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DER GROßE GATSBY: Kritik zu Baz Luhrmanns opulenter Dramanze mit Leonardo DiCaprio

Von Flynn Hardy vor 3 Jahren geschrieben05 / 20135 Kommentare
DER GROßE GATSBY OT The Great Gatsby Filmkritik

Vorhang auf und weeeeeelcome back, Mr. Baz Luhrmann! Fünf Jahre ist es schon wieder her, dass der zu langen Schaffenspausen neigende Kinoästhet mit dem Melodram Australia die Leinwände in einem prächtigen Bilderrausch flutete. Die groß angelegte Rekonstruktion gewaltiger Hollywoodepen traf ebenso wie Luhrmanns Red Curtain-Trilogie, bestehend aus Strictly Ballroom, William Shakespeare’s Romeo + Juliet und Moulin Rouge, nicht unbedingt die Herzen der Massen: das Pathosgeschwängerte, die Theatralik, das Bühnenhafte im Schaffen des Australiers, dieser zum Markenzeichen gewordene überschwängliche (oder überfordernde) Sturm an Eindrücken, den seine Werke in ihren ersten Minuten entfesseln, um erst dann von prägenden Figuren und dramatsichen Erzählungen einigermaßen gebändigt zu werden… Fraglos nicht jedermanns Sache. Luhrmanns Kino ist ein eklektisches, bedient sich reich an klassischen Motiven oder gleich den Klassikern höchstselbst, wie die Titel seiner Filmographie unschwer erahnen lassen. Doch statt trockener Wiedererzählung badet Luhrmann im Pomp, in audio-visueller Extravaganz. Wie lang und staubig der Bart einer Vorlage auch scheinen mag: Luhrmann stutzt ihn, färbt ihn, flechtet schillernde Perlen hinein. Mit seinem fünften Spielfilm nimmt sich der ehemalige Theatergruppengründer und Bühnenregisseur erneut ein Stück Weltliteratur vor, F. Scott Fitzgeralds gesellschaftskritischen Roman The Great Gatsby. Der bereits fünffach verfilmte Stoff gehört zu den bedeutendsten Werken der amerikanischen Moderne – woran Luhrmanns Adaption zumindest innerhalb des Filmjahres 2013 anknüpft!

Die Story

New York in den 1920ern: Börse und Wirtschaft boomen und inmitten eines goldenen Zeitalters pulsiert die Stadt in Dekadenz und Prunk. In diesen aufregenden Tagen verschlägt es den jungen Börsenmakler und Möchtegernschreiberling Nick Carraway nach Long Island. Mit weniger als bescheidenen Mitteln quartiert er sich in einem kleinen Häuschen ein – direkt neben der glanzstrotzenden Villa eines geheimnisvollen Lebemannes, auf dessen Grundstück sich regelmäßig die high society New Yorks zu rauschenden Partys einfindet. Doch ihr Gastgeber, dieser sagenumwitterte Gatsby, über den die wildesten Gerüchte umherschwirren – wer genau ist er eigentlich? Das fragt sich auch der bescheidene Nick, ehe er eine persönliche Einladung Gatsbys erhält und dem Millionär schließlich begegnet. Zwischen den beiden so grundverschiedenen Männern entsteht ein freundschaftsähnliches Verhältnis, wobei Gatsby Nick weiterhin nur selten hinter seine Fassade blicken lässt, ihn jedoch alsbald um einen simpel scheinenden Gefallen bittet: Nick soll seine Cousine Daisy auf einen Tee einladen. Daisy ist verheiratet mit dem wohlhabenden ehemaligen Polospieler Tom Buchanan, teilt allerdings ein vergangen geglaubtes Geheimnis mit Gatsby…

