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Review: END OF WATCH

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben04 / 20130 Kommentare

Die Story

Nach einer Schießerei mit Todesfolge und dem anschließenden Bürokratiemarathon nehmen die Officers Brian Taylor und Miguel Zavala ihren Streifendienst in South Central Los Angeles wieder auf. Der ghettoisierte Bezirk ist für die Cops Abenteuerspielplatz und verlorener Posten in einem, auf den Straßen herrschen die Gesetze verfeindeter Gangs, Afroamerikaner bekriegen sich mit Mexikanern und vermeintliche Routineeinsätze können innerhalb von Sekunden zur brandgefährlichen Bewäherungsprobe ausarten. Doch Taylor und Zavala, seit Jahren nicht nur Partner, sondern außerdem beste Freunde, bewegen sich selbstbewusst durch diese gewaltzersetzte Gegend und geraten im Zuge der Ermittlungen nach einem Drive-by-Shooting schließlich an einen Fall ungeahnter Größe, der nicht nur die üblichen drei Themen, Waffen, Geld und Drogen, umfasst: die Cops stoßen auf Menschenhandel und Widerstand aus den eigenen Reihen, als sich Bundesagenten in den Fall einschalten. Als Taylor und Zavala eigenen Hinweisen und Intuitionen nachgehen wird die Lage auf den Straßen für sie immer brenzliger, denn eine Latino-Gang der Sureños und ihr aufstrebender Anführer Big Evil haben es schon bald auf die beiden abgesehen. Und auf den Straßen und Hinterhöfen von South Central wird nicht verhandelt…

Die Filmkritik

Autor/Regisseur David Ayer und der Cop-/Gangster-Thriller, das ist ein untrennbares Duo wie Stephen King und der Vorstadthorror, John Grisham und der Justizkrimi oder Michael Bay und der Explosionsporno. Und genau wie King, selbst Bürger seines bevorzugten Handlungsortes Maine, der Rechtsanwalt Grisham und das Mannkind Bay weiß Ayer genau, wovon er da in Filmen wie Training Day, Dark Blue (beide als Autor), Harsh Times und Street Kings (beide als Autor und Regisseur) erzählt. Der gebürtige Chicagoer verbrachte einen Großteil seiner Jugend auf den Straßen von South Central Los Angeles und wenn man sich Ayer so ansieht, mit seiner imposanten 1,90-Erscheinung, dem rasierten Schädel und dem sauber getrimmten goatee, könnte man auf die Idee kommen, dass er eine der brutalsten und tötungsreichsten Gegenden der US-Westküste nie wirklich verlassen hat. Nach seinen bislang durchweg ordentlichen Werken begibt sich Ayer nun mit End of Watch auf seinen wohl direktesten Trip zurück nach South L.A.: im Found Footage-Look präsentiert er seinen neuesten Cop-Thriller, mit handgehaltener Digicam geht’s hinein in verranzte Bruchbuden, durch enge Gassen und an Tatorte brutaler Morde und anderer Verbrechen.

Ein oder sogar DAS Problem seines bisherigen Schaffens beseitigt Ayer allerdings nicht durch Wackelkamera und fake documentary-Style: End of Watch hat den Atmosphäretank voll, ist als Milieuschilderung durchaus packend und insgesamt schön dreckig und geschickt in Szene gesetzt, ein urbaner Thriller mit rauem Asphalt unter den Sohlen und Blut an den Händen – was dem Film fehlt, ist eine erzählerische Originalität. Die Sequenzen, oder auch nur Momente, in denen sich Stilistik und Narration zu einem symbiotischen Wirken verbinden, mehren sich erst zum Ende, die meiste Zeit ist End of Watch in seinem Ablauf ein Cop-Thriller mit Charakterdramaeinschlag, wie es herkömmlicher nicht zu artikulieren ist, nur die Präsentation ist halt mal divergent. Wobei Ayer aus den Digicam-, Uniform- und Dienstwagenkameraperspektiven ohnehin früh ausbricht und letztlich eine bunte Allerleipaella aus first und third person-shots anrührt und die Aufnahmequelle wild zuckend von Schulter- zu Gewehr- zu feststehender Perspektive wechselt. Das fordert die üblichen paar Minuten der Eingewöhnung, funktioniert dann aber auch dann, wenn der Film ganz klar aus handlungsexterner Position gefilmt wird und seinen Ansatz damit eigentlich selbst entkonstruiert, zum Beispiel bei einer Sexszene oder auf der Grillparty einiger Ghettostyler mit anschließendem Drive-by. Doof wär’s allerdings ebenso, wenn hier neben Cop Taylor, der seinen Alltag für Studienzwecke aufzeichnet, noch mehr Figuren mit Kamera in der Hand drauflos pesen würden, wirkt’s doch schon bei den bösen Hispanos reichlich gestellt (um mal gar nicht davon anzufangen, dass die hier permanent Beweismaterial gegen sich abfilmen…).

