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Review: ELYSIUM

Von Riggs J. McRockatansky vor 4 Jahren geschrieben08 / 20131 Kommentar

Neill Blomkamp hat sich Zeit gelassen. Nach seinem Sensationserfolg mit der SciFi-Allegorie District 9, basierend auf seinem eigenen Kurzfilm Alive in Joburg, hätte der Südafrikaner wahrscheinlich jeden Stoff überantwortet bekommen, den irgendein Studio gerade im Angebot gehabt hätte. Statt etwa einem schnell nachgeschobenen District 10 oder einem Projekt aus fremder Hand arbeitete Blomkamp lieber etwas Neues aus, den dystopischen Elysium, in dem es diesmal nicht um Rassen-, sondern um Schichtentrennung geht, um die bildlich vollzogene Trennung zwischen Ober- und Unterschicht und das Verschwinden eines Mittelstands. Dabei ist Elysium nach Blomkamps Verständnis weder Science und schon gar nicht Fiction, eher ein Übertrag gegenwärtiger Zustände auf ein futuristisches Setting. Wie bei District 9 ist der Regisseur und Autor nicht auf Verschleierung, mannigfaltige Deutungsmöglichkeiten und Unkenntlichmachung aus, seine Themen verstecken sich nicht im Subtext der Handlung, sondern kennzeichnen diese klarst und unmissverständlichst. Gelingt Blomkamp damit erneut ein Genre-Highlight, zudem eines im SciFi-geprägten Kinojahr 2013? Oder bleibt der Mann diesmal in Ansätzen stecken?

Story

Die Erde im Jahr 2154: vor über einem halben Jahrhundert haben sich die Reichen radikal von den Armen abgespalten und leben auf der luxuriösen und mit jeder wünschenswerten Versorgung ausgestatteten Raumstation Elysium. Krankheiten spielen dank modernster Heiltechnologien keine Rolle mehr, während die zurückgebliebenen Bewohner der überbevölkerten und verslumten Erdruine dahinsiechen und notfalls mit tödlicher Gewalt von Elysium ferngehalten werden. In dieser Welt schlägt sich der mehrfach vorbestrafte Fabrikarbeiter Max Da Costa durch, der den Aufstand gegen das System aufgegeben hat, einfach um zu übereben. Doch ein Arbeitsunfall ändert alles: während der Montage einiger Androiden wird Max einer tödlichen Strahlendosis ausgesetzt und muss innerhalb von fünf Tagen sterben. Seine einzige Hoffnung ist ein Ticket Richtung Elysium. Max wendet sich an den Untergrundschmuggler Spider, der allerdings eine Gegenleistung verlangt, ehe er bereit ist, einen Flug für ihn zu organisieren. Max‘ Körper wird mit einem kräfteverstärkenden Exoskelett verbunden und via eines direkt an sein Hirn gekabelten Transmitters soll Max Informationen aus den Gedanken eines reichen Elysiumianers stehlen. Max entscheidet sich für John Carlyle, den skrupellosen Chef seiner Firma – nicht ahnend, dass dieser soeben im Auftrag der hochrangigen Ministerin Delacourt einen politischen Umsturz initiiert, der die Befehlsmacht über Elysium in ihre Hände legen würde. Ausgestattet mit diesem Wissen könnte Max die Schicksale der getrennten Welten für immer verändern…

Der Film

Vergleiche sind zwar meist ’ne unfaire und substanzlose Sache, Blomkamp allerdings zwingt einen auf die Geschmackswaage. Und wie fällt deren Urteil aus? Elysium ist nicht so gut wie District 9. Den Handlungskern seines Alien-Internierungs-Thrillers scheint Blomkamp so sehr zu mögen, dass er ihn 1:1 in das Setting der Deprivations-Heterotopie verlegt. Wieder schickt der Regisseur einen anfangs unheldenhaften Helden auf die Suche nach Heilung, wieder trägt dieser Held etwas in sich, das die bisherige Ordnung über den Haufen wirft und wieder sind es ein Kind und ein alleinerziehender Elternteil, die ihn auf dem Weg sein Gewissen entdecken lassen. Das läuft dann sogar bis in Details hinein gleich ab, genau wie der von einem außerirdischen Stoff verseuchte Wikus van der Merwe kotzt sich auch der verstrahlte Max Da Costa erstmal die Eingeweide aus dem Leib, beide landen sie wie Versuchsobjekte auf Operationstischen und noch einiges mehr. Wagt Blomkamp also nicht mehr, als eine in Scope und Budget vergrößerte Kopie seines gefeierten Spielfilm-Erstlings?



