Cellurizon hat zu! Meine neue Website mit Filmkritiken, Kurzgeschichten und mehr Geschreibsel findet ihr seit Februar 2017 HIER
Skip to content

Review: THE BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL

Von Riggs J. McRockatansky vor 5 Jahren geschrieben06 / 20122 Kommentare

THE BEST EXOTIC MARIGOLD HOTEL Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film

Man stelle sich mal vor, Magnum Tom Selleck hätte statt Harrison Ford den peitschenschwingenden Archäologen Indiana Jones gespielt. Oder die Rolle des Feinripp-Cops John McClane in Die Hard wäre an Richard Gere und nicht an Bruce Willis gegangen. Oder der aufgedrehte End-1990er Will Smith hätte anstelle des stoischen Keanu Reeves den Neo in Matrix gegeben. Die wären wohl alle nicht geworden, was sie heute sind, nach dem Willen der Macher hätte es aber so kommen können. Was haben nun der beste Abenteuer- und der beste Actionfilm aller Zeiten sowie der SciFi-Wegweiser mit der britischen Dramödie The Best Exotic Marigold Hotel zu tun? Zugegebenermaßen nicht sehr viel, die zeigen halt nur alle, wie essenziell gutes Casting sein kann. Es stand zwar nie zur Debatte, aber was für ein im Vorfeld als furchtbar verurteilter Film wäre das geworden, wenn sich die Adam Sandler-Gang die Romanvorlage These Foolish Things von Deborah Moggach gekrallt und einen City Slickers-mäßigen Lausbubentrip nach Indien daraus gemacht oder wenn Julia Roberts darin ihre nächste Selbstfindungsschmonzette entdeckt hätte… Stattdessen bietet The Best Exotic Marigold Hotel einen bestens aufgelegten Alt- und All Star Cast britischer Edelmimen. Und Judi Dench, Bill Nighy, Tom Wilkinson und co. sind bereits die halbe Miete dieser wunderschön-witzig-melancholischen Ehrerbietung ans Alter.

Story

Eine Gruppe britischer Senioren steht an Punkten im Leben, in denen das Alter zur nicht mehr ausweichlichen Last und Verschlechterung ihrer gewohnten Lebenqualität geworden ist. Da wird ein neues Hüftgelenk nötig, deutlich jüngere Flirtpartner wirken bei Anbandelversuchen nur noch verstört und nicht zuletzt der Tod eines Nächsten verändert alles. Jeder von ihnen hat also unterschiedliche und gute Gründe, auf eine verlockende Anzeige aufmerksam zu werden, die den Senioren eine willkommende Abwechslung zu ihrem tristen Lebensabend verspricht: das Best Exotic Marigold Hotel in Indien verkauft sich mit dem Slogan „for the elderly and beautiful“ als Oase der Lebensfreude im hohen Alter. Doch was die Gruppe nach einer chaotischen Anreise in Jaipur vorfindet, ist ein heruntergekommener Palast, den der junge Sonny mit großen Träumen, aber fernab jeden Sinns für’s Geschäftliche erst noch wiederaufzubauen hofft. Nach diversen Startschwierigkeiten inmitten der Hitze und der chaotischen Überbevölkerung Indiens, der ständigen Unruhe und Bewegung, aber auch einer ganz eigenen Lebensbegeisterung und Ausstrahlung, entdecken die Rentner schließlich nach und nach, dass die lebenswertesten Jahre noch längst nicht hinter ihnen liegen…

Der Film



John Maddens The Best Exotic Marigold Hotel ist eine mirakulöse Ode an die Generation Ü60 und wie sie sich zurecht zu finden versucht, als allein die Anzahl der gelebten Tage aus dem folgenden ein ganz anderes Leben machen kann: nach jahrzehntelanger Ehe und Hausfrauenleben ist Evelyn plötzlich Witwe und behält von ihrem Mann wenig mehr als den vor ihr geheim gehaltenen Schuldenberg zurück. Die griesgrämige und fremdenfeindliche Muriel lässt sich den Flug ins Land ihrer Alpträume Indien nur schmackhaft machen, weil sie dort statt sechs Monaten nur einige wenige Tage auf die notwendige Hüftoperation warten muss. Das Ehepaar Douglas und Jean hat alle Ersparnisse an die Internetgeschäftsidee ihrer Tochter verloren – die von den Weiten des World Wide Webs scheinbar noch weniger Ahnung, als die Oldies hat, denen nun ein Apartment mit Gehhilfe und Sturzalarmknopf angetragen wird. Könnte man demnächst ja gebrauchen, meint der Verkäufer. High Court Richter Graham indes beschließt spontan, dass ohne große zeremonielle Verabschiedung der Zeitpunkt der Amtsniederlegung gekommen ist, während der (ehemalige) Womanizer Norman und die mehrmals unglücklich verheiratete Madge eigentlich nur eines wollen: auch im gehobenen Alter die Sau raus- und/oder ranlassen.

