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Review: DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ

Von Flynn Hardy vor 3 Jahren geschrieben07 / 20132 Kommentare
DIE FANTASTISCHE WELT VON OZ Filmkritik

Story

Im Jahr 1905 tingelt der aufschneiderische und hochstapelnde Zauberkünstler Oscar Diggs unter seinem Künstlernamen Oz mit einem kleinen Wanderzirkus durch die Lande. Zwar genügen seine Tricks, Täuschungen und Illusionen, um ein leichtgläubiges Publikum und allerlei naive junge Frauen zu verführen, Oscar selbst jedoch sieht sich zu größerem, gar zu großartigem berufen. Eines Tages stellt ihn eine mürrische Menge während einer Show bloß, seine Jugendliebe Annie taucht auf, nur um ihm mitzuteilen, dass sie demnächst heiraten wird, und dem Gewichtheber des Rummels passt es ganz und gar nicht, dass Oscar seiner Frau schöne Augen gemacht hat. Inmitten eines heraufziehenden Unwetters ergreift Oscar in einem Heißluftballon die Flucht – und wird von einem Tornado in ein unbekanntes, wundersames und farbenprächtiges Land geschleudert. Kurz darauf trifft er auf Theodora die Gute, die sich als Hexe ausgibt und Oscar erklärt, dass sich mit seinem Auftauchen die Prophezeiung erfülle, wonach ein Zauberer ins Land Oz käme, um es von einer bösen Hexe zu befreien, die ihren eigenen Vater, den König, ermordet hat. Ein unermesslicher Goldschatz, der dem Herrscher von Oz zusteht und in der Smaragdstadt verwahrt wird, überzeugt Oscar schließlich, sein angebliches Schicksal anzunehmen, auch wenn er nur allzu gut darum weiß, nicht die Art von Zauberer zu sein, die die Menschen von Oz sich von ihm versprochen haben…

Der Film

Einige Vorurteile kann modernes Blockbuster-Kino nicht abstreiten, unter anderem: Studiomacht und hohe Kosten sind kein Förderer von Kreativität. Keine wirklich bittere Erkenntnis, wenn sich reine Produzentenwunsch-Abfilmer wie Stephen Sommers oder Brett Ratner unter den Film pinseln lassen, aber sehr wohl dann, wenn sich erwiesene Meister dem System opfern, Regisseure mit Stil und Handschrift, vielleicht sogar Freaks und Sonderlinge aus mainstreamfernen Nischen und Indie-Ecken. Da verriss der Franzose Michel Gondry nach Meisterwerken und Absonderlichkeiten wie Eternal Sunshine of the Spotless Mind oder Be Kind Rewind seine erste Megabudget-Nummer The Green Hornet und der fabulöse Düsterfilmer Tim Burton enttäuschte seine breite Fanbase mit dem Planet of the Apes-Remake und der eigentlich wie für ihn gemacht scheinenden Fantasy-Mär Alice in Wonderland. In diesen Fällen verblasste die inszenatorische Extravaganza zur Austauschbar-, zur Unkenntlichkeit – und nun ist Sam Raimi dran. Der hat mit der Spider-Man-Trilogie zwar bereits Blockbusterkompatibilität bewiesen und schmuggelte nicht nur seinen Trademark-Actor Bruce Campbell in die Spinnenfilme, sondern auch einige augenzwinkernde Selbstreferenzen (siehe zum Beispiel die Evil Dead-Anleihen während der „Geburt“ von Doc Ock in Spider-Man 2). Doch wie Burton bei Alice in Wonderland ist auch Raimi einem Symptom nicht gewachsen: der Disneyfizierung…



Sam Raimis Die fantastische Welt von Oz ist ein um jede Fantasie beschnittenes Kalkülprojekt, das weder kreativen und schon gar nicht erzählerischen Glanz abstrahlt und das von der markanten Handschrift seines Machers lediglich normierte Block(buster)buchstaben übrig lässt. Sam Raimi hat diesen Film gemacht? DER Sam Raimi?! Sieht man nicht, fühlt sich nicht danach an. Das freigedachte Prequel zum Fantasy/Musical-Klassiker nach Lyman Frank Baum, The Wizard of Oz (1939), fängt noch ganz gebräuchlich an, der Prolog in Schwarzweiß und kastenförmigem 4:3-Format im Anklang ans Original ist ganz schön gelungen und macht die Themen zumindest gut auf, die später in Oz gespiegelt werden. Jahrmarktszauberer Oscar Diggs ist ein Weiberheld, ein Gernegroß, ein Selbstdarsteller in pompösen Posen und Gesten und alles andere als ein Freundschaften pflegen- oder schätzender Geselle, der seinen schlichtgemütigen Assistenten Frank trotz dessen Loyalität eher zum Fußabtreter seiner egomanen Unzufriedenheit degradiert. Und dennoch steckt hinter Oscars Streben nach Großartigkeit schon hier ein Willensfunke von Großmut: kalt lässt es ihn nicht, als ein Mädchen im Rollstuhl nach gelungenem Schwebezauber bittet, dass der Zauberer sie wieder gehen machen möge.

