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Review: SNITCH – EIN RISKANTER DEAL

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben05 / 20130 Kommentare

Do you smeeeeell what The Rock is cocking?!!? Jaaahah, sicher doch, da kann man ja auch schwer dran vorbei riechen! Dwayne „you can still call him The Rock“ Johnson ist schließlich nicht nur semi-retired WWE-Wrestler, demnächst Host einer reality game show namens The Hero, sondern seit Anfang des Jahrtausends vor allem Schauspieler und das im Jahr 2013 so oft wie kaum ein anderer: nicht method, aber marathon acting ist das Credo des Brockens, von Februar bis Mai hatte Johnson in den USA jeden Monat einen Film am Start. Hierzulande verteilt sich The Rocks Twenty/Thirteen-Bilanz ausgeglichener über’s Jahr, nachdem der Muskelberg im März durch G.I. Joe: Retaliation und im Mai durch Fast & Furious 6 geberserkert ist folgt Michael Bays Bodybuilding-Action-Absurdum Pain & Gain im August, zuvor allerdings noch der vermeintlich kleinste Kieselstein in der Bilanz des Actionstars: Ric Roman Waughs Snitch lief in den Staaten bereits im Februar, Anfang Juni kommen nun auch die deutschen Fans in den Genuss des eher untypischen Johnson-Streifens. Der Trailer suggerierte zwar Krawall und Remmidemmi, Snitch ist aber ein eher ruhiges Crime-Drama mit nur wenigen Action-Einschüben, dazu noch eine Anklage US-amerikanischer Rechtsungerechtigkeit. Und zwischen den ganzen dicken big budget-Nummern, die Johnson in diesem Jahr anbietet, behauptet sich der verhältnismäßig schmächtige Thriller überraschend gut.

Story

Nicht unbedingt freiwillig nimmt der 18jährige Jason ein Paket voller Ecstasy-Pillen zur Zwischenlagerung entgegen – ahnungslos darüber, dass ein aufgeflogener Kumpel ihn zur eigenen Strafminderung an die Drogenfahndung verraten hat. Jason wird daraufhin festgenommen und weigert sich seinerseits, Konsumenten aus seinem Bekanntenkreis anzuschwärzen. Woraufhin dem Jungen eine Verurteilung als Vertreiber von Narkotika und eine Mindeststrafe von zehn Jahren droht. Jasons Vater, der erfolgreiche Transportunternehmer John Matthews, der inszwischen in zweiter Ehe lebt, ist erschüttert, als er von den Umständen und den möglichen Folgen erfährt, scheint Jasons Vergehen doch lediglich eine Jugendsünde zu sein und keiner derart drakonischen Strafe wert. Über seine Geschäftskontakte arrangiert John ein Treffen mit der Staatsanwältin Joanne Keeghan, die ihm jedoch jegliche Aussicht auf Strafminderung verweigert, solange Jason nicht bereit ist, irgendjemanden auszuliefern. Als sein Sohn im Gefängnis mehrfach Opfer brutaler Übergriffe wird, beschließt John in seiner ansteigenden Verzweiflung zu handeln: er selbst will sich mit Hilfe seiner Transportmöglichkeiten in Drogengeschäfte einschalten, um der Staatsanwältin einen Dealer zu liefern, dessen Reputation Jasons Strafe aufhebt…

Der Film



Snitch könnte man auf den ersten Blick als einen dieser typischen Betroffenheitsfilme abheften, in dem ein Actionheld versucht, irgendwas wichtiges zu einem polit- und/oder gesellschaftsrelevanten Thema zu sagen, was meist von minderem Gehalt ist, als die Morallektion am Ende jeder Masters of the Universe-Folge. Dwayne Johnson hat so eine Art Film mit dem okayen Street Gang-Sport Drama Gridiron Gang selbst schon gemacht und fungiert bei Snitch nun als Mitproduzent eines Stoffes, der sich kritisch mit den Änderungen und Verschärfungen der Federal drug policy of the United States auseinandersetzt, im speziellen den Mandatory Drug Sentencing Laws und der Rechtspraxis des Verpetzens (= to snitch) von Mittätern zur Minderung der eigenen Schuld, selbst wenn diese Mittäter nur winzige Rädchen im großen Getriebe sind. Laut einer Statistik des Films werden solche „Bauernopfer“ schon in Erstfällen nicht-gewalttätigen Drogenmissbrauchs zu durchschnittlich höheren Strafen verurteilt, als Vergewaltiger und Totschläger. Bemerkenswerterweise nutzt Snitch diesen Hintergrund nicht lediglich als fernen Horizont eines Actionspektakels, sondern als konkretes Fallbeispiel zur Studie unterschiedlicher Vater/Sohn-Beziehungen.

