Cellurizon hat zu! Meine neue Website mit Filmkritiken, Kurzgeschichten und mehr Geschreibsel findet ihr seit Februar 2017 HIER
Skip to content

THE IMITATION GAME: Kritik zum Codeknacker-BioPic mit Benedict Cumberbatch (DVD)

Von Riggs J. McRockatansky vor 2 Jahren geschrieben07 / 20150 Kommentare

Story

Großbritannien, 1939: zu Beginn des Zweiten Weltkriegs stellt sich der hochveranlagte Mathematiker und Kryptoanalytiker Alan Turing bei Commander Alastair Denniston für eine Anstellung bei der Government Code and Cypher School in Bletchley Park vor. Trotz seiner herablassenden und sozial inkompetenten Art erhält der analytische Verstandsmensch den Vorzug vor anderen hochangesehenen Fachikonen und wird einem kleinen Team von Experten zugewiesen, die im beinahe aussichtslosen Konflikt mit den deutschen Kriegsgegnern einen entscheidenden Beitrag leisten sollen, der das Geschehen entscheidend zu Gunsten Großbritanniens und der alliierten Streitkräfte verändern könnte: Turing und die Gruppe um Schachmeister Hugh Alexander sollen die deutsche Rotor-Schlüsselmaschine ENIGMA und die damit erstellten verschlüsselten Codes zu militärischen Bewegungen und Attacken der Wehrmacht knacken. Mit ihren Abermillionen von möglichen Kombinationen und deren vierundzwanzigstündigem Wechsel gilt eines der mächtigsten Werkzeuge des Krieges jedoch als unentschlüsselbar. Während die Gruppe in täglichem Mühsal über Monate kaum Fortschritte erzielt hat der unbeliebte Turing jedoch einen Einfall und beginnt mit dem Aufbau einer außergewöhnlichen Rechenmaschine, die seiner Vorstellung nach jeden Code in kürzester Zeit zu knacken imstande sein soll…

Der Film

Hmmm, lecker Oscar-Futter! Ein historisches Drama, gleichzeitig noch BioPic zu einem bedeutenden, zu Lebzeiten sträflich angefeindeten und posthum rehabilitierten Genie mit in Richtung von Soziobehinderungsbildern abgleitender Persönlichkeitsstörung, dazu Krieg und Nazis und dennoch die meiste Zeit kein Downer, sondern leicht verträgliche Unterhaltung mit dramatisiertem Informationsgehalt – seine acht Nominierungen für die Academy Awards hat 2015 wohl kein Film mit dermaßen kalkulierten Zutaten wie „The Imitation Game“ eingesackt. Gegen Kaliber wie „Boyhood“, „Birdman“ und die formelnahe Biographie-Konkurrenz „The Theory of Everything“ hatte das internationale Regiedebüt des norwegischen „Headhunters“-Machers Morten Tyldum zwar letztlich keine Chance und wurde mit dem Trost-Oscar für’s beste adaptierte Drehbuch abgespeist, dennoch dürften sich bei kaum einem anderen Film des diesjährigen Line-ups die altehrwürdigen Academy-Herren wohlwollender nickend in die Bärte geschmunzelt haben.
Benedict Cumberbatch als Alan Turing in THE IMITATION GAME
Aber den etwas hämischen Tonfall mal weglassend: ein sehenswerter Film mit packend präsentierter Hauptfigur und Thema, das den Zweiten Weltkrieg aus Frontgräben und von Schlachtfeldern weg in eine Denkerwerkstatt trägt, ist „The Imitation Game“ allemal. Der Code-knackende Informatik-Pionier Alan Turing, im Film dargestellt wie ein Ziehkind von Russell Crowes Zahlengenie John Nash in „A Beautiful Mind“ und Jim Parsons wöchentlichem Asperger-Kandidaten Sheldon Cooper aus „The Big Bang Theory“, hat sich eine aufmerksamkeitsschaffende biographische Auseinandersetzung mit seinem Leben und Werk verdient, ohne das wir heute vielleicht alle weiterhin auf Druckerzeugnisse statt in unsere gewohnten Computer starren würden. Einige Genauigkeiten, Umstände und auch Charakterzüge Turings werden der gläsernen, aber funktionierenden und in ihren Intentionen gutmeinenden Dramaturgie unterworfen, weggelassen oder kantengeglättet, dennoch ist „The Imitation Game“ eine spannende, überwiegend angemessene und gegen Ende emotional erschütternde Episode des Krieges, die sich in ihren Blickwinkeln auf Turing kulturell und soziologisch noch weit über den Zeitraum zwischen 1939 und 1945 hinaus entfaltet.

