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Autor: am 04.04.2012, um 18:53 Uhr | Kategorie: Kritiken | 6 Kommentare

Review: REAL STEEL

REAL STEEL Filmkritik
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Es kommen immer mal wieder Filme um’s Eck, die bekommen allein ihrer ursprünglichsten Idee wegen lange vor Kinostart ihren Stempel weg. Dieses Jahr der Fall bei Battleship, der es als „die Schiffe versenken-Adaption“ schon mit seiner bloßen Ankündigung zum blödesten Film der Saison gebracht hat. Letztes Jahr traf diese Vorverurteilung Shawn Levys Real Steel in der Minute, in der herauskam, das es darin um boxende Roboter gehen würde. Transformers meets Rocky schrieb auch ich seinerzeit in einem Preview-Artikel und das klingt wahrlich nicht nach dem MashUp, auf das das Blockbusterkino gewartet hat. Hinter dieser scheinbar kreuzbekloppten Idee steckt in ihrem grobsten Zug allerdings tatsächlich ein Genius der SciFi-Literatur: 1956 wurde in einer Ausgabe von Fantasy & Science Fiction die Kurzgeschichte Steel veröffentlich, verfasst vom I Am Legend-Autor Richard Matheson. 1963 diente die Vision einer Zukunft, in der Roboter statt Menschen zwischen den Seilen stehen, als Vorlage für eine Episode des Mystery/SciFi-Kults Twilight Zone und ist nun, über fünfzig Jahre nach ihrem Erscheinen, der Ausgangsgedanke für eine BigBudget-Hollywoodproduktion. Viel mehr als die Prämisse bleibt beiden aber nicht mehr gemein, Zynismus und Härte der Vorlage weichen in Real Steel einer Vater/Sohn- und from-rags-to-riches-Story klassischen Couleurs.

Story

In der nahen Zukunft des Jahres 2020 steigen keine Menschen aus Fleisch und Blut mehr in die Box- und sonstige Kampfarenen, stattdessen prügeln sich an die drei Meter große Roboter gegenseitig die Schrauben raus. Der ehemalige Boxer Charlie Kenton schlägt sich in dieser Zeit als Trainer und Kontrolleur der stählernen Kolosse durch, hat seine besten Tage aber lange hinter sich. Mit dem heruntergekommenen Roboter Ambush tingelt er durch die Lande. Nach einem verlorenenen Kampf, der ihm neue Schulden und den Verlust seines Blechkameraden einbringt, erfährt Charlie vom Tod seiner Ex-Freundin. Um den gemeinsamen Sohn Max hat er sich nie gekümmert und somit verkauft der blanke Vater das Sorgerecht kurzerhand an Max‘ Tante und ihren reichen Gatten. Den Sommer allerdings müssen Charlie und der vorlaute Elfjährige gemeinsam verbringen. Auf einem Schrottplatz stoßen die beiden schließlich auf den alten Sparringsroboter Atom und treten mit dem „körperlich“ unterlegenen, aber Nehmerqualitäten beweisenden Underdog bei einigen Hinterhofevents an. Schnell macht Atom sich einen Namen in der Szene und plötzlich scheint sogar ein Fight gegen den unbesiegten Überroboter Zeus in Reichweite…

Der Film

Kreuz- und Quervergleiche zwischen Filmen sind meist nichtssagend, die Formel »Fans von Film A gefällt bestimmt auch Film B« ist genauso banal, wie die Aufzählung einiger Referenzen, wegen derer man sich Film A angeblich sparen kann, weil’s B und C vorher besser gemacht haben. Allein aufgrund der Anwesenheit von Robotern ist Real Steel kein »Transformers im Boxring«, was übersetzt so viel bedeuten würde wie: unübersichtliche Robokloppe mit lächerlich-nervig bis persönlichkeitsbefreiten Figuren, viel Visual Effects-Bumms und sonst nicht groß was gewesen. Im Boxring. Trifft SO alles nicht auf Shawn Levys Film zu. Nichtmal das mit dem Boxring, denn zu dem werden in Real Steel unter anderem eine Rodeo-Arena und ein leerstehendes Zoogehege umfunktioniert. Und trotzdem, zumindest ohne Vergleich mit Rocky will auch diese Besprechung nicht auskommen, einfach aus Spaß an banaler Analogie: Real Steel ist der Rocky für die Generation Special Effects, für die Generation HipHop (soso, Eminem ist also auch 2020 noch populär…), ist der Rocky für eine Generation, die mit einem nuschelnden, triefäugigen Schweineschwartenschläger aus Philadelphia nix anfangen kann. Wer aber nach der modernen sportfilmisch-dramatischen Äquivalenz zu Stallones Fäuste-Saga sucht, der ist mit Gavin O’Connors Warrior besser beraten.