Durchaus moralisierend, durchaus klischeebeladen, aber auch spannend, mit Bodenhaftung und glaubwürdigen Emotionen setzt der ehemalige Stuntman Ric Roman Waugh das Crime Drama um. In seinen Stereotypien, die sich besonders in der Zeichnung von Drogendealern und Staatsgewalten breit machen, und seinen Fingerzeigen überschreitet der Film ein zumutbares Maß nur selten, denn vor all dem stehen immer zutiefst menschliche Empfindungen und Entscheidungen im Übertrag auf ein kriminelles Milieu. Dwayne Johnsons working class-Dad setzt nicht mit Bazooka und Handgranaten zu Rache und Selbstjustiz an, er muss machtlos mit ansehen, wie sein Sohn von einer fragwürdigen Abschreckungs- und Unverhältnismäßigkeits-Policy vorgeführt wird, Leidtragender und Spielball einer Wahlkampf- und Administrations-Direktive. Eine grundsätzliche Schuld des jungen Jason, ein Bedarf an Bestrafung wird vom Film gleichwohl nicht der Verharmlosung geopfert, Snitch beruft sich jedoch nicht zuvorderst auf eine simple „don’t do drugs“-Moral, wichtiger ist dem Film die Frage nach der Angemessenheit des Umgangs nach dem „aber wenn du es doch getan hast…“. Jason weigert sich standhaft, dem Staat irgendjemanden auszuliefern, so wie er selbst ausgeliefert wurde und die Integrität seines Sohnes ist für Vater John so sehr Anlass zum Stolz, wie sie außerdem die Hürden der Justiz nur noch höher vor ihm aufstapelt.



Waugh entwickelt sein gemeinsam mit Justin Haythe verfasstes Script ohne Eile und mit dem nötigen Vorlauf, um Johns pure Verzweiflungstat zu rechtfertigen: was als Revenge-B-Actioner sicher nicht mehr als schlanke achtzig, neunzig Minuten verbraucht hätte dehnt Waugh auf knapp zwei Stunden, ohne sich in Längen und Redundanzen zu verlieren. Die Sorgfalt steigert die Glaubwürdigkeit der Ereignisse und den emotionalen Aufbau der Figuren, die Handlung verzichtet dabei nicht auf die ein oder andere Konstruiertheit und gewisse Kniffe aus den Thriller- und Dramen-Handbüchern, entwickelt aber ein dichtes Bild des Vaters, der ans Äußerste geht. Musclemonster Johnson bügelt nicht Kraft seines Bizeps oder Schusskraft seiner Wumme durch das Szenario, sein John Matthews ist ein Mann, der bangt und fürchtet und versagt, nichtmals übrzeugt ist, das Richtige zu tun, sondern sich entschließt, das Notwendige zu unternehmen, in einer ausweglosen Lage entscheidet er sich für einen unsicheren und hochgradig riskanten Weg, der ihm keinen sicheren Stand lässt. Wie Action-Ikone Arnold Schwarzenegger bei seinen Versuchen, den Typen von nebenan zu spielen, wirkt natürlich auch Dwayne Johnson auf den ersten Blick reichlich out of proportion, dafür überzeugt der Riese in Snitch mimisch so sehr wie nie zuvor.

