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Review: VIELLEICHT LIEBER MORGEN (OT: The Perks of Being a Wallflower)

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben11 / 201213 Kommentare

Story

Anfang der 1990er: der sechzehnjährige Charlie startet in sein erstes Highschooljahr. Für den zurückhaltenden, introvertierten Teenager alles andere als ein fröhlicher neuer Lebensabschnitt. Seine Liebe zur Literatur und zum Schreiben verpassen ihm schnell den Stempel eines Außenseiters, seine kontaktscheue Art tut ihr übriges, um Charlies erste Tage zu einer einsamen Tortur zu machen. Anfangs knüpft er einzig zum Englischlehrer Mr. Anderson Kontakt, ehe er es wagt, den lebhaften Oberstufler Patrick anzusprechen, ebenfalls kein cool kid, kein Sportler und keiner von den Angesagten. Gemeinsam mit Patricks Stiefschwester Sam tritt Charlie in einen Kreis enger Freunde und Außenseiter, die ein Fanzine zur Rocky Horror Picture Show herausbringen, das schrille Musical regelmäßig aufführen und auch ansonsten ihre ganz eigene Jugend leben. Unerwartet findet Charlie einen Rückhalt und eine Geborgenheit unter anderen, mit der er nicht mehr gerechnet hatte – erst recht nicht, seit sein bester Freund sich im Jahr zuvor umgebracht hat. Doch in der Gruppe ist er längst nicht der einzige, der mit verborgenen Geheimnissen zu kämpfen hat…

Der Film


Ezra Miller als Patrick und Emma Watson in VIELLEICHT LIEBER MORGEN


»There are people who forget what it’s like to be 16 when they turn 17.« Ein Grundsatzmakel des Jugendfilms, den The Perks of Being a Wallflower-Writer/Director Stephen Chbosky da im wundervollen Schlussmonolog seines Films durchscheinen lässt: die jugendlichen Helden klingen oft nach ihren doppelt bis dreifach so alten Schöpfern. Man denke nur an das einst populäre Dawson’s Creek, wo ein paar 15jährige wie altersweise Philosphen und Anthropologen über die Alltäglichkeit ihrer Problemwelten schwadronierten, oder an die aufgesetzte Coolness von Diablo Codys Juno. Dessen produzierende Indie-Schmiede Mr. Mudd bringt nun auch die Adaption von Chboskys Briefroman heraus, der in Deutschland zunächst 1999 unter dem Filmtitel Vielleicht lieber morgen veröffentlicht und 2011 als Das also ist mein Leben neu aufgelegt wurde, nebenbei bemerkt beides keine gelungenen Alternativen zum sehr viel (be)deutungsreicheren Originaltitel The Perks of Being a Wallflower. Chbosky jedenfalls, beim Erscheinen seines Romans bereits Ende Zwanzig, heute Anfang Vierzig, scheint ihn sich bewahrt zu haben, den Zauber, aber auch die Abgründe, die nagenden Zweifel und das Erwachen, den Drang nach Freiheit und sonstwas, das unser aller Teenagerzeit geprägt und bestimmt hat.

Highschool-Komödie, coming of age-Drama, ein Stück Zeitgeist, ein Aufwehen von Erinnerungen, kurz bevor sie vergessen sind, das Aufbegehren von Perspektive und Richtung, Endgültigkeit in junge getriebene, gewissermaßen unbestimmte Leben, ein Versuch zu überwinden, was einem an Qual wiederfuhr, Schuld und allzu früh genommene Unschuld – The Perks of Being a Wallflower ist unendlich. Kein Film der überraschenden Ideen, visuellen Spielereien oder gar einer, der sich das vergänglichste aller Prädikate, jenes der „Originalität“ anzuheften gedenkt. Was sollte Chboskys Film mit etwas, das für die Sekunden eines Moments oder die Minuten einer Sequenz irgendwie „neu“ sein könnte, wo er doch von so vielem erzählt, das „immer“ ist, ohne es auf hohle Phrasen herunter zu verallgemeinern? The Perks of Being a Wallflower ist ein Film, so ehrlich, dass die Jungs von Screen Junkies mit ihren Honest Trailern nichts damit anzufangen wüssten, ein Film mit einer ganz präzisen Stimmung, die mühelos exaltierte Komödie mit bedrückender Tragödie bricht, innerhalb einzelner Dialogzeilen von heiter zu melancholisch umschlagen kann, von gelöst zu deprimiert. Leise, entbunden vom Getöse problemfixierter Dramen und weit darüber hinaus. Unendlich.