Sein Echtheitszertifikat bekritzelt sich End of Watch also selbst und das nicht nur in Bezug auf die Technik. Vieles vom Dialog zwischen Taylor und Zavala ist improvisiert und wirkt oft ein bißchen so, als hätten sich die Schauspieler Jake Gyllenhaal und Michael Peña nicht besonders viel zu erzählen gewusst und einfach mal kräftig ins Blaue geraten, worüber sich zwei Cops auf Streife wohl so unterhalten. Heraus kommen dabei Gespräche, die öfters banal mit authentisch verwechseln – zwei Begriffe, die nicht unbedingt ungleich sind, die in ihrer Vermengung aber häufig am Zentrum von End of Watch vorbeipalavern: die angeblich tiefe Freundschaft der Cops klingt mit Sätzen wie »I love you, bro« und »I know, bro« formuliert nach vielem, und Männer haben’s ja eh nicht so mit Gefühlen und bla, aber eine enge und durch die Jahre des gemeinsamen Einsatzes stahlgebadete Verbundenheit hört man da trotzdem zu selten heraus, zumal viel small talk während des routinemäßigen Streetchecks eben rüberkommt, als würden sich die Kumpelcops doch erst seit zwei, drei Wochen kennen und über Oberflächlichkeiten hinaus noch nicht so recht warm miteinander sein. Zum Ausgleich setzt End of Watch auf dramatische Momente, wie die Rettungsaktion dreier Kinder aus einem brennenden Haus oder Heimvideoclips auf der Geburtstagsfeier von irgendeiner Verwandten Zavalas, um das dicke Band zwischen den beiden zu knüpfen, das der Film an anderer Stelle durch sein phrasenhaftes Schwadronat wieder aufribbelt.

Selbigem geben sich auch die mexikanischen Gangsterhombres mit ihrem ungesüßten und extrem und einzig auf Attitüde ausgewalzten Ghettoslang hin, so dass man diese comichaft überzeichnete tighte Hispano-Posse mit der Kampflesbenmamacita und dem aufstrebenden Oberese Big Evil kaum ernst nehmen kann, wenn letzterer Verbalkanonaden wie »Motherfucker! This fucker is straight from SHU, homeboy! You stop fucking around. You got in the car! You want to fucking hang with the fucking carnales, now you fucking pay the fucking price of fucking admission, homeboy. I’ll fucking kill this fucking bitch, alright? You shut the fuck up.« abfeuert. Fuck, das ist irgendwann zu viel, holmes, sowas kann sich fuckin‘ Rockstar bei GTA erlauben, aber kein Film, der sich Realismus auf die Marke zu schreiben versucht. Fuck! End of Watch ist also weder deswegen DER besonders authentische Cop-Thriller, weil Gyllenhaal die Kamera selbst hält, und er ist nicht DER genreerfrischende Cop-Thriller, da er dafür auf dem Dienstweg wie im Privatleben der LAPD-Officers zu wenig anderes passieren lässt, als es beliebigen LAPD-, NYPD- oder Bostoner Cops bereits in unzähligen Crime-, Noir- und Action-Thrillern zuvor wiederfahren ist. Besonders der private Part, Zavala mit seiner schwangerschaftsgekrönten Musterehe mit der Jugendliebe und Taylors Suche nach seiner Mrs. »I want somebody to talk to, not just sleep with« Right und sein aufkeimendes Glück mit der süßen Janet… das ist dramaturgisch strenger Dienst nach Vorschrift, ebenso ohne große Überraschungen, wie die Stationen der sich zuspitzenden Ermittlungen.

