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Review: DRIVE

Von Riggs J. McRockatansky vor 5 Jahren geschrieben06 / 20128 Kommentare

DRIVE Filmkritik
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Nach dem Tränendrüsendrücker The Notebook (2004) und Indiehits wie Half Nelson (2006) oder Lars and the Real Girl (2007) hat der Kanadier Ryan Gosling im Filmjahr 2011 endgültig den Schritt vom früh in der Karriere Oscar-nominierten Geheimtipp zum Star gemacht. Das desillusionierende Liebesdrama Blue Valentine, die RomCom Crazy, Stupid, Love. und George Clooneys Polit-Thriller The Ides of March hätten dazu wahrscheinlich bereits ausgereicht. Das Gaspedal so richtig durchgetreten hat aber ein anderer Film. Die Verfilmung eines Romans des preisgekrönten Literaten James Sallis, die gleichzeitig das US-Debüt des gefeierten Dänen Nicolas Winding Refn ist, schlicht: Drive. Kaum ein Film, bei dem dermaßen schnell »Kult!« gebrüllt wurde, der so überschwenglich für seinen gesamtwerklichen Style von seinen Retropostern mit dem knalligen pinken Font über den ‘80er-Synthesizer Europop-Soundtrack von Ex-Red Hot Chili Peppers-Drummer Cliff Martinez und diversen Electro-Künstlern bis hin zur Bildsprache und –gestaltung des eigentichen Films gelobt wurde. Bronson– und Valhalla Rising-Regisseur Refn erhielt bei den 64. Filmfestspielen von Cannes den Regiepreis und der ursprünglich seit 2008 als Starvehikel für Hugh Jackman und unter der Führung Neil Marshalls geplante Drive wurde zum Phänomen und Coolness-Synonym. Während’s als Jackman-Blockbuster vielleicht alle scheiße gefunden hätten wird’s nun also stattdessen als Arthouse-Actioner von den meisten gefeiert. Tja, und warum auch nicht, ist’s doch schließlich ein gnadenlos wegbügelndes, energetisches Brett von Film!

Story

Ein namenloser Mann, seiner außergewöhnlichen Fahrkünste wegen nur als der Driver bekannt, hat sich in Los Angeles als Mechaniker in der Werkstatt seines väterlichen Freundes Shannon und in Hollywood als Stuntfahrer verdient gemacht. Doch auch abseits ehrlicher Arbeit bietet der Driver seine Dienste an: bei Nacht ist er als Fluchtwagenfahrer bei Diebstählen und Raubüberfällen dabei und verdient sich ein Zubrot – mit eiskaltem Kalkül minutiös durchgeplant und nach seinen Regeln. Eines Tages begegnet der Driver seiner Nachbarin Irene und ihrem Sohn Benicio, dessen Vater Standard im Gefängnis sitzt. Zwischen Driver, der alleinerziehenden Mutter und dem Jungen entwickelt sich eine fragile Beziehung. Doch die Dinge ändern sich, als Standard entlassen wird und wieder zu seiner Familie stößt: bereits kurze Zeit später wird er brutal zusammengeschlagen und der Driver findet heraus, dass Standard einem Gangster namens Cock Geld schuldig ist und dieser die Sicherheit Irenes und des Jungen bedroht. Um die beiden zu schützen bietet sich der Driver Standard als Fluchtfahrer bei einem Pfandhausraub an. Aber alles läuft auf verheerende Weise schief, zurückbleibend mit einer Tasche voll Geld und gegen sich mächtigere Drahtzieher, als er es zunächst erahnen konnte, wird der Driver in die Ecke getrieben – und schlägt unerbittlich zurück, um jene vor Schaden zu bewahren, die er liebt…

Der Film

Back against the wall and odds
With the strength of a will and a cause
Your pursuits are called outstanding
You’re emotionally complex
Against the grain of dystopic claims
Not the thoughts your actions entertain
And you, have proved, to be
A real human being, and a real hero



