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Review: DREDD

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben04 / 20138 Kommentare

Story

Amerika in der Zukunft: der Großteil des Landes ist nuklear verseuchtes Brachland, aus dem sich an der Ostküste der gigantische Moloch Mega City One erhebt, eine eng bevölkerte Metropole mit 800 Millionen Einwohnern – und täglich siebzehntausend gemeldeten Verbrechen. Einzig die Judges, die Richter, Geschworener und Vollstrecker in Personalunion sind, kämpfen gegen die Kriminalität an. Der härteste unter ihnen ist Judge Dredd, der von seinem Chief Judge die junge Rekrutin Cassandra Anderson zugeteilt bekommen. Am Randgebiet von Mega City One nahe der Strahlungsgrenze geboren, besitzt Anderson stark ausgeprägte hellseherische Fähigkeiten und erhält daher ihre Chance sich zu beweisen, obwohl sie an den Eignungstests knapp gescheitert ist. Dredd und Anderson machen sich auf den Weg zu dem 200 Stockwerke hohen Slum-Megablock Peach Trees, um einen dreifachen Mord zu untersuchen. Doch die Dredds stoßen auf etwas noch viel Größeres: die Drogenbaronin Madeline Madrigal, genannt Ma-Ma, hat die Macht in Peach Trees an sich gerissen und produziert und verbreitet von ihrer Residenz aus die Modedroge Slo-Mo, die die Wahrnehmung ihrer Konsumenten auf ein Prozent der tatsächlich vergehenden Zeit herunterschraubt. Als Dredd und Anderson ein wichtiger Handlanger Ma-Mas in die Hände fällt riegelt sie das gesamte Gebäude ab – und hetzt eine kleine Armee auf die Judges…

Der Film

Um die im Grunde überflüssige Vergleichspflicht mal vorweg abzuarbeiten: Pete Travis‘ Dredd ist in allen Belangen besser als die pathostriefende Edeltrash-Version mit Sylvester Stallone von 1995, die in ihrem over acting-Exzess an Ridikulösität auch kaum zu unterbieten ist. Gegenüber Danny Cannons Judge Dredd hat die 2012-Adaption des John Wagner/Carlos Ezquerra-Comics den besseren Dredd, den besseren Sidekick, den (eigentlich die) besseren Antagonist(in) und die wesentlich radikalere, aber gleichermaßen realistischere Zukunftsvision. Doch genug davon, die beiden Filme spielen so wenig in der selben Liga, wie ein buntgeschminkter Puffhosenclown und ein knüppelharter Lederbiker. Stallones schrägmäulig gebelltes »I am the law!« war eine punchline, Karl Urbans in bester Clint Eastwood-Manier hervorgepresstes hingegen ist eine Drohung.



Die Welt von Dredd bleibt eine vage, grob umrissene Skizze, Politik und Grundsatzdebatten über Ethik und Moral des faschistoiden Justiz- und Gesellschaftssystems werden anderswo geführt, jedenfalls nicht in den neunzig Minuten des Films, in denen alles an Gewalt und Methoden zur Herrschaftsaufschwingung nur eine natürliche Reflexion ihrer verkommenen Oberflächen ist. Die Welt von Dredd ist eine des ununterbrochenen, zur Normalität gewordenen Ausnahmezustandes, in der es für den Titel„helden“ nur zwei Dinge in Relation zu setzen gibt: das Verbrechen und das Gesetz, aus denen sich die Kausalitäten des Urteilsspruchs und der Vollstreckung ableiten. Besonders auf der exekutiven Ebene ist das justiziarisch von jeder Diffizilität befreit, denn ein Gesetz zu repräsentieren UND es im selben Moment durchzusetzen bedeutet für den Film letztlich nur eines: hordenweise Kriminelle werden von Dredd zerschossen, durch die Wand genagelt, verbrannt, von seiner Knarre, dem Lawgiver, in den unterschiedlichen Modulationen der Handfeuerwaffe hingerichtet. Dredd selbst? Eine Instanz, ein Neo-Fatalist in der Personifizierung eines unabänderlichen Schicksals, ein Batman ohne Bruce Wayne, ein Superman ohne Clark Kent, ein RoboCop ohne Murphy inside, in ihrem Kontext die konsequenteste Verkörperung einer Unumgänglichkeit: the job’s gotta be done.

