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Classic: STIRB LANGSAM (OT: Die Hard)

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben02 / 20133 Kommentare

STIRB LANGSAM (OT: Die Hard) Filmkritik
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Für Genreevolutionen genügt meist eine einzige, krachende Initialzündung, ein einziges frisches und perfekt arrangiertes Muster. Der 80er-Jahre Actionfilm erlebte so eine Evolution 1988: bis dato beherrscht von muskelstarrenden Übermenschen wie Arnold Schwarzenegger und Sylvester Stallone, geprägt von einer erzreaktionären Haltung (siehe die Rambo-Sequels als Produkte der Reagan-Ära…) und ausgefüllt mit Kampfmaschinencharakteren millitärischer Herkunft, die Gegner zu Hunderten wegmetzelten und selbst kaum mit einer Schramme siegreich aus dem Gefecht zogen, betrat nun ein neuer Typus die Bühne. Der average guy. Der bis dato nicht groß bekannte TV- (Das Model und der Schnüffler) und Komödiendarsteller (Blind Date, Sunset) Bruce Willis ergatterte als zigste Wahl nach Schwarzenegger, Stallone, Mel Gibson und Richard Gere die Rolle des gewöhnlichen Bullen John McClane, zu dessen hervorstechendsten Eigenschaften nicht Bizepsumfang und Unkaputtbarkeit wurden, sondern ein unbrechbares Durchhaltevermögen trotz gröbster Läsionen, gepaart mit einer rotzigen Schnauze. Dazu die Besonderheit des Settings: das Stehaufmännchen zieht auf klar abgegrenztem Gebiet, von jeder Hilfe abgeschnitten, gegen eine Übermacht ins Feld. Der Rest: Geschichte. Actiongeschichte. Filmgeschichte.

Story

Der New Yorker Cop John McClane reist über die Weihnachtsfeiertage nach Los Angeles, wo seine beruflich gebundene Frau Holly mit den gemeinsamen Kindern lebt. Das Verhältnis der beiden ist in den vergangenen Monaten abgekühlt, während Holly Karriere bei der mächtigen Nakatomi-Corporation gemacht hat sieht McClane seinen Platz weiterhin auf den Straßen New Yorks. Zu Heiligabend ist McClane im Nakatomi Plaza eingeladen, ein fünfunddreißig Stockwerke hohes Gebäude, in dem sich die Belegschaft zur Weihnachtsfeier tummelt. Einen frustrierenden Streit mit Holly später geschieht das Unfassbare: eine Gruppe von skrupellosen Terroristen, angeführt vom schneidigen Hans Gruber, stürmt den Wolkenkratzer, riegelt sämtliche Zugangsmöglichkeiten ab und nimmt die Angestellten im dreißigsten Stock als Geiseln. Einzig McClane kann sich dem Zugriff der schwerst bewaffneten Männer entziehen, schlägt sich barfuß und im Unterhemd in den Eingeweiden des Gebäudes durch – und beginnt nach einem ersten Aufeinandertreffen mit einem der Terroristen einen so verzweifelten wie hartnäckigen Kleinkrieg, allein gegen eine Übermacht…

Der Film

Stirb langsam und seinem schlicht-genialen Konzept folgten vier Sequels und eine unübersichtliche Zahl von Nachahmern, alle lediglich durch ihren Handlungsort variiert (Under Siege = Stirb langsam auf’m Schlachtschiff, Passagier 57 = Stirb langsam im Flugzeug, Sudden Death = Stirb langsam im Hockeystadion,…), bis heute greifen Storyideen darauf zurück (demnächst: Olympus Has Fallen = Stirb langsam im Weißen Haus), doch wie so oft und hier vielleicht am meisten gilt: Yippee-ki-yay, Motherfucker, niemand macht es besser als das Original. John McTiernans Stirb langsam war bahn- und genreregelnbrechend und –aufstellend, als er 1988 erschien und ist heute, fünfundzwanzig Jahre später, nichts geringeres als der Ultraklassiker des Actionfilms, der beste Krawummstreifen überhaupt, mit einer wuchtigen Menge denkwürdiger Momente gespickt, die durch ihre praktische Stunt- und Effektarbeit und ihre handlungsintegrative Raffinesse gleichermaßen beeindrucken. Stirb langsam ist hart, zieht seine Schrauben permanent immer fester und ist doch immer wieder gekonnt gebrochen von lakonischem Humor und beinahe parodistischen und sarkastischen Kommentaren zu reglementierender Staatsgewalt, die keine Herrschaft über die Entschlossenheit des Einzelnen erlangt. Was auch kaum ein zweiter Film derart geschickt anstellte, ohne sich darin einer (meist fragwürdigen) Ideologie zu verschreiben.