Drive ist eine (Anti-)Superheldengenese, verpackt in ein stylestrotzendes NeoNoir-Retrolook Actiondrama mit Synthie-Pop- und Electro-Beat-Untermalung, das in seiner Plot- und Motivreduktion die großen Klassiker des Genres zitiert, wie Peter Yates‘ Bullitt, James Camerons Terminator und George Millers Mad Max: der Driver verliert nie den Fokus, seine Augen sind wachsam, seine Haltung konzentriert, die meist auf leiseste Regungen heruntergefahrene Mimik durchbricht nie seine kontrollierte Ruhe. Der Driver ist engagierter Beschützer und unbarmherzige Mensch-Maschine zugleich und in beidem unumstößlich zielfixiert. Beschützen, was sich zu schützen (und lieben) lohnt, und töten, was zu sterben verdient. Der Driver versucht in einer unvorhersehbaren Unter- und Zwischenwelt, vielleicht einer ganz persönlichen Postapokalypse, seine Vergangenheit bleibt schließlich verborgen, die Kontrolle zu bewahren, und als sie ihm entgleitet geht er bis ans Äußerste. Und der Driver ist ein Superheld. Tagsüber die unscheinbare, fast schüchterne Scheinidentität als fleißiger Mechaniker und (passenderweise seine Wandlung vorausahnend) maskierter Stuntman, der die Kraft seiner Fahrkünste des Nachts zunächst zum Zuverdienst nutzt, ehe er die Lektion der Verantwortung lernt, nachdem er Gefühle und Nähe zugelassen hat und feststellen muss, dass seine Fähigkeiten ihn bevorteilen, aber andere in tödliche Gefahr bringen.

I don’t eat
I don’t sleep
I do nothing but think of you
You keep me under your spell

Die Story des kontaktvermeidenden Loners, der sich aus selbstgewählter Einsamkeit herauswagt und seinem Herzen mehr gestattet, als nur benzinhaltiges Blut durch seine Adern zu pumpen, ist genau wie die Namenlosigkeit des Helden so abgenutzt wie ein Satz Reifen nach ein paar Rennrunden, und Drive ist sicherlich nicht deswegen so ein brummender, fauchender und dröhnender Hochleistungsmotor von einem Film, weil er seiner stattlichen Zahl an Vorbildern und Inspirationsquellen so viele neue Facetten abgewinnen würde. Aber wer frisch in die Formel 1 einsteigt muss auch keine Karosserie von Grund auf neu erfinden, sondern einen funktionstüchtigen und verflucht schnellen Wagen konstruieren, der die bekannten Teile der Konkurrenz so aneinanderschraubt und optimiert, dass die Pole Position dabei rauskommt. Und genau das bekommt Refn mit Gosling am Steuer auf die Strecke gestellt. Eine energiestrotzende Dauerverbrennung von Kraft und Antrieb, technisch nahe am Optimum und immer wieder kontrolliert in verschiedene Genrerichtungen ausbrechend. Car chase-Actioner, Charakterportrait, Crime-Thriller, Liebesdrama, Slasher sogar, in überragendem visuellen Design präsentiert. Keine unentschlossene style over substance Masturbation auf filmhistorische Wichsvorlagen, trahierend progressiv und nonkonformistisch in seinem Ablauf, seiner Stilisierung, Visualisierung und Akkustisierung zwar, aber eben auch character driven, Interpretationsraum schaffend in der Mehrdeutigkeit surrealistischer Märchenlemente und Figurenentwicklungen.



