Skip to content
Autor: am 01.11.2012, um 13:13 Uhr | Kategorie: Kritiken | 10 Kommentare

Review: JAMES BOND 007 – SKYFALL

JAMES BOND 007 - SKYFALL Filmkritik
KLICKEN ►mehr zum Film


Einigermaßen radikal war er, der Bruch, den das stiefgeschwisterliche Produzentenduo Barbara Broccoli und Michael G. Wilson seinem Aushängeschild James Bond 2006 zufügte: musste sich der langlebige Agent im Auftrag Ihrer Majestät bereits in Gestalt von Pierce Brosnan an einen weiblichen Chef und seine Anprangerung als »sexist, misogynist dinosaur« gewöhnen, so wurde Daniel Craigs Inkarnation zu ihrem Dienstantritt in Casino Royale mehr oder weniger ihres gesamten Mythos beraubt. Bond plötzlich blond, mit rustikalem Hafenarbeitercharme, auf gute alte Trinkgewohnheiten pfeifend und so weiter; nicht mal mehr eines der berühmtesten Trademarks des Franchise, der Pistolenlauf, blieb unberührt, rutschte im Nachfolger Quantum of Solace gar vom Anfang bis ganz ans Ende des Films. Aber: nichts hatte die Reihe nach dem Gadget- und CGI-Wahnsinn der ausklingenden Brosnan-Ära dringender gebraucht, als diesen radikalen Bruch, dem anfangs verspotteten Craig gaben nicht nur die Einspielzahlen recht: mit einer glatten 10er-Wertung hat sich Casino Royale zu meinem persönlichen Bond-Liebling (neben From Russia with Love) gemausert, mancher stört sich zwar am Einfluss DES Actionfranchise der 2000er, der Bourne-Trilogie, aber dieser besondere, glamouröse und bei aller Härte nicht zu erdende Bond-Touch blieb auch mit Craig erhalten. Quantum of Solace fiel dagegen zugegebenermaßen brutal ab, geriet all zu schnitthektisch und regelrecht langweilig. Und wo positioniert sich nun Sam Mendes‘ Skyfall zwischen „kaum zu toppen“ und „enttäuschend gefloppt“?

Story

In der Türkei machen MI6-Agent James Bond und seine im Außendienst noch unerfahrene Kollegin Eve Jagd auf einen französischen Söldner, der eine Festplatte mit brisanten Informationen in seinem Besitz hat: der Datenträger enthält die wahren Identitäten sämtlicher Undercover-Agenten und droht bei Öffentlichmachung den britischen Geheimdienst ins Chaos und die Agenten selbst in den sicheren Tod zu stürzen. Doch Eve unterläuft ein fataler Fehler, als sie auf Drängen von MI6-Chefin M versehntlich Bond von einem Zugdach und in den vermeintlichen Tod schießt. Kurze Zeit darauf geschieht das Unfassbare: ein Hackerangriff auf den MI6 führt nicht nur zur Entschlüsselung und Veröffentlichung der geheimen Daten, das Hauptquartier wird auch von einer verheerenden Explosion erschüttert. M gerät in der Folge zunehmend unter Druck, der Bürokrat Gareth Mallory drängt sie in einen „freiwilligen“ Abschied in zwei Monaten und die Regierung fordert eine Stellungnahme zu den jüngsten Fehlschlägen. Als sich seine Chefin in die Ecke gedrängt wiederfindet kehrt schließlich Bond zurück, angeschlagen zwar, aber tatbereit. Eine Spur führt ihn nach Shanghai und bald trifft Bond auf den Drahtzieher der Ereignisse, der einen ganz persönlichen Feldzug gegen M führt…

