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Review: IN TIME

Von Flynn Hardy vor 5 Jahren geschrieben12 / 20112 Kommentare
IN TIME Filmkritik

Respekt, Justin Timberlake. Aus dem ehemaligen Star Search-Teilnehmer, Mitglied der Fernsehshow Mickey Mouse Club und ab Mitte der ‘90er dem Leadsänger der Band *NSYNC, wo er als gerade einmal fünfzehnjährige männliche Lolita den Boygroupwahn seiner Altersgenossinnen in fragwürdige Höhen trieb, ist mit Zeit und Alter nicht nur ein mehr als respektabler Solokünstler geworden. Gemeinsam mit den Produzentengrößen Timbaland und will.i.am legte Timberlake besonders mit seinem zweiten Studioalbum FutureSex / LoveSounds ein einflussreiches, mit Preisen bedachtes und weltweit die Charts stürmendes Stück moderne Popmusik vor. Wie viele seiner musikalischen Kollegen vor und seit ihm zog es den Burschen aus Memphis, Tennessee irgendwann aber auch Richtung Leinwand – und dererlei Ambitionen enden ja bekanntermaßen öfter in desaströsen Regionen, man denke an die Timberlake-Ex Britney Spears und ihren Crossroads, an Rapper 50 Cent’s Get Rich or Die Tryin’, oder oder oder… Timberlake aber bewies ein besseres Gespür, noch nicht unbedingt bei einem frühen Versuch, dem TV-Film Model Behavior (2000), aber dann: statt sich wie viele andere leinwandorientiere Musiker in einem der eigenen Biografie nahen oder mit Sangeseinlagen zugekleisterten Plot zu flüchten versuchte Timberlake sich auf ambitionierterem Gebiet und spielte in Edison (2005) neben Morgan Freeman und Kevin Spacey, in Nick Cassavetes‘ Alpha Dog, Richard Kellys Southland Tales und in Black Snake Moan (alle 2006) neben Samuel L. Jackson und Christina Ricci – und wies Talent nach. Spätestens seit seiner Rolle in David Finchers The Social Network (2010) sollte man den einstigen Kreischattackenauslöser als Schauspieler ernst nehmen. 2011 nun sah man Timberlake gleich dreimal, neben den Komödien Bad Teacher und Friends with Benefits vor allem als Lead des vielversprechenden SciFi-Thrillers In Time. Bekommt das Multitalent nun also auch seine erste große Hauptrolle in einem Actioner mit Blockbusterpotenzial gebogen? Oder ist’s reine Zeitverschwenung?

Story



Die Zukunft im Jahr 2161: eine genetische Veränderung hat dafür gesorgt, dass die Menschen ab ihrem 25. Lebensjahr aufhören zu altern. Um eine Überbevölkerung zu vermeiden hat Lebenszeit Geld als Währung ersetzt, nach dem 25. bleibt jedem nur noch ein weiteres Jahr, angezeigt durch einen Countdown auf dem Unterarm. Weitere Zeit muss verdient werden, genauso jedoch in Alltäglichkeiten wie Essen, Miete oder Strom investiert werden. Aufgeteilt in verschiedene Zeitzonen reichen die Lebensspannen der sozialen Klassen durch dieses System von ein paar mickrigen Stunden bis hin zu mehreren Jahrhunderten. Der Fabrikarbeiter Will Salas lebt sein Leben von Tag zu Tag in den Ghettos von Dayton. Hier ist Zeit hart er- und umkämpft, tote Kollegen am Morgen kein seltener Anblick. Doch während eines Barbesuchs stößt Will auf jemanden, der mehr als genug Zeit mitbringt: über ein Jahrhundert tickt auf dem Arm des Mannes herunter und nachdem Will ihn vor Zeitdieben retten kann überlässt der lebensüberdrüssige Fremde aus dem reichen New Greenwich ihm seinen Vorrat an Jahren und stirbt daraufhin. Doch diese vom System unerwünschte Zeitübergabe in die Hände eines armen Arbeiters aus Dayton ruft den Timekeeper Raymond Leon auf den Plan, der fortan den mordverdächtigen Will verfolgt. Dieser macht sich mit seiner neugewonnenen Zeit auf den Weg nach New Greenwich, allerdings nicht, um erstmals in seinem Leben dem Luxus zu frönen – sondern um für die Armen zu kämpfen und die Reichen um das zu erleichtern, was sie anderen reichlich nehmen: ihre Zeit…