Krasse Sache: trotz seiner ikonographisch-archaischen Titelfigur ist Dredd nicht die Geschichte des Judges, sondern die zweier Frauen, die sich auf unterschiedlichen Bahnen ihren Weg durch ihre gewaltverschlungene Umwelt schlagen. Die telepathisch begabte Cassandra Anderson muss sich nicht nur als angehender Judge beweisen, sondern als strahlengeschädigte Mutantin um eine sehr viel grundlegendere Anerkennung kämpfen. Die X-Men wissen, worum’s geht. Das spielt im Film auch wieder keine besonders vordergründige Rolle, aber Dredds abfälliges »she’s a mutant« und Graffitischmierereien drücken die Stimmung gegenüber den Strahlungsopfern aus. Auch aus Olivia Thirlbys Spiel, unter der anfänglich nur versucht harten Schale scheint es hervor, dieses Bewusstsein der eigenen Andersartigkeit. Rekrutin Anderson geht während ihres ersten Tages im praktischen Dienst, an der Seite des wohl entmenschlichsten aller Kollegen, durch ein Stahlbad, anfangs schrecken sie noch die Vollstreckung, Zweifel wallen auf ob eines Rechtssystems, das im Extremfall keine Verfahren kennt, erschütternd die erste Tötung, die Dredd sie zu vollziehen auffordert und der spätere Erkenntnismoment, einer ärmlich hausenden Familie den Vater genommen zu haben. Doch wie schon gesagt: Dredd verirrt sich nicht in moralische Grauzonen, Andersons Weg ist keine Abspaltung von der Unerbittlichkeit ihres Mentors, ihre Aufgabe ist nicht das Hinterfragen, sondern lediglich das Erkennen und Umsetzen der Antwort: »I am the law. Negotiation’s over. Sentence is death.«



Und dann ist da die entstellte ehemalige Prostituierte Madeline Madrigal aka Ma-Ma, die dem anderen Extrem des eigentlich wahren Gesetzes, der Gewalt, gefolgt ist. Die den Megablock Peach Trees mit aller Rücksichtslosigkeit und abschreckenden Brutalität unter ihre Führung gebracht hat und mit der bewusstseinsverlangsamenden Droge Slo-Mo den momentan heißesten Shice verbreitet. Evil bitches gibt es viele, Lena Headey (die Ersatz-Sarah Connor aus Terminator: SCC) hat den meisten aber etwas entscheidendes voraus: ihre Ma-Ma ist keine hysterische Ultrazicke, die bricht nichtmal in der immer verlustreicheren Hochhausschlacht gegen Dredd aus sich heraus und wirkt in ihrer (drogenindizierten) Abwesenheit und ihrem Minimum an Regung nur umso bedrohlicher, abgefuckter, nicht zuletzt aber auch bereiter, irgendwann aus den obersten Stockwerken ihres Slumwolkenkratzers gepustet zu werden. Da oben wartet am Ende nur der Tod und das weiß sie. Und bis es soweit ist wird halt noch ordentlich die Scheiße angerührt, Trips gefahren, ein Geschäft betrieben, Widerständler gehäutet, Augen herausgerissen und den Judges ein Fight geliefert, den sie zumindest nicht vergessen werden. Cassandra Anderson und Madeline Madrigal sind zwei tough chicks, wie Actionfilme sie öfters gebrauchen könnten, mit hartgekochteren Eiern als jeder Kerl (abgesehen von Dredd natürlich) und doch die reichlich aufgestellten Klischeefallen solcher Rollen umgehend, wenn [kleiner SPOILER voraus] Anderson ihre damsel in distress-Misere selbst auflöst und statt auf Rettung zu warten sogar den schwer verwundeten Dredd aus dem Dreck holt.[SPOILER Ende]

