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SNOWPIERCER: Kritik zur grandiosen Zug-SciFi-Dystopie mit Chris Evans (Blu-ray)

Von Riggs J. McRockatansky vor 3 Jahren geschrieben09 / 20143 Kommentare

Story

Im Jahr 2031: vor siebzehn Jahren scheiterte auf fatale Weise ein Experiment zur Verhinderung der globalen Erwärmung und verursachte den genauen Umkehrschluss, nämlich eine neue Eiszeit. Durch eine ausgestorbene und schneebedeckte Welt fährt seither der Snowpiercer, ein mehrere hundert Meter langer, witterungsresistenter Zug, angetrieben durch ein Perpetuum Mobile. Auf einer weltumspannenden Schienenstrecke beherbergt der Snowpiercer die letzten Überreste der Menschheit. Im hintersten Teil des Zuges haust dabei zusammengepfercht und unter armseligen Bedingungen der Großteil der „Fahrgäste“, kontrolliert und kleingehalten von bewaffneten Wächtern im Auftrage des mysteriösen Lokführers Wilford. Nicht zum ersten Mal regt sich unter den Geknechteten der Widerstand, angeführt von dem alten und verstümmelten Gilliam und dem schweigsamen Curtis. Curtis ist sich sicher, dass den Wachen nach dem zerschlagenen letzten Aufstand vor vier Jahren kaum Munition in ihren Waffen verblieben sein kann, wenn überhaupt. Nachdem eine Gruppe von Kindern aus den Reihen der Unterprivilegierten gerissen wird springt der Funke des Widerstands endgültig über und Curtis beginnt seinen Plan umzusetzen, um den Snowpiercer von hinten nach vorne zu erstürmen und das Regime Wilfords zu stürzen…

Der Film



Eine Zugfahrt die ist lustig – aber nicht mit Bong Joon-hos „Snowpiercer“. Und in gewisser Weise auch nicht FÜR das SciFi-Action-Drama des Südkoreaners. Monatelanges Gezerre zwischen Bong und dem Vertriebsrechteinhaber Harvey Weinstein um die Schnittfassung des Films verhinderten dessen Kinostart in vielen Länden, Kürzungen um insgesamt gut zwanzig Minuten forderte einer von Hollywoods berüchtigtsten Machtmogulen, um vor allem das US-Publikum nicht mit „Snowpiercer“ zu überfordern. Kaum zu fassen, überzeugte das dystopische Werk doch allenorts, wo es aufgefuhrt wurde, sowohl Kritiker als auch Publikum und hat in seiner 126-Minuten-Fassung und inklusive allem, was dem Herrn Weinstein dabei überflüssig und »zu intelligent« vorkommen mag, sogar seine Kosten bereits um ein vielfaches wieder eingespielt. In Amerika kam „Snowpiercer“ schließlich im Juni 2014 dennoch nur zu einem limitierten Release, denn dummes Kino fordern die Massen! Good old Germany erreichte der Zug immerhin bereits Anfang April und nun kommt das Publikum auch auf dem Heimkinomarkt in den Genuss des vom Regisseur favorisierten Cuts des Films und was der Weinstein sich denkt bleibt sein Geheimnis, denn „Snowpiercer“ ist in jeder Zehntelsekunde genau richtig.

Was im Rahmen des Settings (eingegrenzter Raum, dessen levelstrukturelle Durchschreitung) auch ein „Stirb langsam“– oder „The Raid“-Verschnitt mit Revoluzzer-Anstrich hätte werden können entpuppt sich als wahnsinnig findig inszeniertes Kopulativkompositum aus beinharter Action und surrealer Satire in amouröser Verbindung zu Gesellschafts- und Herrschaftsverhältnis-Kritik. Obwohl mit der globalen Erwärmung eines DER 21st Century-Probleme als Aufhänger dient betreibt Bong Joon-ho keinen selbstgerechten Zeigefinger-Ökoaktivismus wie Roland Emmerich mit seinen katastrophalen „The Day After Tomorrow“ und „2012“; „Snowpiercer“ vereint die schockgefrorene Welt zu einem weißen, schneebedeckten Eins und drückt seine Kernkonflikte von diktatorischer Führerschaft und unterjochter Armutsgesellschaft nicht einer geographischen Region oder einzelnem Land auf, sondern globalisiert sie mit seinem weltumreisen Zug ebenso, wie die hereingebrochene Klimakatastrophe. Die scheinbar simple Botschaft: Totalitarismus ist überall und immer scheiße, egal von wem gegen wen ausgeübt.



