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Review: LOOPER

Von Flynn Hardy vor 4 Jahren geschrieben09 / 20124 Kommentare
LOOPER Filmkritik

Auch wenn sie zu den beliebtesten Gangarten des Kinos gehören, könnte man ihrer gerade im SciFi-Bereich doch langsam einigermaßen müde werden, den high-concept-Narrationen und what if…-Prämissen. Zu viele tolle Ideen, die da oft nicht befriedigend zu Ende oder wenigstens ein bißchen weiter als bis vor die Gartentür ihres ausstellerischen Settings gebracht werden, wie etwa bei Andrew Niccols In Time, Duncan Jones‘ Source Code oder zuletzt dem überflüssigen Total Recall-Remake – die immer mit einem einzigen divergierenden Kniff gedachten Zukunftsvarianten müssen schon mehr bieten, als ausschließlich einen interessanten »was wäre, wenn…«-Gedanken. Beantworten müssen sie ihn nicht, aber einzig daran hängen bleiben dürfen sie auch nicht, denn auf wie viele Szenarien kann und will man sich eigentlich noch einlassen, ehe diese ganzen Ideen von Zeit als Währung, Körpertausch und implantierten Erinnerungen etc. sich irgendwann nicht nur überholt haben, sondern auch einfach die Lust abhanden kommt an weiteren Explanationen gedachter Zukünfte zwischen den ganzen Blade Runnern, den 1984s und den Terminators, die es nun bereits gibt!? Oder anders gefragt: kommt da noch ein Science Fiction-Film mit high-concept-Narration und what if…-Prämisse, der es wirklich, WIRKLICH lohnt, sich auf ihn einzulassen? Oh ja, und hier ist er: Rian Johnsons Looper.

Story

Das Jahr 2044: in Kansas City arbeitet der junge Hitman Joe als sogenannter Looper. Im Auftrag einer Mafiaorganisation aus der Zukunft entsorgt er per Zeitsprung gesandte Zielpersonen und lässt diese verschwinden, was in dreißig Jahren aufgrund von ID-Erkennungen nahezu unmöglich geworden ist. Die mitgesandte Bezahlung in Silber hortet Joe in seinem Appartment, um sich irgendwann nach Europa abzusetzen, sobald er seinen Loop beendet hat. Dazu muss er früher oder später sein eigenes Ich aus der Zukunft töten. Solange genießt der drogenabhängige Killer sein Leben mit Partyräuschen und der bezahlten Liebe der Edelnutte Suzie in vollen Zügen. Bis er tatsächlich eines Tages seinem alten Selbst gegenübersteht und alles gnadenlos schief läuft, denn der fünfundfünfzigjährige Joe denkt gar nicht daran, sich einfach eliminieren zu lassen und ergreift die Flucht. Da er seinen Loop nicht ordnungsgemäß beendet hat wird nun auch der junge Joe zum Ziel seines Bosses Abe, der, ebenfalls aus der Zukunft gesandt, die Vorgänge rund um die Looper überwacht und regelt. Joe setzt fortan alles daran, sich zuerst ausfindig zu machen und aus dem Weg zu räumen. Aber der alte Joe hat das Wissen um einen geheimnisvollen Tyrannen und eine persönliche Tragödie aus der Zukunft mitgebracht, deren Entstehen er um jeden Preis in der Gegenwart zu verhindern gedenkt…