Frauenpower und eine (wie es sich angesichts der Vorlage gehört) dauerbehelmte und nicht ein einziges Mal von Emotionen gebremste Kampfmaschine in einer Welt, in der nicht unbedingt das Gesetz (hö hö…) des Stärkeren gilt, sondern die Bereitschaft des Entschlosseneren. Dredd ist der Richtwert, wie weit Verbrechen gehen muss, um dem Judge gefährlich zu werden, und wozu man bereit sein muss, um ihm nachzueifern. Verpackt in ein straightes, blutiges Shooterspektakel, das in seiner Anlegung natürlich die Gegenüberstellung mit dem indonesischen The Raid herausfordert, dem Silat-Actioner aber weder ganz standhält, noch ihm SO ähnlich ist, dass man die Messlatte unbedingt dranhalten müsste. Dredd ist kein Kampfkunstballet, der Judge klopft seine Kontrahenten nicht in minutenlangen Sequenzen weich, sondern jagt ohne Gezucke und Verzögern seine unterschiedlichen Kugeln und Geschosse in Beine, Körper und Köpfe, was eine besondere Ästhetik erhält, wenn die Opfer auf Slo-Mo sind und austretende Blutfontänen in Schlieren durch die Verfremdungseffekte und extremen Zeitlupen wabern. Die werden nicht ganz ausgewogen eingesetzt (anfangs ein bißchen zu oft, dann gar nicht mehr und erst am Ende nochmal), sorgen aber für den gewissen Schliff, optisch und sogar erzählerisch. So ist doch eine Droge, die in einer vollständig von Schönheit befreiten, industrialisierten, ghettoisierten und nichts als Elend gebärenden Welt für einen fast auf Null gebremsten Kopfstillstand und eine tranceartige Wahrnemung bewusster Sekundenschläge sorgt, ein nur allzu nachvollziehbar bevorzugtes Suchtmittel.



Dredd stellt sich dennoch selbst eine Hürde in den Weg, die der Film nicht überspringen kann: früh, nämlich ab dem Eintreffen in Peach Trees, pendelt sich der Überlebenskampf der Judges auf einem gewissen Niveau in Sachen Härte, Tempo und Intensität ein – und dann verharrt Dredd dort, schlägt nicht nach unten aus, leider jedoch auch nicht nach oben. Da ist hin und wieder nochmal ein einzelner Kill, der aus der Massenabschlachtung der Gegnerhorden hervorsticht, ein paar stylische Kamerafahrten und sowas, aber DER Moment – der fehlt. Dredd is‘ fett, Dredd is‘ Brett – und Dredd hinterlässt einen gewissen »was, das war’s jetzt?«-Eindruck. Dredd ist ein Präludium, eine Hinführung zu mehr, die Einleitung zu etwas Größerem, wohin man mit diesem Charakter gehen kann. Und wozu es nach den desaströsen Einspielergebnissen wohl nur in Comicform kommen wird. Was auf eine Weise schade ist, die den Film Dredd als einzelnes bei weitem übersteigt: das ist kein schnullidulli PG13/FSK12-Actionfilmchen, keine glattgebürstete »allen soll’s gefallen«-Ware, sondern ein stinkiger, pissiger, rauer und blutiger auf’s-Maul-Treter ohne glatt polierte Oberflächen, wie Hollywood ihn eben nur noch selten rausrotzt. Und jetzt wohl auch erstmal wieder länger nicht mehr. Zumindest nicht im Actionbereich, der halt wirtschaftlich weniger ertragreich ist als das Horrorkino, das gerade mit dem Evil Dead-Remake richtig Kasse macht, welches nur ein Drittel des auch schon relativ günstigen Dredd gekostet hat.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Spektakuläre und harte Dauerballereien mit ein bißchen zu viel CGI-Blut und leider ohne richtige Steigerungsmomente.
Spannung: 2,5/5
Geht ohne viele Schnörkel vom Erdgeschoss hoch in den 200. Stock. Nicht auf überraschende Twist angelegt und das ist auch gut so.
Anspruch: 1/5
Da steckt schon mehr dahinter, als der Titel vermuten lässt…
Humor: 0,5/5
Dredd haut zwar viele, viiiiele Oneliner raus, aber die klingen meist mehr nach Drohung und nicht nach Gag.
Darsteller: 4/5
Natürlich empfehlen sich die Darsteller hier höchstens für den Saturn Award, also den Filmpreis der Academy of Science Fiction, Fantasy & Horror Films. Dennoch sind das im Rahmen der Forderungen bockstarke und passgenaue Leistungen.
Regie: 4/5
Gibt’s nix zu meckern, tadellose Actionregie.
Fazit: 7/10
Hätte sich einen größeren Erfolg redlich verdient: blutsudelnd-dreckige Action, hintergründig genug, um sich nicht in Selbstironieexzesse à la The Expendables flüchten zu müssen. Karl Urbans Dredd würde Sylvester Stallones Dredd jedenfalls mit dessen güldenen Schulterpolstern die unbehelmte Birne zu Pampe hauen.

