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Review: DER GESTIEFELTE KATER (OT: Puss in Boots)

DER GESTIEFELTE KATER (OT: Puss in Boots) Filmkritik
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Vieles in der Filmwelt ändert sich: Steven Spielberg dreht nicht mehr die unangefochten besten Blockbuster, Mel Gibson ist zu alt (und diverses anderes…) für den Scheiß, Johnny Depp plötzlich ein Mega Star, auf Spielzeugpuppen, Freizeitparkattraktionen und Comicheften basierende Filme spielen Milliarden ein. Eine Gewissheit bleibt aber wohl auf ewig bestehen, nämlich die, das Pixar die besten Animationsfilme macht. Keine andere Trickschmiede bekommt tolle Technik, innovative Geschichten, liebevolle Charaktere und Witz und Unterhaltung auf mehreren Ebenen mit solcher Konstanz auf die Leinwand, wie die Pixar-Jungs. Der Konkurrenz bleiben lediglich ein paar gelegentliche Ausreißer nach oben und ansonsten viel Masse auf einem Niveau, das allerhöchstens technisch Schritt halten kann. Die DreamWorks Animation Studios haben seit 2001 ihr Zugpferd in Gestalt des grünen Ogers Shrek, der nach zwei großartigen ersten Teilen, einem miserablen dritten und einem versöhnlich-soliden finalen (?) vierten seine Pflicht aber so langsam mehr als erfüllt hat. Weil aber Kung Fu Panda Po, die Tiertruppe aus Madagascar und Drachenzähmer Hiccup nicht völlig auf die Unterstützung aus dem Shrek-Universum verzichten sollen, ging zwischen deren Abenteuern ein SpinOff/Prequel an den Start, wie es folgerichtiger nicht sein könnte: ab der ersten Fortsetzung war Der gestiefelte Kater der Showstealer der Shrek-Filme und bekommt nun also sein vierpfotiges Solo spendiert.

Story

Der gestiefelte Kater ist nicht nur stets auf der Suche nach dem nächsten Abenteuer, sondern als gebrandmarkter Dieb und Geächteter immer auf der Flucht vor dem Gesetz, nachdem sein Freund Humpty Dumpty ihn vor Jahren verraten hat und daraufhin vom Kater zurückgelassen wurde. Als der Katzanova in einer Spelunke erfährt, dass das Gaunerpärchen Jack und Jill im Besitz der sagenumwobenen Zauberbohnen sein soll, scheint die Gelegenheit gekommen, in den Besitz unermesslicher Reichtümer zu gelangen: der Legende nach erwächst aus den Bohnen eine gigantische Ranke, die zum Schloss eines Riesen in den Wolken und seiner goldene Eier legenden Gans führt. Doch während seines Raubzuges wird der Kater von der Diebin Kitty Samtpfote unterbrochen und trifft schließlich auf deren Verbündeten Humpty Dumpty. Nach einigem Zögern willigt der Kater ein, seinem einst brüderlichen Freund bei der Beschaffung der Bohnen zu helfen und gemeinsam mit Kitty brechen sie zu einem Abenteuer auf, dessen wahre Hintergründe sich nicht sofort offenbaren…

