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Review: OBLIVION

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben04 / 20137 Kommentare

Peter Jacksons Der Herr der Ringe-Trilogie und dem Harry Potter-Franchise haben es Fans von Zauberei, Mythen und Kreaturen zu verdanken, dass nach langem Winterschlaf der Fantasy-Film das erste Jahrzehnt der 2000er beherrschte. Mittlerweile, nach vielen gefloppten Trittbrettfahrern, nimmt jedoch eher der Science Fiction-Film wieder Schwung auf, um den Hang zum Fremd- und Andersweltlichen zu bedienen. Das Genre ist eines der ewigen Meisterwerke, Metropolis, 2001: A Space Odyssey, Alien, Blade Runner und natürlich die Star Wars-Sage – Filmgeschichte. Ein Genre auch, das im besten Falle immer mehr zu sagen hat, als es lediglich zeigt, eine Gegenwartsreflexion, eine Meditation über Fragen der Existenz, des Begriffes Mensch, der Sexualität und Geschlechterrollen. Ausblicke auf ein mögliches Morgen gab’s zuletzt und gibt’s demnächst wieder reichlich: James Camerons Avatar, District 9, im letzten Jahr Prometheus und der Zeitreise-Thriller Looper, im Mai 2013 tritt das Kino den Star Trek Into Darkness an und sensationellerweise wird ab 2015 das Star Wars-Universum um drei neue Kapitel erweitert. Vorher ist aber noch dreimal high concept-Dystopie angesagt, im Juni in M. Night Shyamalans After Earth, im August in Neill Blomkamps Elysium und den Anfang macht Joseph Kosinskis Oblivion, der sich wie die beiden vorgenannten der Zukunftsvision einer zerstörten und/oder radikal veränderten Erde widmet, basierend auf Kosinskis eigener, gemeinsam mit Arvid Nelson ersonnener graphic novel.

Story

Die Erde im Jahr 2077: sechzig Jahre, nachdem mit der Zerstörung des Mondes eine verheerende Alieninvasion begann, ist der Planet von urgewaltigen Naturkatastrophen und dem siegbringenden Einsatz von Nuklearwaffen gegen den Feind aus dem All nahezu unbewohnbar gemacht und über die Jahrzehnte in einen naturgegebenen Ursprungszustand zurück evolutioniert. Der Rest der Menschheit lebt auf einer erdnahen Raumstation, der Flug zu einer neuen Heimat auf einem Mond des Saturn steht kurz bevor. Einzig der Techniker Jack Harper und seine Supervisorin Victoria sind noch zurückgeblieben, um gegen die versprengten Reste der Außerirdischen den reibungslosen Abtransport des dringend benötigten Rohstoffs Wasser zu überwachen. Dazu repariert und wartet Jack auf der Erdoberfläche schwer bewaffnete Drohnen, die gewaltige Filtertürme vor feindlichem Zugriff bewahren. Doch während Jack zwei Wochen vor ihrer Abreise seinen Routinepflichten nachgeht spürt er immer wieder den Schatten der Erinnerung an eine Welt, die er selbst nie kennengelernt hat, eine Welt vor dem Angriff. Als ein Funksignal der Aliens schließlich eine Raumkapsel zum Absturz zwingt und Jack in den Trümmern eine Überlebende bergen kann, beginnen all seine Vorstellungen von dem, was er für die Wahrheit hielt, in sich zusammen zu fallen…