Zumindest die Tinte für die Bewerbung zum Innovationspreis kann Blomkamp sich sparen. Wie der zweite aufstrebende Genre-Spezi Joseph Kosinski vor ein paar Monaten bei Oblivion bedient sich der Johannesburger neben dem eigenen Sujet auch reichhaltig bei SciFi-Referenzen der letzten Jahre und Jahrzehnte, ohne in einen ähnlichen nachstellerischen Ehrfurchtsgestus zu verfallen, wie es Kosinski mit seinem Tom Cruise-Vehikel passierte. Aber die gefühlsstumpfe Machtgierministerin, die geekig-freakige Gegenbewegung aus dem Untergrund, den unfreiwilligen Helden, der sich aus der Arbeiterklasse gegen das Regime erhebt, Klau von Firmengeheimnissen per direkter Hirnverbindung – gesehen hat man das alles schon. Das Budget vervierfacht, die Kreativität auf ein Viertel gekürzt, der Film nur drei Viertel so gut. Blomkamp überbrückt das wiederum ähnlich wie bei District 9 (der abseits seines Doku-Stils auch das narrative Rad nicht neu erfand) mit einem Mordstempo, wenn die Welt und die Schichtentrennung und ein Ausriss des Erden- und Elysium-Alltags erstmal eingeführt sind pflügt der Film ungebremst durch seine Ereignisse. Blomkamp serviert Fast Food Science Fiction, deren Anspruch auf dem unwichtigsten Teil dieses Menus steht, auch wenn es davon getragen wird: dem Tablett, das unter fleischigen Burgern und salzigen Pommes zum Vorschein kommt, das man für den Genuss aber getrost ignorieren kann.

Wie man’s auch konsumieren mag, Blomkamp stößt manches Mal heftig an die Grenzen seiner weiter gefassten Zukunftsvision. Die drei großen fragenden „W“s, „Wie?“, „Was?“ und „Warum?“, blenden sich nicht selten direkt über das Geschehen und nehmen ihm seine subtextuelle Wucht und Brisanz. So zum Beispiel bei der Sequenz, in der sich drei Schiffe mit illegalen Einwanderern Elysium nähern und auf Befehl der kaltblütigen Verteidigungsministerin Jessica Delacourt ohne Rücksicht und Reue abgeschossen werden. Wie genau sah eigentlich deren Plan aus? Was glaubten die würde passieren, wenn sie sich in einer strengstens verüberwachungsstaatlichten Welt ohne protokollmäßig vorgesehene Einreise der Station nähern? Und was die andere Seite betrifft: warum muss von Elysium aus ein Schläferagent auf der Erde mit dem Abschuss der Schiffe beauftragt werden, woraus bestehen denn die Eigenabwehr- und Verteidigungsmöglichkeiten des Weltraumrings? Hier verweigert der Film eine tiefer ausformulierte Welt zugunsten des plakativen Zerwürfnisbildnisses zwischen reicher Ober- und geknechteter Unterschicht.



Blomkamp bedient sich leichtverständlichster erzählerischer Bilder, deren Sprache er allerdings nicht durchgehend treu bleibt. Elysium pendelt unentschlossen zwischen einer satirischen Überhöhung, für die er weder Ausgangs- noch Endmaße formuliert, und einer dreckigen Gegenwartsreflexion. Wenn der geschundene Max auch ohne die Med-Pod-Technologie auf Elysium schwere Operationen und Wunden innerhalb von Stunden wegsteckt und sich selbst die Verstrahlung nicht gerade als degenerativer Prozes darstellt, lassen sich die ausgestellten Risiken schwerlich ernst nehmen. Die heile-heile-Mache-Maschinen indes nehmen in ihren Möglichkeiten ebenso grenzenlose wie lächerliche Züge an, wenn die Apparaturen sogar noch ein vollkommen zerfetztes Gesicht rekonstruiert kriegen. Andererseits schwillt da unter der Oberfläche von Elysium irgendwo der zynische Gedanke, ob es nicht wirklich viel sinnvoller ist, eine solche Technologie eben nicht der gesammten, massenmäßig explodierten Menschheit zur Verfügung zu stellen. Wohin würde das führen, wenn niemand mehr an Krankheiten und Unfällen stürbe? Wohin führt das Elysium selbst, wenn irgendwann auch dessen Population dem gegebenen Platz entwächst?