Der Film

Der high-concept-Begriff wird besonders im SciFi-Kino oft mit Analogien und Gegenwartsbezügen angereichert, um seiner Ein-Satz-Simplizität zu entgehen. Aktuelle Gesellschafts- und Politentwicklungen bekommen den Spiegel hingereckt, werden überhöht und auf (satirische) Spitzen getrieben, in der Regel abgeleitet von Einfällen Philip K. Dicks – nicht so bei Looper. Johnsons 2044 bleibt unpolitisch und obwohl es nur zwei Arten von Zukunftsbürgern zu geben scheint (jene, die in dröhnend grellen Clubs Zeug einschmeißen und sich Sportwagen leisten können und jene, die wie Straßenköter durch die Gassen ziehen und bei Nahrungsausgaben Schlage stehen müssen) auch weitestgehend ohne soziologische Reflexionen. Auch visuell protzt Looper nicht herum, keine ausgefallene Frisurenmode oder abgespacetes Nahverkehrsgerät, der Look ist dreckig und Noir’ig, modisch eher rückwärts als ins Visionäre orientiert. Das mag dadurch bedingt sein, dass Johnsons schmalem 30 Millionen-Budget eine weitere 0 fehlt, unterstützt aber nur die Eigen- und Andersartigkeit seines Films, der sich so bewusst, wie andere Zukunftsfilme sich dafür entscheiden, gegen Optikgeblende und den Gebrauch von Staats- und Gesellschaftsformanprangerei entscheidet – und stattdessen seine Figuren mit einem engmaschigen Netz moralischer Komplexität umspinnt, sein Drama und seine Fragen aus Charakteren, nicht aus austauschbaren Visionen destilliert.



Wobei sich Looper anfangs noch regelkonform verhält, sein Setting über die Off-Stimme des lebemännischen Hitmans Joe vorstellt, der mit Zynik und ohne Zweifel oder Reue in der Stimme von seinem Job erzählt und dessen Ablauf formuliert und abgrenzt, dazu Montagen seines Alltags beim Töten und im Rausch einer über die Augenschleimhäute konsumierten Droge und die obligatorische Suche nach Nähe bei einer verständnisvollen Hure. Außerdem ein paar dezente foreshadowing Jokes, wenn Joe missmutig das stete Wachsen seiner Geheimratsecken betrachtet und kurz angerissen wird, dass ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung im Jahr 2044 über telekinetische Kräfte verfügt, eine Superheldenschwemme aber ausblieb, da keiner von denen mehr als eine Münze zum Schweben bekommt. Was man sogar als einen lakonischen Kommentar Johnsons zum Überfluss der Comicheldenverfilmungen deuten kann. Ein weiterer Genre-Usus: was dem Protagonisten bei Regelbruch droht wird an einer Nebenfigur veranschaulicht. Joes fahriger Looper-Kumpel Seth zögert, als er plötzlich sein Zukunfts-Ich gesandt bekommt, wird aufgegriffen und in einer beklemmend anti-heroischen Szene wird dafür nicht nur Joe eine entscheidende Schuld aufgebürdet, sondern der alte Seth durch die gnadenlose Folter seines Ichs von vor dreißig Jahren Gliedmaß für Gliedmaß auseinander genommen. Ganz ohne direktes Blutvergießen der erste richtig bittere Klotz, den Looper einen herunter zu würgen zwingt.

Mit der Ankunft von Old Joe, seiner Flucht und einer weiteren Zeitschleife, die den Film für einen Moment völlig upside down krempelt und dem Gimmick der Zeitreise einen völlig unerwarteten Doppelboden verleiht, sowie dem Unterkommen von Young Joe auf der abgeschiedenen Farm der allein erziehenden Mutter Sara und ihres Sohnes Cid verabschiedet Looper sich endgültig davon, aufgeplusterte Zukunftspanoramen präsentieren zu wollen, der entscheidende Teil der Handlung wird ins Ländliche verlegt, von weiten Maisfeldern umgeben wartet Joe auf die Konfrontation mit sich selbst. Und eigentlich darf mehr gar nicht verraten werden, denn alles, was der Film komplett aus seinem Marketing heraus gehalten hat und nun passiert zerschmettert die Erwartungen an einen gewöhnlichen SciFi-Actioner. Ohne an Substanz zu verlieren gliedert Johnson Twist an Twist, deren Stärke wiederum liegt nicht etwa in ihrer Unerwartbarkeit (tatsächlich gestattet der Film seinem Publikum recht freimütig einen Wissensvorsprung), sondern vielmehr in ihrer Unausweichlichkeit. Je mehr Teile sich in der Kausalkette zusammenfügen, je vielschichtiger wird Looper in seinem Arrangement, das sich nicht mal im Ansatz darauf beschränkt, einen nicht sterbewilligen Bruce Willis in den Clinch mit Joseph Gordon-Levitt zu schicken. Old Joe ist nicht gekommen, um nicht zu sterben. Old Joe ist gekommen, um in dreißig Jahren nicht zu verlieren, wen er liebt. Was er dafür zu tun bereit ist, ist erschütternd und wirkt im ersten Moment noch wie ein kalkulierter „this isn’t a blockbuster“-Tabubruch, wird von Johnson aber über einen reinen Schock hinaus viel differenter formuliert und zu einer endlose Fragen aufwerfenden Superschurkenallegorie, wie sie sich in dieser Drastik kein Superheldenfilm zu zeigen getraut hat.



