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Autor: am 01.04.2012, um 14:18 Uhr | Kategorie: Kritiken | 4 Kommentare

Review: ZWEI AN EINEM TAG (OT: One Day)

ZWEI AN EINEM TAG (OT: One Day) Filmkritik
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Story


Der 15. Juli 1988: für Emma Morley und Dexter Mayhew ist es der Tag ihrer Examensfeier und der Tag, an dem sich das unscheinbare und wenig selbstbewusste Mittelstandsmädchen und der verwöhnte Upper Class Boy näher kommen, einen ersten Kuss und eine gemeinsam verbrachte Nacht teilen, ohne Sex, aber in beschlossener Freundschaft. Ihre Lebenswege gehen anschließend zunächst auseinander, die eigentlich schriftstellerisch ambitionierte Emma mag den rechten Mut nicht fassen und bleibt an einem Job als Kellnerin in einem pekigen mexikanischen Restaurant hängen, während Dexter draufgängerisch durch die Betten der weiten Welt tingelt und schließlich als Moderator einer abgedrehten TV-Show Karriere macht, Rausch und Überfluss inklusive. Dennoch bleiben die beiden über die Jahre ihrer Freundschaft und besonders dem einen Tag, dem 15. Juli treu…

Der Film



Der Liebesfilm ist ein ganz tolles Genre. Dem gehen einfach nie die Ideen aus. April, April. Und nun zu One Day. Der basiert auf dem gleichnamigen Bestseller von David Nicholls und der Autor hatte tatsächlich eine Idee: seine Romanze zwischen Emma und Dexter erstreckt sich zwar über einen Zeitraum von zwanzig Jahren, spielt sich konkret aber an nur zwanzig Tagen ab, nämlich immer am 15. Juli, beginnend 1988. An dieses Konzept hält sich auch Lone Scherfigs Film und hängt lediglich hinten ein paar Jährchen dran, um etwas näher am Jetzt zu enden. Liebesfilme in Zeitsprüngen zu erzählen und sogar aus der Chronologie zu reißen (siehe (500) Days of Summer) ist kein ungewöhnliches Mittel, um die eigentlich starre Zielfixierung des Genres wenigstens ein bißchen durcheinander zu wühlen, was aber natürlich den Nachteil des Anorganischen mit sich bringen kann. Der Weg der Figuren zum unvermeidlichen Zueinander wirkt nicht mehr natürlich, sondern nur noch mehr konstruiert und in seinen Wegpunkten zu deutlich ausgewählt und für subtile Entwicklung fehlen die Zwischentöne. Das wird in One Day zum überdeutlichen Problem, denn dass die Ereignisse zudem noch allesamt am immer wieder gleichen Tag ihren fortgangsentscheidenden Lauf nehmen ist letztlich arg viel Konzept und arg wenig Fluss.

Nicholls ist ebenfalls für das Drehbuch zu One Day verantwortlich und (in Unkenntnis der Vorlage vermutet) auch das mag kein Vorteil für den Film sein. Als Romanautor die nötige Distanz zum eigenen Werk aufzubringen, um die Ausschweifungen eines weit über 500seitigen Wälzers auf 104 relevante Minuten runter zu dezimieren dürfte kaum die leichteste Übung sein und das Nicholls nicht nur zu wenig, wie auch nicht immer das Entscheidende aus seinem Buch extrahiert hat darf angenommen werden. Die sich durch das Voranspringen um immer wieder ein weiteres Jahr teils radikal verändernden Lebenswelten der beiden Hauptcharaktere sorgen einerseits für Überraschungen und überraschen manchmal gerade durch ausgebliebene Veränderungen, andererseits hält diese „Aha!“-Wirkung weder den ganzen Film durch an, noch ersetzt sie, was an Figurenentwicklung verloren geht. Emma und Dexter werden von Zeit und Raum so weit auseinanderdividiert und auf DEN einen (längst nicht immer gemeinsamen) Tag beschränkt, dass weder ihre Beziehung zueinander noch jeder für sich wirklich ein Gefühl dafür losgetreten bekommt, dass man da gerade einen Menschen im Wandel betrachtet. Die werden von A über J nach O bis hin zu Z verschoben und das sie dafür E und M und R passieren mussten glaubt man diesen Figuren nicht.



Das verschuldet aber nicht nur die Struktur des Films und noch weniger die Darsteller, sondern die sehr grobschablonige Zeichnung der Protagonisten. Verwöhnter reicher Bengel suhlt sich in den oberflächlichen Freuden des Lebens und verpasst dabei sein wahres Glück, mausgraues Mauerblümchen schafft’s nicht aus dem Schatten der Selbstzweifel. Er fällt auf’s Maul und erlebt Läuterung, sie macht die Haare anders, tut die Brille runter und zeigt mehr Busen…ähhh…schreibt ihr Buch und fällt auf. Das ist so originell wie einmal vorwärts und einmal rückwärts von 1 bis 3 zählen und das One Day nicht komplett so stromlinienförmig, ambitionslos und ärgerlich vorhersehbar seinem Ende entgegen läuft wie die Mehrzahl seiner Genrekollegen liegt im Detail begründet: wenn die breite Spanne der zwei Jahrzehnte schon nicht für vielfältige Figurenentwicklung genutzt wird, so doch wenigstens für massig herzliche und nette Zeitgeistverweise. Die Erwähnung der Premierenfeier von Spielbergs Jurassic Park, die Watchmen-Graphic Novel, Emmas Skepsis gegenüber diesen neumodischen Handy-Dingern, die Klamotten, das Design, der Soundtrack – das ist eine schöne Entdeckungstour vom Ende der 1980er bis heute, immer wieder mit kleinen Hinweisen, entweder artikuliert oder ganz schnell am Bildrand vorbeigehuscht. Sehr liebevoll und nicht krampfhaft auf Nostalgie gemacht.