Der Film


Daniel Craig als James Bond in SKYFALL


Volle vier statt der sonst üblichen ein bis drei Jahre liegen zwischen Quantum of Solace und Skyfall, die drittlängste Pause zwischen zwei Bonds, die längste ohne zwischenzeitlichen Darstellerwechsel. Vier zunächst ungewisse Jahre, überdeckt vom Schatten der Insolvenz der altehrwürdigen Metro-Goldwyn-Mayer-Studios, die im Zuge der Finanzkrise einen Milliardenverlust zu verkraften hatten und ihren eigenen Skyfall erlebten. Das offiziell 23. Bond-Abenteuer nun setzt nicht die in Casino Royale und Quantum of Solace begonnene Storyline um Vesper Lynd, deren Tod und die verbrecherische „Quantum“-Organisation fort, es ist mehr die filmgewordene Krise seiner Produktionsstätte, übertragen auf den Kosmos des langlebigsten Franchise der Kinohistorie: Skyfall handelt von Verlust, dem Sturz scheinbar unumstößlicher Instanzen, der Angst vor dem längst nicht mehr durchschaubaren Angriff von Außen in den Kern des Inneren, von Alter und Resignation und einem fast schon verzweifelten Entgegenstemmen, einem Aufbäumen unter der kaum stemmbaren Last. 007 wird in Frage gestellt wie nie, mehr aber noch die Methoden seiner langjährigen Chefin, Fürsprecherin und heimlichen Sympathisantin M. Vertrauen, Verrat, Integrität, Skyfall.

Getreu dem Familienwappen der Bonds war die Welt schon 1999 in Pierce Brosnans drittem Einsatz nicht genug und so geht’s in Skyfall nicht um die Errettung des globalen Wohls, nicht ausschließlich um die idealistische Pflicht des Agenten im Dienste für das Vaterland, hier geht’s dem Establishment viel mehr an die Persönlichkeit. Und sehr lange macht Skyfall das sehr klasse. Der Opener in Istanbul ist spektakulär, man stelle sich die Parcour-Sequenz aus Casino Royale mit Motorrädern über den Dächern des großen Basars und später mit Zug und Bagger vor. Wuchtig, rasant, bondig und schon nach ein paar Sekunden zwiespältig, wenn 007 auf das Ausdrücklichste von M angewiesen wird, einen verwundeten Agenten zurück zu lassen. Die Titel Sequenz, umwoben von Adeles großartigem Theme Song, gibt (scheinbar) den Ton für das Folgende vor, Verwundung, Blut, Grabsteine, Totenschädel. Tatsächlich ist Bonds Schusswunde aus den Pre Credits nicht einfach ein paar Leinwandminuten später vergessen, sie wird mit in den Film genommen. Einem Bond, so sehr auf Physis und Agilität angelegt, wie es Craigs Inkarnation nun einmal ist, eben diese zu nehmen oder zumindest entscheidend zu handicappen, wirkt zunächst ganz interessant. Die Doppelnull hat Schwierigkeiten beim Fitnesstest, der ihn für den Außendienst requalifizieren soll, seine Zielgenauigkeit leidet unter einem zittrigen Arm, der Alkoholkonsum schlägt sich in den Furchen seines Gesichts ebenso nieder, wie in der Atemlosigkeit nach ein paar Klimmzügen. Bond, ein Rekonvaleszent fern der Dienstbefähigung und doch alsbald wieder dem Call of Duty seiner M erlegen.


Bérénice Marlohe als Bond Girl Sévérine in SKYFALL


Doch eine perfekt gelungene Einführung des neuen Q Ben Whishaw und einen Schurkentod in Shanghai später beginnt Skyfall langsam zu zerbröseln. Der buchstäblich in den Londoner Untergrund gedrängte MI6 weicht für einige Szenen asiatischer Exotik, Daniel Craig ist viel zu oft nackt in blendender Muskelausstattung zu sehen, um dem Film seinen »come undone«-Bond abzunehmen, Dame Judi Dench macht kurz dem etatmäßigen Bond-Girl Bérénice Marlohe Platz, die in ihrer „fuck, dead, forget“-Rolle die direkte Nachfolge der gänzlich unbedeutenden Liebesmädchen Caterina Murino (Casino Royale) und Gemma Arterton (Quantum of Solace) einnimmt. Und nicht nur sein Pin-up-Dekolleté geht Skyfall schnell flöten, sondern ab der Mitte und ausgerechnet mit dem stark aufgebauten Auftritt des Oberbösewichts Raoul Silva auch Drive und Identität. Bardems Entrance ist noch bestes schurkisches Chargieren, der willkommene frische Schwung, nachdem Skyfall bis dahin rapide an Tempo verloren hat, sein Dialog mit Bond ist schnittiger und schwuppiger, als jede Konfronation mit Fäusten und Waffe. Und wird hier etwa tatsächlich Bonds sexuelle Ausrichtung entheteroisiert oder meint sein »What makes you think this is my first time?« doch nur Le Chiffres unsanfte Eiermassage aus Casino Royale? Sei’s drum, [milder SPOILER voraus, obwohl die Richtung relativ schnell abzusehen ist] der Ex-MI6‘ler Silva bringt’s mit seinen Motiven nicht weit über den Eindruck dieser Einführung hinaus: was ihm im Außeneinsatz wiederfahren ist mag die beschissenst mögliche Lage sein, in die man als Agent geraten kann, dennoch ein Risiko, auf das man sich doch eigentlich in vollem Wissen einlässt, wenn man sich dem Geheimdienst anschließt. Niemand erkennt Tragik, sondern höchstens Ironie darin, wenn der Dachdecker beim Dachdecken vom Dach fällt und viel anders verhält es sich nicht mit Silva.

