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Review: JACK REACHER

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben04 / 20132 Kommentare

Story

Pittsburgh: es sieht nach der puren Willkür eines Wahnsinnigen aus, als in aller Öffentlichkeit fünf Menschen erschossen werden. Alle Beweise führen zum ehemaligen Militärscharfschützen James Barr. In Rekordzeit wird der vermeintliche Attentäter festgesetzt und vom ermittelnden Detective Emerson und dem Bezirksstaatsanwalt Alex Rodin in die Mangel genommen: Geständnis mit lebenslanger Haft – oder Todesstrafe. Doch Barr bringt lediglich drei Worte zu Papier: »Get Jack Reacher«. Während eines anschließenden Gefangenentransports wird der kaltblütige Mörder von einigen Mithäftlingen ins Koma geprügelt, unterdessen trifft der Ex-U.S. Army Military Police Corps Officer Reacher in Pittsburgh ein. Ein Mann, der in vollkommener Anonymität lebt und für gewöhnlich nirgends auch nur den Hauch einer Spur seiner Identität hinterlässt und bereits während ihrer gemeinsamen Zeit im Irakkrieg gegen Barr vorgegangen ist. Reacher trifft auf die Anwältin Helen Rodin, Tochter des Bezirksstaatsanwaltes und Verteidigerin Barrs. Sehr zum Missfallen ihres Vaters und Emersons engagiert sie Reacher als ihren Chefermittler – und der schert sich weder um Beweise, noch das Gesetz, für Reacher zählt nur die Gerechtigkeit. Und tatsächlich kommt der kompromisslose harte Hund einem erschütternden Komplott auf die Spur…

Der Film



»There’s this guy. He’s a kind of cop, at least he used to be. He doesn’t care about proof, he doesn’t care about the law, he only cares about what’s right. He knows what I did. You can’t protect me. No one can.« 1,96 Meter groß, über 100 Kilo schwer, ein Brustkorb wie ein Gebirge – die Adaption von Lee Childs Romanfigur Jack Reacher hätte eigentlich unter Schirmherrschaft der WWE Studios entstehen müssen, mit John Cena, Triple H oder Jack Swagger in der Titelrolle. Mehr als lächerlicher C-Action-Trash à la The Marine oder 12 Rounds wär’s dann natürlich nicht geworden. Der slow builder-Thriller mit Actiondezenz und dem konstitutionell gröbst unpassenden Tom Cruise in der Hauptrolle, den nun Oscar-Autor (The Usual Suspects) Christopher McQuarrie liefert, ist da freilich das bessere Jack Reacher-Produkt. Aber, denn der Vergleich zu den Catcherfilmfestspielen allein wäre unfair, auch generell ist die 60 Millionen „günstige“ Produktion ohne dicke Blockbusterallüren ein rau-rammiges Defibrilat gezielter Spannungs- und Adrenalinstöße, nah an der kinematographischen Illusionslosigkeit des Crime-Sujets aus den ‘60ern und ‘70ern. Peter Yates‘ Bullitt mit Steve McQueen von 1968 ist so ein früher Krimi-Actioner, an den Jack Reacher in seinen konzentrierten Szenenfolgen, dem akribischen Ermittlungsschwerpunkt und der unterkühlten Vorgehensweise Reachers erinnert, den vor vierzig Jahren vermutlich wirklich King of Cool McQueen gespielt hätte.

Kurzweil verbreitet McQuarries Adaption von Childs Roman One Shot dabei nur bedingt, Jack Reacher wechselt ruhige, lange, bisweilen vollkommen dialoglose Passagen mit ausführlichen Dialogabschnitten, schiebt die Handlung aktiv und passiv, aber nun wahrlich nicht in hohem Tempo voran. Acht Minuten vergehen, ehe die ersten Worte gesprochen werden, bis dahin spannt McQuarrie den Bogen mit einer nervenkratzenden Einstellung durch’s Zielfernrohr des Scharfschützen, der zunächst nur beobachtet, zufällig ein paar Menschen mit dem Gewehrlauf folgt, seine Atmung beruhigt und dann gnadenlos vollstreckt. Starke Sequenz. Beklemmend geradezu, angesichts realer Ereignisse wie den Beltway Sniper Attacks. Bis zur ersten Actionszene nimmt Jack Reacher wieder einen langen Anlauf, ehe die in Trailern und Spots reichlich zitierte fünf-gegen-einen-Kneipenklopperei samt markanter Sprüche erstmals die Skills des Protagonisten im Nahkampf offenbart. Da zeigt der Film dann außerdem, dass er nicht nur in Sachen Erzähltempo nicht viel mit Bourne, Bond oder dem Cruise-Franchise Mission: Impossible zu tun hat, die Fights sind weder extrem durchgestylt, noch wirken sie überchoreographiert, das ist kein Kampfballett, sondern effektives Trefferzonenabarbeiten, aus dem der übersichtliche Schnitt nicht künstlich mehr herauszuholen versucht. Klare Totalen und Halbtotalen, schmerzhafte Tritte ins Untergeschoss und Hiebe auf die Omme und schon hat sich das erledigt mit der Gegenwehr. Wie der dunkle Ritter in Christopher Nolans Dark Knight-Trilogie wendet Reacher die Keysi Fighting Method an und der trainingsfleißige Cruise hat sich die ellenbogen- und knielastigen Moves gewohnt überzeugend draufgepackt.



