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VERGESSENE WELT: JURASSIC PARK – Kritik zum Dino-Sequel mit Jeff Goldblum (DVD)

Von Riggs J. McRockatansky vor 2 Jahren geschrieben06 / 20152 Kommentare

Story

Vier Jahre, nachdem auf der Isla Nublar eine Freizeitparkanlage mit lebenden Dinosauriern kurz vor ihrer Eröffnung außer Kontrolle geriet, bittet der Schöpfer des „Jurassic Park“ John Hammond den Chaostheoretiker Ian Malcolm zu sich und berichtet ihm als einem der Überlebenden des Vorfalls von der sogenannten Anlage B: auf der Isla Sorna, die als Zucht- und Produktionsstätte für die geklonten Urzeittiere diente, hat etwas überlebt und die unterschiedlichen Dinosaurierarten haben in den letzten Jahren ein funktionierendes und vom Menschen ungestörtes Ökosystem entwickeln können. Um der Weltöffentlichkeit klar zu machen, dass den Tieren ihr Recht auf ein artgerechtes Leben zusteht, will Hammond ein Team entsenden, das die Verhaltensweisen der Dinos erforschen und dokumentieren soll. Malcolm soll an der Expedition teilnehmen, lehnt allerdings dankend ab – zumindest bis er erfährt, dass Hammond seine Freundin, die Paläontologin Sarah Harding, für das Unterfangen gewinnen konnte und diese sich bereits auf Isla Sorna befindet. Daraufhin erklärt Malcolm die Forschungs- zur Rettungsmission und macht sich mit einem kleinen Team um den Fotografen Nick Van Owen und den Ingenieur Eddie Karr auf zur Insel. Nachdem sie Sarah gefunden haben und auch noch seine Tochter Kelly als blinder Passagier mitgereist ist, will Malcolm eigentlich alle nur noch möglichst schnell wieder auf’s Festland schaffen, doch die Ankunft einer hochgerüsteten und ungleich größeren Gruppe von Wildjägern im Auftrag des Hammond-Neffen Peter Ludlow ändert ihre Pläne…

Der Film

Stegosaurier in VERGESSENE WELT - JURASSIC PARK 2
Ein Banner mit der Aufschrift »When Dinosaurs Ruled the Earth« flatterte am Ende von „Jurassic Park“ vor dem gewaltigen Brüllen des T-Rex zu Boden und rückblickend bezog sich das nicht nur auf einen Zeitraum vor ein paar 100 Millionen Jahren, sondern nach über $900 Millionen an weltweitem Einspiel auch auf das Filmjahr 1993, in dem Steven Spielbergs Dino-Blockbuster die Welt eroberte. Was ein Event Movie und bis heute erzählerisch und tricktechnisch eine der höchsten Messlatten, an die man sich als Action-Adventure anlegen lassen muss. Eine Genrereferenz in Abenteuer und Thrill und eine der größten Marken der Filmgeschichte. Der selbstverständlich ein Sequel folgen musste und so setzte sich Romanvorlagenautor Michael Crichton auf Drängen von Fans und Spielberg an eine Weiterführung der Geschichte um geklonte Saurier und erweckte dafür den »ahhhh, uhhhh«-Chaosforscher Ian Malcolm wieder, der das erste Buch im Gegensatz zum Film nicht überlebt. Das Drehbuch indes überließ Crichton diesmal allein David Koepp, der sich bei „The Lost World: Jurassic Park“ um ein Vielfaches deutlicher von der Vorlage entfernte, als noch bei der Zusammenarbeit beim (ebenfalls nicht gerade sklavisch adaptierten) ersten Teil.

