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EDGE OF TOMORROW: Kritik zum SciFi-Actioner mit Tom Cruise und Emily Blunt (Kino)

Von Riggs J. McRockatansky vor 2 Jahren geschrieben05 / 20140 Kommentare
EDGE OF TOMORROW Tom Cruise Filmkritik

Story

Die Erde in der Zukunft: geraume Zeit ist vergangen, seit eine feindliche außerirdische Rasse auf die Erde kam und mit hochfortschrittlicher Technologie Europa überrannte. Dank eines Exoskelett-Kampfanzuges schöpft die Menschheit jedoch neue Hoffnung im jahrelang aussichtslos scheinenden Krieg gegen die sogenannten Mimics: angeführt von der hochdekorierten Soldatin Rita Vrataski konnte die Schlacht von Verdun gewonnen werden und nun bereitet man sich an der Küste Großbritanniens mit Operation Downfall auf einen alles entscheidenden Schlag gegen die Aliens vor. Tags zuvor erreicht Major William Cage London. Der gänzlich kampfunerprobte Werbefachmann sieht sein Hauptaufgabengebiet in der Rekrutierung neuer Soldaten für die Einsatztruppen und soll den geplanten großen Triumph über die Mimics zu Propagandazwecken begleiten, allerdings aus sicherer Entfernung. Doch die Anweisungen des befehlshabenden Generals lauten plötzlich ganz anders: Cage soll an die Front und als er sich weigert findet er sich ausgeknockt, zum Rekruten degradiert und als Deserteur verschrien im Basislager der großen Operation wieder. In einen Kampfanzug gesteckt landet Cage schließlich in der Normandie – und Downfall endet für die Soldaten in einem erbarmungslosen Gemetzel, das auch Cage nicht länger als fünf Minuten überlebt… und zu seinem Erstaunen am Vortag wieder aufwacht und alles bis zu seinem nächsten Ableben von Neuem erlebt. Und von Neuem und von Neuem und von Neuem…

Der Film



Wohl kein Wunder, wenn man selbst Vertreter einer so genrenahen Religion ist: Tom Cruise zitiert sich durch die Geschichte des SciFi-Films. Bediente sich sein letztjähriger Zukunftsausflug „Oblivion“ noch bei Pixars „Wall-E“, „Independence Day“ und jedem x-beliebigen Untergrundaufstandplot, so machte der diesjährige „Edge of Tomorrow“ den Eindruck eines „…und täglich grüßt das Murmeltier“ gepaart mit dem „Source Code“ und jedem x-beliebigen Alieninvasionsplot. Seine konkrete Vorlage findet „Edge of Tomorrow“ jedoch erstmal in der japanischen Light Novel „All You Need Is Kill“ von Hiroshi Sakurazaka und Illustrator Yoshitoshi ABe, veröffentlicht 2004. Heraus kommt zwar ein mitunter versatzstückhafter Klon, aber nicht nur im Vergleich zum (abseits des Audiovisuellen) schnarchigen „Oblivion“ ein rundum gelungener Blockbuster, in Look und Feel sehr schön unblockbusterig, viel humorvoller als anzunehmen war, dazu mit unüberladener und dennoch satter und spannender Action. „Edge of Tomorrow“ ist nach den bisher enttäuschenden Mai-Lights „Godzilla“ und „X-Men: Days of Future Past“ eine richtig positive Überraschung.

„Bourne“-Initiator Doug Liman kniet nicht wie Cruise’ voriger Regisseur Joseph Kosinski ehrfürchtig nieder vor den Größen der Science Fiction und klaubt nicht einfach nur Handlungsteile zusammen, Limans „Edge of Tomorrow“ inhaliert Stile und Stilmittel und putscht sich damit auf: unweigerlich fällt einem Paul Verhoeven, fallen einem „RoboCop“ und „Starship Troopers“ ein, wenn der Film mit Nachrichtensendungen und optimistischer Kriegspropaganda beginnt, um die Alieninvasion zu etablieren und sein Zukunftsbild zu umreißen. Satirisch wie beim Niederländer wird es nicht, aber wahrscheinlich würde auch ihm der Kniff gefallen, mit Werbe-Major Cage ausgerechnet einem jener Propagandisten den Fronteinsatz aufzuzwingen, der ansonsten das Kampagnenmanagement zum strahlemännischen Verkauf des sicheren Todes anführt. Cage ist ein windiger Duckmäuser, der mit seiner Plapperkunst alles unternehmen würde, um nur ja weit weg zu bleiben von Schützengräben und Gefechtsstellungen, die United Defense Force ist für ihn lediglich die Verlagerung seiner Werbeagentur, die er nach der Attacke der Mimics hat dicht machen müssen.



