Skip to content

Review: LAWLESS

Von Flynn Hardy vor 3 Jahren geschrieben03 / 2013Kritiken1 Kommentar
LAWLESS Filmkritik

Story

Amerika in den 1930ern: das Land steckt in der Wirtschaftskrise, die Alkoholprohibition verbietet seit über einem Jahrzehnt per Gesetz den Verkauf, die Herstellung und den Transport von berauschendem Gut. Im Schatten, aber auch unter Zutun der Ordnungshüter erblühen der Schwarzhandel, Kriminalität und blutig ausgetragene Bandenkonflikte. Im hinterwäldlerischen Franklin County, Virginia, steigen die Rauchschwaden der illegalen Schnapsdestillen auf und unter anderem bereichern sich die Brüder Forrest, Howard und Jack Bondurant unter dem Deckmantel einiger Sheriffs, die ihren Tropfen mehr zu schätzen wissen, als die Pflicht. Doch Probleme ziehen in Gestalt des schmierigen Special Deputy Charlie Rakes auf, der mit dem Virginia Commonwealth Attorney Mason Wardell im Rücken sein Stück vom Kuchen fordert. Die unbeugsamen Bondurants, allen voran Forrest, sind allerdings keinen Zentimeter Willens, von ihrer bisherigen Unabhängigkeit abzuweichen. Während sich die anderen Schwarzhändler nach und nach Rakes‘ Druck beugen bleiben die Brüder standhaft. Doch nachdem Forrest lebensgefährlich verletzt wird und Jack, der jüngste Bondurant, sich zu Höherem berufen fühlt, als immer nur im Schatten seiner Brüder auszuharren, riskiert er für einen zunächst eintretenden Aufschwung ihrer Handelsmethoden alles – und vielleicht zu viel…

Der Film

Zusammengepuzzelt aus Familiengeschichten, Archivaufnahmen, Nachrichten und Gerichtsmitschriften erschien im Jahr 2008 die historical novel The Wettest County in the World von Matt Bondurant, Nachkomme der in obiger Inhaltsangabe umrissenen Sippe, genauer gesagt Enkel des 1910 geborenen Andrew Jackson „Jack“ Bondurant. Seine Großonkel Benjamin Howard und James Forrest Bondurant lernte Matt nicht mehr kennen, von Opa Jack indes hat er sich bis zu dessen Tod im Jahr 2000 Geschichten von der Great Franklin County Moonshine Conspiracy, Tommy Guns, Schmugglerbossen und Gangstergrößen wie Al Capone erzählen lassen können. Die Ereignisse rund um die drei bootleggenden Brüder, Lokalmythen in Franklin County, fanden 2010 ihren Abnehmer in Hollywood, allerdings geriet die Finanzierung ins Stocken und vom ursprünglichen Cast mit James Franco, Ryan Gosling, Amy Adams und Scarlett Johansson blieb lediglich der Blockbuster-übersättigte Shia LaBeouf übrig. Wie auch immer, das Projekt kam mit noch besserer, da passgenauerer Besetzung doch noch ans Laufen und erschien schließlich 2012, weder unter dem Ursprungstitel The Wettest County in The World, noch als Zwischenlösung The Promised Land, sondern als ungleich generischer klingender Lawless. So, und wozu nun dieser ganze Trivia-Schwall?



Ganz einfach: es synonymisiert das Hauptproblem von John Hillcoats Film: Lawless ist eine Geschichte aus zweiter Hand, für die Leinwand adaptiert von dritter Hand, nämlich jener des Post-punk-gothic-alternative-Musikers Nick Cave, und während eine solche Schaffenskette beim Verfilmen von Literatur und historischen Ereignissen in den besten Fällen nur eine „Ungenauigkeit“ oder ähnliches in der Handlungsperipherie bedeutet, macht es sich im Falle der The Wettest County in the World-Adaption unignorierbar bemerkbar. Lawless ist das filmische Äquivalent des Begriffes „Hörensagen“. Das ist nachgespielte, jedoch keine erfühlte Geschichte, abgebildete, jedoch nicht vertiefte Gestrigkeit von Wertbildern, Gesellschafts- und Gesetzesstrukturen. Die Bondurants stellen sich selbst immer wieder heraus (»You tryin’ to intimidate us, Sheriff? Huh?! We’re Bondurants!«) oder werden von ihrer Umgebung herausgestellt, ihr Name fällt in jeder dritten Dialogzeile – doch was die Geschwister, ihre ganze Sippe jenseits des Mythos um sie herum so besonders macht, sie zu einem zentralen Punkt des Schmuggelgeschehens im ländlichen Franklin County hebt, das bleibt vage und wie so vieles an Lawless ein reines Gedankenkonzentrat, verhaftet in der Erzählperspektive Jack Bondurants.

