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Filmmusik: SKYFALL Score Review

Von phx vor 4 Jahren geschrieben11 / 20120 Kommentare

Der Score

Seitdem bekanntgegeben wurde, dass ausgerechnet der eher Action-­fremde Sam Mendes (AMERICAN BEAUTY, ROAD TO PERDITION, ZEITEN DES AUFRUHRS) den 23. Bond inszeniert, lag die Vermutung nahe, einen der ungewöhnlichsten Vertreter der Agenten-Reihe seit langem zu sehen. Umso überraschender ist die Tatsache, nun einen überaus routinierten und vor allem herrlich klassischen Bond gesehen zu haben, der sich sicherlich zu den besten Filmen in der 50jährigen Historie der Doppelnull zählen darf (was Christian allerdings ganz anders wahrgenommen hat).

Wer sich ein wenig für Filmmusik interessiert, war vorab vermutlich aber noch gespannter, wie Thomas Newman den 23. Bond musikalisch gestalten würde. Mendes’ bisheriger Stammkomponist (Ausnahme: AWAY WE GO, 2009) wurde durch Scores bekannt, die zum einen mit Klavier und breiten Streichern träumerische Melancholie versprühen, sich andererseits aber durch eine große Experimentierfreude exotischer Klänge auszeichnen. Für SKYFALL löst er nun David Arnold ab, der seit 1997 durchweg ins Bond-­Franchise eingespannt war. Seine Musik prägte die Brosnan-­Ära ab TOMORROW NEVER DIES bis hin zu Daniel Craigs zweitem Auftritt in QUANTUM OF SOLACE durch große, tosende, klassisch-romantische Orchesterfarben und den zunehmenden Einsatz von elektronischen Breakbeats, die wie geschaffen für den modernen Bond des neuen Jahrtausends waren.

Nicht nur angesichts des 50jährigen Jubiläums scheint der Wechsel zu Thomas Newman nun fast wie eine Neugeburt, vielmehr aber eine Weiterentwicklung des Arnold-­Sounds, denn Newman klingt erst mal „gewöhnlich“, sprich: Newman klingt nach Bond, und das dürfte die vielleicht angenehmste Erkenntnis des kompletten Höreindrucks sein. Was für Newman-Fans allerdings noch viel schöner ist: man hört seine bisherigen Qualitäten immer noch deutlich heraus. Wie üblich beginnt SKYFALL mit einem Action‐Intro und Newman mit seinem ersten Track, „Grand Bazaar, Istanbul“. Wir hören den typischen Bond‐Auftakt, dann leise anwachsende Streicher, Percussion, ein wenig Aufbau und schon startet die Verfolgungsjagd durch den fernöstlichen Markt. Newmans Ästhetik bedient sich passend bei Weltmusik und moderner Elektronik, treibt die ersten Minuten ordentlich voran, bindet aber gleichermaßen geschickt den vollen Orchestersatz mit ein. Eine Verbesserung zu Arnold: Newman baut seine Rhythmen durch verschiedenste echte Percussions auf und verzichtet weitestgehend auf synthetische Drums, was der Action zwar etwas Druck nimmt, ihr dafür aber einen natürlicheren, dynamischen Puls gibt.



Newman setzt seine Elektronik weitaus subtiler ein, verbaut helle Percussions und elektronische Tremolos zu abwechslungsreichen Soundmontagen, die alleine genauso funktionieren wie im Verbund mit Newmans größter Stärke: seinen Streichersätzen. Direkte Beispiele dafür finden wir in Tracks wie „New Digs“, der mit filigranen Rhythmen und E-­Bass zu Streichern und Bläsern hin und her wechselt, oder „Severine“ mit seinen träumerischen Violinen, die man immer wieder in seinen früheren Werken hören kann. Eine besondere Wirkung erhält allerdings das „M“-­Thema, wenn Newman seinen üblichen Streichersatz mal den Trompeten und Hörnern überlässt („Voluntary Retirement“, „Mother“). In einer frühen Szene sieht man M vor den Särgen der sechs Opfer stehen, die beim Anschlag auf das MI6-­Gebäude ums Leben kamen. Reue steht ihr ins Gesicht geschrieben, und Newmans Bläser wirken in diesem Moment, als spielten sie ein Requiem, andächtig und anmutig zugleich, im späteren Kontext des Films vielleicht das stärkste Element des ganzen Scores.

