurück nach Dänemark. Nach Things We Lost in the Fire arbeitete Susanne Bier bislang tatsächlich kein zweites Mal im Auftrag der Traumfabrik und dennoch haftet ihr nicht im geringsten der Schatten eines Scheiterns an. Erst recht nicht seit ihrer vierten Zusammenarbeit mit Anders Thomas Jensen, nach dessen Buch sie den fantastischen Hævnen (In einer besseren Welt, 2010) inszenierte und bei den Oscars 2011 in der Kategorie Bester fremdsprachiger Film triumphierte. Dem so schweren wie poetisch schönen Drama mit Mikael Persbrandt, Trine Dyrholm und Ulrich Thomsen gelingt ein weiteres Mal der Spagat zwischen einer reichen, vielschichtigen Story und einer nicht unbedingt massengeschmacklichen, aber spannenden und in der Breite ansprechenden Aufarbeitung und Umsetzung. Mit dem Oscar-Gewinn bekam Biers Stil zwischen glaubwürdigen Konflikten, einer stark fordernden, wenn auch bisweilen konstruiert wirkenden Dramatik und immer wieder genauso warmen Komik und bejahender Grundhaltung seine Krönung und das ohne Hollywood-Erfolg oder Ausschlachtung ihres künstlerischen Anspruchs. Zumindest letzteres steht wohl auch bei ihrem nächsten Projekt nicht zu befürchten, der romantischen Komödie All You Need Is Love (2012), in der sie den aalglatten Ex-Bond Pierce Brosnan neben den Kultdänen Kim Bodnia und die hingebungsvoll-authentischen Paprika Steen und Trine Dyrholm stellt. Erneut nach einem Drehbuch Jensens. Viele Namen tauchen mehr als einmal in den Besetzungs- und Crewlisten der Filme Susanne Biers auf. Verwundern kann das nicht. So sehr sich die Regisseurin auf ihr angetrautes Personal verlassen kann, so sehr kann ein Autor wie Jensen darauf setzen, seinen Stoff in die fähigsten Hände zu geben und so sehr können sich Schauspieler gewiss sein, unter Biers Blick zum Glänzen gebracht zu werden. Ohne dem ganzen Geshowe der jährlichen Preisverleihungen eine zu große Bedeutung zuzumessen, aber: sowas dürfte dann auch den US-Preisverleihern mal einen Award wert sein, der nicht bloß im Nebensatz abgehandelt wird.

»My first job as a filmmaker is to not make a boring film. I don’t see a conflict between art and commerce, but I do see one between boredom and commerce. I think once you start structuring according to theme, things become more educational than emotional, and I don’t think that works. I think it really is about addressing the conflict between the characters and addressing the storytelling and psychology. That way, the feelings are the undercurrent of the whole story, which is exciting.«

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