In der Schleifenform ihrer Existenz werden Old und Young Joe ihrer unvermeidlichen Destination entgegen getrieben und obwohl sich mit jeder weiteren Tat des jungen die Erinnerung des alten Joes verändert bleibt dessen Ziel für ihn unabänderlich und in der Ausführung unausweichlich. Bis zu einem Punkt, an dem es keinen Zufall mehr gibt und eine sich selbst erfüllende Bestimmung den Trugschluss des eigenbestimmten Schicksals in die Hand legt, die die Waffe hält. Johnson wagt es, viel unangenehmes in seinen Film zu packen, jede Komfortzone aufzusprengen oder gar nicht erst zu schaffen: eine Liebesszene zwischen Gordon-Levitt und Emily Blunt hat nichts mit Zuckerwatteromantik zu tun, sondern zeigt lediglich eine einsame Frau, die zunächst zur Masturbation ansetzt, und dann einen Augenblick körperliche Nähe mit einem Gegenüber derart nötig hat, dass der Killer eben genügt. Wenn Willis zur Waffe greift hat das nichts von McClane’schem Happening, sondern zeigt einen tiefst verwurzelt verbitterten Mann, der eine Zukunft zu retten versucht, die er durch sein Eingreifen in die Vergangenheit vielleicht niemals vor sich hat. Und dann gibt es da noch den kleinen Cid, gespielt von Pierce Gagnon, der hier einige herzschlaghemmende creepy kid-Momente bekommt, die tatsächlich ein bißchen um das Seelenheil des Jungen bangen lassen, der davon abgesehen aber mit einer Intensität aufspielt, die so wichtig für den Film, wie außergewöhnlich für einen Zehnjährigen ist.

Der prothesenunterstützte Gordon-Levitt indes impersoniert nicht nur gekonnt Bruce Willis (verschmitztes Grinsen, schräg nach oben gerichteter Blick, halt die typischen Mimikeigenheiten des Actionstars), sondern gibt nach The Dark Knight Rises einer weiteren auf den ersten Blick wenig anspruchsvollen Rolle Kraft und Vielschichtigkeit, wobei sich diese in Looper natürlich nicht über Ambitionen zu capetragender Verbrechensbekämpfung definieren und entladen, sondern im Zusammenspiel mit Willis. Die Illusion des jungen und des alten Joe ist nicht perfekt, natürlich ist der eine Joseph Gordon-Levitt in facial disguise und der andere eben Bruce Willis; wie sich hier aber ein Charakter über dreißig Jahre dazwischen gelebtes Leben erweitert, der junge im alten Joe zu erkennen ist und wie beide einander bedingen – das ist hochspannend und verschachtelt, ein in beiden Inkarnationen selbstbezogener Widerspruch eines klassichen Helden im Kampf für sein persönliches Wohl. Und dazwischen eine Mutter im Wissen um die Besonderheit ihres Sohnes und dem Bewusstsein ihrer Verantwortung, ihm mit ihrer Liebe und Fürsorge einen Weg zu leiten, der vielleicht für die gesamte Menschheit wichtiger und entscheidender ist, als der Weg irgendeines anderen Kindes. Doesn’t that sound familiar? Klar, schon ein bißchen, bei allem was Johnson an Kreativität und Umsetzungskunst in Looper investiert lassen sich dennoch stilistische und erzählerische Vorbilder nicht wegleugnen: die Terminator-Mythologie, eine in einzelnen Szenen durchscheinende, aus Blade Runner und X-Men entliehene imagery – dennoch findet der Brick– und zweifache Breaking Bad-Regisseur für alles einen eigenen Turn.



