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Review: WARRIOR

Autor: am 10.02.2012, um 13:30 Uhr | Kategorie: Kritiken | 4 Kommentare

WARRIOR Filmkritik
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»Mutationem motus proportionalem esse vi motrici impressae, et fieri secundum lineam rectam qua vis illa imprimitur

Story

Seinen alkoholabhängigen Vater hatten Tommy Reardon und seine inszwischen verstorbene Mutter einst zurückgelassen, nach vierzehn Jahren kehrt der ehemalige U.S. Marine nun in seine Heimat Pittsburgh zurück, während der irgendwann einmal namhafte Wrestling Coach Paddy zum Glauben gefunden und dem Alkohol abgeschworen hat. Tommy hat es jedoch nicht auf Versöhnung abgesehen. In einem Gym sorgt er für Aufmerksamkeit, als er einen professionellen Mixed Martial Arts-Fighter und designierten Champion nahezu mühelos auf die Bretter schickt und als mit „Sparta” ein hochdotiertes Großevent der Szene ansteht greift Tommy auf die Coachingqualitäten seines Vaters zurück, ohne sich diesem auch nur ein Stück weit zu öffnen. Unterdessen kämpft der Physiklehrer Brendan Conlon mit ganz anderen Problemen: der liebende Familienvater bekommt die Wirtschaftskrise zu spüren und steht kurz vor dem Verlust seines Heims. Gelegentliche UFC-Fights gegen den Willen seiner Frau Tess können die Kasse auch nicht entscheidend aufbessern, im Gegenteil. Ein demoliertes Gesicht kostet Brendan für mindestens ein Semester die Anstellung und um sich und seine Familie überhaupt über Wasser halten zu können nimmt er das professionelle Training wieder auf und schafft es schließlich bis ins Teilnehmerfeld von „Sparta”. Dort warten nicht nur fünf Millionen auf den Gewinner – sondern auch Brendans Bruder Tommy…

Der Film

»Must be hard to find a girl who can take a punch nowadays«, raunt der Heimkehrer Tommy voller Verbitterung und Verachtung in Richtung seines Dads und wundert sich wenig später, zum Wiedersehen nur einen Kaffee angeboten zu bekommen. »So you found God, huh? That’s awesome. See, Mom kept calling out for him but he wasn’t around. I guess Jesus was down at the mill forgiving all the drunks. Who knew? I think I liked you better when you were a drunk.« Vergebung hat Tommy für seinen Vater nicht übrig, egal, wie reumütig der alte Mann auch darum bitten mag. Autor und Regisseur Gavin O’Connor verhandelt nicht zum ersten Mal eine komplexe Familienproblematik innerhalb eines klar definierten Genres: nach dem dirty cop-Thriller Pride and Glory (2008) konvertiert er Geschwister-, Eltern- und Generationenkonflikte nun in einen Kampfsportfilm. Der hochgelobte Warrior ist deshalb auch keine action- und spektakelfokussierte Kloppeveranstaltung, auch keine Milieustudie eines momentan angesagten Vollkontaktwettkampfes, sondern eine reichhaltige Beobachtung und unmittelbare Begleitung einer in Einzelteile gerissenen (Männer-)Familie. Subtilität ist dabei nicht immer oberste Regel, der emotionale Einschlag sitzt aber.



Warrior nicht als Box- oder Wrestlingdrama aufzuziehen, sondern die Mixed Martial Arts-Szene als Hintergrund zu nutzen, erweist sich nicht nur der Unverbrauchtheit wegen als sinnig. Sechs Teile lang Rocky, The Wrestler, The Fighter – was gäb’s da schon noch zu zeigen? Die käfigumzäunten Fights hingegen fügen dem Film nicht nur ein paar zusätzliche Ecken und ein bißchen Maschendraht hinzu, sondern der Kampfdramaturgie auch etwas unbändiges; die Kombination aus verschiedenen Kampfsportarten und –techniken und die Vielfältigkeit, in der eine Auseinandersetzung entschieden werden kann, sind an ein weit weniger starres Regelwerk gebunden. Und da es in Warrior nicht um einen Fighter auf dem Weg zum persönlichen Triumpf geht, sondern um das Aufeinanderzubewegen zweier Brüder, nutzt O’Connor das gegeben breite Feld der Möglichkeiten, um jedem der beiden seine ganz besondere Ringidentität zu geben, den Kampfstil umso deutlicher zum Ausdruck von Persönlichkeit und all dessen zu machen, was für diese beiden einander fremd gewordenen Männer auf dem Spiel steht. Brendan kämpft geduldig, steckt rundenlang ordentlich ein und wartet auf den richtigen Moment, um einen seiner Aufgabegriffe anzusetzen, Tommy hingegen hämmert ungebremst wie eine Dampframme auf seine Gegner ein und entscheidet seine Kämpfe binnen Sekunden.