Die Kriegsjahre decken die Haupthandlung von „The Imitation Game“ ab, angesiedelt als „Wettlauf gegen die Zeit“- meets Spy-Thriller mit Daseins-Drama-Einschlag, während die Ermittlungen im Jahre 1951 gegen einen aussagerevidierenden Turing nach einem Einbruch in sein Haus in Manchester den Rahmen bilden und wiederkehrende Flashbacks in die Jugend- und Internatszeit Turings Talent zu kryptologischer Analyse und die Entdeckung seiner homosexuellen Neigungen begründen. Letztere sind mehr als die Nazi-Code-Knackerei die Persönlichkeitsbrücke zu Turing auf den unterschiedlichen Zeitebenen und der späteren Dishonorierung der herausragenden, kriegsmitentscheidenden und wegweisenden Leistungen des Mathematikers aufgrund seines Schwulseins ist im Aufbau und der traurigen Auflösung der emotionalste Teil des Films gewidmet.
Keira Knightley, Mark Strong und Benedict Cumberbatch in THE IMITATION GAME
„The Imitation Game“ ist ein Knobeln und Kombinieren verschiedener Wesensmuster Turings, seines Unverständnisses für alles, was jenseits mathematischer Logik mit Ahnung und Empfindung zu erfassen ist, social awkwardness in Verbindung mit intellektueller Arroganz und einer analytischen Rationalität bei völliger Abwesenheit von empathischem Empfinden und gleichzeitigem Bedürfnis nach geistiger Nähe, ausgelebt in der platonisch-asexuellen Beziehung zur ebenbürtigen Joan Clarke, und körperlicher Bedürfnisbefriedigung, auf die im Britannien der ersten Jahrhunderthälfte noch Anklage und Strafverfolgung warteten. Und ganz nebenbei noch der inbrünstige Eifer ob dieser ultimativen Verstandsherausforderung, die nicht zu knackende ENIGMA-Maschine zu bezwingen. Einige Wendungen der Ereignisse wie Erkenntnisfortschritte und Charaktermotivationen bricht „The Imitation Game“ sehr dramaturgisch vereinfacht über den Zaun, für eine Dissertation über Turing, seine elektromechanische Reductio ad absurdum-Walzenmaschine und seine Wider- und Mitstreiter auf dem Weg zum Gelingen ihres Auftrages genügt der Film jedenfalls nicht als Quelle.

Auch rastet hier nicht alles so präzise wie bei Turings £100.000-Apparatur ein, die Komplexität des Stoffes wird von Graham Moores Adaption der Andrew Hodges-Biographie „Alan Turing – Enigma“ nicht immer voll erfasst, driftet auf konventionelle Allgemeinplätze weg und offenbart einige Zwiespälte, gerade in Bezug auf die Betrachtung von Turings Homosexualität: im Hinweis auf Recht und Gesetz nimmt der Film zwar die observativ-verurteilende Sicht seiner Zeit ein, glitscht aber in einigen fragilen Momenten vom sicheren Halt weg und windet sich ein bißchen als wisse er selbst nicht, ob das nun „normal“ ist mit dem Schwul sein, wo doch nichts an Turings Verhalten der Norm entspricht. Die emotionalen Zangen des Sub-Strangs und der Rahmenhandlung greifen, wecken Mitgefühl, Bestürzung und Fassungslosigkeit, in der Haupthandlung während der Kriegszeit bekommt Turings sexuelle Orientierung aber irgendwie so einen großmütterlichen »herrje, und schwul is’a auch noch…«-Touch, während sich die achselzuckenden Reaktionen der dahingehend aufgeschlossen-intellektuellen Kollegenelite auf seine Outing-Sequenzen wiederholen: »Joa, war mir klar, bist ja auch sonst ziemlich schräg«. Eben als sei die Homosexualität nur ein weiteres Stadium, oder sogar ein Symptom seiner sozialen Unangepasstheit.
Charles Dance und Benedict Cumberbatch in THE IMITATION GAME
Im breiten Mittelfeld zwischen dieser historisch asynchronen, pseudo-liberal verständnisvollen Haltung und einem panischen Sprung auf den nächsten Baum, den Arsch möglichst weit von Turing weg gereckt, hätte vermutlich ein feiner eingewobener und weniger auf Thriller-Klippen treffender (verrätst du mein Geheimnis nicht verrate ich deins nicht…) Ansatz gelegen, aber dafür wagt „The Imitation Game“ zu wenig Kante. Der Film ist dennoch ein gelungenes Plädoyer für’s Individuum und setzt auf Gegenpunkte nach einem wiederum sehr gebräuchlichen, aber funktionstauglichen Schema, indem das Misstrauen und die teils offene Verachtung, die Turing entgegen schlagen (ob seines vor den Kopf stoßenden Verhaltens nichtmal immer zu Unrecht), von uninspirierten und in starren Denkmustern gefangenen Maximen herrühren und letztlich von seinem Triumpf widerlegt werden. Um mal einen Leitsatz aus „Lord of the Rings“ abzuwandeln: even the gayest mathematician can change the course of the future. Oder wie es im Film direkt heißt: »Sometimes it’s the very people who no one imagines anything of who do the things no one can imagine«. Damit kann zusammenhänglich schwerlich ein kryptologisches und mathematisches Genie gemeint sein, wohl aber Turings „Andersartigkeit“, auf was auch immer „The Imitation Game“ diese nun auch ummünzt und ob er eine Abnormität dahinter sieht oder diese nur seiner Handlungszeit entsprechend reflektiert, im Kern ist’s ja eine schöne Aussage…