Die Beziehung des Drivers zu Irene ist im Grund von gegenpoligem Magnetismus: mit der furious-minimalistischen Eröffnung des Films ist klar, dass er im gesellschaftlichen Zwielicht verkehrt, sich mit ähnlichen Schatten abgibt, auf die sich bereits ihr Mann Standard eingelassen hat und dadurch von der Familie fortgerissen wurde. Irenes Hoffnungen in den zurückhaltend-netten Nachbarn, der sich um ihr kaputtes Auto genauso zuverlässig wie um ihren Sohn kümmert, ihre träumerischen Ausflüge an verborgene Orte L.A.‘s, dieser weichgezeichnete Trug kann nur wieder enttäuscht werden. Der Driver hingegen kann alles am Lenkrad seines Wagens, ist aber auch ein emotionsgestört-soziopathischer Nerd, der sich selbst längst verloren und aufgegeben zu haben scheint, der Driver ist eine Amalgamierung verschiedener Einflüsse, die er als Stuntfahrer in Hollywood vermutlich genau dort aufgenommen hat: in der Filmbranche. Bezeichnend die Momente der Annäherung zwischen ihm und Irene, als sie zum ersten Mal die um den Schaltknüppel geschlossene Hand des Drivers umgreift und später ihr erster Kuss, der sie erst nah zueinander bringt und dann denkbar weit voneinander wegstößt, als der Driver im nächsten Augenblick einem bad guy den Schädel zertrümmert. Die Love Story in Drive funktioniert aus dem selben Grund, aus dem viele der großen klassischen Gefühlsballaden funktionieren: weil ihr Scheitern gewiss ist. Weil die Figuren die Erlösung nur kosten dürfen, bevor sie ihnen entrissen wird.

Dafür muss man nicht wissen, wer genau nun der Driver ist und woher er kommt, dafür ist nur wichtig, wohin er will und wie er dorthin gelangt. Die rücksichtslose Brutaliät, die ihn begleitet und dem Film seine 18er-Freigabe einbrachte, lässt sich Zeit, ehe sie hereinbricht, kommt aber keineswegs völlig aus dem Nichts. Wie erwähnt, der Weg des Drivers ist in gewisser Weise der eines Superhelden und dieser findet, als es keine Alternative mehr dazu gibt, in der Erweiterung und endgültigen Entfesselung seiner Kräfte die Mittel zur Tat in seiner Gnadenlosigkeit, in ekstatisch-ausartenden und verschreckenden Gewaltakten, in ihrer Enthemmung auch dem Umstand geschuldet, dass der Driver sein plötzlich wegen Irene gefühlsdurchsetztes Inneres nicht mehr im Griff hat wie zuvor. Logischer und konsequenter können zerschossene, zermatschte und erstochene Leichen also kaum arrangiert werden. Every hero must learn his purpose. Ryan Gosling portraitiert diesen Wandel natürlich nicht einzig über die coolen Posen, in die Drive ihn rückt, sondern indem er dem Driver neben seiner gefassten Abgeklärtheit eine ständige Aura der gezügelten Selbstzwanghaftigkeit verleiht, immer kurz davor, sich loszureißen und die Schwelle zwischen Maschine und Mensch, Mensch und Held, Held und Psychopathen zu überschreiten. And you have proved to be a real human being, and a real hero. Vielleicht der krasseste solche seit Robert De Niros Travis Bickle in Taxi…wait for it…Driver.



Ob Drive nun Kult ist, ob noch Generationen sich an Goslings Scorpion Jacke erinnern werden und ob das Sequel Driven entstehen wird, wie es anknüpft und ausfällt usw. ist zum heutigen Zeitpunkt so ungewiss, wie im Grunde egal. Getreu dem Motto »just a good film just isn’t good enough« wird schließlich so einiges höher gejubelt, als es letztlich springen kann… Drive allerdings, um die Euphorieschraube mal nicht ganz zuzudrehen, kann zumindest und erstmal für den Moment nicht nur so hoch springen, sondern danach auch noch sauber landen und mit Vollgas ein paar Meilen weiter brettern. Refns neunter Film ist ein Atmosphärehammer, Würdigung zahlreicher Vorbilder und Stile ebenso wie ein eigenständiger Faustschlag in Bild und Ton. Neben Gosling und Mulligan brillieren der immer geniale und endlich in den verdienten Ruhmessphären angelangte Bryan Cranston, der nicht minder großartige und hier selbst Clowns einschüchternde Albert Brooks (zur Erklärung: Clowns sind das Böse!) und Charakterfresse Ron Perlman als irgendwie schon fast bemitleidenswerter, jüdischer Möchtegernmafiosi. Kleinere Rollen gehen mit Mad Men-Oberweitenwunder Christina Hendricks (die vor lauter Busen ja wirklich kaum weiß wohin) sowie Robin Hood– und Sucker Punch-Baddie Oscar Isaac genauso in die Hände fähiger Namen. Dazu Refns Regie, der Soundtrack von Cliff Martinez, unter anderem ergänzt durch die oben zitierten Songs der Bandprojekte College (A Real Hero) und Desire (Under Your Spell) – und dann hat man ihn erlebt, mindestens einen der besten Filme des Jahres..