Die Story vom abgebrannten Nichtsnutzvater, der nach Jahren des Egotrips und der Verblendung seinem herzöffnenden Kind begegnet und endlich die good old Grundwerte in sich entdeckt, Verantwortungsbewusstsein und so, trägt den ergrauten Bart mindestens so lang, wie jene vom Underdog im Kampf gegen alle Widerstände. Real Steel trägt also soviel Bart, dass er ihn bei den Modewochen des nostalgischen Plot Developments als knöchellanges Kleid verkaufen kann. Das SciFi-Setting rüttelt nicht groß an dem sehr klassischen Erzählkonstrukt, denn abgesehen von den Robotern ist es schlicht nicht anwesend. Keine fliegenden Autos, keine bis über den Himmelsrand aufgetürmten Skylines und kein Einzug der Blechgesellen in den Alltag; Real Steel spielt in keiner allzu weit entfernten Zukunft und bleibt ganz nah am Jetzt und mit dem Gestern verwachsen und verwurzelt. Shawn Levy zelebriert keine permanenten visuellen Ablenkungsmanöver, sondern bekennt sich zum Altbackenen, sitzt nicht am Steuer eines Joyrides durch die Welt von Morgen, sondern heizt den Kessel der Gestrigkeit. Da brummt sein einsamer Held Charlie Kenton zu melancholischen Folk-Klängen im Truck die Landstraßen entlang und präsentiert seinen ramponierten Roboter erstmal nicht in futuristischen Hallen, sondern vor einem cowboyhuttragenden Publikum in der texanischen Pampa und der stiefelscharrende Geldeintreiberschurke wartet gleich hinter der nächsten Tränke.

Von kaltherziger Dystopie ist in Real Steel nichts zu spüren, das ist ein hemdsärmeliger back to basics-Film, der sich naiv-optmistischen Blickes nicht an Zyniker, sondern an Romantiker, an Junge und Junggebliebene, an die Blumenpflücker, nicht die –zertreter wendet. Könnte also ein ganz schrecklicher Film sein, denn wo bisher positive Attribute wie „nostalgisch“, „klassisch“ und „Romantiker“ aufgeführt wurden, könnte man auch „kalkuliert“, „ideenlos“ und „Ahnungslose“ schreiben. Zumal die raubeinige Landstraßenromantik sich vielleicht noch um Kampfroboter erweitern lässt und natürlich sind auch die allgegenwärtigen Windparks und der damit abgegebene Kommentar zur Umweltverschmutzung, sowie die dezente Anprangerung der Kommerzialisierung des Sports und des barbarischen menschlichen Willens zur brutalen Unterhaltung ganz süß und blütenreinherzig – die zahlreichen wenig subtilen Produktplatzierungen aber pures Kalkül, die Story tatsächlich ohne den Funken einer Idee und ein Spannungsbogen wahrlich nur für die Ahnungslosen überhaupt vorhanden. ABER: Real Steel meint’s nicht böse mit seinem Publikum, der sieht und setzt eine kindliche Begeisterungsfähigkeit für sich und seine einfache Geschichte voraus.