Aber so viel Bedarf an inner- und äußerlichem Wandel Die fantastische Welt von Oz seiner Hauptfigur auch mit auf den Weg ins wunderbar farbenfrohe Reich Oz gibt: langweiliger, öder, platter und »weil’s im Drehbuch steht«-mäßiger könnte man es gar nicht dorthin übersetzen. Victor Flemings Adaption von 1939 deutete L. Frank Baums Kinderbuchvorlage über die Reise des Mädchens Dorothy eher als einen Traum und diese Komponente oder sogar eine wesentlich radikalere wohnt ebenso Raimis Vorgeschichte inne: Charaktere und Begebenheiten werden in Oz gespiegelt, beginnend mit der (Künstler)Namensgleichheit von Land und Zauberer, Assistent Frank als Pagenaffe Finley, Oscars moralisch unsaubere Frauengeschichten setzen sich auch unter Hexen fort und wieder macht er sich Leichtgläubigkeit zu Nutze, wobei das große Publikum, die Bewohner von Oz, ihn sogleich verehrt, statt ihn anzuzweifeln. Oscar bleibt der gleiche in einer Welt, die ergebener, wohlwollender, extremer reagiert und in der seine „Zauberkünste“ wahres Staunen auslösen, in der Klebstoff die Unmöglichkeit eines Wunders ersetzen kann. Seine charakterlichen Verwerflichkeiten indes wecken eine grüngesichtige, nie erahnte Bösartigkeit und Rachsucht, die sich wie ein Schatten über Oz legt. Das deutet in seiner Subjektivierung schon fast mehr als einen Traum an – eine Nachtoderfahrung nämlich. Eine Lebensbewältigung, ein Eingeständnis, eine Läuterung, eine Wiedergutmachung.



Könnte ganz interessant sein, den Film auf so einer Ebene zu erforschen, Andeutungen und Kreuzungen zu entdecken – aber nö, denn ob man das nun auf solche Ebenen transportiert oder nicht, Die fantastische Welt von Oz bleibt ein un-glaublich-lang-weiliger Film. Die Traum-(oder Tod-)Theorie unterstützt die rekordgeschwindige Selbstverständlichkeit, mit der Oscar Oz, das Land und die Leute, Hexen und sprechende geflügelte Affen und so weiter akzeptiert, dieser einfachen Didaktik folgt aber die gesamte Geschichte. Die fantastische Welt von Oz hat weniger mit dem literarischen Kosmos des Schriftstellers Baum zu tun, als das sie eine Adaption des Ausspruchs »ja nee, is klar…« zu sein scheint. Die gute Hexe Theodora verliebt sich nach zwei geteilten Leinwandminuten unsterblich und für alle Ewigkeit in den unbewiesenen Zauberer und Oz-Befreier – ja nee, is klar. Ihre naiv-überproportionierten Gefühle und Kleinmädchenphantasien von Liebe werden von nicht minder kindischer Eifersucht betäubt und plötzlich gibt es keinen Grund mehr, an das Gute zu glauben – ja nee, is klar… Das hat nichts mehr mit Theatralik und bühnenhafter Gefühlsweltenüberhöhung zu tun, das ist unterstes Soap-Niveau, auf das Raimi seinen Film nivelliert, das sind doofe und aus dem Nichts herausgeleierte Entwicklungen, wie sie für sämtliche Nebenfiguren und gleichfalls für Oscar erfolgen.

Der erkennt natürlich irgendwann, dass Freundschaft und alles das wahre Gut und Großherzigkeit die wahre Großartigkeit und der Glaube an eine Illusion manchmal wirkungsvoller ist, als die Wahrheit. Und dass Selbstsucht und Leichtlebigkeit aus Kurzzeitgespielinnen hakennasige Furien machen. Die üblichen Dinge, die solche Origin-Storys behandeln und die Die fantastische Welt von Oz zäh und überlang durchkaut, als täte er es als erster Film überhaupt. Gleich zweimal bringt die Handlung die obligatorische »oh nein, er lässt uns im Stich«-Szene unter und das wäre schon nicht spannend, wenn das hier kein Prequel wäre und damit sowieso klar ist, wer da am Ende wie und wo endet. Die fantastische Welt von Oz ist betäubend einfallslos und auch nicht märchenhaft, nicht bezaubernd genug, um sich trotzdem in dieser oft gesehenen und durchlebten Geschichte zu verlieren. Oz anno 2013 ist die regenbogenbunte LSD-Trip-Kreuzung aus Burtons Alice in Wonderland und Camerons Avatar, alle drei Filme haben den Production Designer Robert Stromberg gemeinsam und der hatte wohl noch ein paar unbenutzte Entwürfe in der Schublade. Die CGI-Pracht, unterstützt von ein paar Studiobauten, wirkt nie wie eine zusammenhängende, organische Welt, Oz ist ein frame-by-frame-Baukasten, der nie überwältigt und dem in seinen paar unweltlichen Formen nichts beeindruckend andersartiges gelingt. Eine unterbelebte Technikdemonstration, von der sich jeder echte Schauspieler jederzeit abhebt, statt überzeugend darin zu interagieren.



