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HOW I LIVE NOW: Kritik zum Jugend-/Weltkriegsdystopie-Drama mit Saoirse Ronan (Blu-ray)

Autor: am 18.06.2014, um 11:30 Uhr | Kategorie: Kritiken | 1 Kommentar

HOW I LIVE NOW: Kritik zum Jugend-/Weltkriegsdystopie-Drama mit Saoirse Ronan (Blu-ray)
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Story


Die nahe Zukunft: inmitten politisch ungewisser Zeiten wird die junge New Yorkerin Daisy von ihrem Vater über den Sommer nach England geschickt, um die Zeit bei ihrer Tante und ihren Cousins auf dem Land zu verbringen. Neurotisch und zickig gebärdet sich das Mädchen der angeheirateten Verwandtschaft gegenüber, die weit abseits der Städte ein naturbelassenes und unbeschwertes Leben führt. Allerdings wirft Daisy bei aller inneren Abneigung gegen ländliche Nahrungserzeugnisse und die lokale Tierwelt ein zaghaftes Auge auf den ältesten der Cousins, Edmond. Als ihre politisch engagierte Mutter die Familie wegen einer Krisensitzung in der Schweiz verlassen muss, bleiben Edmond, Isaac und die kleine Piper allein und zunächst sorgenfrei zurück und können Daisy sogar ein bißchen für ihre Lebensweise erwärmen. Doch dann geschieht das Unfassbare: Terrororganisationen führen einen Nuklearschlag gegen England aus und das Land versinkt im Chaos, der Zerstörung und der Gewalt eines Dritten Weltkriegs. Das Militär rückt in ihr ländliches Idyll ein und trennt die Jungs von den Mädchen. Doch Daisy und Edmond, die sich inzwischen unsterblich ineinander verliebt haben, schwören sich ein baldiges Wiedersehen entgegen aller Wahrscheinlichkeiten…

Der Film



Lesern obiger Inhaltsangabe dürfte auffallen: die Information, dass sich da zwei Charaktere „unsterblich ineinander verlieben“, ist einigermaßen ungelenk, drangeklatscht und innerhalb der Thematik eines hereinbrechenden Dritten Weltkriegs ziemlich fehlplatziert untergebracht. Exakt so, wie das im Film selbst der Fall ist. Das Jugend-/Weltkriegsdystopie-Drama „How I Live Now“ ist die Adaption des gleichnamigen, 2004 aus der Feder Meg Rosoffs erschienenen YA-Romans, der mit einigen Literaturpreisen ausgezeichnet und 2007 in einer Radioversion ausgestrahlt wurde, wie im Film mit Saoirse Ronan als Daisy. Der Schotte Kevin Macdonald, der nach den Polit-Thrillern „The Last King of Scotland“ und „State of Play“ zuletzt den ungewöhnlichen YouTube-Zusammenschnitt „Life in a Day” und die Musiker-Bio „Marley“ drehte, übernahm die Verfilmung mit seinem dokumentarisch geprägten Stil. Jener macht sich gut im Ausdruck der beklemmenden Bedrohung und Gräuel eines Dritten Weltkriegs, bewirkt aber rein gar nichts für adoleszente Romantik und aufopferungsvolle Liebe, die Macdonald im »let’s get this over with«-Verfahren runterspult.

Elizabeth, die von allen Daisy genannt werden will, ist anders als die Depri-Emo-Heldin Bella Swan aus der „Twilight“-Saga und die wackere Katniss Everdeen aus der „Hunger Games“-Reihe eine enorm widerborstige Zicke, muffelt und ätzt an allem rum, auch an sich, schon die Eröffnungstitel sind unterlegt von verbaler Selbstgeißelung und Fremdbeschimpfungen. Ein anorektisch-anankastisch gestörtes Manhattan City Girl im ländlichen England auszusetzen hat was von der forcierten Arrangiertheit des RTL 2’schen „Frauentausch“-Experiments und Daisys garstige Kratzbürstigkeit mit »My Lazer Kitten will Destroy You«-Shirt wird natürlich kernerweicht von Badespaß, Panorama Shots und dem gutaussehenden Kuh- und Falkenflüsterer Edmond. „How I Live Now“ ist im ersten Drittel eine Lost Boys-Phantasie, die Macdonald in erstaunlich schöne Bilder eines märchenhaften Sommer-Idylls kleidet und wenn der Krieg, die nukleare Vernichtung plötzlich und ohne Vorwarnung darin eindringt ist das die Nutzung visuellen Erzählens nahe der Perfektion. Ein Windstoß, ein Einschlag in weiter Ferne, ein Regen aus Asche, die Gesichter der Jugendlichen, aus denen Unschuld und Geborgenheit weichen.