Der Film

Der gestiefelte Kater ist ein gutes (oder schlechtes, je nach dem…) Beispiel, dass sich selbst die gelungenste Nebenfigur nicht so einfach in den Mittelpunkt einer eigens auf sie zugeschnittenen Geschichte rücken lässt. Der charme-schnurrende Latino-Fellträger mit all seinem Machismo funktionierte toll neben dem schwatzhaften Esel und dem grummeligen Oger in Shrek, ergänzte deren Dynamik und muss diese nun selbst erzeugen, was die ersten gut fünfzehn Minuten von Der gestiefelte Kater nicht besonders gut klappt. El diablo gato wirft mit Onelinern und Punchlines um sich und wird mitsamt seines Filmes Opfer all dessen, was in durchschnittlichen DreamWorks-Produktionen zu stinken beginnt, sobald Seh- und Hörnerven das Grundschulalter erfolgreich durchlaufen haben: sujetgebundene blöde Sprüche und Wortspiele, seit Stummfilmzeiten abgenudelter Slapstick, überlange Tanz- und Musiknummern, die der erste Shrek noch so brüllkomisch verschreckte. Der Kater wird seiner Grundsätze entsprechend vorgestellt, als Pussy Lover, Leche-Liebhaber, Outlaw, gerissener Gauner mit Ehre und Stolz, Degen-Derwisch und Tanzteufel. Alles sehr schematisch und auf die Niedlichkeit des Fellknäuls im Kontrast zu seinem heroisch-posenden Pathos gepolt, was schon ganz witzig ist, wenn der Kater zum Beispiel erst entschlossen und fluchend dahin marschiert und im nächsten Moment verspielt einem Lichtpunkt nachjagt. Putzig, aber sowas kann man auch bei der eigenen Katze beobachten.



Was die einem eher selten erzählt, ist ihre Backstory. Die präsentiert in einem ausgedehnten Flashback allerdings Der gestiefelte Kater für seinen Titelhelden, und das sogar ziemlich gut. Diese zehn Minuten des Rückblicks auf den Kater als kleines, kulleräugiges Miezchen, das vor den Toren eines Waisenhauses in San Ricardo ausgesetzt und von der herzlichen Imelda aufgenommen wird und sich mit dem Außenseiter-Ei Humpty Dumpty anfreundet, sind ohne große Übertreibung mit die besten, reifesten und emotionalsten, die DreamWorks auf narrativer Ebene bislang überhaupt geboten hat. Der große Hauptplot von Der gestiefelte Kater ist im Grunde kaum der Rede wert, überraschungsfrei und ein typisches Bandarbeitsprodukt, darin bettet sich aber dieses Kleinod von einem Flashback ein und verleiht selbst den offensichtlichsten Entwicklungen einen Hauch von more than meets the Ei. Brüderliche Freundschaft, Verrat, Enttäuschung, Vergebung: große Themen werden da aufgestoßen, zwar auch alles nichts Neues, aber für den Kater, oder besser die Art, in der DreamWorks ihn zeichnet, natürlich vorzüglich geeignet, um seinem Abenteuer ein paar klassische Züge alter Swashbuckler- und Western-Streifen zu verleihen und ihn wenigstens ein Stück weit wegzuschieben vom reinen Routineruntergerassel.

Darauf mag der Film ansonsten aber wirklich so wenig freiwillig verzichten, wie die Gänsemama aus dem Schloss des Riesen auf ihr Junges. Der gestiefelte Kater fegt in einer Eile durch seine Geschichte, als hätte ihm jemand auf den Schwanz getreten, besagter schön gelungener Flashback ist die einzige Handlungsszene, für die sich länger als für die vielen Actionszenen Zeit genommen wird. Die machen grundsätzlich Spaß (wenn sie nicht in einer Tanznummer gipfeln…), leiden aber unter ihrer Unverhältnismäßigkeit und dem, um ihn an dieser Stelle nochmal zu erwähnen, abgenudelten Slapstick-Humor. Der Kater knallt in eine Holzkiste und hinterlässt ein Loch in Form seiner Silhouette, der ungelenke Humpty Dumpty eiert durch die Gegend und immer wieder gibt’s was in die cojones. Was auch bei einem Ei mit Gesicht und Extremitäten nicht witziger wird. Mit einem anderen Anspruch an Humor gibt es folglich nur wenig zu Lachen in Der gestiefelte Kater; das der zur Subversion des ersten Shrek zurückfinden würde war natürlich nicht zu erwarten, dessen enthemmtem Gagfest im zweiten Teil kommt er aber auch nicht nahe.