Der Film

Das Feld der dystopischen Science Fiction ist ein literarisch wie filmisch breit beackertes, zu dem Filme wie Metropolis (1927), 1984 (1956 & ’84) Blade Runner (1982), Brazil (1985) oder der von In Time-Regisseur Andrew Niccol selbst gedrehte Gattaca (1997) vieles, wenn nicht alles, schon gezeigt und gesagt haben. Drum braucht’s gute Ideen, vorzugsweise auch mal welche, die nicht vom legendären SciFi-Autor Philip K. Dick stammen, um herauszustechen. Und eine solche gute, gar eine ausgezeichnete Idee hat Niccol hier mal wieder an der Hand. Ungewöhnlich ist das nicht für den Neuseeländer, der, nicht als Vielfilmer und –schreiber bekannt, eigentlich immer etwas zumindest konzeptionell interessantes auf den Weg bringt, sei es der erwähnte Präimplantationsdiagnostik/Gentechnik-Thriller Gattaca, das Drehbuch zur Mediensatire The Truman Show oder der ebenfalls satirische Showbiz-Zirkus S1m0ne, in dem ein Regisseur seine perfekte Hauptdarstellerin am Computer erschafft. Der Einfall mit der permanent herabtickenden Lebenszeit, die sämtliche Währungen ersetzt hat und an die es sich mit allen Mitteln zu klammern gilt, ist nun wirklich ein ganz besonderer, einer der es In Time auch ohne ausladende Zukunftspanoramen ermöglicht, vom Fleck weg das Interesse an der eiligen Welt von Übermorgen zu wecken. Bis auf ihren grundlegenden Gedanken ist Niccols vierte Regiearbeit nicht darauf versessen, den Planeten in technisch-fortschrittlicher Weise weiterzudenken: keine fliegenden Autos, keine Robotergehilfen, keine nochmals auf’s doppelte ihrer Größe aufgetürmten Gebäude, kein Farbenmeer der digitalen Werbeanzeigen, ja verdammt, noch nicht mal Hoverboards sind hier unterwegs.



Niccols zeigt eine karge Welt, eine reizentleerte, und das nicht nur in den staubigen Armenvierteln von Dayton, in denen In Time beginnt, sondern auch später im reichen New Greenwich. Selbst die Gesetzeshüter, die Timekeeper, verzichten an ihren Fahrzeugen auf das rot-blaue Lichterspiel. Alles läuft letztlich auf das neongrüne Schimmern des Countdowns auf dem Unterarm hinaus, nur die darauf verrinnenden Jahre, Tage oder nur Sekunden zählen, alles und jeder fixiert sich auf die Zeit, die noch bleibt. Leider, und da beginnen sich trotz der tollen Idee recht früh die Makel von In Time heraus zu schälen, nimmt sich der Film für eine Geschichte, in der sich alles um die Zeit dreht, selbst recht wenig davon, um Wichtiges an Setup zu leisten. Dem großen SciFi-Thriller mit der innovativ-brillianten Idee des letzten Jahres, Christopher Nolans Inception, wurde nicht selten seine viel zu erklärige Haltung zu seinem Gedanken vorgeworfen, wodurch sich die Komplexität von Traumebenen und Unterbewusstsein rasch verflüchtigten. In Time hingegen erklärt im Grunde gar nichts, Timberlakes Eröffnungsmonolog aus dem Off erklärt den Grundriss, wer den gezeichnet hat und wie daraus eine gesellschaftlich tragbare Struktur entstehen konnte weiß er selbst nicht. Das er sich dem Aufbau eines Kellergeschosses und Stützpfeilern verweigert ist aber noch nicht sooo schlimm, es ist das Spezielle und weniger das Allgemeine, wo In Time zu viel an Zeit einspart.