Mehr zum Film

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Kommentare

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  • TAPETRVE 1 Kommentar(e)

    Sehr treffendes Review. Die “Humorwertung” hätte ich allerdings etwas höher angesetzt, denn mal mehr, mal weniger subtilen Witz in bester Verhoeven-Manier gibt es zur Genüge. Angefangen bei dem Obdachlosen mit dem “Mache mich für Essen zum Affen”-Schild, der schnell ein unrühmliches und matschiges Ende nimmt. Oder dem furztrockenen Hinweis via Lautsprecherdurchsage nach dem ersten großen Massaker zu Filmbeginn, dass die Läden und Restaurants in soundsovielen Minuten wieder öffnen werden. Und der größte Witz des Films ist ja an sich die Humorlosigkeit Dredds selbst, der das Konzept des Oneliners so wunderbar demontiert, wenn er geradezu entwaffnend linkisch auf Drohgebärden reagiert (Stichwort “Freeze!” – “Why?”).

  • Nerd Wiki 2 Kommentar(e)

    rofl @ Karl Urbans Dredd würde Sylvester
    Stallones Dredd jedenfalls mit dessen güldenen Schulterpolstern die
    unbehelmte Birne zu Pampe hauen.

    Hab genau die selbe Wertung gegeben. Endlich mal wieder jemand, der diese Art von “oldschool action” zu schätzen weiß… 😉

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Na auf jeden Fall, sollte es unbedingt wieder viiiiiiiiiel mehr von geben! Nach den Einspielzahlen nur leider nicht sehr wahrscheinlich…

    • Nerd Wiki 2 Kommentar(e)

      jo, leider zu wenig mainstream bzw. gott sei dank ^^

  • Facebook User 4 Kommentar(e)

    Baller-Action satt: wer bisher mit den eher jugendgerechten Comic-Filmen Marke “Spider-Man” und “Hellboy” nur wenig anfangen konnte, dürfte sich im düsteren Universum eines “Dredd” offensichtlich wohlfühlen. Hier wird auf Tiefgründigkeit, Charakterentwicklung und Spannung weitestgehend verzichtet und ein Baller-Event der Extraklasse verbraten. Da spritzt das Blut und da zerfetzen Körperteile, ganz zur Freude des erwachsenen Filmfreundes, der mit den zwar wortkargen, aber umso zynischeren Floskeln “Dredds” so seinen absurden Spaß haben dürfte. Umso unverständlicher, dass sich diese originalgetreuer Comic-Verfilmung kaum an den internationalen Kinokassen durchsetzen könnte. “Dredd” dürfte somit als waschechter Kinoflop des Filmjahres 2012 gelten und so schnell keine Fortsetzung spendiert bekommen – absolut schade.
    Wir haben uns unglaublich kurzweilig unterhalten gefühlt, sodass wir den Film uneingeschränkt empfehlen können. Auf jeden Fall, der bessere “Raid” 😉

    Fazit: 8/10 Punkte

    Eine umfangreiche Besprechung ist aktuell auf dem Filmchecker-Blog nachzulesen!

    http://filmchecker.wordpress.com/2013/04/17/filmreview-dredd-2012/

  • burnedeyez 4 Kommentar(e)

    Schon interessant, dass sowohl bei dir als auch bei Filmherum heute ´ne Kritik zu dem Film erschienen ist. Meine folgt morgen ;-). Obwohl ich mir die nach der Sichtung hier eigentlich sparen kann, denn in vielen Punkten gehen wir doch ziemlich konform. Wirklich schade, dass hier der kommerzielle Erfolg so spektakulär ausgeblieben ist, ich hätte mich ausnahmsweise über ein Sequel in genau dieser Machart gefreut. Vielleicht mit ein bisschen mehr Story dahinter.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Da hatten der Dominik und ich wohl ziemlich zeitgleich unsere Rezensionsdiscs in der Post 😉
      Ja, ist schon bedauerlich, da wäre sicher, auch in Sachen Story, noch so einiges gegangen in ‘nem Sequel…

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