Grundlegend basierend auf der französischen Graphic Novel „Le Transperceneige“ von Jacques Lob, Jean-Marc Rochette und Benjamin Legrand komprimiert Bong Joon-ho diese weltumfassende Aussage narrativ auf die Waggons eines ellenlangen Zuges, durch den sich von hinten nach vorne, von unten nach oben gearbeitet wird. Die Dystopie auf Gleisen rattert unaufhaltsam durch die Divergenzen, ist kaum festzumachen zwischen Groteske, Action-Eskapismus und schwer schockierendem Humandrama und trotz dieses rasanten Tanzes auf gleich drei Drahtseilen verliert sich „Snowpiercer“ nie an bloße Aufmachung; in seinen irrsten Ideen und härtesten Brüchen ist das jederzeit organisches Kino. Zum Beispiel unterbricht Bong Joon-ho eine blutsudelnd-martialische Kampfeinlage mit Äxten und Messern, um mitten im heftigsten Scharmützel das neue Jahr zu feiern, weil es nunmal ritualisiertes Pflichtprogramm der diktatorischen Herrlichkeit ist. An anderer Stelle schlägt sich die Revolte in ein Klassenzimmer-Abteil vor, in dem blind auf Führerideologien konditionierte Kinder den göttlichen Wilford in Liedern lobpreisen und zynisch jener gedenken, die seine Regierung in Zweifel stellten. Unglaublich, wie „Snowpiercer“ diese absurde Szenerie in einen einschneidenden Action-Moment kippt.[SPOILER voraus, zum Lesen markieren]Und wenn Curtis, der unfreiwillige Held der Revolte, schließlich erkennt, wohin ihn der Marsch zur Freiheit und Gleichheit geführt hat, was an beiden Enden des Zuges wartet, nämlich eine Sackgasse, gelingt „Snowpiercer“ eine bittere Dualabrechnung, die einzig ehrliche und doch völlig unerwartete Erkenntnis, worauf der versuchte Regierungssturz hinausläuft. Eine unangenehme Lektion in Ökonomie, die kein Happy End zulässt. Wer die Maschine kontrollieren will, muss sie auch am Laufen halten…[SPOILER Ende]

Die weiter oben erwähnte simple Botschaft wird am Ende nicht in Actionszenen, sondern Mono- und Dialogen auseinandergebröselt und über ihren Pro-Volk-Gedanken hinaus ungemütlich weitergedacht. Üblich für den dystopischen Film und bei „Snowpiercer“ genauso notwendig, vielleicht sogar eine Spur breit mehr als sonst: einige Storygebote muss man anzunehmen bereit sein, um am Reiz nicht vorbei zu urteilen. Die Kraft der Allegorie steht der Logik vor, die Apokalypse und die Funktionalität des Schienenmonstrums erklärt Bong Joon-ho keinen Satz länger als er unbedingt muss und mit keinem Wort mehr als es braucht, um einen Hintergrund für das politökonimsche Bild zu entwerfen. Auch wie Exposition untergebracht wird, Ereignisse zusammentreffen und scheinbar unbedeutende Randnotizen, beiläufig in der visuellen oder der artikulierten Sprache des Films und der Figuren fallengelassen, später Bedeutung gewinnen werden – das ist intelligent konstruiert, verbirgt seine Frugalität aber nur unter dünner Nylonbestrumpfung: es ist klar, auf welche rissgefährdeten Achillessehnen der Charaktere eingegangen werden wird und auf welchen Hints wichtiger Plotprogress fußt (man beachte beispielsweise die Überbetonung der Tatsache, dass es sich bei der letzten auf Erden verbliebenen Droge Kronol um „leicht entflammbaren Industriemüll“ handelt…).



