Skip to content
Autor: am 08.05.2012, um 14:06 Uhr | Kategorie: Kritiken | 4 Kommentare

Review: HELL

HELL Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film


Nachdem er fast zwei Jahrzehnte lang Hollywood vorgeführt hat, wie Schwaben am Budget sparen und trotzdem überwältigende Effektorgien zelebrieren können und nachdem er die Welt in Teilen oder gleich ganz mehrfach hat untergehen lassen leistete Roland Emmerich im Jahr 2011 mal wieder ein bißchen Heimarbeit. In Babelsberg realisierte der Sindelfinger Zerstörungs-Papst mit einer internationalen Besetzung sein Historien-Drama Anonymous, seine mit sechs Lolas (dem Deutschen Filmpreis) ausgezeichnete beste Regiearbeit bisher. Daneben unterstützte Emmerich auch noch als ausführender Produzent den Schweizer Hochschulabsolventen Tim Fehlbaum bei seinem Projekt Hell – ein Film mit Seltenheitswert, weit weg von kassenträchtigen Til Schweiger-Komödchen oder Bully Herbig-Klamauk.

Story

Das Jahr 2016: innerhalb eines so kurzen Zeitraums, das keine Anpassung gelingen konnte, hat sich die Strahlung der Sonne dermaßen erhöht, dass die Erde zu einem verdorrten Planeten geworden ist, auf dem Wasser und Nahrung knapp sind und ein Überleben nur im ständigen Schutz vor dem sengenden Licht des tobenden Zentralgestirns möglich ist. Durch eine entvölkerte Welt, in der sich alle Gesellschaftsstrukturen aufgelöst haben, sind Marie und ihre jüngere Schwester Leonie gemeinsam mit Philipp unterwegs, der sie in seinem Auto mitgenommen hat. Auf der Suche nach einer letzten Wasserquelle, die sie jenseits heruntergebrannter Wälder in einer Bergregion vermuten, treffen sie an einer Tankstelle auf den zwielichtigen Mechaniker Tom, der sie zunächst angreift und einen Teil ihrer spärlichen Habe erbeutet, sich ihnen aber letztlich anschließt. Doch als sie auf ihrem Weg zunächst auf ein Hindernis, dann auf ein Autowrack stoßen, gelingt es einer Gruppe von Wegelagerern, Philipps Fahrzeug samt Leonie zu erbeuten. Trotz aller Gefahren gibt es für Marie nur noch ein Ziel: ihre Schwester zu retten. Die tödliche Sonne erweist sich dabei allerdings als der harmlosere Feind gegenüber den Menschen, denen sie sich dafür zu stellen hat…

Der Film

Burning down the earth: Endzeitszenarien bringen stets dieses gewisse Faszinosum mit, so etwas bloß niemals selbst er- und durchleben zu wollen, davon aber dennoch allein des Ausblicks auf die Zerstörtheit von allem Bekannten gepackt zu sein. Die Cormac McCarthy-Adaption The Road und The Book of Eli sind Beispiele jüngeren Datums, denen sich Nachwuchsfilmer Tim Fehlbaum mit seinem Hell zum zumindest visuellen Vergleich stellen muss – was natürlich so wenig fair ist, wie erfreulich ist, dass er ihn besteht. Und das vor allem, indem er eine bildgestalterische Vergleichbarkeit umgeht, ohne sein Spielfilmdebüt dabei weniger apokalyptisch und wie den bloßen „Versuch“ eines ganz speziellen Genrefilms aus Deutschland wirken zu lassen. Wo hierzulande eh überhaupt kein Markt und kaum Möglichkeit für ambitioniertes Filmemachen außerhalb dessen besteht, was die deutsche Filmindustrie sich und ihrem Publikum zutraut – Kinderbuchverfilmungen, Betroffenheitsdramen, nach US-Vorbild nachgedrehte romantische Komödien – muss man Hell zwar nicht grundsätzlich dafür loben, mal etwas ganz anderes und fast einmaliges zu sein, wohl aber dafür, zu wissen und umsetzen zu können, dass Handwerk auch im filmischen Sinne ein Geschick ist, bei dem ein Wagnis selbst mit begrenzten Mitteln mehr Ertrag bringen kann, als das ewige Zusammenzimmern der gleichen Teile.