Neben dem überragenden Handwerk zudem ungemein geschickt arrangiert: die Helden- und Schurkenbilder, die Stirb langsam gegeneinanderstellt. Lange bevor die Psychologisierung und der mentale Bruch des Recken zum modischen Chique wurde (wozu die Schwemme der Comichelden in ihrer Ambivalenz aus Superkräften, Andersartigkeit und Geheimidentität einen entscheidenden Teil beitrug) zerborst die Figur des John McClane der Typisierung „Actionheld“ ihr Uneinnehmbarstes, nämlich die Festung Körper. McClane, der pflichtbewusste Bulle aus Plainfield, New Jersey, dessen stärkster Muskel kein mit Hanteln und Steroiden herangezüchteter ist, entscheidend ist sein Herz. Der Kerl wird geschlagen, getreten, angeschossen, puhlt sich Glassplitter aus den blanken Füßen, (ver)zweifelt und hadert, der Film und die Terroristen treiben ihn wie Schlachtvieh vor sich her – und dennoch, physisch zerschunden pusht sich dieser McClane immer weiter, Geist und Seele profitieren da, wo ein Actionkino lange nur Materie kannte. Grenzen und Begrenzungen sind in vielerlei Hinsicht von Bedeutung in Stirb langsam, enge Luftschächte, Treppenhäuser, abgeschottete Stockwerke, Ausweglosigkeit, Blicke in die Tiefe von Fahrstuhlschächten und Dächern, aber in keiner Beziehung sind sie so wichtig wie in den gesetzten körperlichen Grenzen McClanes und seinem Willen, sie zu überschreiten.

Weiteres Geschick beweist Stirb langsam im Spiel mit den Motiven der Terroristen, die sich über den weltmännischen Gruber viel teurer verkaufen, als es ihren pragmatischen Zielen entspricht. Die expandierende Machtstellung der Nakatomi-Corporation, die Freilassung hochrangiger millitanter Führungsorganisationen – Plan und Kalkül Grubers knüpfen sich nur an ein Ideal und eine Emotion, wenn ihr Formulieren ihm dient, jenem Kalkül. In seiner Attitüde bildet der feinen Zwirn tragende, Weltliteratur zitierende und Beethovens „Freude, schöner Götterfunken“ summende Deutsche also das krasse Gegenstück zum straßenköter’igen McClane, der sich kulturell selbst eher als Westernheld, konkret Roy Rogers, verortet sieht. Als sozusagen dritte Gewalt gesellt sich der Polizeiapparat von Los Angeles und später das FBI zum Kampf um den Wolkenkratzer. Hierbei gilt, und das auf den ersten Blick ganz und gar genretypisch: je höher die Befehlsgewalt, desto fataler das Versagen der angewandten Methoden zur Terrorbekämpfung, weshalb sich die hemdsärmlige Frontsau McClane irgendwann nicht nur mit dem dreckigen Dutzend um Gruber herum schlagen muss. Im Gegensatz zu manch anderem Stück Kino der Zeit (aber auch heute noch bei z. B. Michael Bay zu beobachten) setzt Stirb langsam die staatlichen Organe aber nicht als praxisferne, debatierfreudige Schreibtischtäter ohne Waffenfinger ein (so wie in republikanisch geprägten Produktionen eben oft der demokratische Part mit Tatenlosigkeit und dummem Bürokratenirrsinn synchronisiert wird), sondern spricht mit sarkastischer Zunge von blindem Panzerwagen- und Kampfhubschrauber-Aktionismus, der in seiner Berechenbarkeit der Terrorgruppe voll in die Karten spielt, während McClanes Guerillamethoden nicht beizukommen ist.



Stirb langsam, eine umgekehrte Vietnammetapher oder Allegorie auf eine übermäßige, staatlich-verordnet präventive Angriffsgeilheit gegen den Willen und vor dem Vertrauen zur Handlungskompetenz des einfachen Mannes? Hihi, sorry, vermutlich nicht. Dennoch, John McTiernans Franchiseauftakt zeigt ein Actionkino, das aus mehr besteht als Explosionspopanz, das »more than meets the eye«-Motto der Transformers wird hier mit mehr Inhalt gefüllt, als der Frage, ob’s nun ein fetter Sportflitzer oder doch ein fett bewaffneter Roboter ist. Szenen wie die Sprengung in einem Fahrstuhlschacht oder McClanes Sprung vom explodierenden Dach des Nakatomi Plaza sind für die Ewigkeit, Bruce Willis‘ feingerippt-zynische Performance und Alan Rickmans aalglatter Terrordirigent mit seinem bad hair day-Dutzend sind perfekt gegeneinander getrimmt, build up und Entfaltung des Szenarios sind ideal getimt, McTiernan weiß genau, wann er das Höllentempo, den puren, blutspritzenden Krawall und die Aufregung der großen Actionmomente drosseln muss, so dass Stirb langsam nie in gleichförmigen Krawall wegdriftet. Mit Reginald VelJohnson und seinem Streifencop Al Powell, McClanes einzigem Kontakt nach draußen, baut der Film sogar noch eine herzige, rein verbale Kerlefreundschaft ein, die dem einsam ankämpfenden Cowboy einen Kanal für seine Strapazen öffnet und noch zusätzlich und mitreißend eine Ebene verdeutlicht, die Stirb langsam nie verlässt: da schwitzt und blutet sich ein Mensch durch eine tour de force der härtesten Art, keine unzerstörbare Mannmaschine. John McClane, Ikone. Yippee-ki-yay, Motherfucker.

Wertung & Fazit

Action: 5/5
Spannung: 5/5
Anspruch: 1/5
Humor: 1,5/5
Darsteller: 5/5
Regie: 5/5
Fazit: 10/10
Der beste Actionfilm aller Zeiten, mit einem der besten Helden und einem der besten Schurken. Punkt. Nee, Ausrufezeichen!

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Kommentare

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  • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

    Schöne Kritik, auch wenn ich vermutlich mehr als 1,5 Humor-Punkte geben würde und ihn nicht unbedingt zum besten Action-Film aller Zeiten klassifiziere.

  • FabianHalilu 10 Kommentar(e)

    Super Kritik!

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Danke sehr! 🙂

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