Daran liegt’s wohlmöglich, dass all die Stars hier entweder fehlbesetzt oder lustlos wirken. James Franco wird über den ganzen Film hinweg nicht zum Sympathieträger, der Vollzeitstoner überzieht seine Performance viel zu oft und in den immer selben Gesten und mit breitem Gegriene, dem nichts charmeurhaftes innewohnt. Für Mila Kunis eine Schüssel Mitleid mit Milch, aber keinen Löffel dazu, weil sie hier die idiotischste Figur und unplausibelste Entwicklung stemmen muss und dafür die völlig falsche Wahl ist. Rachel Weisz bleibt blass wie nie, Michelle Williams transzendiert abwesend vor sich hin, Zach Braff kann als human template des geflügelten Affen nicht viel ausrichten, um diesen glaubwürdiger wirken zu lassen. Die beste Figur in Die fantastische Welt von Oz ist das namenlose Porzellanmädchen, deren Familie und Heimat der Wut der bösen Hexe zum Opfer fallen: die ist zwar, obwohl man das mit Puppen und Animatronik vollumfänglich hätte hinbekommen können, auch ein mit Mausklick und Tastatur zumindest unterstützer Effekt, im Gegensatz zu Affe Finlay oder den gefährlichen fliegenden Pavianen aber ein ungleich vorstellbarerer, im Sinne von: sie ist wirklich da. Die Szene, in der Oscar das Porzellanmädchen in den Trümmern ihrer Behausung findet, die zarten Beinchen abgetrennt, ist bei weitem die berührendste des Films, die einzige emotional gewichtige Spiegelung des Kansas-Prologs. Die komplett unpassende, stimmungskippende und –killende Zankerei danach ist dann schon wieder grausam repetitiv. Wie eben das meiste, was Die fantastische Welt von Oz so unglaublich laaaaaaangweilig durchhandelt…

Wertung & Fazit

Action: 0,5/5
Kommt überhaupt nicht in die Gänge und bietet eigentlich nicht eine wirklich aufregende oder den Trott durchbrechende Sequenz.
Spannung:0,5/5
[Grillenzirpen]
Anspruch: 0,5/5
Um die üblichen Botschaften bemüht, aber denkbar platt in deren Transport und ungelenk in der Umsetzung.
Humor: 0/5
Falls grummelige Minderwüchsige mal witzig waren – hier sind sie’s spätestens nicht mehr. Auch ansonsten komplett von funktionierendem Humor bereinigt.
Darsteller: 2/5
Bekommen zum Teil furchtbar schlecht geschriebene Figuren zu spielen, füllen diese dann aber auch nur mit Leere.
Regie: 1/5
Bruce Campbell und Bruder Ted absolvieren ihre üblichen Cameos – ansonsten ist von Sam Raimi bei diesem Film absolut nichts zu spüren.
Fazit: 2,5/10
Mag wohl gerade noch für eine Zielgruppe zwischen fünf und zehn Jahren annehmbar sein, aber auch der könnte man mehr zumuten, als ein dermaßen berechenbares und schleppend vorgetragenes Effektfilmchen, dem Herz, Verstand und Mut fehlen. Sam Raimi, wir sehen uns zu Army of Darkness 2. Und dann bitte wieder in guter gewohnter Teufelstanz-Form…

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Kommentare

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  • Lasse Vogt 32 Kommentar(e)

    Stephen Sommers kann man nicht wirklich Produzentenwunsch-Abfilmer nennen. Studio-Auftragsregisseure produzieren und schreiben ihre Filme nicht selber und Sommers hat schon beides getan. Da hättest du eher Joe Johnston als Beispiel nehmen sollen. Sogar Brett Ratner bricht aus dieser Ecke langsam aus, “Hercules” hat er auch mitproduziert. Aber für ne Weile war Ratner wirklich neben Johnston ein gutes Beispiel für diese Art von Filmemacher.

  • Lasse Vogt 32 Kommentar(e)

    Du hättest den Film im Kino sehen sollen, das 3D war echt klasse. Das hätte zwar deine Probleme mit den Inhalten nicht wieder gutgemacht, aber es war auf diese Weise ein echter Spaß. Ich mochte den Film, aber vor allem wegen der auf einen zukommenden Visuals. Ich wurde unterhalten, kann deine Kritik aber absolut nachvollziehen. Ich hatte jedoch überhaupt nichts erwartet, als ich reinging, und wurde dementsprechend positiv überrascht. Werde ihn wahrscheinlich nicht noch mal sehen, aber in 3D machte es Laune. Mochte auch ein paar der Schauspieler, etwas von der Atmosphäre und die Musik.

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