Dazu gesellt sich die insgesamt sehr edle Optik des Films, schöne Schauplätze, schöne Einstellungen, alles sehr umschmeichelnd. »Blendwerk!« könnte man meinen, aber einem visuellen Medium seinen in diesem Sinne geschaffenen visuellen Reiz anzukreiden wäre natürlich mal kompletter Blödsinn. Aprospos visueller Reiz: der geht von Anne Hathaway und Jim Sturgess nur sehr bedingt aus, dafür spielen sie ihre Parts da überzeugend, wo das Buch ihnen nicht unbedingt eine Hilfe ist. Hathaway, deren Gesicht ja fast nur aus Augen, Mund und Nase besteht, genügen tatsächlich entschminkte Lippen und eine Brille, um total unscheinbar auszusehen und somit ist auch der Wandel hin zur körper…ähhh…selbstbewussteren Schönheit kein Problem. In ihrer Emma dürfte Christopher Nolan nicht seine Catwoman für The Dark Knight Rises entdeckt haben, doch Hathaway spielt frisch und echt, mit Witz und dem Charme, den es braucht, um glaubhaft zu machen, dass sie einem zwanzig Jahre lang nicht aus dem Kopf geht. Wie Dexter mit seinem Leben, so weiß auch Sturgess erst spät etwas mit seiner Rolle anzufangen, den aufgedrehten Partymacker spielt er, wie man den halt schon zigmal gesehen hat, ein gehobenes Arschloch mit frecher Schnauze. Spielt Sturgess nicht zum ersten Mal, steht ihm aber weiterhin nicht besonders gut. Erst einer der radikalen Brüche in Dexters Leben, die Krebserkrankung seiner Mutter, bietet Strugess Gelegenheit, Talent zu Verletzlichkeit und angeknackster Psyche zu offenbaren. Mit der stets tollen Patricia Clarkson teilt er eine der besten und eine der wenigen wirklich berührenden Szenen des Films.



Achtung, der folgende Absatz enthält leichte SPOILER-Tendenzen!
Dem wird gegen Ende immer schwermütiger, nach eher leichten Dreivierteln schlägt One Day in einen essentielleren Geburt/Leben/Tod-Ton um und fordert recht plötzlich (und durch die Kameraposition gänzlich erwartbar) eine emotionale Verbundenheit und Anteilnahme zu den Figuren, die er zuvor aufzubauen versäumt hat und bleibt von der Wirkung so harmlos, als würde er fester Faust auf ein flauschiges Kissen dreschen. An diesem endgültigen Knackpunkt, an dem sein strukturelles Konzept einzig als genau DAS stehen bleibt, als ein KONZEPT, verliert One Day den Kampf um die Gunst des Interesses. Ausgerechnet, als man Emma und Dexter am nächsten sein müsste, fühlt man sich am weitesten von ihnen und ihrer Geschichte weggeschoben, vor allem weil über allem dieser 15. Juli hängt, der mit einer Schicksalsträchtigkeit aufgeladen wird, als wäre er Teil der omminösen Zahlenkombination aus Lost. Happy Ends sind ja auch nicht immer das Gelbe vom Mais, aus One Day wäre man mit einem solchen aber zufriedener rausgegangen…

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1/5
Kein Schlafmittel (hab den Film nach kurzer Nacht morgens um 5:00 Uhr geguckt und konnte mich problemlos wachhalten), aber auch nicht spannender, als es der romantische Film im allgemeinen ist.
Anspruch: 1/5
Die Struktur „erspart” es dem Film und den Figuren, dass sie allzuviel Gewicht aufladen müssen. Was sich negativ bemerkbar macht, als sie es am Ende doch noch wuppen sollen.
Humor: 1,5/5
Kein kreischender, sondern durchaus schlagfertiger und feingeistiger Humor.
Darsteller: 4/5
Hathaway spielt gut, Sturgess zumindest solide, die Nebenfiguren geraten nicht annähernd so stark in den Fokus.
Regie: 3,5/5
Die größten Probleme des Films sind eher nicht auf Lone Scherfigs Regie, sondern David Nicholls’ Skript zurück zu führen. Die Dänin schwelgt immerhin in schönen Bildern, die letztlich aber mit zu wenig Substanz gefüllt werden können.
Fazit: 5/10
Klassischer Fall von „funktionert als Buch, aber nicht (vollends) als Film“. One Day lässt sich angenehm gucken, ist schön gefilmt und gut gespielt, aber spätestens, wenn gen Schluss der große emotionale Einschlag sitzen müsste verpufft die Leinwandltauglichkeit des Konzepts.

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  • Ich habe das Buch zu diesem Film tatsächlich mal gelesen und fand das Buch echt gut. Zum Glück für mich habe ich mich aber dann immer um die Verfilmung gedrückt! ;)

  • Da stimmen wir in weiten Teilen überein. Ich kenne auch das Buch nicht, mich hat aber gerade diese grundlegend romantische Idee des Wiedersehens an diesem einen bestimmten Tag angesprochen. Dabei war ich vor allem gespannt, wie die Geschichte vorangetrieben werden soll, wenn doch nur dieser Tag gezeigt werden. Aber leider wurde dieses Gerüst nicht ausreichend gefüllt, das sehe ich auch vor allem als Problem des Drehbuchs. Gestört hat mich vor allem die fehlende Entwicklung der Figuren (insbesondere von Sturgess’ Dexter, für den ich kaum Mitleid aufbringen konnte). Dafür gab es einige gute Sätze und schöne Bilder, aber ich würde mir mal wieder eine richtig gute romantische Komödie wünschen. Die habe ich schon lange nicht mehr gesehen …