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Review: SHERLOCK HOLMES: A GAME OF SHADOWS

SHERLOCK HOLMES: A GAME OF SHADOWS Filmkritik
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»I don’t have anybody to thank. I’m sorry everyones been so gratuitous, „it was a collaboration, we all did this together“. Certainly not going to thank Warner Brothers, Alan Horn and my god… Robinov, these guys, they needed ME, Avatar was going to take us to the cleaners, if they didn’t have ME, we didn’t have a shot, buddy. What am I going to do? Thank Joel Silver, the guy who’s only restarted my career 12 times since I began 25 years ago?« So sprach’s Robert Downey Jr. und nahm im Frühjahr 2010 seinen Golden Globe entgegen, erhalten für sein Portrait des Meisterdetektivs Sherlock Holmes. Arrogant, abgehoben, herablassend, skandalös? Nö, pointiert, witzig, ironisch – und trotzdem irgendwie auch verdammt wahr, was der Robert da erzählte. Mehr als 25 Jahre Karriere bedeuten im Falle Downey Jr.‘s auch einen der heftigsten Knicke, die man während dieser Zeit so verfolgen konnte. Drogeneskapaden, Vandalismus, Set-Rausschmisse – Downey Jr. trudelte der Bodenlosigkeit entgegen, nur um ein Comeback hinzulegen, wie man es ebenfalls selten bestaunen kann. Vom Problemfall zur coolsten Sau Hollywoods, einer der besten Schauspieler war er eh schon immer gewesen, und mittlerweile zum Zugpferd gleich zweier Mega-Franchises. Iron Man und Sherlock Holmes leben so sehr von der Präsenz ihres Stars, dass ein altgebräuchliches Werturteil greift: man kann sich niemand anderen in der jeweiligen Rolle vorstellen. Dass der neuinterpretierte Holmes zum Hit wurde überraschte 2009 noch ein bißchen mehr, als es ein Jahr zuvor der Eisenmann tat, und was bei dem ohnehin beschlossene Sache war darf nun auch der tüftelnde Exzentriker bekommen: ein Sequel.

Story

Der brilliante Verstand des Meisterdetektivs Sherlock Holmes ist in Aufruhr: Anschläge und Morde erschüttern Europa und statt einer Gruppe von Anarchisten vermutet Holmes hinter all dem die Handschrift des so teuflischen wie ebenbürtigen Professor James Moriarty. Seine manischen Ermittlungen lenken Holmes gar von seinem zweiten großen Fall ab: sein langjähriger Partner Dr. Watson wird doch tatsächlich das Wagnis der Ehe eingehen und Holmes fürchtet nicht nur um den Verlust seines wichtigsten Verbündeten im Kampf gegen Moriarty – vielmehr noch fürchtet er sich vor der Einsamkeit. Doch ein erstes Aufeinandertreffen mit Moriarty knüpft das eine an das andere, die Schergen des Professors planen die Ermordung Watsons und so greift Holmes ein, um seinen Freund zu retten und sich dessen frisch Angetrauter Mary kurzerhand unsanft zu entledigen. Während Mary zurückbleibt schleift Holmes Watson auf einen Ermittlungstrip quer durch Europa, um Moriartys sich immer deutlicher offenbarenden Plan, einen Weltkrieg anzuzetteln, unbedingt zu verhindern…

Der Film

Sherlock Holmes: A Game of Shadows ist natürlich ein Sequel, wie es die Gesetzbücher Hollywoods vorschreiben: mehr Tempo, weniger Ruh‘ und Rast, mehr Schauplätze, höhere Risiken, mehr Action. Wie im Vorgänger sind die Geschehnisse bereits in vollem Gang und wärmen sich nicht erst lange auf, Regisseur Guy Ritchie braucht nur wenige Minuten um zu klären, dass er niemanden mit seinem Holmes zu versöhnen gedenkt, der dem Fausthiebe und kampfkünstige Bewegungsabläufe austeilenden Helden schon beim letzten Mal nichts abgewinnen konnte. Mit bis ins minimalst geplanten Schlagabfolgen entledigt sich Holmes einer ersten Meute von Gegnern, hetzt weiter zu einer eigenwilligen Art der Bombenentschärfung und ist dabei so wenig viktorianischer Gentleman, wie es die Hauptfiguren aus Ritchies dreckig-süffigen Trips durch die Londoner Unterwelt in Bube, Dame, König, GrAs oder Snatch waren. Wer mit dieser Herangehensweise im Vorgänger nicht warm wurde, der wird auch an den Schattenspielen nicht eben mehr Freude finden. Umgekehrt gilt das natürlich genauso, A Game of Shadows fühlt sich sofort so an, als hätte man Sherlock Holmes nie ausgemacht und das bleibt den ganzen Film so, weshalb trotz jeden Zuckens der typischen Sequel-Reflexe A Game of Shadows ein gutes solches ist.