Bis es aber überhaupt soweit ist lässt Warrior sich die nötige Zeit, der Film taucht langsam zum Kern seiner Konflikte hinab, statt sich überhastet hinein zu stürzen. Die Brüder werden lange getrennt aufeinander zubewegt, Tommy aus seiner grobkörnigen grauen, Brendan aus seiner helleren, familäreren Welt heraus, als eingefügtes Bindeglied der verabscheute Vater, von dessen Seite der eine Sohn in frühester Kindheit wich und der andere in der vergeblichen Hoffnung blieb, einen besseren Vater zu finden, wenn er ihn nur für sich allein hätte. O’Connor entzündet dabei nicht den einen großen Brand, sondern lässt viele kleinere und größere, gemeinsame wie individuelle Feuer glimmen, seine Figuren werden nicht in eine klar definierte Ecke gestellt und von dieser aus aufeinander losgelassen, kaum ein Handeln leitet nur ein einziger Grund. Als Beispiel sei nur auf Brendan eingegangen, einfach weil der ältere Bruder am deutlichsten formuliert wird: im Vergleich mit Tommy ist er immer der weniger talentierte, der Underdog gewesen, der trotz Kämpferherz selbst auf diesem Wege nicht die Anerkennung seines Vaters erlangen konnte. Auch nachdem er mit Tess und seinen zwei Töchtern ein ganz eigenes und annähernd vollkommenes Glück gefunden hat lässt ihn das Kämpfen nicht los, trotz der Ängste seiner Frau und dem Bild eines verdroschenen Vaters vor den Kindern kann er nicht loslassen. Als der Verlust ihres Hauses droht steigt Brendan nicht für den Luxus seiner Familie, sondern ihre blanke Existenz in den Käfig, seine harten Fights sind nicht (mehr nur) für Ehre und Ego, nicht für Ruhm und Reputation – sondern in der Verzweiflung um den Erhalt vierer Wände geführt.



Der abgewrackte Paddy und sein Mühen um die Vergebung seiner Söhne und der getriebene Tommy bewegen sich über nicht minder vielschichtige Ebenen, ein bißchen mehr metaphorisiert, ein bißchen mehr twistdienlich und in den direkten Konfrontationen auch und vor allem abseits des Käfigs unglaublich kraftvoll aufeinander zu rasend und ineinander donnernd, mit Worten so verletzend wie mit Fäusten. Die Story von Warrior rund um das große Turnier, die Umstände der Teilnahme und die Gegner bis zum dramatischen Finale – das bleibt alles Konstrukt, da bewegt sich der Film nicht über organische Pfade sondern geplante Wege, da hat Warrior dann doch einen Rahmen, der die Unbändigkeit, dieses filmgewordene Newtonsche Gesetz von Kraft-ist-gleich-Masse-mal Beschleunigung in Grenzen presst. Und tatsächlich nimmt sich Warrior dadurch manchmal selbst in einen kräfteraubenden submission hold. Der perfekte Kampfsportfilm ist Gavin O’Connor nicht gelungen, dafür bedient er sich einiger Mechanismen zuviel, zu denen scheinbar niemandem Alternativen einfallen wollen, was ja den Sportfilm allgemein zum berechenbarsten aller Genres macht. Die anfeuernden Daheimgebliebenen, die ihre Ablehnung und Ängste überwindende Adrian…ähhh…Ehefrau, die im entscheidenden Moment dann doch ihrem Mann beisteht, die enthusiastischen Kommentatoren, die sich immer anhören, als hätten sie eigentlich gar keine Ahnung von dem was sie da reden, und der böse Russe (der zum Glück nicht überstilisiert wird) – das sind alles Dinge, die Warrior nicht gebraucht hätte, da sie seinem Publikum ähnlich eingespielter Sitcom-Lacher zu sehr vorschreiben, wie es gerade zur Situation zu stehen hat, was die starken Charaktere auch mühelos für sich hinbekommen.

Das sind aber alles in allem bloß kleinflächige Schwellungen und Cuts, mit denen man der dichten Deckung und puren emotionalen Power der letzten Stunde von Warrior nicht beikommen kann. Je näher das unvermeidliche Finale rückt, desto intensiver wird der Film, denn eine Besonderheit hat er den meisten Genrekollegen voraus: sein Ausgang ist völlig offen, die perfekt gegeneinander inszenierten Austeiler- und Nehmerqualitäten der Brüder und ihr am Ende als gleichwertig enttarnter Einsatz und alles, was für jeden von ihnen auf dem Spiel steht, all das schließt den klaren Favoriten aus – und dennoch finden beide nach einem den Atem mehr als einmal stocken lassenden Fight zu ihrem verdienten und konsequenten Triumph. Das ist packend choreographiert, wird aber besonders von dem getragen, was Joel Edgerton und Tom Hardy aus ihren Figuren machen. Der Underdog, der sich gegen alle Widrigkeiten durchbeißen muss und die unaufhaltsame Kampfmaschine; eigentlich ein Prota-/Antagonist-Schema, wie es klassischer nicht geht, aber in Warrior natürlich ungleich komplizierter und graustufiger. Getrieben von tiefer Verbitterung, geplagt von seiner Vergangenheit und immer genauso kurz vorm Aus- wie vorm Zerbrechen ist Hardy der tragischere der Brüder, eine respekteinflößende, unbeirrbare Gewalt des Zorns, aber innerlich zerstört, in unvereinbare Bruchstücke gespalten, von Hardy sensationell gespielt.