Die Konstellation mit den Schwestern Marie und Leonie ist sicher weder originell, noch in irgendeiner Form besonders aufbereitet: nach dem Tod der Mutter ist ihr Verhältnis nicht das einfachste und noch dadurch erschwert, dass sich mit Philipp jemand von außen in ihren Verbund gedrängt hat, den Leonie so wenig als Begleiter oder gar Anführer ihrer Gruppe akzeptiert, wie sie ihn an Maries Seite sehen will oder deren Fürsorge ohne Widerspruch annimmt. Fehlbaum macht aber nicht den Fehler, diese Konstellation mit zu schwerer Fracht zu behängen, ihm genügen wenige, aber treffende und schön mit dem Setting interagierende Momente, um die Figuren zueinander zu positionieren, wenn Leonie etwa ganz zu Anfang einen ins Auto einfallenden Sonnenstrahl mit dem Glas ihrer Uhr versengend in Philipps Nacken umleitet. Zwar stanzt Fehlbaum auch einige handelsübliche Formen aus dem Stoff seiner Figuren, leitet Spannungsmomente aus dem gängigen »Du bleibst im Wagen/an einem beliebigen für sicher erachteten Ort« ab und nutzt natürlich den ersten sich bietenden Moment, um Philipp als Feigling zu enttarnen und ihn moralisch in Frage zu stellen, dennoch werden in Hell nicht bloß ein paar Marionetten durch’s Bild gezogen, sondern vor dem Hintergrund einer lebensbedrohlichen Welt einfache, aber nachvollziehbare Motive geschaffen. Was für die zweite Hälfte des Films noch viel wichtiger ist als für die erste.

Hell etabliert seine »It’s the end of the world as we know it, and I feel hot«-Apokalypse mit simpler, aber im Ergebnis beeindruckender und voll überzeugender Technik. Durch eine Überbelichtung ist der Bildhintergrund ein permanentes grelles Sepia-Gleißen, so undurchdringlich wirkend, wie sonst das Dunkel der Nacht oder die graue Schwere dichten Nebels. Wie in Danny Boyles fast-Meisterwerk Sunshine wird der einst lebenspendende Feuerball am Firmament zur unzügelbaren Bedrohung, zum Symbol der Fehlbarkeit des Konzeptes Mensch, das gegen die Unerbittlichkeit und Unverhandelbarkeit solcher Mächte zum Scheitern verdammt ist. Hell spielt gerade einmal fünf Jahre nach seinem Produktionsdatum und ohne das Fehlbaum en détail darauf eingeht steht für ihn und seinen Film fest, dass keine Gesellschaftsstruktur und keine Form des sozialen Gefüges standhält und das Zusammenschlüsse höchstens in kleinen Interessengruppen Bestand haben, wenn der Feind einer ist, den man nicht besiegen und den man nicht aussperren kann. Und die Kollision der Interessen mündet in Gewalt: als Marie, Leonie und Philipp zu Anfang des Films auf Tom treffen stielt dieser von ihnen, setzt Leonie ein Messer an den Hals und liefert sich eine Prügelei mit Philipp, ehe Worte gewechselt werden, ehe man irgendeinen anderen Nutzen als den der Ausbeutung im Aufeinandertreffen zu erkennen versucht. Dies drückt sich umso drastischer aus, wenn die nun vierköpfige Gruppe später auf einen scheinbar wilden Haufen trifft, der Menschen in Fallen lockt, entführt und gefangen hält.



Die Figur des Tom erweist sich dabei als [ACHTUNG, tendenzieller, aber milder Spoiler voraus, zum Lesen markieren] beinahe klassicher Red Harring, eine falsche Fährte für den Zuschauer also [Spoiler Ende]. Der Deutsch-Kroate Stipe Erceg schaut dabei nicht nur wie der Klon von Viggo Mortensen und Mads Mikkelsen aus, sondern spielt auch in deren undurchsichtigen you’ll never know what’s gonna come-Modus. Verschlagener Verräter? Am Ende der unerwartete Held? Weder noch? Alles möglich. Im Handlungszentrum steht aber trotz dieser vierten Figur weiterhin Marie und ihr Kampf um Leonie, der zunächst einer um Vertrauen und Zuneigung, später um Freiheit und, auch außerhalb der mörderischen Sonnenhitze, ums Überleben ist. Nach einem kläglich scheiternden Befreiungsversuch ihrer verschleppten Schwester aus dem Lager der Entführer trifft die entkräftete und auf sich allein gestellte Marie in einer Kirche auf die hilfsbereite ältere Bäuerin Elisabeth, die ihr in ungeahnter Gastfreundschaft eine Übernachtungs- oder besser gesagt Übertagungsstätte und das seltene Gut Wasser anbietet. Doch als ihr Walkie Talkie anspringt, die einzige, entfernungsabhängige Verbindung zu Leonie, erkennt Marie, was wirklich vor sich geht – auch wenn das noch viel ungeahntere und abgründigere Dimensionen annehmen wird…