Was trennt Looper also vom perfekten Zeitreise-Action-Thriller? Nicht viel, aber wenn Schwächen und Ungereimtheiten vorhanden sind, dann auf Seiten der bad guys, die im Film klarer definiert vorkommen, als die grauzonigen good guys. Als tölpeliger Kid Blue gibt Noah Segan so etwas wie den Wile E. Coyote zu den Road Runnern Joe und Joe, kriegt fortlaufend eins auf den Deckel und gerät etwas sehr comic relief-artig. Die ansonsten gesichtslosen Verfolger besitzen besonders gegenüber Willis einen entscheidenden Nachteil, denn der altgediente Die Hard-Recke ist im ganzen Film der verflucht einzige, der seine Kugeln ins Ziel geschossen bekommt, während alle anderen auch aus Nahdistanz fröhlich daneben ballern. Mit Jeff Daniels’ zukunftsgesandtem Looper-Überwacher Abe will die Story zudem nicht so richtig viel anzufangen wissen. Das zack-zack-antiklimaktische Ableben der baddies offenbart dann klar, dass es Johnson nicht vorrangig um dererlei zerkautes Konfliktmaterial geht, they serve their purpose und gut is. Aber ebenso erliegt Looper auch allem anderen nicht, was er hätte werden können, vom stumpfen style (and premise) over substance-Krawallactioner bis zum vor Logiklöchern zerbröckelnden Zeitreisegeschwurbel. Looper ist high-concept-Narration und what if…-Prämisse an der Oberfläche – und dann ein tiefer Sprung hinein in ein ummantelndes Drama, das ein erdrückendes Gewicht an Moralexkurs und Schocktaten entwickelt, ohne sich selbst zu überladen und am Ende, lösgelöst von time travel-Tricks und SciFi-Setting, die viel wichtigere und immerwährende Frage vor dem what if… stehen lässt: how would you decide?

Wertung & Fazit

Action: 3/5
Qualität vor Quantität: Looper drosselt sich phasenweise auf erzähl- und dramalastiges Schritttempo runter, aber wenn Action, dann hart und direkt und mit ein paar originellen Kniffen versehen.
Spannung: 4/5
Trotz Wendungsreichtum selten wirklich absolut unvorhersehbar, aber die Spannung kommt tatsächlich mehr über das Wissen um die eintretenden Ereignisse und das Erwarten des Umgangs der Figuren damit.
Anspruch: 4/5
Schafft es, mit voranschreitender Dauer die Charaktere immer noch in eine weitere Ecke auszuleuchten, ein komplexes moralisches Konzept übersichtlich und doch tiefgreifend zu verflächten, ohne mit pseudophilosophischen Ansätzen zu kommen.
Humor: 0,5/5
Ein paar Oneliner, ein paar milde Gags, die manchmal aber eher fehlplatziert wirken.
Darsteller: 4,5/5
Nach kalauernder Dauergrinseaction in The Expendables 2 zeigt Bruce Willis hier auch das zweite Gesicht eines gereiften Schauspielers, der auch für Drama-Momente zu gebrauchen ist. Auch Gordon-Levitt, Blunt und vor allem der kleine Pierce Gagnon leisten tolle Arbeit.
Regie: 4,5/5
Autorenfilmer Rian Johnson sagt dem Blockbuster-Kino »Hallo«, ohne sich mit seinem verhältnismäßig minimal budgetierten Streifen auch nur im geringsten daran zu verraten.
Fazit: 9,5/10
Looper ist mit einmaligem Ansehen nicht Genüge getan, den sollte man mehrmals Schicht für Schicht abtragen. Gleichwohl auch beim ersten Mal schon ein bockstarkes, vielschichtiges SciFi-Thriller-Drama, das sein Setting und seine Idee nicht bloß ausstellt, sondern beides wirklich zu vertiefen versteht.

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Kommentare

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  • Martin Ogradnig (Webmovieblog) 1 Kommentar(e)

    Kann dir da nur zustimmen! Für mich bis jetzt der beste Film des Jahres 2012

  • donpozuelo 197 Kommentar(e)

    Der nächste, der Gutes über “Looper” zu berichten weiß. Da freu ich mich ja dann gleich noch sehr viel mehr auf den Film!!!

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Zu Recht! Großartiges Ding.

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