Schlechte Fortsetzungen futtern sich reichlich Speck an, um in die übergroßen Kleider zu passen, die sie sich parat gelegt haben, gute Fortsetzungen ziehen genug selbstbewusstes Auftreten aus den Stärken ihres Vorgängers, um ihren Anzug auch so ausfüllen zu können: Sherlock Holmes: A Game of Shadows trägt zwar ein, zwei Nummern größer, bietet aber gar nicht so viel mehr an hohlem Bombast, nicht so viel weniger an Story und kein geringeres Interesse an seinen Figuren, vernachlässigt und vergisst nicht über das Streben nach MEHR die Betonung des Wesentlichen. Und dabei handelt es sich ganz eindeutig um Robert Downey Jr. und Jude Law als Holmes und Watson. Das Duo balgt und balzt sich in verbaler Hochform durch den Film, es ist ihr Gegen-, Mit- und Füreinander, aus dem A Game of Shadows auch dann seinen Antrieb schöpft, wenn er sie räumlich trennt und auf humoristischem oder schussgewaltigem Wege zu ihrer Wiedervereinigung überleitet. Man könnte sagen, Downey Jr. Und Law hätten die Rollen ihres Lebens gefunden (wenn nicht zumindest ersterer nicht noch ein paar andere Eisen im Feuer hätte), das würde sie aber zu sehr voneinander separieren, die haben stattdessen einander gefunden. Downeys exzentrische Vorlagen, Laws pragmatische Konter, der hinter Beleidigungen verborgene gegenseitige Respekt, die spitzzüngigen Kabbeleien, die mehr als so manche RomCom den Wunsch wecken, die beiden mögen sich nun endlich küssen: als gäbe es die Welt des einen ohne die des anderen nicht und daraus zog der erste und daraus zieht A Game of Shadows seine Dynamik, in den urkomischen Wortgefechten wie in den Momenten des Bangens.

Das erwähnte „nicht so viel weniger an Story“ meint allerdings nicht, dass Sherlock Holmes: A Game of Shadows sein kongeniales Gespann durch einen unbedingt besonders raffinierten Plot führt. Das Autoren-Duo des Sequels handhabt es auch in dieser Beziehung wie das –Trio des Vorgängers: die Story wird über die Benennung von Eckdaten weiter getrieben, Details bleiben ausgespart und erschließen sich erstmal nur Holmes, so dass alles eine Zeit lang viel komplizierter wirkt, als es letztlich ist. Beide Sherlock Holmes-Filme haben nicht unbedingt viel auf der Bühne stehen, wenn der Vorhang erstmal weggezogen ist und dadurch das in A Game of Shadows die milden Mystery-Elemente des Erstlings komplett wegfallen bleibt sehr viel weniger im Schatten, als es der Titel verkaufen möchte. So besteht dann auch Holmes‘ offensichtliche detektivische Arbeit zumeist daraus, über gewisse, kaum handlungsrelevante Personen ein bißchen besser als jeder andere Bescheid zu wissen und somit das nächste Ziel bestimmen zu können, was man mit dem bösen Wort Willkür kleinreden könnte. Es muss halt akzeptiert werden, dass der brilliante Verstand des Titelhelden dem Publikum als soweit im Voraus verkauft wird, dass Aussparungen und übersprungene „Warums“ am Ende behaupten logische Konsequenzen und „Weils“ zu sein.



So schwer zu schlucken ist das nicht, da Downey Jr. weiß, wie er das zu (über)spielen hat und Ritchie weiß, wie er es zu präsentieren hat. Die partiellen Längen des Vorgängers unterbindet Sherlock Holmes: A Game of Shadows durch beinahe ständige Bewegung, in und auf Gefährten oder störrischen Reittieren und im Laufschritt sind die Helden dauernd unterwegs, wobei sich die wechselnden Schauplätze meist gar nicht so sehr bemerkbar machen, da Ritchie der optischen Linie auch in Frankreich, Deutschland und der Schweiz treu bleibt: eine desaturierte Farbpalette, atmosphärisch-düster-dreckige Sets, keine nostalgischen Verklärungen. Dem ohnehin hohen Tempo enteilen einige Actionsequenzen nochmals um einige Meter, die furiose Zeitlupenexplosion aus Teil Eins bekommt ihre in allen Belangen gesteigerte Entsprechung während einer wilden Flucht vor Maschinengewehr- und Kanonenfeuer durch ein Waldstück, Holmes‘ präzise vorausgeplante Schlägereien sind auch beim zweiten Mal noch ein nettes Gimmick und innerhalb des gesteckten Rahmens übertreiben es die Actioneinlagen weder mit Logikbrüchen, noch mit CGI-Einsatz. Schön auch, dass die Helden nach wie vor nicht wie blank geleckt aus den Scharmützeln hervorgehen, sondern ihre Blessuren für länger als bis zur nächsten Szene mit sich herumtragen.