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Drive ist (k)ein Actionfilm, bedeutet: die Actionszenen sind rar und ganz sicher nicht explosionsgetrieben, aber wuchtig und rasant.
Spannung: 3,5/5
Drive ist (k)ein Thriller, bedeutet: die Spannung ergibt sich aus der dichten Atmosphäre und der stückweiten Unvorhersehbarkeit, weniger aus spitzen Spannungsmomenten.
Anspruch: 4/5
Drive ist (k)ein Drama, bedeutet: die Wandlung des Drivers bietet durch die Unbestimmtheit der Figur wahnsinnig viel Interpretationsspielraum und die Machart des Films gibt nicht nur, die verlangt auch ab. Dafür bleiben die Nebenfiguren allesamt bloße Projektions- und Reaktionsfläche des Drivers.
Humor: 0/5
Drive ist definitiv keine Komödie.
Darsteller: 4,5/5
Ryan Gosling schickt sich an, den Thron des King of Cool von Steve McQueen zu übernehmen und schafft für seine Figur ganz ähnlich viel mit nur minimalen Regungen. Daneben tolle Namen und viel Talent in gewollt zweckmäßigen Rollen.
Regie: 5/5
Nicolas Winding Refn wird hoffentlich nie in die Situation kommen, sich in seinen Stil hineinreden lassen zu müssen, um ein Projekt gestemmt zu bekommen. Der Mann hat enorme erzählerische und gestalterische Kraft.
Fazit: 9,5/10
Da fehlen nur ganz winzige Kleinigkeiten bis zum 10er: Drive ist in so ziemlich jeder Hinsicht ein absoluter Kracher. Nie so artsy, dass es künstlich wird, aber doch in seiner ganz eigenen mitreißenden retro-coloured world.

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Kommentare

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  • Peter Simonka 18 Kommentar(e)

    Diese Drive film sehr gut akcion

  • donpozuelo 198 Kommentar(e)

    Ein toller Film!!! Hat mich auch wirklich umgehauen! Toller Soundtrack und ein genialer Ryan Gosling!!!

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Ja!!! Ja! Ja!!!

  • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

    Hattest du den Film nicht schon mal besprochen? Meine erste Reaktion war nämlich auch “Nanu, was ist denn hier los?”…

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Nö, vorgestern erstmals gesehen, gestern die Kritik veröffentlicht 😉

  • Wulf | Medienjournal 23 Kommentar(e)

    Nanu, was ist denn hier los? Noch kein Kommentar zu diesem großartigen Film und deiner dem in nichts nachstehenden Review!?! Dann nutze ich doch die Gunst der Stunde um dich einmal mehr für dein anbetungswürdiges Geschreibsel zu loben, dass hier den Film definitiv und sehr ausführlich ins rechte Licht rückt. Sehr schön vor allem auch der Formel 1-Vergleich und die Analyse des wahrhaft minimalistisch agierenden Gosling, der aber gerade dadurch wie ich ebenso finde hier zu einer nie gekannten Intensität in seiner Spielweise kommt.

    Auf die James Sallis-Vorlage freue ich mich übrigens nun, da ich sie gestern auf dem Düsseldorfer Bücherbummel erstehen konnte. Und ja, ich gehöre auch zu den “Kult!”-Schreiern, aber auch Kult ist ja nicht gleich Kult und ich denke “Drive” wird hier auch über längere Zeit sicherlich seine Nische finden.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Danke sehr! 🙂
      Die Kommentararmut rührt glaube ich daher, dass ich mit dem Film ja ziemlich spät dran bin und alle überall schon alles dazu gesagt haben – und wahrscheinlich eh wieder die wenigsten mein überlanges Geschreibsel lesen mögen 😉

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