Begeistern oder mitreißen kann Real Steel zwar nie, dafür fehlt es Story und Figuren zu deutlich an echter Dramatik; was einem als Urteil zuerst in den Sinn kommt ist »nette Unterhaltung«. Kein guilty pleasure, für diese Bezeichnung ist der Film in keinem Punkt schlecht genug, vielmehr ein friendly pleasure, bei dem man aber ebenfalls mal dieses oder jenes Auge zudrückt und sich die paar per se weniger tolle Szenen ein bißchen besser redet. Mit solchen Szenen hat nicht selten Dakota Goyo, oder besser der von ihm gespielte Max zu tun. Real Steel macht weite Bögen um jede ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Elfjährigen, der immerhin gerade seine Mutter verloren hat und mehr oder weniger am nächsten Tag in das unlimitiert-brutale Geschäft der Robo-Fights einsteigt, Trauerbewältigung mit Blechschaden, übergroßer Klappe und Übertölpelung der Erwachsenen. Mit beinahe jedem Satz ist Max ein Script Kid und während der junge Goyo schauspielerisch überhaupt nichts von dieser typischen Verkrampfung erkennen lässt, die Darsteller seines Alters oft unnatürlich wirken lässt, sind es hier Buch und Dialoge, die das Kind zum Gimmick machen, zum konstruierten Helden für das U12-Publikum. Einige Momente, in denen Max auf den starken Armen des Roboters Atom zum ersten Mal im Leben etwas wie väterliche Nähe spürt, sind schwächer als sie könnten, wenn der Bengel gleich in der nächsten Szene wieder den Großen über’s Maul fährt und anscheinend überhaupt nicht durch Fehlen und Verlust geprägt zu sein scheint.

Wäre aber auch verwunderlich gewesen, hätte Levy hier einen Schlag weit mehr als die harmlosen Kalamitäten seiner Night at the Museum-Entertainer in Real Steel investiert. Levys Filme bieten die Problemwelten eines Ostereis, bei dem nicht alle Farben sauber ineinander laufen, bilden den stimmungsmäßigen Gegenentwurf zu von Trier’scher Gemütszustandsbewältigung à la Antichrist. Ein Kampf Roboter gegen Stier und Charlies rücksichtsloses Sorgerecht-gegen-Cash-Geschäft mit seinem Sohn sind schon fast radikale Grenzüberschreitungen im kunterbunten Levy-Land. Nach dem guten Date Night ist Real Steel aber vor den Museum-Filmen, Cheaper by the Dozen oder Just Married Levys Bester. Vollzeitkerl Hugh Jackman nimmt das Ding ausreichend ernst, ohne verbissen rüberzukommen oder »oh my, what am I doing here?«-Allüren zu zeigen und ist mit seinen 1,90 Meter purer Präsenz sympathisch wie eh und je. Evangeline Lilly ist als Charlies Konstrukteurin Bailey die gute Seele, die ihm in Abständen ins Gewissen redet und natürlich in Jackmans starken Armen landen darf, ihrer Klischeeinsel also nie entkommt, aber das ganz schnuckelig macht. Kevin Durand bekommt seine Revanche für die Niederlage gegen Jackman im Boxring in X-Men Origins: Wolverine, Anthony Mackie spielt den loyalen Promoter, Olga Fonda und Karl Yune das Schurkenduo, James Rebhorn und Hope Davis sind auch dabei.