Auch viele von Newmans sonstigen Vorlieben, die Klangschalen, die immer wiederkehrende Solo-Flöte, die gezupften/geschlagenen Strings („Close Shave“) und Bassformen („Quartermaster“), seine Einflüsse aus Weltmusik und Ambient, die schwebenden Klangsphären („Skyfall“ oder die 2. Hälfte von „Deep Water“) und der Einsatz von mehr oder weniger verzerrten E-­Gitarren („Someone Usually Dies“, etc.) finden immer wieder ihren Platz. Natürlich dürfen auch die typischen Bond-Themen nicht fehlen: wie üblich finden sie sich überall im Score verteilt, so z.B. in „Breadcrumbs“, am jeweiligen Ende von „Day Wasted“, „Someone Usually Dies“, „Granborough Road“, „She’s Mine“ und im Track „Komodo Dragon“, der auch Teile des Titel-­Songs von Adele beinhaltet.

Klar, die Zeiten des großen John Barry sind lange her, und auch wenn die prägenden Melodien alter Tage fehlen ‐ Newmans Musik funktioniert im Film wirklich gut. Sie sollte Bond-­Fans also gleichermaßen zufriedenstellen wie seine eigenen, ist raffiniert und vielfältig, wenn sie mal ruhig sein und was erzählen darf, pompös und doch spürbar eingeschränkter hingegen, wenn sie auf den Putz hauen muss („The Bloody Shot“, teils „Granborough Road“, „Tennyson“ und „Enquiry“). Vielleicht erreichen seine Staccato-­Parts nicht immer den nötigen Druck, doch das ist höchstens mosern auf hohem Niveau und Newmans Stil geschuldet, der sich, wenn’s drauf ankommt, natürlich nicht mit Arnolds Power oder gar Barry vergleichen lässt, das an dieser Stelle aber auch gar nicht muss. Andere Ära, andere Musik.

4/5… weil der Score rundum gelungen ist und auch für sich alleine stehen kann, wenn man sich ein wenig damit auseinandersetzt. Allerdings muss man einsehen, dass es sich hier mehr um Stimmungen als um Melodien dreht, was Newman auch kann, aber zur musikalischen Größe und Einzigartigkeit von AMERICAN BEAUTY, ROAD TO PERDITION oder ZEITEN DES AUFRUHRS reicht es dann doch wieder nicht.

Trackliste mit Längenangabe und Anspieltipps

01. Grand Bazaar, Istanbul (05:14)
02. Voluntary Retirement (02:22)
03. New Digs (02:32)
04. Severine (01:18)
05. Brave New World (01:50)
06. Shanghai Drive (01:26)
07. Jellyfish (03:22)
08. Silhouette (00:56)
09. Modigliani (01:04)
10. Day Wasted (01:31)
11. Quartermaster (04:58)
12. Someone Usually Dies (02:29)
13. Komodo Dragon (03:20)
14. The Bloody Shot (04:46)
15. Enjoying Death (01:13)
16. The Chimera (01:58)
17. Close Shave (01:32)
18. Health & Safety (01:29)
19. Granborough Road (02:32)
20. Tennyson (02:14)
21. Enquiry (02:49)
22. Breadcrumbs (02:02)
23. Skyfall (02:32)
24. Kill Them First (02:22)
25. Welcome to Scotland (03:21)
26. She’s Mine (03:53)
27. The Moors (02:39)
28. Deep Water (05:11)
29. Mother (01:48)
30. Adrenaline (02:18)

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