Edgerton ist physisch keine derart einschüchternde Bestie, sein Spiel aber füllt eine ähnlich durchschlagende Masse. Die Brüder werden in mehr als einer Überdeutlichkeit unterschieden (Stichwort Kampfstil oder Einlaufmusik), entscheidend sind aber ihre zwei direkten Aufeinandertreffen. In diesen Szenen sind es die Augen und Gesichter Hardys und Edgertons, in denen vierzehn Jahre der Entfremdung, der gegenseitigen Enttäuschung, des Willens und des Unwillens zu vergeben oder aufzugeben deutlich werden, Hardys (Selbst-)Verachtung und Edgertons (Für-)Sorge. Dazu kommt der zu Recht Oscar-nominierte Nick Nolte, der eine herzergreifende Entblößung hinlegt und dessen Szenen mit Hardy zu den bittersten und ehrlichsten Vater/Sohn-Momenten überhaupt gehören. Die Nebenrollen sind mit Jennifer Morrison (How I met your Mother) als besorgte Tess, Frank Grillo (Prison Break) als Brendans engagierter Coach und Kevin Dunn (Transformers) als zwischen Pflicht und Anfeuerung schwankender Schuldirektor gut besetzt, aufgrund der Rollenzeichnung aber austauschbar. Professionelle Kampfsportprofis wie Anthony „Rumble” Johnson, Kurt Angle und Erik Apple dienen natürlich vor allem dem physischen Eindruck und der Authentizität.

Ob Warrior insgesamt ein authentisches Bild des Mixed Martial Arts abgibt kann ich als Nichtlkenner nicht groß beurteilen; das jemand bei einem so ausgewählten 16-Mann-Teilnehmerfeld derart durchfegt, wie es Hardys Tommy tut, dient aber wohl doch eher der Dramaturgie, denn dem Realismus. Wie dem auch sei: die Fights rocken. Ein kleiner Kritikpunkt, für den der Film selbst allerdings nichts kann, ist leider die Synchronfassung, die wie häufig bei direct-to-DVD-Veröffentlichungen kleinerer Verleiher nicht mit A-Sprechern besetzt ist. Das nimmt Warrior ein bißchen Wucht und Wirkung, die originale Sprachfassung sei also unbedingt empfohlen. Mit der wird Gavin O’Connors Warrior endgültig zum Ereignis. Beeindruckend gespielt, toll untermalt von Mark Ishams ruhigem und selbst in den dramatischsten Kampfszenen nicht überpräsenten Score und nahezu am Ausreizungslimit inszeniert.

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Die Fights in den Käfigen müssen nicht groß künstlich aufgepusht werden, um ihre Dramatik zu entfalten.
Spannung: 4/5
Wird und bleibt über die Figuren spannend und die Frage, in welches Schicksal der Film sie wohl entlässt, denn das ist tatsächlich mal nicht so vorhersehbar, wie bei Sportfilmen üblich. Erdrückend intensive letzte Stunde.
Anspruch: 3,5/5
Warrior kommt nicht ohne Konstruiertheiten dorthin, wo er seine Figuren haben will. Dennoch gestatten die einen tiefen und reichhaltigen Blick hinter die Abgründe eingerissener Fassaden.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 5/5
Tom Hardy, Joel Edgerton und Nick Nolte portraitieren eine zerschlagene Familie und graben jede einzelne Furche ihrer Figuren um. Herausragende Leistungen, natürlich vor allem physisch beeindruckend.
Regie: 4,5/5
Auch Gavin O’Connor findet keinen Weg um die üblichen Sportfilmklischees, das macht sich aber nicht negativ bemerkbar, da er seinen Warrior ungemein kraftvoll und mit Auge inszeniert.
Fazit: 8,5/10
Verdammt starkes Sport- und vor allem Charakterdrama, das eine der emotionalsten und packendsten Schlusskonfrontationen bietet und lange nachwirkt. Überragend und mitreißend gespielt von Hardy, Edgerton & Nolte.

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  • Fand ihn ebenfalls gut, würde aber aufgrund seines grundsätzlich strengen Folgens der Genrepfade und dem etwas kitschigen Ende jedoch einen Punkt weniger geben. Aber sicherlich einer der besseren Filme 2012 – soviel lässt sich auch nach 2 Monaten bereits sagen.

    • Hab aus ähnlichen Gründen auch mit der vergebenen und einer etwas niedrigeren Bewertung gerungen, hab mich dann aber doch für die höhere entschieden, einfach weil der Film was (in letzter Zeit) seltenes geschafft hat: hängen zu bleiben.

  • Verdammt, Christian! Ich habe den Film für einen absoluten 0815-Streifen gehalten! Jetzt muss ich unbedingt sehen ;) Bin mal gespannt!

    • Genau dafür hab ich ihn nach dem Trailer von vor zehn Monaten auch gehalten, zumal der fast die komplette Story vorwegnahm. Und in nicht wenigen Elementen funktioniert „Warrior” auch nach einer gewissen 08/15-(Kampf)Sportfilmmechanik – und ist trotzdem ziemlich gut ;)