Die Filmkritik


The Great Gatsby ist keine Fitzgerald-Verfilmung, keine Nachbildung der Brenon-, Nugent-, Clayton-, Coppola- oder Markowitz-Adaptionen. The Great Gatsby ist ein Baz Luhrmann-Film, für diese Feststellung bräuchte es den directed by…-Credit während des Abspanns nicht. Der exzessive visuelle Rausch, die anachronistische Songauswahl, eine ewige Geschichte, ungebunden an Zeit und Ort, auch wenn die vehemente Präsentation sich darin ergeht, die Symbolik des Vorhangs bei seinen vorigen Werken und des Rahmens bei The Great Gatsby, ein Bewegtgemälde, in dem eine haltlose Kamera sich mit der Reibungshitze der Figuren misst. Luhrmann inszeniert nicht für den Fernsehschirm, seine Bilder, seine Gesten, seine (entliehenen) Worte, das alles ist gemacht – für ein Opernhaus. Bis 1996 lief vom Anfang des Jahrzehnts an Luhrmanns Version von Giacomo Puccinis La Bohème im berühmten Sydney Opera House und selbiges hat der Regisseur aus Down Under scheinbar nie verlassen. Doch in der Leinwand findet Luhrmann eine Ersatzbühne und seine Bilder ragen nun noch weiter als über die 1,8 Hektar des Wahrzeichen Sydneys hinaus. The Great Gatsby ist nach Romeo + Juliet und Moulin Rouge eine weitere grenzensprengende Leinwandoper geworden.

Wie gewohnt wild und überbordend der Beginn, eine sich weiter und weiter aufsteigernde Erregung, ein noch kaum erzählerisches, sondern bildsprachliches Schaffen der 1920er. Wollust und Lasterhaftigkeit, ein Strudel, in den der zurückhaltende Nick Carraway unweigerlich gerät und der durch seine Ich-Erzählung ein umso übersteigerteres Empfinden der Ereignisse offenbart. Die Lichter leuchtender, die Tänze aufreizender, der Lärm lauter und dennoch das fein gewobene Tuch der Fassade rissig, denn die Erkenntnis hat längst stattgefunden, zeigt die Rahmenhandlung Carraway doch in psychiatrischer Betreuung, seine Erzählung als eine Verarbeitung. The Great Gatsby löst anfangs aus, was Luhrmanns Filmen eigen ist, an das keine Gewöhnung stattfindet und weshalb es gut ist, dass der Mann ein Minimum von fünf Jahren Schaffenspause zwischen seine Arbeiten legt: eine erschlagende Überforderung. Die Farben, die Kamerafahrten, die grandiosen Partys auf Gatsbys Anwesen, die Räusche, denen Carraway sich hingibt, gipfelnd in eine giggelnde, kichernde, kreischende Orgie mit seinem betrügerischen Schwiegercousin Tom Buchanan, Zeitlupen, gewaltige Panorama Shots, wummernd die Songs von Jay-Z, Will.i.am, Fergie, Emeli Sandé – Rausch, bis Augen und Ohren rauchen, bis ganz kurz vor’s „zu viel“…

…und dann kommt er. DER Luhrmann-Moment. Huschende Blicke, Shakespeares Worte und Des’rees Kissing You waren es in Romeo + Juliet, Ewan McGregors situationssprengend geschmettertes Elton John-Cover Your Song war es in Moulin Rouge und in The Great Gatsby beginnt sehnsüchtig Lana Del Rey ihr Young and Beautiful zu säuseln, während, erbebend im Augenblick ihrer ersten Begegnung seit fünf Jahren, ein durchnässter Gatsby und Daisy aufeinandertreffen, die in einem Meer aus Blumen noch von zartestem Wuchs scheint. Ein einziger, Jahre und Entbehrung zerschmelzender Blick, nur einige wenige Worte, »I am certainly glad to see you again«, und Luhrmann hat ihn, DEN Moment, den er inszeniert, wie kaum einer sonst. Den Moment, in dem sich Kraft, Verlangen, das Unbändige der Liebe und im sanften Nebenklang ein Vorbote ihres Verderbnisses finden. Den Moment, der aus Luhrmanns verschwenderischer Ausstellungsoper, aus diesem vielbeinigen Epos ein intimes paar-Personen-Stück macht. Der Moment, in dem dieser wild zuckende und mit seinen Extremitäten wirbelnde, mit Schmuck und Tand behangene Luxusleib von einem Film abrupt zur Ruhe kommt… und sein Herz zu schlagen, seine Seele zu atmen beginnt. Ohhhhh my god, nimmt das hier grad Kitschauswüchse an, aber wie soll man ihn schon beschreiben, diesen atemstockenden Luhrmann-Moment, der einem plötzlich den Weg weist von einem bildästhetisch erschlagenden zu einem tief berührenden Film…