Zu kurz kommt das größere Zeitbild, an dem sich die Bondurants relativieren und brechen. Der Chicagoer Mobster Floyd Banner etwa, der bei ihrer passiven ersten Begegnung ordentlich Eindruck bei Jack hinterlässt, könnte als eine Koordinate dienen, ist aber nicht mehr als ein Gary Oldman-Cameo, während die gesamte übrige Umwelt der Brüder ein Gitternetz aus ähnlich gelagerter Korruption und dem Ausnutzen des Mittels der Gewalt ist, die Bondurants als Teil davon zu selten loslassend, um ihnen als Figuren und den Ereignissen eine Schwere zu verleihen. Dafür sind Caves Script und Hillcoats Inszenierung durchwoben von den Klassikern der Genredramaturgie, die sich in den ersten fünfzehn, zwanzig Minuten allesamt in voller Schärfe abzeichnen. Die love interests für Forrest und Jack, die Vergeltung nach einer beinahe tödlichen Attacke, der Tod einer Nebenfigur mit emotionalem Wert für mindestens eine der Hauptfiguren, die Schlusseskalation im Kampf gegen das nicht sonderlich gesetzestreue Gesetz, dessen Gesicht zur Visage des fingerbreit gescheitelten Charlie Rakes verzerrt wird. Das sind Bedienbilder, so alt wie der Gangsterfilm selbst. Lawless verpasst es, auf rein erzählerischer Ebene aus dieser Gleichgängigkeit herauszuragen, seine Figuren einzigartiger zu gestalten, mehr als nur eine nett ausgestattete Bewegtbildmontage einiger Charakteristika der Great Depression zu sein.



Doch diese stramme perspektivische Fokussierung, die Sicht der Dinge aus Jack Bondurants Augen, machen den Film im Gleichmaß schwach und stark. Forrest und Howard sind, wer sie aus seiner Sicht sind, diese übergroßen Bruderfiguren, die eine Legende der Unsterblichkeit umgibt, sie sind eine Vorstellung Mann, der der Junge Jack auf seinem Pfad zum Erwachsenwerden nachzueifern sucht, dem gegenüber er sich ständig zu beweisen versucht; und schon steckt ein Sinn dahinter, warum die beiden so sporadisch in der Handlung auftauchen, ihr Handeln so episodisch wirkt und immer wieder und oft „nur“ etwas darstellt, dem Jack nacheifert. Ehe er sich aus ihrem Schatten vorwagt. Jacks Perspektive rechtfertigt, warum es scheint, als trügen die Bondurants als einzige ihr Rückgrat nicht bloß zur Stütze der Körperhaltung, während alle anderen in ihrer Anwendung von Gewalt auslösender, in ihrem Nachgeben willensschwächer, gar in ihrer Physis eingeschränkter wirken. Jacks Perspektive rechtfertigt, warum der Film die Bondurant-Brutalität zum guten, gerechtfertigten Handeln verklärt, als logische Reaktion auf korrupte oder sonstwie moralisch entartete Umstände. Die Brüder sind keine Heroen; sie sind es aus Jacks Sicht, die Lawless allerdings nicht dem Zuschauer aufzwingt, da der Film eben so frei von Tiefgang bleibt, Forrest und Howard ins Verhältnis zu Jack setzt, sie als die zwei, drei Schritte weiter auf der Leiter zeigt, die der jüngste Bruder zu erklimmen erhofft, dies aber aufgrund ihrer sonstigen beinahe vollständigen Leere nicht unbedingt zu einem erstrebenswerten Ziel im allgemeinen ausruft, sondern höchstens zu einer Notwendigkeit innerhalb ihrer Epoche. Harte Zeiten verlangen harte Kerle. No more, no less.

Darauf umgemünzt bietet Lawless leider weniger, als es die Möglichkeiten zugelassen hätten, wohl aber nichts desto trotz ein im Rahmen seiner Konventionen sauber und in Einzelszenen intensiv und hart erzähltes Crime-Drama, die Entwicklung Jacks vom soft cake zum harten Hund erfolgt nicht zu plötzlich, sondern in einem ausgewogenen und nachvollziehbaren Rhythmus aus blutigen Rückschlägen und entscheidenden Wendepunkten. In Franklin County treffen Volkstümlichkeit und Mythenbildung auf städtische Theatralik und Marotte, bisweilen auf weibliche Rationalität und Logik: einige seiner besten Szenen fährt Lawless auf, wenn Guy Pearce als besessen-selbstversessener Special Deputy Charlie Rakes mit seinem dramatisch-geckenhaften Erscheinungsbild in die Schlichtheit der Landarbeitergegend eindringt, sich angewidert durch die raubeinige und keinen Wert auf ihr Äußeres legende Gesellschaft von Malochermännern mit Zigarrenstummel im Mundwinkel windet. Auch das eine Überzeichnung, die ganz Jacks Anschauung entspringt, für den Rakes das abstoßendste Menschengewürm unter der Sonne ist, von Pearce im Derwischmodus der Eitelkeit und des schnöseligen Stolzes perfekt verkörpert. Stark auch der einzige Moment, in dem Jessica Chastain Gelegenheit bekommt, ihre keindimensionale Rolle des prädestinierten Liebchens etwas aufzufächern und Forrests Glauben an seine eigene Legende in Frage zu stellen, eine Szene, die die Mär von den unsterblichen Bondurants insgesamt bloßstellt und vielleicht sogar auflöst.