Der Film



Einen Aspekt seines Regiehandwerks beherrscht Joseph Kosinski wirklich gut, nämlich mit dem Finger auf Concept Designs seiner Art- und Effect-Departments zu zeigen und unter deren Mithilfe ausdefinierte Styles für seine SciFi-Welten zu erschaffen. Das gelang ihm bei Tron: Legacy, schlicht einer der audio-visuell geilsten Filme der letzten Jahre, und das gelingt ihm auch bei Oblivion. Auf den ersten, oft überwältigenden Blick zumindest. Ansonsten sollte der Enddreißiger mal darüber nachdenken, zukünftig nur noch die ersten Drittel seiner Filme selbst zu inszenieren, wenn er seine Panoramen entfaltet, seine Storyboards und Previz‘ zu beeindruckenden Kompositionen finalisiert und seine Ideen andeutet – um dann den eigentlichen Plot, die Figurenzeichnung und die Dramaturgie unter andere, fähigere Leitung abzustellen. Genau wie die Cyberspace-Dröhnung von vor drei Jahren verreißt Kosinski auch seine Postapokalypse, sobald der Punkt erreicht ist, an dem die Hülle mit Masse zu füllen wäre. Sowohl Tron: Legacy wie auch Oblivion schaukeln sich anfangs in einen sehr eigenwilligen Rhythmus nur anseitsweise expositorischer und narrativer Bildgewalt ein, nur um dann, wenn Fäden geknüpft und verbunden werden müssten, in ein unrundes Gewirre aus planloser Existenzialismuseierei und ein simples Nachstellen von allem, was Kosinski so als Einfluss begreift, zu münden. Und das entspircht nicht dem weiter oben angeführten Credo eines Genres, das im besten Falle immer mehr zu sagen hat, als es lediglich zeigt.

Was Oblivion zeigt, darin deutet sich in der Besprechung des Films bereits eine friedliche Meinungseinhelligkeit an, ist edelste Marke. Der so welt- wie unweltliche Drehort Island muss um Computer Generated Imagery lediglich ergänzt und nicht davon überlagert werden, die relativ sparsamen futuristischen Designs scheinen nie von einem praktischen Zweck entbunden und bieten im Verbund mit ihren akustischen Komponenten sogar einige suspensehaltige Momente, wie überhaupt der Gesamteindruck einfach stimmt: die von allem Leben kahlrasierte Welt, die klinisch-sterile Technik, letzter Rest des Zeugnisses Mensch vor seiner endgültigen Abwanderung von der einst blühenden Heimat, das erzeugt in den besten Szenen des Films eine greifbare Stimmung kühler Schönheit, macht den Planeten tatsächlich kurz vor dem Augenblick seiner kompletten Entvölkerung, in dieser Atmosphäre des bitteren Abschieds erfühlbar, als stünde alles, den Befall der Zivilisation unwiederbringlich abgeschüttelt, im Morgengrauen eines Neuanfangs. Das macht Oblivion als Stimmungsbild fast einzigartig. Obwohl er es, lange bevor die eigentliche Handlung beginnt, bereits in einzelnen Designaspekten genaugenommen nicht ist. Pixars WALL•E fällt einem da ein, denkt man an die Schiffswracks, die nun aus Sandmeeren ragen, an die Waffenvorrichtungen der Drohnen, die an das hochentwickelte Gegenüber des kleinen Müllpressenroboters EVE erinnern, oder an eine aus dem Schutt der Erde erblühte Pflanze, die Jack Harper aufpeppelt und seiner Partnerin Victoria als Geschenk überreicht. Dann wären da die außerirdischen Plünderer, die bei näherer Betrachtung wie eine Mischung aus Helghast und Predator erscheinen.