So steckt zumindest ein bißchen moralisch-ethische Uneindeutigkeit in Elysium, der ansonsten aber als SciFi-Actioner besser funktioniert und wahrgenommen ist, denn als denkprovozierende Allegorie. Das Geballer mit dezent futuristischen Gewehren fetzt, nicht nur vom Gewaltgrad her. Bei dem kennt Blomkamp keine Kompromisse, Granatenexplosionen reißen Gesichter ab, Gewehrfeuer und Detonationen zerfetzten Leiber und wie in District 9 tapeziert der Film mit Blut, Gliedmaßen und Gedärmgekröse seine Sets um. Die Designs der unterschiedlichen Androidengattungen, die auf Elysium die Reichen bewirten und auf der Erde die Armen unter Kontrolle halten, der Raumschiffe und besonders der paradiesischen Raumstation selbst sind klasse, die abgeranzte Gebrauchtheit der Maschinen gibt der Welt einen etwas vertiefenderen Blick, während die sterile Schönheit Elysiums die Erde hart kontrastiert. Der übervölkerte Planet bleibt dagegen nicht nur rau und in seinen Gelb- und Brauntönen verödet, sondern rein designtechnisch auch ein bißchen langweilig. Dredd, das Total Recall-Remake oder Andrew Niccols In Time lieferten ähnliche Panoramen von Massenmenschhaltung und Schichtentrennung, von Slums und Armut, und wirkten darin originärer und eine Spur überzeugender.



Elysium besitzt die Anlagen zu einer überragenden Science Fiction-Dystopie, ist aber „nur“ gute Unterhaltung geworden. Blomkamp durchschwimmt seine Welt mit raschen Zügen und macht Freistil-Weltrekordler César Cielo Konkurrenz, aber er taucht nicht darin ein. Sobald der Blick mal unter die Oberfläche gleitet offenbaren sich Schwächen und Unausgereiftheiten in der Konzeptionierung, sowohl des Entwurfes, als auch der Ausführung. Die Botschaften des Films arbeiten auf schematische Gut/Böse-Erkenntnisse zu, die Blomkamp unmissverständlich durchdrückt. Wo entstehen schon noch Ambiguitäten, wenn eine mittellose Mutter um das Leben ihrer sterbenskranken Tochter kämpft und der Soundtrack dazu wehklagenden Frauengesang anstimmt? Oder wenn der Hauptantagonist ein komplett weggepsych’ter Spaß-am-Morden-Irrer und Vergewaltiger ist? Elysium guckt man also wegen toller Designs, guter Action, wegen zwei leider sehr kurzen, aber verdammt coolen Third Person-Einlagen, bei denen die Kamera sich ruckartig hinter und mit Max‘ Rücken bewegt, wegen der Schauspieler, wegen spektakulären Shots und, wer sowas braucht, wegen deftiger Gewalteinlagen… Na ja, wegen sowas halt. Für die große Erkenntnisreise bietet sich der Film mit genügend eigenem Gerechtigkeitsempfinden hingegen nicht an, denn dann liefert er nur Bilder der Bestätigung, nicht solche des Aufruhres oder der Diskussionswürdigkeit.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Fetzt.
Spannung: 2,5/5
Folgt im Handlungskern dem exakt gleichen Muster wie District 9 und drumherum den gängigen Genre-Standarts. Hat aber Tempo.
Anspruch: 2/5
Bleibt schon sehr oberflächlich und da, wo auch der desinteressierteste Hansel noch nachvollziehen kann, was böse und was gut, was richtig und was falsch ist.
Humor: 0/5
Mit Freude an splatteriger Gewalt vermutlich für ein paar mehr Punkte gut, ansonsten nicht gerade zum Lachen.
Darsteller: 3,5/5
Überzeugend, der Schemenhaftigkeit ihrer Rollen geschuldet aber auch nichts überragendes von Matt Damon, Jodie Foster, Alice Braga und William Fichtner. Sharlto Copley sticht natürlich heraus, aber etwas weniger Fieso Freak hätte nicht geschadet.
Regie: 3,5/5
Blomkamp erzählt im Gurnde District 9 nochmal, nur in ein anderes Setting verlegt, welches wiederum nicht ausreichend gut durchdacht scheint.
Fazit: 6,5/10
Die dekadenten Elysium’ianer parlieren eitel auf Französisch, während im L.A. des Jahres 2154 Spanisch gesprochen wird, quasi die Amtssprache der gegenwärtigen US-Einwanderungsprobleme aus Richtung Mexiko… Nun, wem sowas zu plakativ ist, der wird sich über Neill Blomkamps Elysium nicht besonders freuen können. Aber es bleibt immerhin ein leider „nur“ guter SciFi-Actioner mit Wumms und tollen Effekten.

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Kommentare

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  • Yvonne 2 Kommentar(e)

    So was richtig Neues hat Neill Blomkamp ja nun nicht gemacht (mehr dazu hier: http://www.leselink.de/filme/science-fiction-filme/elysium.html ). Stattdessen hat man das Gefühl, viele Szenen bereits aus “District 9” zu kennen. Leider sind das die besten Szenen des Films, so dass gerade die Innovation und der Mut seines Erstlings fehlen. Zwar ein solider Science Fiction-Streifen, aber längst nicht so toll, wie ich gehofft hatte.

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