Emma Watson in VIELLEICHT LIEBER MORGEN


Zentrale Themen wie Homosexualität, innerfamiliärer Missbrauch, psychische Labilität, Drogen und eine grundlegende Annahme, die die Familie nicht als höchstes Gut einschätzt, sorgten in den US nach Erscheinen von The Perks of Being a Wallflower wie selbstverständlich für Diskussionen, der Film geht jedoch in einer Art damit um, die nicht dieser reinen Stichworte wegen diskussionswürdig ist. Chbosky setzt hier nicht mit spitzen Fingern oder der Zange zur Provokation an, beugt die Enthüllungen über seine Figuren zwar klar einem dramaturgischen Überbau, macht sie in ihrer teils drogenindizierten, teils in Momenten des Anvertrauens einfach ausgesprochenen Beiläufigkeit aber umso eindringlicher und unmissverständlicher. Das Problem des schwulen Patrick ist nicht seine Sexualität, es ist das Fehlen von Mut und Akzeptanz ihr gegenüber, der gesellschaftliche Druck, der seine Beziehung zum Supersportler der Highschool in die Heimlichkeit drängt. Charlies Problem ist kein leerer Depressionsbegriff, »We accept the love we think we deserve« und auf wie viel Charlie auch immer hofft, er glaubt doch weniger zu verdienen als alle anderen, ist sich selbst besonders in der erblühenden Liebe zu Sam nie wichtiger als ihr Glück, ob sie es mit ihm oder im Arm eines anderen finden mag. Eine unfassbar traurig-schöne Love Story zwischen den beiden, die sich über vorsichtige Blicke und eine berührende Szene aufrichtigen Liebesbeweises annähert: »I just want to make sure that the first person who kisses you loves you. Okay?« Wie könnte ein Kuss echter, wahrer, wichtiger, bedeutender sein?

Logan Lerman, so permutabel in Percy Jackson & the Olympians: The Lightning Thief, so entsetzlich nervig in Gamer, implodiert hier, indem er sich zurücknimmt, auf liebenswert-amüsante Art unsicher ist, diesen auf mehr als einer einzigen Ebene traumatisierten Jungen aber genauso ein düsteres, ihn verzehrendes Inneres über kleine, fast unmerkliche Gesten und Blicke nach Außen tragen lässt, ehe es am Ende fatal aus ihm herausbricht. Und was für ein sensationelles Jahr krönt Ezra Miller, der nach dem schweren Drama We Need to Talk About Kevin als Patrick sehr viel leichter aufspielen kann, eine beeindruckende Frank-N-Furter-Impression hinlegt, so emotionssprudelnd wie ein Regenbogenbrunnen durch The Perks of Being a Wallflower fegt, ohne das sein Schwulsein zur Tuckenfarce gerät. Alles wird aber noch überstrahlt von einer formidablen Emma Watson, die wie erwartet mühelos ihre Hermine und das Potter-Universum hinter sich lässt, mal wie ein Feuerwerk aus sich herausgeht, dann doch wieder ein Mädchen ist, unsicher, selbstvergessen in den Szenen, in denen sie Musik, Augenblicke in sich strömen lässt. Als herrische Punk-Buddhistin Mary Elizabeth und Jeans-Kleptomanin Alice kommen Ellen Page-look-alike Mae Whitman und Erin Wilhelmi als weitere Mitglieder der Clique kürzer in ihrer tragischen Komplexität, ergänzen aber Humor und eine natürliche Gediegenheit. Paul Rudd, Kate Walsh, Dylan McDermott, Melanie Lynskey und Joan Cusack spielen kleine bis winzige, aber keineswegs unwichtige oder bloß nebensächliche Parts.


Die Clique in VIELLEICHT LIEBER MORGEN


Problembeladene Psychos und Außenseiter, stieselige Ökotypen, Mixtapes und das gefühlsreichste Portrait einer besonderen Jugendzeit seit Baillie Walshs ähnlich einzigartig stimmungsvollem Flashbacks of a Fool: The Perks of Being a Wallflower ist die funkelnde Perle des Kinojahres 2012, eine jederzeit harmonische Mischung aus Witz und Drama, so gar nicht „typisch Indie“ und erst recht nicht „voll Hollywood“, ein vor Schönheit lodernder Film, so ausgefüllt und gleichzeitig unberührt, als gäbe es neben ihm überhaupt keinen anderen. Ein Mauerblümchen neben den großen Namen, neben den Avengers, den Dark Knights, den Skyfalls, und wirklich jeden Vorteil daraus ziehend, so wunderbar unentdeckt und nicht vorverbraucht zu wirken inmitten des ganzen Franchisewahns. Das beste Jugenddrama seit… ach, völlig egal seit wann oder überhaupt, schlicht ein wunderbarer Film. »I can see it. This one moment when you know you’re not a sad story. You are alive, and you stand up and see the lights on the buildings and everything that makes you wonder. And you’re listening to that song and that drive with the people you love most in this world. And in this moment I swear, we are infinite.«