Kurz und klar werden diese Charaktere zwischen Sechzig und Achtundsiebzig mit ihren Dilemmata vorgestellt, ehe sie einander am Flughafen begegnen und aus dem grauen Alltag Englands ins bunte Indien abheben. Dort treffen sie auf den flipperkugelnden Dauerenthusiasten Sonny, der einige der Alten zunächst fast abschreckt mit der Unbändigkeit seiner Lebensfreude selbst im Angesicht niederschmetternster Tatsachen, sie im Laufe ihres Aufenthalts im Best Exotic Marigold Hotel aber daran zu erinnern beginnt, dass es auch für sie einst idealistische Tage des Träumens, des Hoffens und des Wagnisses gab. The Best Escapistic Feel Good Movie findet dabei jederzeit einen herrlichen, leichten, wehmütigen, bewegenden, dramatischen, witzigen, bedauernden, hoffnungsvollen, einfach immer den richtigen Ton, um die Gruppe der altersgefrusteten Pensionäre auszuverhandeln. Ganz ohne Furzwitze und jene Art welt- und zeitfremder Absonderlichkeit und Fremdscham, in der der alte Mensch an sich sonst so als schrullige Randfigur in Filmen abgetan wird. Zwar thematisiert auch The Best Exotic Marigold Hotel mal Verdauungsprobleme, aber dem ebenfalls über sechzigjährigen Madden gelingt insgesamt ein ungemein frischer, aufrichtiger und wahrhaftiger Umgang mit dem finalen Lebensabschnitt, der für viele geprägt ist vom Gefühl der Vereinsamung, des nicht mehr gewollt Seins in einer Welt, die in ihrer ganzen Entwicklung längst an einem vorbei gerast ist und immer nur noch mehr Gas gibt.



Frei von Zotigkeit oder gar Bloßstellung scheut The Best Exotic Marigold Hotel auch nicht davor zurück, in der Episode um Norman und Madge vom Bedürfnis nach Körperlichkeit und natürlich Sex zu erzählen, der Verlust des Begehrenswerten und der bleibende Wunsch nach Nähe bekommt seinen tragisch-heiteren Platz neben der allein ihrer Dauer wegen verpflichtenden Ehe der zickigen Jean und des geduldigen Douglas oder der Suche Grahams nach einer verloren geglaubten Jugendliebe und Evelyns Ausbruch aus den Fesseln des Umsorgtseins. The Best Exotic Marigold Hotel ist ein aus vollem Herzen menschlicher Film, der environmentale Aspekt des Handlungsortes Indien beschränkt sich weitenteils auf seine Auswirkung auf die Entwicklung der Figuren. So wie ein anderer großer britischer Ensemblefilm, Richard Curtis‘ Love Actually, trotz seines Kingdom vs. USA-Subplots kein aufschlussreiches Abbild vom Zwist zweier Großmächte und von Volkesstimmung gegenüber einer hörigen Regierung war, so ist The Best Exotic Marigold Hotel keine Aufarbeitung des Verhältnisses zwischen Indern und der ehemaligen Kolonialmacht Großbritanien, keine breitfächrige Problemanalyse und –anklage des Subkontinents und in seiner simplifizierten Darstellung kein Lösungsmodell dafür – was ja alles nicht bedeutet, dass diese Werke überhaupt nichts von Wert zu sagen hätten. Ein Film wie The Best Exotic Marigold Hotel muss keine großen Fragen stellen, die er eh nicht beantworten kann und darf statt dessen von kleineren Dingen und persönlichen Schicksalen erzählen, denn wer sich für die zu wichtig nimmt, der hat zu den großen Themen sowieso nichts zu sagen.