»Reacher’s size in the books is a metaphor for an unstoppable force, which Cruise portrays in his own way«, gab Buchautor Child an und das trifft’s so ziemlich. Es ist die typische Cruise-Portraitierung einer typischen Cruise-Rolle: Reacher ist kein strahlemännisches Zahnpastamodel und kein Superheld wie IMF-Agent Ethan Hunt, aber doch jedem anderen in allen Belangen stets zwei Schritte voraus, schmückt sich mit ein paar Makeln zu wenig und das Prinzip hinter Reacher wird nicht ausgereizt. Trotzdem ist Cruise‘ Alphastatus tough guy-kompatibel und wie gut der 170cm-Halbling eiskalt fokussierten Zynismus kann hat Michael Manns Collateral bewiesen. Und obwohl ein paar TC-Signatures hier völlig unpassend kommen (junge Damen geilen den Ü50er an und die oben ohne-streak setzt sich ebenfalls ungefragt fort) kann sich der wandelnde Imageschaden auf sein Starisma verlassen. Die Figur des driftenden Militärermittlers und Aussteigers und ihre Cruise-Inkarnation besitzen fraglos Franchisepotenzial. Den übrigen Darstellern bleibt da nur eines: Unterordnung. Rosamund Pike (Wrath of the Titans) macht irgendwann nur noch die Augen groß und spielt Gefühlswallungen wie erste Stunde Schauspielkurs, Richard Jenkins und David Oyelowo haben als undurchsichtiges Bezirksstaatsanwalt/Cop-Duo gerade genug Auftritte, um während ihrer Abwesenheit nicht komplett vergessen zu werden. Babybulldoggenvisage Jai Courtney hat nach seinem Auftritt als McClane-Spross in A Good Day to Die Hard nicht gerade einen Stein im Brett, sondern das Brett eher vorm Kopp, macht sich als böse dreinschauender Raspelhaarschurke aber doch ganz gut.

Bleibt noch Autorenfilmer Werner Herzog – und der bricht als fingerloser Schattendrahtzieher aus’m Gulag mal eben komplett den Ton des Films, auf zuträgliche Weise. Geradezu dämonisch wirkt Herzog mit dem zerfurchten Äußeren, der Totes-Auge-Kontaktlinse und der gestelzten Artikulation wohlgewählter Worte. Sowas kann ja nicht immer nur Christoph Waltz für Tarantino hinlegen. Für Herzog fällt von den über zwei Stunden Laufzeit auch nur ein kleiner Happen ab, dafür ein derbe schmackhafter. Etwas mehr als den Sekundenzeiger braucht man außerdem, um Robert Duvalls Screentime als Sniper-Opa zu messen, der zum Showdown sogar eine Unze Unterstützung leisten darf. Doch Cruise, Pike, Herzog, Duvall – eigentlich unerheblich, Jack Reacher ist kein schauspieldominierter Film, das ist attitude acting, genau wie McQuarries Inszenierung oft attitude posing ist, sein Film ist kein solcher Stylestrotzer wie Nicolas Winding Refns Neon-Synthie-Thriller Drive, nicht von dessen ästethisierter Wucht, aber doch mit dieser energetischen Coolness versehen. Die nicht immer unbedingt einen Sinn ergibt, wenn sich zum Beispiel eine unwissende Menschenmenge schützend um Reacher schließt, obwohl dieser die gesamte Pittsburgher Polizei auf den Fersen hat. Attitude halt, Pose, die Bevorzugung des coolen Momentums gegenüber lahmer Realitätswiedergabe zur Auflösung einer knisternden Sequenz (in diesem Fall einer langen Verfolgungsjagd, Bullitt lässt erneut grüßen).