Grazil und terrencemalickhaft baut Macdonald diesen Moment auf, doch bevor der schwelgerische Ton endgültig auf hartes Kriegs-Drama umschaltet muss ja noch die „Zärtliche Cousins“-Nummer untergebracht werden: nach zweimal Händchenhalten (einmal beim auf-, einmal beim über einen Zaun helfen), Blut-aus-dem-Finger-Gesauge und wenigen gewechselten Worten ist Daisy weiterhin kiebig, während Edmond zum Edward Cullen-erprobten Starren greift, um sein Interesse anzuzeigen, und nach dem ersten, mit einem »wir sollten das nicht tun«-abgewürgten Kuss folgt nach der nächsten Annäherung der Beischlaf und siehe da, da ist sie, die *räusper* ewige Liebe! Neben dem weiter oben durch die Blume erwähnten Softsex-Skandälchen „Tendres cousines“ ähnelt der Plot Anthony Minghellas Romanadaption „Cold Mountain“, das Bürgerkriegsepos ließ seinen Liebenden aber satte 150 Minuten zum zueinender-, auseinander- und zurück zueinander finden, „How I Live Now“ aber will hier zwei Minderjährige aus dem Nichts zum tragischen Liebespaar vor fiktiv-historischem Hintergrund hochschrauben, schmale Fünfzehn sind Daisy und Edmond im Roman (im Film ein bißchen älter, dafür fällt der große Bruder Osbert weg), und denen soll man ohne viel Vorbereitung die herzverschmelzende große Liebe abkaufen, die sich keinen Widerständen beugt und Daisy sogar dazu veranlasst, ihr Rückflugticket in die USA wegzukokeln, weil lieber lieben als leben und what the…?!

Nachdem die Kriegswirren sie trennen ist Edmond Daisys einziger Gedanke, ihre Träume und Visionen vom oberkörperfreien Naturburschen sind in einer zerbrechenden Welt mit verseuchten Wasser- und knappen Nahrungsvorräten lächerliche Stimmungstöter einer ansonsten sehr fassbaren und bedrückenden Vision des Ausnahmezustands. Den stetigen Schrecken fühlbar zu machen, das gelingt Macdonald vorzüglich, Daisys und klein Pipers Weg zurück in den vermeintlichen Schutz der Waldidylle ist ein harter Marsch, gesäumt von Grauen und Entartung. Das Jammern und Flehen nach Edmond allerdings ist der völlig verkehrte Kraftstoff: statt die ichbezogene Daisy überzeugend wachsen und Verantwortung übernehmen zu lassen will sie bloß zurück, um sich in den Armen ihres Geliebten zu wiegen; das Verderben eines Dritten Weltkriegs als Beiwerk einer unterernährten U17-Romanze, ein Nuklearschlag, hunderttausende Tote und nach gefühlt kaum zehn Tagen ist alles wieder gut, die Arschgöre hat zu sich selbst gefunden, this is how she lives now. Bei der Unaussprechbarkeit von Saoirse Ronans Vornamen, was für ein Kuhkäse!



Beachtlich, was dennoch für starke Szenen in „How I Live Now“ stecken, schade, in welche Zusammenhänge sie gesetzt werden. Daisy, die einen Berg von in Plastiksäcken steckenden Leichen nach Edmond absucht – da schnüren Tat und Anlass den Magen in gleichem Maße zusammen, nur aus ganz verschiedenen Gründen. Dem langjährigen Dokumentarfilmer Macdonald gelingen spröde, entkünstelte und ausdrucksvolle Momente einerseits, anderseits findet er keine oder aufgestülpte Bilder für das Innere seiner Protagonisten: der geifernde und selbstbeschuldigende Off-Kommentar direkt aus Daisys Kopf ist Übererklärung ihres labilen und zwangsgeprägten Zustands und aus dem Komplex der krampfhaften Eigenreglementierung wird via eingebautem „Radio Neurose“ eine schwache Gesinnungsmetapher, sobald die Stimmen weichen, beziehungsweise das wirre Geschnatter am Ende zu einer klaren und gereiften Erzählstimme wird. In „How I Live Now“ steckt ein richtig guter junge Erwachsene-Film, nur wird der runtergebrochen auf eine lapidare Sommerschwärmerei und in ihrer Abhängigkeit zum männlichen Lebensbegleiter und Taktgeber ihrer eigenen Taten ist Daisy dann doch noch ganz nah bei ihren literarischen Nachbarinnen Bella und Katniss…

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Keine ausufernden Kriegsbilder, nur selten ist der nicht näher definierte terroristische Konflikt direkter Gegenstand des Films.
Spannung: 1,5/5
Das Happy End wird hart und unter Verlusten erkämpft, an seinem Stattfinden kommen aber nie Zweifel auf. Da die Liebenden nicht berühren fehlt die emotionale Anteilnahme an ihrem Schicksalsweg fast komplett.
Anspruch: 1/5
Bleibt in allen Belangen unter seinen Möglichkeiten, da der Film diesen unwürdigen und schwach aufgebauten Schmonzettenweg geht.
Humor: 0,5/5
Die schnattrig-vorlaute Piper nervt eher, spätestens ab Kriegsausbruch geht’s dann sachgerecht sehr ernst und bedrückend zu.
Darsteller: 4/5
Saoirse Ronan ist eine der besten Darstellerinnen ihrer Generation und findet im Laufe der Handlung und mit zunehmender Dramatisierung der Ereignisse zu einer starken Performance, die die anfangs nervenstrapazierende Rolle zunächst nicht zulässt.
Regie: 2,5/5
Kevin Macdonald wechselt ausdrucksstarke und plakative Bilder ab, mit der Liebesgeschichte, die einen für den Film einnehmen soll, weiß er überhaupt nichts anzufangen.
Fazit: 5/10
„How I Live Now” könnte ein richtig guter Film sein, stünde da nicht (mal wieder…) eine völlig minderbemittelte Teenie-Love Story im Zentrum. Auf der Handlungsebene kann der Film da natürlich nichts für seine literarische Vorlage, die allerdings kann in der Umsetzung unmöglich noch schwächer sein. Trotzdem einige herausragend schöne Bilder und eine sehenswerte Saoirse Ronan.

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  • Irgendwie schade das Saoirse hier wohl ihr großes Talent vergeudet