Die flotte Action, der Charme des Katers und seine Backstory machen aus Der gestiefelte Kater ein gerade so sehenswertes und knapp über Durchschnitt einlaufendes Zwischenmahlzeitchen, wenn anderthalb Stunden nix anderes ansteht oder Pixar gerade keinen Film draußen hat. An der Technik ist nichts auszusetzen, spektakuläre Augenöffner sind rar, aber vorhanden (die Sequenz mit der wachsenden Bohnenranke beispielsweise), die Sprecher um Antonio Banderas, Salma Hayek und Zach Galifianaki machen einen durchweg guten Job, wobei Benno Fürmann, Carolina Vera-Squella und Alexander Duszat, besser bekannt als Elton, in der deutschen Fassung bei so hoher Qualität nicht ganz mithalten können. Das Zielgruppenalter liegt DreamWorks-typisch sehr niedrig, dem ist der Film überwiegend angemessen, wobei das hohe Tempo gerade in den Actionszenen vielleicht ein bißchen zu viel sein kann. Womit man letztlich bei einem der obligatorischsten Urteile angelangt, die man über einen Zeichentrick-/Animationsfilm fällen kann: nette Unterhaltung für die ganze Familie. An einem Samstag Nachmittag zum Beispiel, an dem die Eltern ihre Kinder einfach mal entspannt parken wollen. Wer etwas anderes oder mehr verlangt wird von Der gestiefelte Kater höchstens in Ansätzen entlohnt.

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Sehr flott und teils übereilt unterwegs. Viel Action, auch einigermaßen abwechslungsreich, eher aber ein bißchen zu viel.
Spannung: 1/5
Viel Aufregung, aber Spannung? Not really.
Anspruch: 1/5
Die Story um die Bohnen und die goldenen Eier ist platt, die zwischen dem Kater und Humpty Dumpty aber durchaus etwas komplexer.
Humor: 1/5
Viel zu wenige gelungene Gags, die Slapsticknummern nerven und die meisten Sprüche zünden nicht nur nicht, die kokeln noch nicht einmal.
Animation: 4/5
Guter Standart. Das Mexico meets Märchen-Setting passt nicht immer zusammen, ist visuell aber frisch und unverbraucht.
Regie: 2,5/5
Chris Miller hat als Writer/Director den Serientiefpunkt Shrek the Third zu verantworten – verglichen dazu ist Der gestiefelte Kater ein Fortschritt. Dennoch: mehr als Durchschnitt ist’s trotzdem nicht.
Fazit: 5,5/10
Wäre ein toller Kurzfilm geworden, wenn man die Flashback-Sequenz sondiert betrachtet, ist so aber insgesamt solide Animationsunterhaltung, die sich im Rahmen des Shrek-Kosmos zwischen dessen drittem und vierten Teil einordnet.

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Kommentare

  • Whoknows’ Best

    Schade! Wäre ein Film gewesen, der mich eigentlich angelockt hätte. Ich liebe nämlich Märchenfiguren, die sich ein wenig „umbasteln” lassen. Deine Einordnung zwischen den letzten „Shrek”-Filmen spricht aber – abschreckende – Bände. :(

    • http://christiansfoyer.de/ ChristiansFoyer

      Wenn’s vor allem die umgedeuteten Märchenfiguren gewesen wären, die dich hieran gereizt hätten, dann wirst du mit dem Kater-Solo wohl wirklich nicht glücklich, so viele Märchenfiguren wie in den Shrek-Filmen gibt’s hier nämlich auch net.

  • http://goingtothemovies.wordpress.com/ donpozuelo

    Fand ich dann also doch ein wenig besser als du! Insgesamt fand ich, dass sie es sehr schön hinbekommen haben, den Kater so weg von Shrek zu bringen. Hatte dann am Ende nicht mehr so viel mit dem grünen Oger zu tun und wirkte erstaunlich frisch. Ist jetzt natürlich auch immer die Frage, wie du den gesehen hast. Ich fand den Film im O-Ton wesentlich besser als in der Synchro.

    • http://christiansfoyer.de/ ChristiansFoyer

      Hab beide Fassungen gesehen. Der O-Ton pusht’s schon noch ein bißchen, besonders Galifianakis fand ich als Humpty Dumpty gelungener als Elton. Trotzdem: hätte gerne noch frischer wirken dürfen, kaut mir einfach zu viele ungeliebte DreamWorks-Mechanismen durch…