Der von Timberlake gespielte Will Salas trifft recht früh auf den lebensüberdrüssigen 105jährigen Henry Hamilton, wenig später schon erhält er dessen übriges Jahrhundert und der kurze Zeit darauf stattfindende tragische Tod seiner Mutter, die keine zwei Stunden mehr übrig hat, um den Bus zu bezahlen und deren Uhr abläuft, kurz bevor sie Will erreichen kann, treibt den frustrierten Arbeiter rasch raus aus dem Ghetto, um sich in New Greenwich mit den Reichen anzulegen. Und auch wenn Eile eines der obersten Gebote der Armen ist: In Time hat es in diesen ersten Minuten zu eilig, da suggeriert Craig Armstrongs Score, der so auch ein Dritte-Welt-Armutsdrama untermalen könnte, eine emotionale Schwere und eine Betroffenheit, die man den Figuren überhaupt nicht nachfühlen kann, da man sie kaum kennengelernt hat. Für sich ist die Szene, in der Wills Mutter, gespielt von Olivia Wilde, mit ihren gnadenlos runtertickenden letzten Sekunden auf ihren Sohn zurennt in wunderschöner Tragik auf diesen nie wörtlicher zu nehmenden Begriff der davonlaufenden Zeit inszeniert – aber zu diesem Zeitpunkt des Films und nach nur einer gemeinsamen Szene hat man sich (auch rein optisch) noch nicht einmal an die Storyvorgabe gewöhnt, dass die drei Jahre jüngere Wilde die zweiundzwanzig Jahre ältere Mutter von Timberlake spielt, die gerade zum fünfundzwanzigsten Mal fünfundzwanzig geworden ist. Puh.



Auch die Zustände im Ghetto expliziert Niccol nicht ausreichend und lässt In Time immer wieder aus dem Gleichgewicht kippen, wenn es um den Drahtseilakt jener Informationen geht, die einem als Zuschauer konkret vermittelt werden sollten und jenen, die man sein Publikum selbst evaluieren lassen kann. Der Mangel an Aufbau reißt öfter einfach aus der Illusion des Films hinaus: als Will in New Greenwich vom Timekeeper und seinen Leuten verhaftet wird prügelt er sich mühelos und effizient durch diese ausgebildeten Kräfte den Weg frei. Das lässt sich damit erklären, dass Will im Ghetto vermutlich einige Male um seine Zeit kämpfen musste und dahingehend geübt ist – da der Film dies aber nicht zeigt fällt die Illusion für den Moment, in dem man es sich vergegenwärtigen muss. Dass Ghettokid Will schon zuvor im plötzlich betretenen Kreise der Dekadenten und Gezierten nicht weiter auffällt als dadurch, dass er sich mit einigem eiliger zeigt als der übliche New Greenwich’ianer – das ist auch nicht so richtig plausibel. Sei’s drum, das ist des nitpickings vielleicht auch ein bißchen viel, zumal weit größere Logikbrüche und Zuwiderläufe des eigenen Konzeptes In Time auf der anderen Seite auch nicht daran hindern können, ein zumindest interessanter und in einigen (zu wenigen) wirklich starken Momenten eine Auseinandersetzung mit seinem Thema provozierender Film zu sein.