Schräge Gesten und Manierismen werden ja seit Johnny Depps wuschigem Jack Sparrow und Heath Ledgers schnalzendem Joker gerne ins Grüne gelobt, nur steckt hinter Raoul Silva wenig mehr, das Interesse wecken könnte. Sein Rachefeldzug gegen M bekommt überhaupt kein Gewicht, Bond guckt vielleicht mal desorientiert ins Rund des MI6‘schen Kellergewölbes (plumpe Metapher übrigens), doch ansonsten bleibt jedes Hinterfragen der Geheimdienstchefin bei verspießten Ministerinnen und an einem jammernden bad guy hängen, um von M persönlich mit einer flammenden Rede und durch Bonds in kaum einer Sekunde ernsthaft in Frage stehender Loyalität sogleich wieder für rechtens und gerechtfertigt erklärt zu werden. Silvas Plan hingegen ist nichts als eine behauptete Überlegenheit, die die Story in immer stockenderen Stößen voran bringt, die gestohlenen Daten tun irgendwann überhaupt nichts mehr zur Sache und dem Film und seinem Schurken zum Verhängnis wird der von Sam Mendes vor einiger Zeit genannte Einfluss eines gewissen Christopher Nolan: dessen Kopfblockbusterkino als »game changer« für die narrativen Möglichkeiten eines Action-Thrillers auszugeben ist durchaus nachzuvollziehen, es aber szenenweise und in gewichtigen Plotpunkten einfach nachzustellen kommt eher billig und fast schon verstörend einfallslos rüber, Bond teils zum Rezitat des Inception-Designs und eines The Dark Knight-Plottwists zu machen (dem sich in der Zwischenzeit außerdem die Avengers bedient haben) wirkt wie eine Anbiederung in Richtung des britischen Masterminds, der im Gespräch für die Nummer 24 der 007-Reihe ist, »see, Chris, it works, now sign the contract, man!«


Daniel Craig und Javier Bardem als Raoul Silva in SKYFALL


Zwischen dem mehr als einmal deplatziert wirkenden Hommagieren und dem teilweisen Wiederbeleben seeliger alter 60er Jahre Bond-Tage, der härteren „more reality based“-Gangart der Craig-Ära, einem Schurken mit »ich verklag das Restaurant, wenn der Kaffee zu heiß ist«-Mentalität und mies geratener CGI-Fratze, sowie halbgarer und umgehend stichflammig beantworteter Hinterfragung der Methoden Ms verliert Skyfall völlig einen stringenten Ton, um das alles vereint zu halten, schiebt zum Showdown mit Albert Finney sogar ein comic relief in die Handlung, wie es unpassender nicht sein könnte und nimmt dem Film damit die letzte Möglichkeit einer tiefer gehenden Auseinandersetzung zwischen Bond und M. Stattdessen schmeißt Finney mit urigem Altersulk um sich und erklärt freundlicherweise alles, was später während der finalen Konfrontation mit Silva und seinen Männern einen Nutzen finden wird. Und schließlich mündet Skyfall in eine Schlusspointe, die jeden weiteren Bond eigentlich überflüssig machen könnte, die den Kreis schließt und da anknüpft, wo Sean Connery in Dr. No einst begann. Die Abkehr vom Neuen, die Besinnung auf’s Alte, James Bond will return. Wird man 007-Nostalgiker damit zurück gewinnen, bricht nun wieder die Zeit der Superschurken in ihren Vulkanen und mit Katzen auf dem Schoß an, ist Skyfall der Transferfilm hin zum traditionellen Bond, wäre das der richtige Weg für die Reihe? Keine Ahnung. Mehr noch als beim komplett vergeigten Quantum of Solace bleibt erstmal die Enttäuschung stehen. Darüber, dass Skyfall so grandios anfängt, wie ein perfekt abgestimmtes voluminöses Orchester, das dann plötzlich auf ein Tonband mit ungelenken ersten gemeinsamen Aufnahmen umschaltet, als Stücke wie „Bond Mythologie“ und „Nolans Mind“ noch nach Gehör und mit Küchengeschirr nachgespielt wurden…