Evelyns gelegentlicher Off-Kommentar hätte dem Film eine Möglichkeit sein können, auf Armut und Überbevölkerung etwas deutlicher einzugehen, aber wie schnell hätte das in seiner scheinobjektiven Betrachtung durch den kulturgeschockten Westler zu einer reinen Ansammlung lediglich bemühter soziologischer Klischees werden können?! Stattdessen geraten ihre Blogeinträge, mit denen sie ihre Kinder in der fernen Heimat zu erreichen hofft, immer etwas pauschal, etwas kalendersprüchig oder glückskeksig in ihren Botschaften. Immerhin erklärt der Film Indien aber auch nicht zum Wunderland, in dem Selbstreinigungsprozesse und -(wieder)findung wie von Zauberhand einsetzen, sobald man sich auf Leute und Kultur eingelassen hat. Nicht mal jede Figur findet zu ihrer Erlösung, oder zumindest nicht auf den offensichtlichen Weg dorthin, nicht jeder wird vom Geist des Landes umfangen und in bunte Nebel aus Vielfarbigkeit und Gewürzen gehüllt. Am Ende mancher Reise können schließlich auch nur Akzeptanz und ein stummes Einverständnis stehen, The Best Exotic Marigold Hotel färbt nicht jede seiner Geschichten bis ins Kunterbunte ein. Allerdings knallen manche wiederum wie an beiden Seiten auseinander gezogenes Bonbonpapier zu ihrer Auflösung, besonders was die durchaus vorkommenden soziologischen Klischees rund um Sonny, seine große Liebe Sunaina und die davon wenig begeisterte Mutter angeht, die ihren Sohn lieber mit einem Mädchen ihrer Wahl verheiratet und dem Traum vom eigenen Hotel abschwörend sehen würde.



Doch selbst wenn die Geschichten durch die Bank weniger gelungen, weniger ehrlich wären und wenn der Film sie allzu sahnig und kirschgekrönt servieren würde, dann gäbe es da ja immer noch dieses wundervolle Ensemble. Namen wie Judi Dench, Bill Nighy, Maggie Smith oder Tom Wilkinson holen sich die dicken Produktionen wie Bond, Pirates of the Caribbean, die Potter-Reihe oder Nolans Batman Begins zur Zierde hinzu, phänomenale, ausdrucksstarke Charakterdarsteller, die die Schleife um’s Paket binden und in The Best Exotic Marigold Hotel nun zugleich beschenkt werden und selbst Geschenke verteilen. Die Vier genannten und außerdem Penelope Wilton, das Ridley Scott-Double Ronald Pickup und Celia Imrie bekommen einen Film, der nicht auf faltenfreien Jugendwahn setzt und sie alle liefern eingängliche Leistungen, britisch-trocken, ohne falsches zur Schau stellen gefühlvoll, auch mal voll tiefem Kummer und Verbitterung und dann wieder voller Leben aufblühend. Das strömt unentwegt und ungefiltert aus Dev Patel heraus, der junge Slumdog Millionaire und sein Wirbelwind und Wortakrobat Sonny können mühelos ein Negativ belichten. Insgesamt ist The Best Exotic Marigold Hotel einer dieser Film, der gerne noch eine Stunde länger laufen, seinen tollen Darstellern und den wunderbaren Geschichten ihrer Figuren gerne noch mehr Zeit schenken dürfte, nicht nur, um diese und manche Entwicklungen noch ein bißchen runder wirken zu lassen.

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 1,5/5
Ungemein locker und voller Kurzweil wegguckbar, aber natürlich nicht unbedingt ein Spannungsgarant im fingernägelkauenden Sinne.
Anspruch: 3,5/5
Ein vielschichtiges und nicht künstlich tabuisiertes oder gänzlich unnatürliches Portrait des Altwerdens und -seins. Nicht in allen Entwicklungen tiefgründig, aber dennoch nachvollziehbar.
Humor: 3/5
Ein britisches Darstellerensemble, wie es gar kein besseres Timing für Komik haben könnte, der culture clash wie angenehm aufge- und nicht überzogen.
Darsteller: 5/5
Eine Wonne, diesen wunderbaren Darstellern zuzusehen, die hier auch nicht bloß ihr eigenes Süppchen kochen, sondern auf’s vergnüglichste harmonieren.
Regie: 4,5/5
Touchdown für John Madden: ein Karrierehighlight des nicht-oft-Filmers.
Fazit: 9/10
Feel free to feel good: bestes eskapistisches Wohlfühlkino mit einer ganzen Gruppe wunderbarer Darsteller, die allein schon jeden Film aufwerten und alle gemeinsam natürlich erst Recht für ein Erlebnis der besonderen Art stehen.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Kommentare

Ja... weißt du... das ist vielleicht... deine Meinung, Mann...
...also schreib doch einfach einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

  • Whoknows 352 Kommentar(e)

    Wunderschöne, geradezu verlockende Besprechung. Da ist so ziemlich alles dabei, was für mich Rang und Namen hat. Ich freue mich schon auf die DVD. 🙂

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Danke sehr und du freust dich zu Recht, große (schauspielerische) Klasse, der Film 🙂

  • Weitere Artikel
    Navigiere zum vorigen/nächsten Artikel

    89 Aufrufe