Aber egal, das Visuelle funktioniert, unterlegt vom Score der Dreampop-Band M83 um Frontmann Anthony Gonzalez, der gemeinsam mit Joseph Trapanese die Klangwelten liefert, ist Oblivion ein Augen- und Ohrenverwöhner, auch wenn’s schade ist, dass mit StarWaves eines der besten Stücke lediglich eine biedere Poolsexszene untermalt, wo doch die sphärisch-verträumten Synth-Sounds den weitschweifenden World’s End-Panoramen so ausgezeichnet stehen würden. Kratzer in seine makellose Ästhetik haut sich Oblivion aber erst an der Stelle, an der die obige Inhaltsangabe abbricht: von Geheimnissen und Rätselraterei um Geisteszustände umwobene Plots sind meistens spannender, wenn sie Fragen stellen, nicht wenn sie die Antworten liefern. Und auch Kosinski weiß nicht mehr mit seiner Geschichte anzufangen, als formelhafte Twists aneinander zu reihen, von denen einer bereits in den Trailern vorweggenommen wurde, und ansonsten im Viertelstundentakt fein vorgestanzte foreshadowing-Momente einzulösen. Wesentlich schwerer als seine optischen Anleihen wiegt dabei der Umstand, dass Kosinski ein Potpourri seiner liebsten SciFi-Referenzen anrührt, teils so detailgenau nachempfunden, als inszeniere er hier plötzlich nicht mehr einen Film namens Oblivion, sondern viele kleine Remakes und Crossover. In einer Parallelmontage aus Flashback und Gegenwartshandlung näht der Mann am Ende szenisch penibel nachgestellte und erzählerische Versatzstücke aus Independence Day, Star Wars Episode IV & VI und Matrix aneinander und serviert einen uninspirierten Greatest Hits-Remix, eine Polyphonie in monoton. In keine Richtung mehr eine Grenze, die Oblivion noch selbst überschreiten würde, nur viel bereits entdecktes Land in stilistischer Anpassung. Wie ein Gemälde, die kunstvollen Ölfarben vergangener Pinselvirtuosen mit Filzstift übermalt.

Es ist am Ende nichtmal enttäuschend oder gar ärgerlich, in welch luftleeren Raum der missverstandenen Huldigung (im Zweifelsfall immer bei Tarantino nachfragen, wie man das richtig macht) Kosinski seinen Oblivion lenkt, das bleibt ein jederzeit mit einem gewissen Grundinteresse verfolgbarer Film, egal wie viele Beats und Impulse er als Überbrückungskabel seiner Narration anschließt. Egal allerdings zuvorderst in dem Sinne, dass Oblivion kaum etwas in seine emotionalen Rücklagen investiert. Ein Film für die grundlegend wahrnehmenden, nicht für die empfindenden Sinnesorgane. Zwischen Hauptdarsteller Tom Cruise und den weiblichen Co-Stars Andrea Riseborough und Olga Kurylenko zündet keine Reaktion, gar nicht mal mangelndem Talent geschuldet, Riseborough macht ihre Sache sogar sehr ordentlich, von Kurylenko ist halt nicht mehr zu erwarten, als das Umsetzen grober Regieanweisungen in grobe Mimik. Eher ist’s problematisch, dass die fast zwanzig Jahre jüngeren Actricen neben Cruise bisweilen wie Schulmädchen wirken, was die Riseborough zumindest durch ihre diszipliniert-unterkühlte Ausstrahlung wettmacht, die gefühlsbundmäßig wichtigere Kurylenko hingegen nicht, und ihre wahre Bedeutung für Jack und die Story daher enervierend unglaubwürdig rüberkommt, je mehr diese Bedeutung zur Tragfläche des absturzbedrohten Fluges Oblivion wird. Ähnliches gilt für Morgan Freeman, der mehr als sein eigenes Internet meme posiert, als dass er einen Charakter verkörpert. Cruise indes reißt seinen Part mit der Routine aus dreißig Jahren genereller Leinwanderfahrung und vielen im speziellen ähnlichen Typen runter, erforschen, schießen, rennen, Erinnerungen suchen, eine Mischung aus WALL•E und Bourne und letztlich eben ganz der Cruise, der Tom, der Star, das Image…



Manche Filme wünscht man sich besser, Oblivion hingegen kann man schlucken, wie er ist: für Look und Sound allein lohnt sich der Kinobesuch, für Claudio Mirandas geschliffene Bildnisse der Nachmenschwelt und für das Echo einer zweckorientierten Zukunft, die seit Ridley Scotts Alien nicht mehr so viel „Freude“ am sehnenzerrend-knarrzenden Getöne bereitet hat, wenn die kugelförmigen Drohnen ihre Waffensysteme in Stellung bringen oder den Standort ihres Absturzes akustisieren. Das erste Drittel von Joseph Kosinskis zweitem Spielfilm ist bei weitem sein bestes, ehe (so hastig aufge- wie verworfene) existenzphilosophische Anrisse und ein zusammengekramter Wendungswadutz, der zu selten wirklich verdutzt, dem Erlebnis Oblivion seine wertvollsten Rohstoffe entziehen. Ein kleiner, nicht umsonst getaner Schritt für den Zuschauer und überhaupt keiner für den postapokalyptischen SciFi-Film, der hier nur um eine Variation, um ein Setting erweitert wird, um beeindruckende Bilder – und sonst halt nicht viel mehr…