Die steigern sich in Bedeutung und Härte mit jeder weiteren (Zufalls)Entdeckung, ehe End of Watch in eine unausweichliche und bockharte Schlusskonfrontation mündet. Viele solcher Milieustudien (auch jene aus Ayers Feder) besitzen einen Hang zur Glorifizierung, drücken die richtigen Knöpfe, um ein Publikum dahin zu bringen, etwas völlig selbstfernes als „cool“ zu empfinden. Sprich: nach The Fast and the Furious will man seine alte Karre mit Unterbodenleuchten und Lachgaseinspritzung pimpen und nach Cop-Thrillern würde man am liebsten sofort in Uniform auf Streife gehen. Nicht so bei End of Watch, der zwar von Polizistenehre handelt, sie jedoch genau wie das Selbstbildnis der Cops (besonders Taylors) als etwas enttarnt, das am falschen Ort nicht mal mehr den Dreck wert ist, in dem man von Einschusslöchern zersiebt, mit Küchernmessern im Gesicht oder von Faustschlägen zermatscht landet. Der Job ist eine Pflicht, zu der einen irgendein Gerechtigkeitsethos ebenso rufen kann, wie suboptimale Schulbildung einem die Wahl abnimmt. »I was just some stoner working at my uncle’s muffler shop and one day she grabbed me by the shoulders and says, „we’re getting married and you’re joining the department because you can make a lot of money without a college degree.“ And I was like, fuck yeah!« erzählt Zavala an einer Stelle. Die Cop-Pflicht fordert und gibt wenig wieder, vielleicht eine Ehrenmedaille und den spöttischen oder missgünstigen Applaus der Kollegen. [SPOILER voraus]Die einen am Ende, und das ist der wirklich heftige Tritt in den Magen am Schluss von End of Watch, im Staub verrecken lassen.[SPOILER Ende]

»I am the police, and I’m here to arrest you. You’ve broken the law. I did not write the law. I may disagree with the law but I will enforce it. No matter how you plead, cajole, beg or attempt to stir my sympathy. Nothing you do will stop me from placing you in a steel cage with gray bars. If you run away I will chase you. If you fight me I will fight back. If you shoot at me I will shoot back. By law I am unable to walk away. I am a consequence. I am the unpaid bill. I am fate with a badge and a gun. Behind my badge is a heart like yours. I bleed, I think, I love, and yes I can be killed. And although I am but one man, I have thousands of brothers and sisters who are the same as me. They will lay down their lives for me and I them. We stand watch together. The thin-blue-line, protecting the prey from the predators, the good from the bad. We are the police.«

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Schusswechsel, Raufereien und Verfolgungsjagden in gemäßigtem Rahmen. Kamera und Schnitt sorgen lange für die Action, ehe am Ende ein bleihaltiger Showdown ausgepackt wird.
Spannung: 2/5
Auch wenn es sich aufzudrängen scheint nützt der Film sein Perspektivenspiel selten, um Spannungsmomente zu erzeugen. Auch hier wird erst gegen Ende deutlich angezogen.
Anspruch: 1,5/5
Eine Kamera mitten im Geschehen ist keine zwangsläufige Garantie für die Authentizität des selbigen. Der Film dürfte schon recht nah an der Copalltäglichkeit in SCLA sein und dennoch ist er zumindest narrativ eben eine Scriptsequenz nach der nächsten.
Humor: 1/5
Der sechsthäufigste Gebrauch des Wortes »fuck« in einem Film und auch ansonsten geht’s verbal wenig zimperlich zu, so dass die Cops ihren Trott gelegentlich mal durch einen Lacher auflockern.
Darsteller: 4/5
Gyllenhaal und Peña machen’s eigentlich jeder für sich genommen gut, nur ihr Zusammenspiel ist nicht ganz optimal, dafür das auf ihrer angeblichen brüderlichen Freundschaft das Gerüst des Films steht. Ansonsten: gelungenes typecasting, von der sweet’en Kendrick zum kernigen Frank Grillo.
Regie: 3,5/5
David Ayer kann eine wahnsinnig intensive Brettmosphäre schaffen, da gibt’s nix dran auszusetzen. Nur dürfte er das beim nächsten Mal gerne mit einer endlich etwas originelleren Geschichte versehen.
Fazit: 6,5/10
End of Watch ist im Kern nicht mehr, als ein relativ gewöhnlicher Cop-Thriller, mit allem was das an Handlungselementen und Rollentypen so mit sich bringt. Dennoch ist die Machart, wenn auch nicht halbwegs konsequent durchgespielt, herausstechend und das Ding atmosphärisch über jeden Zweifel erhaben. Rau und dreckig, mit einem Ende wie ein Würgegriff, auch wenn der Film sich das auf den letzten Metern gleich wieder etwas wegrelativiert. Solide Genrekost, insgesamt.

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