Tom Hardy (Warrior), Gary Oldman (Batman Begins), Mia Wasikowska (Jane Eyre), Jessica Chastain (Take Shelter), Jason Clarke (Zero Dark Thirty), Guy Pearce (L.A. Confidential) – alles Darsteller, die herausragende Leistungen vorzuweisen haben und die es sich alle verdient haben, Lawless schon ihrer bloßen Anwesenheit wegen um einen kräftigen Schluck selbstgebrannten Schnaps besser zu sehen, als der Film vermutlich ist. Keinem dieser profilierten Namen fügt das Period Pic eine neue Referenz in der Vita hinzu – wohl aber dem bisher ungenannten Transformers-Star Shia LaBeouf. Der hat sich während der Dreharbeiten ordentlich einen hinter die Binde gekippt (»My drinking on this movie was as undestructive as I could possibly make it, if that makes sense. I did it for the movie. I didn’t drink off set for no reason. I did it because, when I showed up on set the next day, my [bleep]ing eyes looked like this and my face… had that drunk bloat that I needed, that I couldn’t have if that wasn’t going on. Moonshine is different than liquor. Moonshine is closer to heroin«) und damit Co-Star Wasikowska fast vom Set gejagt, und scheinbar hat diese Interpretation von method acting tatsächlich eine performanceunterstützende Wirkung gehabt, denn das »no no no no no!«-Bürschchen muss nicht nur trotz der Hardys und Oldmans den Großteil des Films schultern, sondern stemmt diese Bürde wahrlich mit Bravour. Ob Pearce ihn zu Matsche prügelt, er gegen seine Brüder aufzubegehren versucht, sich besoffen in einer Kirche blamiert, um die fromme Wasikowska wirbt oder am Ende aus Schmerz und Verlust eine schnaubende Entschlossenheit ableitet, LaBeouf kriegt das in einem breiten Spektrum auf den Bildschirm. Während der Rest von Lawless halt gerade und flach auf seine Unausweichlichkeiten zuläuft.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Tommy Gun-Salven, Kloppereien mit Schlagringen, ordentliches Blutgesudel, dennoch alles andere als eine Daueractionveranstaltung. Erst zum Ende mehren sich die Auseinandersetzungen bis zum bleischwangeren Showdown.
Spannung: 2,5/5
Lawless läuft leider arg nach üblichen Genremustern ab, so dass kein Handlungsstrang die Spannungskurve ausreizt, dafür drehen Einzelmomente ordentlich auf.
Anspruch: 1/5
Weniger Charakterdrama als vermutet und mit der Besetzung möglich gewesen wäre. Die Figuren bleiben (zum Großteil der Perspektive geschuldet) eher blass bis überzogen dargestellt, mehr als eine Ebene weist kaum eine auf.
Humor: 0/5
Trockene Veranstaltung.
Darsteller: 4/5
Von den Namen her natürlich der Kracher, gern gesehene Darsteller/innen, die für gehobenes Schauspiel stehen – und von denen ausgerechnet bis auf Sha LaBeouf, für den das bisher nicht galt, keine besonders herausragenden Rollen spielen.
Regie: 3/5
Der ganze Aufbau des Films ist zu sehr einer zigmal abgespulten Genrekonvention verschrieben, da hilft’s nur teilweise, dass Hillcoat dennoch einige eindringliche Momente für’s Langzeitgedächtnis hinlegt und innerhalb der Konventionen sehr sicher inszeniert.
Fazit: 6,5/10
In dem Great Depression-Crime-Drama hätte zweifellos weit mehr gesteckt. So ist’s eine brutale Epochenballade mit Charakteren, die fast ausschließlich durch ihre Schauspieler, nicht aber durch ihre Anlegung interessant werden. Und durch ihre beschissenen Frisuren natürlich.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Liken/Teilen

Kommentare

Ja... weißt du... das ist vielleicht... deine Meinung, Mann...
...also schreib doch einfach einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *

Weitere Artikel
Navigiere zum vorigen/nächsten Artikel

525 Aufrufe