Resistance is futile: Bong Joon-hos „Snowpiercer“ schrammt nur um eine Schienenbreite am Status eines absoluten Meisterwerks vorbei. Das die computergenerierten Special Effects in den Außenaufnahmen der weißen Eispokalypse und des Schneewehenbrechers nicht immer wahnsinnig doll ausfallen hat dabei keinerlei Belang, die geschätzten knapp $40 Millionen an Budget stecken deutlich in der Mehrheit in anderen Departments: die sich von Slumunterbringung zu nobler Hostesserie wandelnden Zugabteile sind großartig designt und ausgestattet, der Wechsel von Waggon zu Waggon ist wie der Übertritt in eine andere Welt und was lauert da bisweilen für eine nadelspitze Ironie hinter jedem neuen Gebiet, durch das sich der Widerstand kämpft oder aber es einfach nur ungehindert, doch verwunderten Blickes durchschreitet… MakeUp und Kostüme lassen selbst einen stattlichen Athleten wie Captain America Chris Evans („The Return of the First Avenger“) verwahrlosen oder eine Edelactrice wie Tilda Swinton komplett in einer unkenntlichen Figur abtauchen, die „Snowpiercer“ mit jedem ihrer Auftritte nochmals besonderer macht: Swintons herrschertreue, doch im rechten Moment parteikriecherische Mason ist die skurrile Fratze einer infamen Außenpolitik, die erst lodernd aggressiv die Interessen ihrer Obrigkeit durchsetzt, aber in aussichtsloser Lage wortwörtlich ihren Biss verliert – und Evans‘ Curtis mit entfernter Zahnprothese die Aussicht auf einen Blowjob suggeriert, um von seinem Aufbegehr verschont zu bleiben. Allegorisch der kreischende Wahnsinn auf Schienen, dieser „Snowpiercer“…

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Passend in der Menge, hart und einfallsreich in der Umsetzung: krass, auf wie viele verschiedene Arten man Action von Massenkeile bis Sniperbeschuss in einem Zug realisieren kann!
Spannung: 4/5
In keinem Abteil wird’s träge oder gar langweilig. Ob verlustreiche Action, beißende Satire oder dramatische Charaktermomente, irgendwas oder sogar alles zusammen reißt immer mit.
Anspruch: 4/5
Wie schon in der Kritik erwähnt: die Kraft der Allegorie steht der Logik vor. Doch daran muss man sich nicht aufhalten, denn die Metaphern und Subtexte und auch die konkreteren Momente sind reichhaltig.
Humor: 0/5
Kein Kriterium. Der Zynismus und die Absurditäten sind zu böse, um daran Spaß zu haben.
Darsteller: 4,5/5
Chris Evans in seiner vermutlich besten Rolle, grandios als handlungsentschlossener Anführer wider Willen, sein Monolog kurz vor Ende ein Gänsehautschocker. Auch von der kaum zu erkennenden Tilda Swinton, Jamie Bell und der namhaften zweiten und dritten Reihe ausnahmslos stark gespielt.
Regie: 4,5/5
Bong Joon-ho bändigt das schwere und unberechenbare Monstrum aus brutaler Action und Gesellschaftsdrama.
Fazit: 9/10
Kurzum: „Snowpiercer“ ist einer der besten Filme des Jahres.

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Kommentare

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  • Franky Strohmayer 17 Kommentar(e)

    Habe ihn mir gerade auf Blu Ray angesehen (habe es mal wieder nicht ins Kino geschafft) und muss sagen das dieses mal meine “kleinen aber feinen” Erwartungen nicht entäuscht wurden. Im Gegensatz wie zb bei The Dark Knight Rise!

    Deine Kritik kann ich nur zustimmen. Habe vorher einige andere gelesen und da gibt es echt nur Schwarz oder Weiss. Denke das dies ein Film so wie 300 oder auch Sin City ist. Entweder mag man ihn oder nicht, dazwischen bleibt nicht wirklich viel Spielraum.

  • donpozuelo 198 Kommentar(e)

    Yes, Sir!!!! Ich mochte den auch sehr!!! Ich kann auch nur den Comic empfehlen, der ein etwas schöneres (sprich: fieseres, aber auch glaubwürdigeres) Ende zu bieten hat.

    • Riggs J. McRockatansky Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Werd ich beizeiten mal reinschauen. Das Ende des Films passt mir auch net so 100%, gehört zu den Dingen, die den Meisterwerkstatus verhindern…

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