Auf den Überraschungs- und Überwältigungseffekt des Erstling konnte der zweite Dino-Blockbuster natürlich nicht mehr im selben Maße bauen und so schwappte die Hype-Welle nicht ganz so hoch, fielen die Kritiken nicht ganz so euphorisch und die Einspielergebnisse um über $300 Millionen geringer aus. Statt der Entdeckungstour und kindlichen Leinwandmagie in „Jurassic Park“ folgt „The Lost World“ den gängigen Sequel-Tropen, der Ton und die Visuals sind düsterer, es steht mehr auf dem Spiel und mehr auf dem Speiseplan und „mehr“ ist ja eh die Lieblingsvokabel einer Fortsetzung. Die Screentime der Dinos verdreifacht sich und obwohl mit dem Compsognathus in der Eröffnungsszene ein Minisaurier die erste Attacke reiten darf und diese unerwartete Ausmaßsubtraktion zusammen mit dem Editing Joke um Malcolms Gähner fast ironisch gemeint sein könnte, übernehmen alsbald standesgemäß die großen Apparate.
T-Rex Attacke in VERGESSENE WELT - JURASSIC PARK 2
Mit Herbivoren-Idylle gibt sich „The Lost World“ nicht lange ab, der Beschützerinstinkt einer pflanzenmümmelnden Stegosaurus-Mama sorgt für den ersten stachelschwanzbewährten Aufreger und mit den Großwildjägern im Auftrag eines Klischee-Geschäftsfritzen gesellt sich eine dritte, dominant auftretende Partei dazu, die noch vor dem Carnivoren-Terror ordentlich Aufruhr veranstaltet. In der vergessenen Welt bricht schneller als im Freizeitpark aus dem ersten Teil die Hetze los, erst Recht wenn DIE tonnenschwere Verkörperung von sequelbedingter Steigerung aufläuft: das angepisste T-Rex-Pärchen, das sein Junges wiederhaben will und mächtig Krawall machend verdeutlicht, wer auf der Isla Sorna die herrschende Spezies ist. Der Star des Vorgängers in zweifacher Ausfertigung, Tyrannosaurus Doppeltrumpf also garantiert, oder?

Nein, ganz so bedenkenlos kann man diese Garantie nicht ausstellen. Bei der Saurier-Action macht „The Lost World“ sehr viel richtig: die Doppel-T-Rex-Sequenz, in der die Theropoden das mobile Lager der Helden angreifen, ist auf einem ähnlich steilen Spannungsniveau wie ihr Pendant mit dem Solo-Rex auf der Nachbarinsel inszeniert. Wenn das Anhängerabteil des Forschungs- und Basis-Trailers über einem Abgrund baumelt und Julianne Moores Sarah nur von einer knirschenden und zu splittern beginnenden Glasscheibe vorm Absturz bewahrt wird ist er wieder auf voller Fahrt, dieser nervenzerkauende Thrill-Ride unter dem „Jurassic Park“-Label. Der Unterschied liegt in der Hinleitung: „The Lost World“ hat ein Problem mit seiner Rollenverteilung. Die Gruppe um Dr. Grant im ersten Teil geriet ohne Verschulden in die Unwetter- und Verräter-initiierte Katastrophe und das folgende tödliche Chaos der Dino-Rampage…
Julianne Moore, Vince Vaughn, Jeff Goldblum und Pete Postlethwaite in VERGESSENE WELT - JURASSIC PARK 2
…die Gruppe um Malcolm im Sequel ist zum einen rein von den Figuren her weniger für die Charaktere einnehmend eingeführt, und zum anderen leisten sie reichlich Zutun, um überhaupt erst in dem Schlammassel zu landen: mit dem Auftauchen der in der Konstruktion des Filmes als „feindlich“ angelegten Jäger tritt Vince Vaughns Nick Van Owen in Kraft, der zuvor Fotos und lockere Sprüche lieferte und sich schließlich als radikales Earth First!-Mitglied entpuppt. „The Lost World“ behandelt nach den ethisch-moralischen Exkursionen des ersten Teils nun vor allem den Aspekt einer vom Menschen nicht zu störenden ökologischen Entwicklung und die Dringlichkeit deren Erhalts, doch in der schmalen Schneise zwischen natur- und tierschützerischem Gutwill und ökoaktivistischem Terrorismus wird gerade der Van Owen-Charakter zu einem Idioticus Interruptus, der mit seinem Handeln voll in dieses gewachsene System eingreift und dafür zig Menschenleben auf’s Spiel setzt.