»You think I’m a hero? I am not a hero. I’m a drifter with nothing to lose. I disappear. And if you’re smart, that scares you. Because I’m in your blind spot. And I have nothing better to do.« Jack Reacher ist ein starker Crime Thriller, dessen Actionszenen sicher nicht vom Hocker hauen – aber wo steht denn auch geschrieben, dass sich das heutzutage JEDER Film auf die to do-Liste schreiben muss?! Ist doch wunderbar, dass zwischen den ganzen sich gegenseitig übertrumpfenden Comicspektakeln und sonstigen Effektkrachern mal ein Streifen den Fuß vom Dauergas nimmt und sich auf ein Erzählniveau einlässt, aus dem die Action in gesunder Dosierung hervorsticht, statt es zu bestimmen oder zu überlagern. Cruise als kompromissloser Ein-Mann-Gerechtigkeitssinn führt die Story souverän an, während McQuarrie sich der Trendhopperei verwehrt und ein straightes, aber nicht völlig kantenloses Destilat bodenständiger tough guy-Actioner serviert.

Wertung & Fazit

Action: 2,5/5
Wer Borune/Bond/Bauer oder gar Bay erwartet ist hier falsch, bei Jack Reacher gibt’s sauber gefilmte Action in Maßen, aber von Wert.
Spannung: 2,5/5
Der Film dämpft den Spannungsbogen dadurch, dass die Identität des (wahren) Täters von Beginn an bekannt ist und Reachers Ermittlungen diese erstmal nur nachweisen, statt offenbaren. Außerdem fühlen sich die zwei Stunden Laufzeit länger an als sie sind, was aber nicht für Langeweile spricht, sondern eher für einen seeehr sorgfältigen Storyaufbau.
Anspruch: 1/5
Garniert mit einigen militärpolitischen Bezügen ist der Krimiplot schlauer eingefädelt, als er aufgelöst wird. Wie so oft. Die Ambivalenz der Titelfigur bleibt recht unerforscht, trotzdem alles andere als Dummytainment.
Humor: 1,5/5
Reacher zitiert nicht das übliche Actionhelden-Onelinerpoesiealbum, seine markanten Sprüche sorgen tatasächlich immer wieder für’n zynischen Lacher.
Darsteller: 4/5
Cruise ist Cruise mit allem was dazu gehört: das Starisma, die Vereinnahmung einer Rolle, die Selbstanbetung. Letztere fällt hier und sowieso zuletzt (Mission: Impossible: Ghost Protocol, Oblivion) glücklicherweise recht dezent, aber dennoch unpassend aus.
Regie: 4/5
Christopher McQuarrie inszeniert hier nach The Way of the Gun von vor dreizehn Jahren erst seinen zweiten Film, ist ansonsten eher für seine Scripts bekannt. Die darf der Mann ruhig öfter mal selbst verfilmen und tut dies wohl demnächst bei Mission: Impossible 5.
Fazit: 8/10
Tougher Crime-Thriller im Geiste Bullitts und anderer ’60er/’70er-Jahre-Werke wie Dirty Harry oder The Day of The Jackal. Wird kaum selbst so ein all time classic werden, aber gefällt als Rezitat insgesamt besserer Genretage.

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Kommentare

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  • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

    Wie passend, den hab ich gestern auch gesehen. Kann deinem Review dabei nicht wirklich zustimmen, empfand das alles als 0815-Action-Thrillerchen vom Fließband, dem die Belanglosigkeit auf die Stirn tätowiert ist und den man vergessen hat, bevor er überhaupt einblendet. Spannung kam da für mich selten auf, weil die Handlung größtenteils ziemlich dämlich geschrieben ist. Die Deckung eines Großfahnungsflüchtigen hast du ja bereits selbst erwähnt, das von dir gelobte Sniper-Opening verwunderte auch eher dadurch, dass die meiste Zeit niemand auf die Schüsse reagiert und dann Leute aus der Deckung ins Freie und damit ins Schussfeld fliehen. Die Besetzung ist dabei ebenfalls nicht weit weg vom Catcher-Film, gerade Pike und Oyelowo spielen ziemlich mies, Herzog kann es halt nicht besser, seine Figur ist aber ohnehin so egal wie eigentlich alles. Cruise ist noch am besten und für mich dennoch absolut fehlbesetzt. Nicht so sehr wegen der Größe und dem Gewicht, aber er passt für mich schlicht nicht als superduper Militärpolizist, dessen Auszeichnungsliste länger ist als der Abspann eines “Herr der Ringe”-Films. Summa summarum natürlich kein Ärgernis, aber auch nicht mehr als ein Filmchen, das Donnerstagabends auf Tele 5 oder so versendet wird. Von mir gab’s drei Punkte weniger.

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