Wenn auch einer, der seiner Story mit dem Auftauchen des Love Interests, in Person Amanda Seyfrieds, weitere Zeit an Originalität für Konvention stiehlt. Timberlake entführt das reiche Mädchen ins Ghetto, die öffnet dort die Augen (noch weiter, als Seyfrieds Klüsen ohnehin offen stehen), verliebt sind die beiden längst und so werden sie gegen Gesetz und im Reichtum entartete Obrigkeit, dargestellt durch Vincent Kartheiser als Seyfrieds Vater, zu gesuchten Zeitdieben, die den Armen geben, wovon die Reichen im Überfluss haben. Dramaturgisch geht’s dabei (um das mal nicht mit Originalität schönzureden) bisweilen arg holprig, willkürlich und konstruiert zu, letztere beiden Adjektive greifen vor allem bei den Auftritten Cillian Murphys, der den Timekeeper Raymond Leon gibt, in seiner Mantel- und Ledermontur ein wenig verloren ausschaut und zwischen Handlungsorten switcht, als wäre er mit Teleportationstechnik am Gange. Wo In Time am Anfang zu sehr die Hast packt verweilt er später oftmals zu lange bei ähnlichen Handlungsabläufen aus nicht gerade tiefsinnigen Gesprächen zwischen Timberlake und Seyfried, sich wiederholenden Fluchtsequenzen und den Versuchen, Zeit zu beschaffen. Recht höhepunktslos plätschert der Film dahin, nur um am Ende noch mal kurz anzuziehen, dabei aber auch ein Stück Übersichtlichkeit zu verlieren, was zum wiederholten Male der Dramatik der Ereignisse schadet.



Das Fazit lautet also wie so oft, wenn die Idee ganz toll klingt: der Film wird ihr nicht gerecht. In Time ist zu keiner Zeit richtig schlecht, schluckt aber manches zu schnell runter, um auf weniger Schmackhaftem zu lange herum zu kauen. Justin Timberlake und Amanda Seyfried spielen gut, das aber zwei für sich genommen so attraktive Menschen nebeneinander so gar keine Wirkung aufbauen und damit der small town boy/city girl-Liebesplot völlig verpufft lässt sich sinnbildlich für das nicht optimale Miteinander des Films und seiner Idee sehen. Als empfehlenswertere Variante des Themas begrenzte Zeit in einer dystopischen Zukunft dürfte sich wohl Harlan Ellisons berühmte und preisgekrönte Kurzgeschichte „Repent, Harlequin!“ Said the Ticktockman von 1965 anbieten. Ellison erhob vor Kinostart eine Plagiatsklage gegen In Time, verzichtete nach der Sichtung aber auf weitere Schritte. Vielleicht in dem Wissen, als Autor einer der am häufigsten nachgedruckten Kurzgeschichten etwas geschaffen zu haben, das eine sehr viel längere Zeit hinter und vor sich hat, als der einmal geguckte, schnell verdaute und bald vergessene In Time.

Wertung & Fazit

Action: 3/5
Immer recht ähnliche Verfolgungsjagden mit Auto und zu Fuß, kleinere Schusswaffenscharmützelchen – nix dolles also, aber in der Menge nicht übertrieben und solide umgesetzt.
Spannung: 2/5
Teils denkbar simpler build-up and conclusion-Aufbau, wie etwa bei der Auseinandersetzung zwischen Timberlake und dem Zeitdieb Fortis, gespielt von Alex Pettyfer. Nutzt das Konzept der ablaufenden Zeit nur selten für echte Spannungsreize.
Anspruch: 1,5/5
Die Gesellschafts- und Konsumkritik ist platt, dadurch aber nicht unbedingt gänzlich verfehlt. Schließlich sind es nicht immer komplexe Sachverhalte, die zu sozialer Ungerechtigkeit führen…
Humor: 0/5
Reicht nicht für Punkte. Anflüge von Humor sind rar, erfüllen ihr Ziel dann aber meist auch nicht.
Darsteller: 3/5
Timberlake hat Zukunft, Seyfried kein Händchen für Rollen, Murphy ist unterfordert, die Auftritte von The Big Bang Theory-Star Johnny Galecki und Olivia Wilde sind kaum mehr als Cameos.
Regie: 2,5/5
Nicht zum ersten Mal hat Andrew Niccol der Autor eine tolle Idee, die Andrew Niccol der Regisseur nicht gleichwertig umsetzen kann.
Fazit: 5,5/10
In Time ist keine Zeitverschwendung, wird seiner tollen Grundidee aber auch nie vollauf gerecht. Niccols Story verwechselt Interpretationsspielraum zu oft mit inhaltlicher Leere, auch wenn viele nette bis tragisch-emotionale what if-Momente dabei sind – und im mangelhaften Storytelling nicht wirken, wie sie könnten.

Mehr zum Film

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