Mit Maries Eintreffen auf dem Bauernhof verliert sich das Postapokalypse-Thriller-Drama in Richtung Backwood Horror, spürt also gleich noch einem zweiten Sub Genre nach, das man sonst über irgendwelche Wrong Turns nach Deutschland exportieren muss, oder gleich ein Texas Chainsaw Massacre veranstaltet. Stilecht in der modernen Gestaltung der Heldinnen solcher Filme trägt Hannah Herzsprungs Marie eine zeitlang nur noch die Unterwäsche am Leib und insgesamt nimmt Väterchen Zufall das Heft des Storyfortlaufs öfter mal in die Hände, dennoch geht der Genrebruch von statten, ohne dass Hell an Intensität und Spannung verliert. Das Gleißen der Sonne weicht einer fahlen, nie ganz dunklen Nacht und die ständige Bedrohung der Hitze rückt hinter jenen Wahnsinn, den sie in den Köpfen einiger Übriggebliebener ausgelöst hat. Mit Schlachthaus-Sets und einem sehr speziellen Abendessen (bzw. Früstück) bei der Bauersfamilie fährt Hell bekannte Referenzen auf, setzt diese aber nicht zu klischeeüberladen ein und hievt auch die fundamentalistischen Ansichten der Bauerngemeinde in keine allzu degenerativen Zusammenhänge, sondern reflektiert mit einem bedrückenden Realismus die Konfrontation einer Gesellschaftsschicht mit dem Untergang und dem Drang zum Fortführen ihrer Werte.



Außerdem verschont einen Fehlbaums Hell mit einer totgerittenen Genreströmung, nämlich der Überbrutalisierung seiner Szenerie. Die Beklemmung entsteht aus dem sauberen Aufbau der Charaktere, was bei der ganzen »show everything, hide nothing«-Genreverwandtschaft ja nur noch in den seltensten Ausnahmen der Fall ist. Wenn es zu Gewalttaten oder regelrechten Eskalationen der Gewalt kommt genügen Andeutung und Schnittgeschick, um alles Notwendige deutlich zu machen. Ob und inwieweit man den Genrewechsel gutheißt ist, um nochmal eine Parallele zu Boyles Sunshine zu ziehen, sicher so sehr Geschmackssache, wie dessen monster-of-the-week-Finish, wenngleich der Bruch in Hell viel sauberer ist und weit weniger tendenziell unnötig wirkt. Herzsprung, die ohnehin klasse spielt, bietet sich ein plausibler Rahmen, um Marie in eine immer stärkere Entschlossenheit zu steigern und in einer Welt, in der nichts Unwichtiges mehr zählt, für das Wichtigste zu kämpfen, was ihr geblieben ist. Maries Wille und Opferbereitschaft für ihre Schwester Leonie lässt dabei in manchem Moment an einen noch ganz anderen Film denken, und zwar James Camerons Aliens, in dem Sigourney Weavers Ripley in einem verzweifelten Akt gegen die Alienkönigin und ihre Xenomorph-Brut antritt. Den Part des Obermonstrums übernimmt in Hell die einschmeichelnd-einschüchternde Angela Winkler, die in einer beunruhigenden Ruhe selbst die perfidesten Ziele ihrer Kommune vorträgt. Creepy as hell!

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Spannung: 3,5/5
Anspruch: 3/5
Humor: 0/5
Darsteller: 4,5/5
Regie: 4/5
Fazit: 7,5/10
Tim Fehlbaum darf sich mit Hell ein starkes Spielfilmdebüt attestieren lassen, das trotz Genrewechsels ab Hälfte ein stimmiges Gesamtes bietet, atmosphärisch tolle und in dieser Form einzigartige Bilder zeigt und von überzeugenden Darstellern und Figuren durch seine nicht ganz neuen Storypunkte getragen wird.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Artikel Credits
Relevante Links zum Thema

Kommentare
Deine Meinung zum Thema?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



  • Ich stimme deiner Kritik vollkommen zu. Das Endzeitgenre wurde mit „Hell” nicht neu erfunden, aber um ein gelungenes Szenario bereichert. Ich war auch mal wieder hingerießen von der großartigen Hannah Herzsprung und dem insgesamt tollem, deutschem Cast.

    • Hannah Herzsprung hat sich auf jeden Fall auf meine Liste gespielt und mir mal wieder klar gemacht, dass demnächst die Zeit zwischendurch auch mal wieder für europäische Filme da sein muss…

  • Schön gestalteter Post, gefällt mir :)