Wertung & Fazit

Action: 3/5
Oblivion gönnt sich Strecken der Ruhe und Entfaltung, die Action wird dann nicht zu breit getreten, bietet aber auch keine absoluten »WOW!«-Momente an.
Spannung: 2/5
Beginnt sehr stimmungsvoll und kann eine zeitlang sogar die Hoffnung wecken, dass die Antworten so interessant sind wie die Fragen. Zergeht dann aber in Vorhersehbarkeiten.
Anspruch: 0,5/5
Dumm ist anders. Wirklich schlau aber auch.
Humor: 0/5
Spärlich bis nicht vorhanden.
Darsteller: 3,5/5
Alle (so viele sind’s ja nicht) unter einen Hut zu bringen mit dem bösen Wort „solide“. Cruise ist Cruise, Morgan Freeman scheint für alles Zeit zu finden und aus Andrea Riseboroughs Rolle hätte sich mehr zu machen gelohnt.
Regie: 2,5/5
Ein Genrevisionär wie viele seiner unverkennbaren Vorbilder ist Joseph Kosinski (bislang?) nicht. Form und Inhalt klaffen bei Oblivion wie zuvor bei Tron: Legacy zu weit auseinander. Dennoch hat der Mann eine gewisse Handschrift. Müsste nur mal die richtigen Worte damit schreiben und sie nicht bloß mit Schnörkeln und Herzchen verzieren…
Fazit: 5,5/10
Wie so oft: eine recht substanzlose Hülle, dafür eine ausnehmend ansehens- und -hörenswerte. Der Anfang schafft ein beeindruckend schönes und sehr eigenes Stimmungsbild, ehe der Film sich an allzu viele altbekannte Plotpanels aus gut fünfzig Jahren Genregeschichte verschenkt.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

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Kommentare

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  • donpozuelo 198 Kommentar(e)

    Im Vergleich zu “Tron: Legacy” ist “Oblivion” doch schon ein enormer Schritt nach vorn. Ich fand den echt sehr unterhaltsam… und vor allem war ich sehr dankbar darüber, dass das Ganze nicht in 3D gezeigt wurde. Schade fand ich nur, dass die wunderbare Andrea Riseborough viel zu kurz kam.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Mir persönlich hat das visuelle Konzept von “Legacy” einfach noch besser gefallen. Der Diskus-Fight, das Lightcycle-Race – das sind herausragende Sequenzen, die “Oblivion” bei aller Schönheit (komischer Begriff, aber passt halt) so nicht zu bieten hat. Ansonsten stimme ich dir aber zu, unterhalten hab ich mich ebenfalls gefühlt, kein 3D ist immer lobenswert und Frau Riseborough hätte ich auch mehr Screentime gegönnt. Also: abgesehen von 3,5 Wertungspunkten liegen wir doch gar nicht so weit auseinander ;D

  • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

    War dieses Jahr noch nicht im Kino, weil einfach nichts läuft, das halbwegs interessant wäre. Bei dem hier war ich versucht, das zu ändern, dabei fand ich TRON: Legacy eher schlecht. Aber Sci-Fi und M83 wären im Ansatz verlockend gewesen. Nur liest man über den hier ja kaum Gutes, meine Zeitung kritisierte ebenfalls, dass sich Kosinski in seinen Hommagen verliert. Von daher wird der hier wohl doch gestrichen und der erste Kinobesuch muss weiter warten.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Selbst mein Wertungsschnitt von Kinobesuchen liegt in diesem Jahr bislang deutlich unter 5 Punkten. Also hast du da wohl bisher tatsächlich nicht viel verpasst 😉

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