Aus dem stolpernden, angsterfüllten Cage zieht „Edge of Tomorrow“ alles, was ihn in der ersten Hälfte richtig stark macht, eine gelungene und einklängige Mischung aus Komik und Dramatik. Unbeholfen stakst Cage, zum ersten Mal in eines des Exoskelette gesteckt, wie beim Eiertanz einher und versucht noch Sekunden vorm Einsatz, seiner unfreiwilligen Lage zu entkommen, während seine komplette Überforderung auf dem Luftweg und schließlich auf dem Schlachtfeld für eine extrem intensive erste große Actionszene sorgt. Cage irrt wie ein verschrecktes Tier über den Strand, um ihn her werden Soldaten von den Mimics weggemetzelt, die Fluggeräte der UDF stürzen brennend vom Himmel, Explosionen wirbeln Sand und Körper durch die Luft. Und schließlich zerfetzt eine Sprengladung ein außergewöhnlich großes Exemplar der Tentakelaliens und Cage mit – und alles beginnt von vorne. Liman zeigt nicht, wie die Invasoren ganze Großstädte in Schutt und Asche legen, er konzentriert den Konflikt zunächst auf und um diese eine einzige, zum Scheitern verdammte Entscheidungsschlacht und Cages plötzliche Fähigkeit, diesen Tag wieder und wieder erleben zu können. Eine Prämisse, die man unmöglich starren Ernstes verkaufen kann und „Edge of Tomorrow“ bekennt sich dazu, dass Blockbuster Spaß machen dürfen: hey, die Welt ist am Arsch, aber was zu Lachen gibt’s trotzdem!

Cage trifft bei einem weiteren Durchgang seines leben-sterben-von vorne-Zyklus irgendwann auf die gefeierte Kriegsheldin Rita Vrataski, die ihm seine unfassbare Geschichte aus gutem Grunde immer wieder glaubt und ihn trainiert, Cage in seiner Endlosschleife zum Krieger zu formen versucht, was wieder und wieder zum Rückschlag, zum Neustart führt. Hinter der Wiederholung steckt Mühsal, das Ziel ist nicht mit einer einzigen Trainingsrunde zu erreichen. Live. Die. Repeat. Wieder und wieder. Manche Fehler lernt Cage mit seinem Zukunftswissen zu vermeiden, dafür begeht er andere, windet sich aus Situationen heraus, bis der Ablauf penibel geplante und durchgeführte Routine ist. Jeder hat den Vergleich herangezogen (ich weiter oben ja selbst schon) und es ist wirklich so: „Edge of Tomorrow“ ist Harold Ramis’ Comedy-Klassiker „…und täglich grüßt das Murmeltier“ mit Military-SciFi-Action – und das funktioniert bestens. Das Konzept ist hier so kurzweilig wie vor über zwanzig Jahren und genau wie Wettermann Bill Murray muss Tom Cruise’ Cage hineinreifen in eine Rolle, für die er der verkehrteste Typ überhaupt zu sein scheint. Während des ausgiebigen Wiederholungslaufes in der Mitte des Films verwebt Liman Cages repetitives Sterben perfekt als Humor- und Action-Gimmick, findet immer den exakten Absprungspunkt, um die Handlung zu variieren und die Figuren weiterkommen zu lassen, ohne ihre Entwicklung zu überhasten.