Das ist thematisch nicht gut durchdacht und moralisch extrem unsauber gelöst und vom Film in einer ziemlich gleichgültigen bis verschlampten (Un)Parteilichkeit vorgetragen, wenn Van Owen und die anderen das Lager der Jäger hochgehen lassen, indem sie die gefangenen Tiere befreien und diese nur der Plotlogik nach bloß Equipment und keine Menschen niedertrampeln. Doch allein mit der zerstörten Ausrüstung bindet der Film den Inseleindringlingen ein Schnitzel ans Bein und verhindert ihre Rescue-Kommunikation. Auch wenn die Ziele des Hammond-Neffen Ludlow keine edlen sind, in dem er die Dinos auf’s Festland schaffen will: auf der Insel sind es zunächst die eigentlichen Helden, die Scheiße am Fließband bauen. Denn so stramm die T-Rex-Sequenz auch ist: sie käme gar nicht zustande, wenn Van Owen nicht das beingebrochen-blökende Baby der Fleischfressersippe anschleppen würde, obwohl die Gruppe ja eigentlich nur observieren und nicht interagieren wollte und wohl noch nie etwas vom Hawthorne-Effekt und Aspekten des (im Film sogar von Malcolm erwähnten) Heisenberg Uncertainty Principle gehört hat. Und später einem Großwildjäger seine Munition wegzunehmen, wenn man ziemlich wahrscheinlich den König der Raubtiere hinter sich hat, ist einfach eine bescheuerte Idee, wodurch weitere Unschuldige auf Kosten der halbgaren Earth First!-Attitüde Van Owens draufgehen.
Angriff des Raptor-Rudels in VERGESSENE WELT - JURASSIC PARK 2
Wegen solcher verwaschener, in ihrem Handeln nie reflektierter Rollenbilder und Positionen, bei denen Pete Postlethwaite als Anführer der Jäger sogar die coolste Figur und sein Adjutant Dieter das überzeichnetste Arschloch ist, ist man in „The Lost World – Jurassic Park“ weniger drin als noch beim Vorgänger, der Thrill und das Bangen fällt hier deshalb phasenweise entweder ganz weg und wird vom Dino-Donnern niedergetrampelt, oder aber stellt sich äußerst zynisch und mit einem Schwung mehr Grausamkeit als im ersten Teil dar. Die »leave nature alone!«-Message kommt auch darum nicht so richtig an, weil sich für eine Ungerechtbehandlung der Tiere kein Mitgefühl einstellt, da der Film sie zu bewundern vergisst: in der evozierten, von Malcolm in fast jedem Satz herauf beschworenen und später reichlich und reichlich gehässig bedienten Erwartung an Eskalation und Terror vergeht „The Lost World“ das Staunen. Diese warme, kindliche Naivität des Erstlings geht im Stress des gejagt Werdens und des Sterbens unter und die grundsätzlich interessante Frage nach den (Überlebens)Rechten eines geklonten Tieres hätte gerade in Bezug auf eine Malcolm-Annahme aus dem ersten Teil (»Dinosaurs had their shot, and nature selected them for extinction.«) mehr Diskussionspotenzial gehabt, als der Halbsatz, mit dem der Gedanke abgehakt wird.