Es ist außerdem Luhrmanns Vermögen, hinter dem highest style stets den tiefsten Abgrund aufzutun. Natürlich ist die dekadente Protzgesellschaft, die radikale Rassen- und Klassentrennung und immer wieder durchklingende Vorahnung, dass diese Herrschaftsphantasien auf einer wegbröckelnden Klippe stehen, natürlich ist das alles mehr Anklage an die Entartungsauswüchse einer wohlstandsdefinierten Menschenschicht, für die über allem der Schein und der Anschein steht. Sie feiern, sie begehren, sie berauschen sich aneinander und inmitten dieses wilden Treibens steht Jay Gatsby, um den sich verrückte Gerüchte ranken und der selbst noch viel unglaublichere Geschichten von sich erzählt, ein Selbstbildnis erschafft, den ultimativen upper class-Gentleman, den endgültigen Fassadenmenschen. Wer er ist, woher er kommt, warum er feiert, oder besser: feiern lässt? Daraus werden in The Great Gatsby nicht twist- und aufschlussreiche Geheimnisse abgeleitet, sondern die Lebenstragik eines Mannes, der sich dem Thron einer Gesellschaft entgegen reckt, in die er nicht gehört. Um etwas wieder zu finden, das Reichtum nicht auffüllen kann. Doch das durch Reichtum verdinglicht werden muss. Wundervoll die Szene, in der Gatsbys riesiges Anwesen, der ganze nichtsbedeutende Prunk plötzlich seinen wahren Glanz offenbart, als er Daisy hindurchführt, sie mit Schubladen voll feinster Kleidung überhäuft. Ohne Besitz und Reichtum keine Liebe. Ohne Liebe kein Besitz und Reichtum. Nach außen gelebt, nach innen erfühlt. Was für eine Geschichte…

Und was für ein Film und was für Schauspieler: doomed romance-Spezie Leonardo DiCaprio gibt einen Gatsby, hinter dessen Gentlemanattitüde, Weltmannstum und kumpelhafter Unbefangenheit letztlich der naive Gedanke eines Kindes steht, ein imaginiertes Spiegelbild seiner Gesellschaft, die Träume und Hoffnungen eines träumenden und hoffenden Geistes, den seine Zukunft längst überholt hat. DiCaprio spielt das herausragend. Mit einem Hauch von komödiantischem Geschick, wenn er Daisy wie ein verlegener Teenager gegenüber sitzt, mit der Leidenschaft eines Getriebenen, wenn ihre Liebe aufblüht, und schließlich mit brütendem Zorn auf alles und sich selbst, wenn er in der Schlüsselszene des Films an Tom Buchanan gerät. Den spielt Joel Edgerton zunächst als Sinnbild von Entartung (mehrfacher Fremdgeher) und Schichtdenken, gewinnt dem eigentlichen Schablonenantagonisten aber noch eine ganze Spur Ambivalenz ab, wenn Buchanan doch selbst nur auf der Suche nach etwas wie Halt ist und sein Kampf um Daisy ein emotional ungeahnt nachvollziehbarer ist. Jene Daisy bleibt die vagste Figur des Films, eine junge Frau, die nicht das Dummchen ist, dessen Schicksal sie sich für ihre Tochter erhofft, um nicht ähnlich verletzt und zerrissen durch’s Leben zu müssen, wie sie selbst. Nicht allen Charakteren wird The Great Gatsby über seine knapp zweieinhalb Stunden gerecht. Liegt der Fokus (und bis zum Schluss die Perspektive) zunächst auf Tobey Maguire geht der Film mit dem standesgemäßen ersten Auftauchen DiCaprios mehr in dessen Hände und verschluckt Carraways Handlungsstrang etwas, doch ist das Geflecht dennoch mit genügend klaren Begriffen und einer immer dominierenderen und expressiven Emotionalität versehen, um das Drama der Figuren fühlbar zu machen.