Dabei ist die methodische Anwendung des Grundgerüstes sicher besser und unterhaltsamer, als der sich daraus erschließende Handlungskern. Nach „Independence Day“ und „The Avengers“ sollten Alienbesatzer langsam kapieren, dass autarke Systeme mehr zur völligen Eroberung geeignet sind, als dieser ineffektive und an einer einzigen Sammelstelle kollektiver Verzweigung zu besiegende Kolonialsozialismus. Aber so haben auch die Mimics keine geladenen Akkus dabei, sobald einer den Hauptstecker zieht. Cage bekommt ein Ziel außerhalb seines Kaserne/Schlachtfeld-Loops und auch wenn der fixpunktuelle dritte Akt nicht sonderlich originell ist: Liman wählt auch hier den passenden Knotenlöser aus dem Schleifenmuster des Plots, er weiß, wann der Humor gedrosselt und die Anspannung gesteigert gehört und „Edge of Tomorrow“ hält in seiner ganzen Ausführung eine nahezu perfekte Blockbuster-Balance. Kein Gramm überflüssigen Fetts setzt der Film da an, wo es nicht hingehört: es gibt keinen CGI-Overload und keine Übererklärung der Ereignisse. Manche Aliens wollen nach Hause telefonieren, andere die Ressourcen ausbeuten, aber in „Edge of Tomorrow“ bleibt die zerstörerische Brut endlich mal wieder bis auf die Theorien eines Basil Exposition-Wissenschaftlers ohne Motiv und als Cage zwischenzeitlich die Eier bis zu den Knöcheln rutschen, er stiften geht und in einem Londoner Pub aufschlägt, wo Nachfahren von Kriegsveteranen darüber sinnieren, was diese Mimics eigentlich wollen, entgegnet er die einzige Wahrheit: was macht es für einen Unterschied? Die Mimics gewinnen. Sie kriegen was sie wollen. Hier orientiert sich das undefinierbare Invasorengesindel an den richtigen Vorbildern, vager Schrecken ist unbestechlicher Schrecken, das Schicksal der Menschheit keine Verhandlungsbasis.

Was „Edge of Tomorrow“ fehlt, was sich ein über $170 Millionen teurer Blockbuster eben nicht leisten kann, was im Rahmen dieser D-Day-Rekonstruktive aber gepasst hätte: eine härtere Dimension des Grauens. Die Mimics sind schon krasse Viecher, ihrem Tentakelwirbel ist kaum beizukommen und die Szenen der Schlacht sind intensiv und wirkungsvoll gefilmt – aber wo „Edge of Tomorrow“ manchmal an die apokalyptische Unterlegenheitsstimmung von James Camerons wahrlich nervenzerfetzendem „Aliens“ erinnert bleibt das Schlachtgetümmel eben doch steriler und blutleerer. Das entschrecklicht die Mimics und raubt dem Film von vornherein die Chance, mit einem Schuss mehr Drastik zur Dramatik der großen SciFi-Meisterwerke aufzuschlie0en. Das macht sich nicht so hart negativ bemerkbar, wie in der FSK12-Zombiedystopie „World War Z“, da „Edge of Tomorrow“ über andere Mittel so hervorragend funktioniert, aber nur ein Stück mehr ungeschliffene Kante, ein bißchen weniger Kompromissnotwendigkeit, noch mehr Verhoeven in Limans Inszenierung – „Edge of Tomorrow“ hätte der beste SciFi-Film seit vielen Jahren werden können. Das hingegen Gefühligkeit zwischen den Protagonisten Cage und Vrataski aufkommt, die zumindest von ihrer Seite aus eigentlich nicht sein dürfte, hätte Liman gerne vermeiden können, lässt sich aber wohl ebenso wenig komplett raushalten, wie Tom Cruise’ obligatorischer Motorcycle-Shot.



Doch auch der Star funktioniert ansonsten bestens; lehrte Super Cruise schon „Mission: Impossible – Ghost Protocol“ das Stolpern und Stürzen bekommt er in „Edge of Tomorrow“ beigebracht, sich feige aus der Verantwortung zu stehlen, zu versagen, zu sterben. Bei Cruise kann man das selbst erschaffene Image nie so ganz ausblenden, so gekonnt wie hier hat er es aber noch nie unterwandert. Schon wenn Cage zu Beginn vor dem übellaunigen General Brendan Gleeson seine Frontuntauglichkeit erklärt, weil er kein Blut sehen kann, ist das mehr aus Cruise’ Status als aus der Figur heraus witzig, aber der Perfektionist nimmt diesen windigen Mängelmenschen komplett an. Cage ist kein Ethan Hunt und kein „Jack Reacher“, er ist nichtmal ein regular guy, der über sich hinauswächst – Cage ist ein Jammerlappen, ein bedauernswertes Würstchen, eine Figur, wie Cruise sie sonst nur als Comic Relief neben (oder unter/hinter) sich duldet, um das Licht seines Helden noch heller strahlen zu lassen. In „Edge of Tomorrow“ spielt hingegen Emily Blunt den Tom Cruise-Part und guckt wohl deshalb so dauerhaft verwundert aus der Wäsche. Für die Full Metal Bitch Vrataski wirkt die Blunt etwas zu zart, da fehlt diese gehärtete Spröderie von Action-Heroinen wie Linda Hamilton, Sigourney Weaver oder Carrie-Anne Moss. Mehr als das Kuschelhäschen an Cruise’ Seite ist sie trotzdem, auch wenn die mehrfach wiederholte sexy-drahtige und irgendwie »gib’s mir«-mäßige Pose ihres ersten Aufeinandertreffens da andere Signale sendet.