Wertung & Fazit

Action: 0/5
Kein Kriterium.
Spannung: 2/5
Dem Geheimnis um Charlies Labilität wohnt schon eine Twistmechanik inne, dennoch geht’s dem Film nicht um »booyah!“-Überraschungen und aus-dem-Hut-Aktionen.
Anspruch: 4/5
Vielfältig, unprätentiös, kein nur aus Schlagworten abgeleitetes Drama, sondern echte Gefühlswelten (wenn auch konstruiert zusammengeführte).
Humor: 3,5/5
Still bis ausgeflippt und nicht ein Mal am Ziel vorbei.
Darsteller: 5/5
Ein auch im Rücken des herausragenden Hauptdarstellerdreiers Logan Lerman, Emma Watson und Ezra Miller wunderbares Ensemble, überzeugend selbst in Rollen, die mit einem Zwinkern fast übersehen sind.
Regie: 5/5
Nach dem 1995er The Four Corners of Nowhere erst Chboskys zweite Regiearbeit – merkt man der Adaption seiner eigenen Vorlage nicht negativ an.
Fazit: 10/10
An mehreren amerikanischen Schulen wurde Stephen Chboskys Briefroman The Perks of Being a Wallflower verboten, landete zweimal auf der Liste der „10 most frequently challenged books“. Kurios. Wo seine Geschichte doch kaum schöner und nun auch filmisch kaum besser umgesetzt sein könnte.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

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Kommentare

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  • real_boy 1 Kommentar(e)

    der film ist gut, kein zweifel,

    aber bestimmt keine 10.

    einer der größten mankos,

    er bringt nicht ansatzweise die zeit rüber.

    alle (wirklich) richtig guten teenfilme machen das

    und das zurecht!

    einige kritiker schreiben ja es wäre ein film der in den 80ern spielt,

    was angesichts des soundtracks grösstenteils zutrifft.

    auch wenn dann plötzlich L7 reinkommt, eine bands der 90er…

    er erzeugt nicht das coole retrofeeling wie wes anderson, wie the conjuring, wie boogie nights usw

    bei den 70ern gibts da mehr, aber 80er wäre ein hit gewesen, gerade auch wegen des revivals in der heutigen mode. aber er ist zeitlos und dieses mal negativ gemeint.

    ich hab sowohl die 80er als auch die 90er als jugendlicher erlebt, da ist nichts drinnen, was der zeit entspricht

    (ausser dem soundtrack, der aber ebenso unlogisch zwischen den beiden jahrzehnten springt).

    guter film, aber atmosphäre zu clean, zu sehr wie heute, da hat der film so viel liegen gelassen

  • Träumer 1 Kommentar(e)

    wunderbare Review. Du schreibst genau was ich beim Film denke. Ein unendlich guter Film!

  • maloney 68 Kommentar(e)

    Kann bei der Punktevergabe nur zustimmen!

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Freut mich 🙂

  • review on everything 352 Kommentar(e)

    man ich würd den soo gerne mal sehen, aber der läuft irgendwie in nicht so vielen Kinos

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Ja, der hat leider keine besonders große Präsenz neben SKYFALL und TWILIGHT… Aber irgendwann gibt’s ja die DVD 😉

  • beate 1 Kommentar(e)

    Was für ein toller Film – was für eine tolle, herrlich geschriebene Kritik! Vielen Dank! 🙂

  • FraNky Strohmayer 352 Kommentar(e)

    Also ist es doch “noch” möglich ein Buch wirklich hervorragend zu verfilmen?! Wir haben ja schon auf FB kurz darüber gesprochen, ich als Emma Watson Fan werde ihn mir wahrscheinlich nur auf Dvd ansehen, alleine schon wegen dem Originalton! Bin gespannt!

  • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

    Na also, da isser wieder 😀

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Jaaaaa! Und jetzt sag nicht, du fandst den hier auch wieder ganz furchtbar?!

    • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

      Hab ich nicht gesehen. Aber nach dem LIKE CRAZY-Fiasko und deiner scheinbaren Vorliebe für junge verliebte Leute lass ich den vielleicht auch lieber aus 😉

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