Sherlock Holmes: A Game of Shadows hält das Niveau des Vorgängers durchgehend, leider ohne etwas gegen dessen größte Schwäche zu unternehmen: bereits in Sherlock Holmes zog Erzbösewicht Professor Moriarty im Hintergrund die Fäden, weshalb noch zu deuten war, warum Mark Strongs Bösewicht Blackwood eine unspektakuläre Randerscheinung blieb. Holmes‘ ultimativer Nemesis sollte natürlich nicht die Show gestohlen werden. Die beschränkt sich in A Game of Shadows nun jedoch auf vergleichbar wenig Screentime und eine nicht wirklich in das Antlitz des behaupteten Genies des Bösen blicken lassende Performance von Jared Harris. Obwohl nicht einmal in ganzer Pracht zu sehen wirkte Moriarty im ersten Teil fast präsenter als nun hier in seiner tatsächlichen Verkörperung. Die angebliche Ebenbürtigkeit des Professors ergibt sich einzig aus den Verwirr- und Verweigertaktiken des Storytellings und aus schlichter Behauptung, ansonsten entschädigt der Film erst ganz am Schluss für die groben Versäumnisse im Aufbau Moriartys, dafür aber mit einer wahrlich großartigen Sequenz. Trotzdem bleibt die Möglichkeit insgesamt liegen und teils im Tiefschlaf gelassen, dem so wachen Holmes einen fordernden Gegner zu bieten.



Da er diese in Watson längst gefunden hat führt Sherlock Holmes: A Game of Shadows nach dem schnellen Ableben Rachel McAdams‘ auch keine neue große Liebe für den Meisterdetektiv ein, die eventuell in dieser Rolle erwartete Noomi Rapace fügt sich lediglich ganz gut neben Holmes und Watson an, die wirklich wichtigen Aufgaben lässt sie diese aber brav allein erledigen. Ihrer Figur Simza traut man immer wieder den Kick aus der Bedeutungslosigkeit heraus zu, der dann aber doch nie kommt. Als Holmes‘ Bruder Mycroft darf Stephen Fry seine nackte Pracht präsentieren, Paul Anderson als Scharfschütze Sebastian Moran fies zischen, eigentlich spielen aber im Schatten von Downey Jr. und Law alle nur gegen die Blässe ihrer Figur an. Und dennoch: A Game of Shadows ist ein starkes Sequel; die weltberühmte literarische Vorlage, unzählige vorangegangene filmische Umsetzungen und das Zitieren ganz anderer Vorbilder halten Ritchies Filme nicht davon ab, etwas ganz Eigenes zu besitzen, dessen Reiz noch nicht nachgelassen hat. Ob ein möglicher dritter Teil mit derart wenig Variation auch noch zu tragen wäre mag nicht mit Gewissheit vorauszusagen sein, zumindest bei zweiten Mal macht’s aber weiterhin Spaß.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Wie zu erwarten mehr als im Vorgänger, trotz des fehlenden Originalitätsbonus präsentieren sich Holmes’ Planprügel und Ritchies Zeitlupenkrawall nochmals in bestechender Form.
Spannung: 3/5
Weniger Hänger als im ersten Teil, dafür deutlich weniger Mysterium rund um die Handlung, der dementsprechend die »Aha!’s« in der Auflösung fehlen.
Anspruch: 1/5
Letztlich längst nicht so clever, wie er durch bewusste Aussparungen vorzugaukeln versucht.
Humor: 3/5
Dürfte in der Originalfassung noch um einiges pointierter sein, ist aber auch synchronisiert noch von einnehmendem Wortwitz. Etwas um die Düsternis des Vorgängers erleichtert.
Darsteller: 4,5/5
Robert Downey Jr. und Jude Law sorgen hier beinahe allein für die Punkte. Jared Harris und Noomi Rapace bleiben leider hinter kaum entfalteten Figuren zurück.
Regie: 4/5
Guy Ritchie entwickelt sich auf gutem Niveau nicht weiter.
Fazit: 8/10
Die denkbar einfachste Formel, nach der man ein Sequel berechnen kann: wer den ersten Teil mochte, wird vermutlich auch A Game of Shadows nicht viel weniger gut finden. Über den typischen Sequel-Bombast gehen Ritchie & co. nicht die eigentlichen Stärken ihres Stoffes verloren, an den Schwächen hat sich nur leider auch nix geändert. Folgerichtig:

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Kommentare

  • Viet

    Hey Christian (?),

    sehr gelungenes Rewiev. Es spiegelt all das Wahrgenommen und auch Unterbewusste, beim Schauen des Filmes.
    Sehr detailiert geschrieben, jedoch nicht alles „verraten”. Was mir an dem Review sehr gefällt ist die Eloquenz.
    „Brilliant, just brilliant” – wie ein Holmes.

    Lg

    • http://christiansfoyer.de/ ChristiansFoyer

      Danke schön, freut mich!
      Und Christian (!) ist richtig ;)