So, viel Geschwurbel und ein klares Fazit: The Great Gatsby ist ein phantastischer Film. Viel reicher, als man ihn beschreiben kann, oder auch nicht, falls das grelle Blenden der Fassade zu hell sein sollte. Kein Portrait DER 1920er Jahre, sondern einer bewusst ausstellerischen Allegorie darauf, wie ebenso auf die Gegenwart. »You can’t repeat the past«, mahnt Carraway an einer Stelle und Luhrmann versucht nichts dergleichen, auch wenn die aufwendige Rekonstruktion New Yorks, Kostüme und Ausstattung an der Vergangenheit haften – das ist eben auch wieder nur Fassade, die Visualisierung des großen Gatsby-Dilemmas. »You can’t repeat the past.« Luhrmanns elektrisierender Stil, großgestig-tragisches Schauspiel, eine ungewöhnliche, aber passende Songauswahl, aus der Lana Del Reys Young and Beautiful hervorsticht. ♫I’ve seen the world, Done it all, had my cake now, Diamonds, brilliant, and Bel-Air now, Hot summer nights mid July, When you and I were forever wild, The crazy days, the city lights, The way you’d play with me like a child, I’ve seen the world, lit it up as my stage now, Channeling angels in, the new age now, Will you still love me when I’m no longer young and beautiful?♫ Der Vorhang schließt sich. Thanks again, Mr. Luhrmann, für weitere 142 Minuten Inbegriff eskapistischen Rausches und übergroßer Gefühlswelten.

Wertung & Fazit

Action: 1,5/5
Kleinere Kriegs-Flashbacks, aber Action meint hier natürlich vor allem die überbordende Inszenierung.
Spannung: 3/5
Das Muster ist klassisch und zeitlos und besonders in einige intensive Einzelmomente gesteigert, ohne dass der Film insgesamt hochspannend wäre.
Anspruch: 4/5
Luhrmanns Mittel ist nicht die Subtilität und sein Film trotzdem reichhaltig und hintergründig, Vergangenheitsparabel wie Gegenwartsmetapher und tiefes Charakterdrama.
Humor: 1/5
Joa, bisweilen auch mal lustig.
Darsteller: 5/5
Anschmachtenswert. Perfekt besetzt, perfekt gespielt.
Regie: 5/5
Baz Luhrmann ist einer von wenigen Regisseuren, dessen seltene Filme man wirklich noch als ein Ereignis bezeichnen kann. Auch wenn er hier wenig anders oder neu macht ist der gestalterische Einfallsreichtum des Australiers noch längst nicht erschöpft.
Fazit: 9,5/10
Groß, größer, der große Gatsby: Baz Luhrmanns Adaption des Literaturklassikers ist Bilderkino in Perfektion und noch viel mehr, wenn sich hinter dem Rausch die Schicksale ihren Weg schlagen. Eine mitreißende Leinwandoper, im wahrsten Wortsinne großes Kino – und gleichzeitig mein Verständnis und Bedauern an jeden, der damit nichts anfangen kann 😉

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • Florian Lieb 352 Kommentar(e)

    Bisher die erste gute (bzw. eher himmelhochjauchzende) Kritik, die ich zu dem Film gelesen habe.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Und ich hab auf Seiten der gemischten bis negativen Stimmen bislang noch nicht viel gelesen, das ich als ernstzunehmende Kritik an dem Film akzeptieren würde.

    • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

      🙂

    • Flo Lieb 63 Kommentar(e)

      Ich glaube ja, du hast es ziemlich mit Liebesfilmen – die knacken stets dein Herz 🙂

      Empfand den ersten Akt bzw. die ersten 45 Minuten als ziemlich stark. Saß des Öfteren mit einem Grinsen im Gesicht da, weil jener Akt sehr “Moulin Rouge!”-esk daherkam. Der Pomp, der Glamour, die SIlhoutte Gatsbys. Für mich verliert der Film jedoch seine Magie als sich Gatsby und Daisy wiedertreffen. Anschließend rutscht das Ganze von “Moulin Rouge!”-Niveau auf ein “Australia”-Level herab. Kann mich auch nicht erinnern, dass noch groß anachronistisch Musik eingesetzt wird (abgesehen von der Montage mit “Young and Beautiful”), Luhrmann erdet alles. Was nicht schlecht ist, sondern eine gute Literaturverfilmung, aber eben leider auch nichts episch-glamuröses wie “Moulin Rouge!”.

    • ChristiansFoyer 1462 Kommentar(e)

      Bin halt ein Romantiker 🙂

      “Moulin Rouge” die Tage erst wieder gesehen, dessen (Gefühls)Epik erreicht “Gatsby” sicher nicht ganz, großartig fand ich’s trotzdem, wenn auch weniger übermannend, weniger auskostend in den Wogen dieses Emotionsbades. Aber ach: trotzdem groß. Bin halt Romantiker…

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