…der an Alan Turings Beispiel ein Denk- und Mahnmal zugleich gesetzt wird, wenn der Film schließlich auflöst, wie einem der brillantesten Verstände der jüngeren Vergangenheit lediglich aufgrund homoerotischer Präferenzen mitgespielt wurde. „The Imitation Game“ berührt viele moralisch hochspannende Punkte, setzt die unterschiedlichen Geheimhaltungsverpflichtungen, von den persönlichen bis zu den staatstragenden Verschlusssachen, gekonnt im Rahmen seiner Spionage-Thriller-Elemente ein und legt nochmal [SPOILER voraus] richtig an Gewicht und nachhallender Bedeutung zu, NACHDEM die ENIGMA geknackt ist. Was zunächst als Moment der Erlösung gefeiert wird geht schnell und unvermittelt (und einmal mehr dramaturgisch extrem zugespitzt) mit einer schockierenden ethnischen Zwickmühle einher, wenn Turing und sein Team in einem Abkommen mit dem britischen Geheimdienst in der Folge per Wahrscheinlichkeitsrechnung und nackter, kalter Analyse bestimmen, wo die enttarnten Codes zum militärischen Ein- und Vorausgriff der alliierten Streitkräfte genutzt werden – und wo nicht. Wo Leben bewusst geopfert werden, um die Nazis im Glauben zu lassen, ihre Verschlüsselungsmaschine sei weiterhin nicht kompromittierbar.[SPOILER Ende]
Benedict Cumberbatch und Keira Knightley in THE IMITATION GAME
„The Imitation Game“ lässt faktisch einiges aus, wie die Vorlagenarbeit des polnischen Kryptologen Marian Rejewski oder die entscheidende Mithilfe des britischen Mathematikers Gordon Welchman beim Bau der Entzifferungsmaschine, besonders im letzten Drittel (in welchem Maße dieses auch historisch korrekt sein mag) gewinnt der Film aber enorm an emotionaler Dynamik und Spannung, was ebenso wie die sehr guten Darsteller für seine wenig innovativen BioPic-Standards entschädigt: weird face Benedict Cumberbatch tendiert zu Anfang ein wenig in Richtung Impersonations seines eigenen „Sherlock“-Charakters und Parsons „Big Bang“-Physiker, findet aber zunehmend in die Rolle und verdient sich seine Oscar-Nominierung, auch indem er Turing in dessen Momenten der verständnislosen Gepflogenheitsinkompetenz nicht zur Karikatur werden lässt; so kann sich auch das Ensemble um Keira Knightley, Schach-Beau Matthew Goode, Schattenmann Mark Strong und den knurrigen Charles Dance gelungen an Turing abarbeiten. Dem wird laut dem Historikerin Alex von Tunzelmann und dem Biographen Andrew Hodges zwar einiges an die Persönlichkeit und die Umstände drangedichtet, dennoch ist „The Imitation Game“ ein Portrait, das zumindest dazu anregt, sich mit Turing selbst, den unterschlagenen Kapiteln der Weltgeschichte und der unverhältnismäßigen Unterdrückung des Individuums auseinanderzusetzen – und das nicht erst dann, wenn dieses einen Weltkrieg mitentscheidet…

Wertung & Fazit

Action: 1/5
Nicht grad erstes Erfüllungskriterium für ein historisches BioPic über einen Mathematiker, der Film blendet aber fortlaufend Ausrisse des kriegerischen Teils des Zweiten Weltkriegs zwischen, um die Dringlichkeit seiner eigentlichen Handlung zu unterstreichen.
Spannung: 2/5
Man muss Alan Turings Geschichte nicht in- und auswendig kennen um zu wissen, dass seine Apparatur irgendwann ans Laufen kommt. Die geheimnisumrissene moralische Ebene ist allerdings zum Teil sehr spannend.
Anspruch: 3,5/5
Stellt Alan Turing wohl nicht einwandfrei historisch korrekt dar und simpelt komplexe Zusammenhänge auf einen Massenkonsenz des Verständnisses herunter, offenbart aber dennoch eine unterbeleuchtete und moralisch hochinteressante Facette des Zweiten Weltkriegs.
Humor: 1/5
Turings soziales Unverständnis und seine rationale Art sind immer mal wieder Gegenstand einiger „The Big Bang Theory“-Gedächtnis-Gags.
Darsteller: 4,5/5
Starkes Ensemble, aus dem Cumberbatch natürlich herausragt.
Regie: 3,5/5
Sehr solide, wenn auch sehr strikt konventionelle Genre-Regie des Norwegers Morten Tyldum.
Fazit: 7/10
Insgesamt gelungenes, teils moralisch hochinteressantes BioPic, das nicht alle Persönlichkeitsaspekte seiner Hauptfigur über drei Zeitebenen hinweg gleichbleibend ausgewogen behandelt, etwas zu stramm den Genrekonventionen entspricht und ein paar überbetonende Sentimentalitäten und Dramatisierungen zu viel einsetzt.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

Ja... weißt du... das ist vielleicht... deine Meinung, Mann...
...also schreib doch einfach einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel
Navigiere zum vorigen/nächsten Artikel

61 Aufrufe