Alles nichts, womit man zur Jahrmarktsattraktion würde, aber dafür gibt’s in Real Steel natürlich die Robo-Boxer. Die machen sich, und auch das in der Tradition guten Unterhaltungskinos, nicht allzu breit, werden genügsam und effektiv und tricktechnisch einwandtfrei ein- und umgesetzt. Auf Anraten von Produzent Steven Spielberg und ganz im Sinne des 2008 verstorbenen Special Effects-Gurus Stan Winston stammen die tonnenschweren Kloppemaschinen nicht einzig aus dem Rechner, sondern sind in vielen Szenen als animatronische Modelle tatsächlich physisch anwesend, was der Glaubwürdigkeit der Kolosse natürlich nur hilfreich sein kann. Die Kämpfe sind spaßig und verhältnismäßig hart, stählerne Gliedmaßen werden abgetrennt, Köpfe von mächtigen Uppercuts vom Körper getrennt und Schmierflüssigkeit sickert wie Blut aus den niedergestreckten Leibern. Was allerdings DIE große Faszination am Robot Boxing ausmacht, dieses von Jackmans Figur angedeutete »die Menge wollte immer mehr und brutalere Kämpfe« und drum zerlegen sich nun die Blechbüchsen und die ganze Welt gröhlt dazu – so richtig zündet diese angebliche Faszination und ihre fehlenden Beschränkungen nicht. Anders als in der Vorlage geht Real Steel auch nicht besonders tiefgreifend auf das Leben der menschlichen Kampfsportler ein, die die Entwicklung aus ihren Berufen getrieben hat. Was machen Boxer, Wrestler und Martial Arts-Artisten in einer Welt, in der Stahl auf Stahl statt Fleisch auf Fleisch trifft und in der auch einer wie Charlie die Ausnahme zu sein scheint, da die meisten mechanischen Fighter von maschinophilen Nerds gesteuert werden? Real Steel fragt nicht danach. Solche Probleme wälzt ein Osterei halt nicht.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Die Robo-Fights haben Wumms, sind sauber und abwechslungsreich choreographiert und nehmen nicht über Gebühr ihren Platz im Film ein.
Spannung: 1/5
Zwei etwas überlange Unterhaltungsstunden, die nicht langweilen, aber auch nicht mitreißen oder gar irgendeine Spannung hinsichtlich ihres Ausgangs bieten.
Anspruch: 0/5
Real Steel ist nicht so blöd, wie vielfach nach den Trailern vermutet wurde, nutzt allerdings keines seiner möglichen Themen für eine Vertiefung des Robo-Boxing-Zirkus.
Humor: 1/5
Das dürfte stark vom Alter des Betrachters abhängen. Den Jungen dürfte Max’ Art noch Spaß machen, die Älteren werden eher genervt sein. Für die gibt’s immerhin Raubein Jackman.
Darsteller: 3,5/5
Pfundskerl Jackman hievt den Film auf seine breiten Schultern und hält ihn da im Gleichgewicht. Filmsohn Dakota Goyo spielt zwanglos, aber der Script Boy nervt einfach immer wieder gehörig. Rest unbesonders solide.
Regie: 3/5
Shawn Levy inszeniert mit dem kindlich-naiven Staunen des frühen Spielberg, aber kaum mit der Hälfte von dessen Talent.
Fazit: 6,5/10
Friendly pleasure, das reichlich Blech zerbeult, aber niemandem wehtut. Kann man ohne Bedenken mit dem 10+Nachwuchs laufen lassen, wenn der sich gerade ausgetobt hat und vor’m ins Bett Gehen auch nichts großartig lehrreiches oder forderndes mehr mitnehmen soll.

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  • Imho bezieht der Film mehr Inspiration aus Over the Top denn aus Rocky. Aber meine Wertung ist deiner nicht unähnlich. Ich hab seinerzeit nur etwas andere Kriterien dafür herangezogen.

    • Das mag sogar sein (kommt halt auf die Perspektive an), aber „Over the Top” hab ich einigermaßen bewusst aus der Besprechung gehalten. Glaube, der lässt „Real Steel” schlechter als er ist dastehen, wenn man den als Inspirationsquelle anführt ;)

      • Jetzt sag nicht, den hättest du nie abgefeiert. Der war doch damals ein Kultfilm. :D

      • Doch, sage ich, den hab ich NIE abgefeiert. Bei mir war’s früher so ein „entweder/oder”-Ding zwischen Schwarzenegger und Stallone und da hatte Big Arnie immer klar den Bizeps vorn.

  • Ich bleibe dabei. Ich habe den Trailer zwei Mal im kino gesehen und damit quasi auch den Film in seinen wichtigsten Situationen gesichtet. Der würde mich nicht überraschen und erst recht nicht sonderlich unterhalten. So habe ich mir immerhin 120 Minuten unnütze Füllung der Story gespart.

    • Gibt sicher Filme, bei denen nach dem Trailer noch ein bißchen mehr übrig bleibt – aber trotzdem ist „Real Steel” soo schlecht nicht. Wenn der mal im Fernsehen läuft dann schalt ruhig mal hin!