The Rock says, The Rock acts, The Rock even cries: Johnson, hier noch nicht ganz so hochgezüchtet, wie zuletzt in G.I. Joe: Retaliation, Fast & Furious 6 und demnächst in Pain & Gain, regelt in Snitch nicht alles allein aufgrund seiner leinwandfüllenden Präsenz, da regen sich auch Gesichtsmuskeln und der ansonsten übergestreifte Panzer der Unbesiegbarkeit bleibt abgelegt. Er und Filmsohn Rafi Gavron überzeugen in den gemeinsamen Szenen, die sich manchmal in den üblichen Plattitüden von Vater/Kind-Entfremdungs- und –Zueinanderfindungsgeschichten finden, dennoch steckt da eine Aufrichtigkeit drin, die berührt und einen weiteren Anker auswirft, der die Story am Boden hält. Dazu passen Waughs und Kameramann Dana Gonzales‘ Stil, der sich bisweilen an der halbdokumentarischen Grobkörnigkeit Michael Manns orientiert. Mit Jon Bernthals Rolle des eigentlich um Rehabilitation bemühten Daniel James, den es doch ins Drogengeschäft zurück zieht, um Matthews einen Einstieg zu ermöglichen, verstärken Waugh und Haythe nochmals den Kern ihres Films, den die Bindungen zwischen Vätern und Söhnen bilden, denn auch James will nur das Beste für sein Kind und riskiert wie sein Chef die Sicherheit seiner Familie. Ein ethisch flexibles und vielschichtiges Geflecht, durch das zwei Männer zu brechen versuchen, um die zu erlösen, die sie lieben und in dem für Frauen und Mütter lediglich Raum zum Hadern bleibt.



Die erste von insgesamt nur zwei großen Actionszenen lässt bis zur Hälfte des Films auf sich warten und zeigt auch dann keinen Dwayne Johnson, der im Getümmel eines plötzlich eintretendem Kugelhagels mittendrin ist, stattdessen spannt er seinen Schirm auf und versucht zu entkommen. Erst zum Finale greift Johnson zur Shotgun und Snitch driftet für einen explosiven Höhepunkt weg von der realistischen Spur, rauf auf jene, wo sich Trucks und Autos wild überschlagen und Transportgesellschaftsbesitzer überraschend zielsicher und gewissenlos gesichtslose böse Dealer und sonstiges Geschmeiß aus dem Sitz schießen. Plötzlich ein bißchen zu viel Mad Max II, auch ein bißchen zu schnell in seinen Entwicklungen und etwas arger Versöhnungskitsch am Ende. Was zusammen mit der »yo, homie«- und »a’ight, ese«-Dealerschaft für die leichten negativen Klänge bei Snitch sorgt, der sich neben seinen Hauptfiguren eben bei den gängigsten und angreifbarsten Bildern solcher Sozialschichten bedient. So oder so bietet Waugh einen ausreichend packenden, nicht aber besonders originellen Film; die von Susan Sarandon gespielte Staatsanwaltschafts-Bitch und der bad ass‘ige DEA-Ermittler, den Barry Pepper skelettschädlig und mit beeindruckender Gesichtsbehaarung gibt, sind auch nicht gerade die hellsten Einfälle, dafür stimmen die Performances. Unbedingt erwähnenswert: Antonio Pintos akustikgitarren- und streicherdominierter Score, der den Film enorm unterstützt, wenn ihm an manchen Stellen die rechten Mittel fehlen.

Wertung & Fazit

Action: 2/5
Nur zwei große Action Sets, der Showdown übertreibt’s dabei ein bißchen. Sehr mittendrinnig gefilmt.
Spannung: 3/5
Dreckige und nicht Hollywood-mäßig glatt geleckte Atmosphäre, ruhig und mit Sorgfalt erzählt, die Emotionslage der Figuren hält die Spannung.
Anspruch: 2/5
Die Kritik an der Federal drug policy ist nicht gerade auserzählt und wird vom Ende ein bißchen abgeschwächt, dient aber dennoch nicht nur als plakativer Vorwand.
Humor: 0/5
Kein Kriterium.
Darsteller: 4/5
Dwayne Johnson in seiner besten Rolle abseits der big budget-Actionspektakel, durch die er sonst meistens wütet. Wer hätte schon gedacht, dass der Wrestler mal in gemeinsamen Szenen mit Susan Sarandon besteht?!
Regie: 3,5/5
Trotz Johnson in der Hauptrolle und eines eigentlich handelsüblichen C-Actioner-Plots erliegt Ric Roman Waugh nicht der Versuchung, seinen Film im Spektakelmodus aufzuziehen.
Fazit: 7/10
Tappt in ein paar Klischeefallen, ist aber ein brettmosphärisches Teil: statt schneller und furioser Action bietet Snitch ein konzentriertes Drama, getragen von Dwayne Johnsons bester schauspielerischer Leistung, emotionaler Nachvollziehbarkeit und einem hörenswerten Score. Nichts überragendes, aber doch eine sehr willkommene Abwechslung zum üblichen überlebensgroßen Johnson-Flick, ähnlich wie der Revenge-Thriller Faster von vor drei Jahren.

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