Wertung & Fazit

Action: 3,5/5
Weg vom Schnittirrsinn des letzten Films, hin zur Übersichtlichkeit von Casino Royale – nur nicht auf dessen Niveau in Sachen Erinnerungswert. Wenn auch teils extrem stylisch und dynamisch gefilmt.
Spannung: 2/5
Lässt stark und immer mehr nach, je vorhersehbarer das Geschehen aufgebaut wird (Silvas geplante Gefangenschaft, Albert Finneys überoffensichtliche Hinweise), wenig Dramatik und ein Showdown, der zwar wummst, aber wie bereits in Quantum of Solace nicht nach Bond aussieht.
Anspruch: 1/5
Bleibt letztlich meilenweit hinter dem zurück, was der Film aufstößt. Die Story um M hat wenig Dramatik und noch weniger Tiefgang, Bonds Integrität wird kaum tangiert, Silvas Schurkenmethoden und -motive sind profan.
Humor: 0,5/5
Einige Sprüche Bonds sitzen, andere nicht, manches Wortfecht zwischen ihm und M oder Q oder Eve verliert sich in langweiligem Gezicke.
Darsteller: 3,5/5
Alles solide, aber nicht mehr, in Javier Bardems Fall auch nicht allein deswegen, weil er tuckig spricht und gestikuliert. Craigs Bond erreicht wieder nicht den Tiefgang, den er zu seinem Amseintritt einführte und Judi Denchs M ist einfach nicht spannend genug, um einen solchen Großteil des Films zu tragen.
Regie: 2,5/5
Komische Sache: in ein paar Momenten ist Sam Mendes ganz bei sich und filmt insgesamt sehr gute Action (wobei man in diesem Punkt seine Second Unit nicht vergessen sollte), bildet dann aber andererseits völlig uneigenständige Christopher Nolan RipOffs ab…
Fazit: 6/10
Skyfall. Almost a Skyfail. Als Wertung mag hier eine solide 6/10 stehen, der Nachgeschmack der Enttäuschung ist aber sehr viel bitterer, als die Freude über einen NUR zu Anfang grandiosen Bond aufwiegen könnte.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Artikel Credits
Relevante Links zum Thema

Kommentare
Deine Meinung zum Thema?

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *


   

Du kannst folgende HTML-Tags benutzen: <a href="" title=""> <abbr title=""> <acronym title=""> <b> <blockquote cite=""> <cite> <code> <del datetime=""> <em> <i> <q cite=""> <strike> <strong>



  • die Kritik spricht mir aus dem Herzen. endlich mal eine ehrliche Rezension eines der für mich entäuschendsten Kinobesuche der letzten Jahre. Der Hype um den Film hat sicherlich das seinige zur Entäuschung beigetragen, aber auch davon abgesehen, war das ne ganz schöne Gurke. Stimme in allen Belangen zu und müsste vielleicht noch weitere Schwächen im Plot und bizarre Unlogik im Detail ergänzen.

  • Ich stimme Dir zwar in vielen Punkten zu, sehe aber vor allem Javier Bardems Charakter als eine der großen Stärken des Films. Vielschichtig, interessant und ganz hervorragend gespielt.
    Aber insgesamt gebe ich Dir recht, dass das bei weitem nicht der beste Bond ist …

  • Nein, so schlecht war er nicht. Wirklich nicht. Eventuell schlechte Laune gehabt bei der Sichtung? ;-)

  • Großartig, aber böse und in meinen Augen zu abwertend geschrieben. Aber: Es ist deine – hervorragend wiedergegebene Meinung – die ich akzeptiere, aber keinesfalls teile. :)

  • Oha.