Das warm-kindlich-naive an „Jurassic Park“ (und die *hust* dicke Portion *hust* Nostalgiebonus *hust hust*) konnte außerdem so ein paar Macken in der Dramaturgie und Logik verdecken, darauf kann der kältere „The Lost World“ nicht hoffen: die „T-Rex vs. Trailer“-Szene mag spannend sein, das Verhalten der kurzarmigen Eltern wiederstrebt aber jeder Verhaltensvernunft, wenn die Tiere auffallend oft aus dem Nichts auftauchen und wieder verschwinden und nochmal zurückkommen, wie es Koepps Script gerade passt, um die Sequenz überhaupt auflösen zu können. Und auch die Schrittlautstärke und –seismik der Tyrannosaurier variiert je nach dramaturgischem Bedarf – aber okay, an der Stelle wird’s vielleicht etwas unfair, denn das war in „Jurassic Park“ auch nicht anders. Da weiß auch bis heute keiner, wie der Rex am Ende lautlos in das Besucherzentrum gelangen konnte, um den Han Solo zu machen… Aber dennoch klaffen die Lücken der Handlungs- und Ereignislogik in „The Lost World“ öfter, liebloser und weiter als die Kiefer der „Jurassic World“-Neuschöpfung Indominus Rex auseinander.
Der T-Rex Papa wütet durch San Diego in VERGESSENE WELT - JURASSIC PARK 2
„The Lost World – Jurassic Park“ lebt mehr von tollen Einzelmomenten und Señor Spielbergos untrüglichem Geschick im Umgang mit Blockbustermechanismen, statt dass der Film im Gesamteindruck voll aufgehen würde. Das Dino-Sequel setzt fraglos bei den Effekten nochmal einen drauf, gerät aber bei der Story und den menschlichen Handlungsträgern mit seiner Unklarheit und Schludrigkeit bisweilen ins Wanken, als hätte einer ein Raptoren-Rudel in die Hüpfburg gelassen. Das ist insgesamt trotzdem noch gute Mainstream-Unterhaltung und selbst das drangepfropfte Finale in San Diego mit Papa Rex im Godzilla-Mode macht Laune, auch wenn hier nochmals alles an Logik-Schlamperitis und narrativer Lieblosigkeit zusammenfließt: JEDER hat sich gefragt, wie das mit dem Tyrannosaurus, dem Schiff, der Besatzung und der abgebissenen Hand am Steuerrad und überhaupt geklappt haben soll. Antwort: ein Velociraptoren-Angriff an Bord, der aber aus dem finalen Film rausfiel. So bleibt’s ein Goof, der diverse Frage/Antwort-Threads und Filmfehler-Sektionen im Internetz füllt. Da wäre die Schere beim ärmlichsten Raptor-Abgang der Reihe eher nötig gewesen, denn keiner will doch einen der gerissenen Fiesosaurier von einem Teenage Girl umgeturnt sehen… 🙄 😕

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Mehr von allem und auch alles für sich genommen toll inszeniert, nur bei der Hinleitung zu den Action- und Jagdszenen hapert’s, weil die Figuren so viel elendig dummes Zeug machen…
Spannung: 3,5/5
Weiterhin in einzelnen Sequenzen ein Musterbeispiel in Sachen Spannungsaufbau und Creature Horror, aber das Bangen und Hoffen und das Prinzip aus Anspannung und Erlösung funktioniert hier nicht so gut wie im Vorgänger.
Anspruch: 0,5/5
Die Öko-Botschaft ist sicher gut gemeint, aber halbgar und für die Figuren und die Handlungslogik zum Nachteil umgesetzt.
Humor: 0,5/5
Grimmiger als der erste Teil, aber auch keine völlig humorfreie Zone. Wie im Vorgänger sitzt einfach nur nicht jeder Spruch.
Darsteller: 3,5/5
Die Darsteller können wenig dafür, wie dumm sich ihre Figuren teils verhalten und dass der Film teils auf (noch) plattere Charakterklischees als der Vorgänger setzt. Schauspielerisch ist das alles in Ordnung.
Regie: 3/5
Spielberg kann Blockbuster und drum ist auch seine zweite Dino-Sause teils großartig inszeniert, teils aber auch schlampig angelegt und umgesetzt.
Fazit: 7/10
„The Lost World: Jurassic Park“ bietet mehr Dino-Dröhnung, aber weniger gute Figuren und einen Handlungsbogen, der an vielen Stellen eckt und kratzt und in schwer unplausible Goofs ausfranst. Trotzdem, und auch wenn das Gemeckere in der Kritik überwiegt: aufgrund vieler starker Einzelszenen und cooler Momente noch solider bis in der Spitze sehr guter Dino-Thrill, der zumindest technisch nochmal mehr als der Vorgänger rausholt.

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Kommentare

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  • Flo Lieb 96 Kommentar(e)

    Eine Kritik zum Film, ohne auch nur die Raptoren-Turnszene zu erwähnen. Chapeau! 😀

    • Riggs J. McRockatansky Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Danke, aber sie ist doch im allerletzten Satz erwähnt, wenn auch etwas durch die Blume 😉

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