Wer „Edge of Tomorrow“ bisher aus welchen Gründen auch immer neben den ganzen mega-umhypten Blockbustern und Comickrachern nicht auf dem Zettel hatte: unbedingt rauf damit! Unterm Strich ist das ausgezeichnetes SciFi-Actionkino, das an die Stimmungsstärke seiner Vorbilder wie „Starship Troopers“, „Aliens“ und so weiter anschließt und nicht bloß deren prägnanteste Momente nachstellt. Der Zeitreisekniff ist formidabler Stuss, der einem als nichts anderes angedreht wird und dem Film ein hervorragendes Mittel aus Komik und Action ermöglicht, das sich nicht den Ballast auflädt, den drohenden Weltuntergang und städteweite Zerstörungen als gritty-grimmiges Todernstkino verkaufen zu müssen. Mit einer entsättigten und auf Braun- und Grautöne reduzierten Farbpalette ist „Edge of Tomorrow“ zwar nicht der Regenbogenwaschbär unter den Invasionsstreifen, Liman misst aber auf den Millimeter genau ab, wo er in der visuellen Trostlosigkeit von flachen Landstrichen, Militärbasen und Schlachtfeldern den lustigen Bruch und den optischen Reiz setzt und wo er’s besser lässt. Darin erreicht „Edge of Tomorrow“ eine Qualität, die schon lange kein Blockbuster mehr so sehr zu seinem uneingeschränkten Vorteil ausspielen und damit über partielle Schwächen hinweg trösten konnte.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Die Schlachtszenen hätten etwas mehr Härte vertragen (das hat „X-Men: Days of Future Past“ gerade erst vorgemacht, wie man das mit einer Jugendfreigabe vereinen kann), doch ansonsten sind die Sequenzen intensiv, klar und angenehm unüberladen. Selbst der krachende Showdown in Paris bleibt nah an den Figuren und fern vom plumpen Effektspektakel.
Spannung: 3,5/5
Kurzweilig und mit gut getimten Temposchüben und -drosselungen, der Plot geht zwar in eine abgeschmackte Richtung, hält aber Intensität und Spannung aufrecht.
Anspruch: 0,5/5
„Edge of Tomorrow“ nimmt vor allem eines ernst: seine Unterhaltungspflicht. Die erfüllt er ohne den in den letzten Jahren so verstärkt vorherrschenden Ernsthaftigkeitskrampf. Die Prämisse ist Quatsch, die Erklärungen spartanisch, der Film trotzdem clever.
Humor: 2,5/5
So nicht erwartet und auch deshalb so super: der Film ist sehr humorvoll und vor allem am Optiumum ausbalanciert zwischen Komik und Dramatik. Klasse!
Darsteller: 4/5
Je weiter Cage seine Skills auflevelt, desto austauschbarer werden die Bilder und die Darstellung von Tom Cruise. Der ist als lascher Loser aber ausgezeichnet. Emily Blunt gibt ein solides tough chick, außer Bill Paxton und Brendan Gleeson fällt niemand weiter auf.
Regie: 4/5
Nach „The Bourne Identity“ war’s nicht mehr so dolle, was Doug Liman vorlegte, hier packt er aber einen beeindruckend rund durchstrukturierten Blockbuster aus.
Fazit: 8/10
Absolut rund zwischen Humor, SciFi-Action und Drama, die starken Special Effects gewinnen nie die Oberhand über Story und Charaktere – „Edge of Tomorrow“ macht richtig Spaß.

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