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ANT-MAN: Kritik zu Marvels Schrumpfhelden-Abenteuer mit Paul Rudd & Michael Douglas (Kino)

Von Riggs J. McRockatansky vor 2 Jahren geschrieben07 / 20155 Kommentare

Story

Gerade aus seiner dreijährigen Haftstrafe entlassen sieht es für den Dieb Scott Lang nicht unbedingt rosig aus: seine Ex-Frau und ihr neuer Cop-Gatte unterbinden den Kontakt zu seiner geliebten kleinen Tochter Cassie und als verurteilter Straftäter gestaltet sich die Jobsuche alles andere als einfach. In alte Gewohnheiten an der Seite seines ehemaligen Zellengenossen Luis möchte Scott eigentlich nicht zurückfallen, lässt sich aus Verzweiflung jedoch auf einen scheinbar narrensicheren Coup ein: irgendein alter reicher Knacker lagert in einem Safe im Keller seines Hauses vermutlich ein Vermögen und so steigt Scott eines Nachts in das Anwesen ein – und findet in dem Safe nichts als eine abgetragene Bikerkluft. Doch als Scott den seltsamen Anzug aus Neugierde überstreift geschieht das unglaubliche: auf Knopfdruck schrumpft er auf Miniaturgröße und über Funk und später auch persönlich stellt sich ihm der Erfinder und Besitzer dieser außergewöhnlichen Technologie vor, der geniale Biochemiker Dr. Henry „Hank“ Pym. Der hat Scott nicht zufällig zum neuen Träger seines Ant-Man-Anzuges auserkoren, denn Pym fürchtet, dass sein einstiger Protegé und neue Leiter des Pym Technologies Lab, der ehrgeizige Darren Cross, die Schrumpftechnik für die falschen Zwecke einsetzten wird. Als neuer Ant-Man soll der findige Scott dies verhindern, indem er die Yellowjacket-Ausrüstung und alle relevanten Daten aus Cross‘ Besitz entwendet, bevor dessen Forschungen abgeschlossen sind…

Der Film

Scott Lang klaut den ANT-MAN Anzug
Dunkle Wolken am strahlenden Marvel-Himmel? Gibt’s eigentlich gar nicht. Hin und wieder kommen mal Spitzen von der DC-Konkurrenz oder missmutige Filmschaffende äußern sich besorgt über das moderne Hollywood mit seinen drei Comic-Blockbustern pro Woche, aber die Fan- und Kritikerreaktionen und die weltweiten Einspielergebnisse des Marvel Cinematic Universe, die sich nach elf Beiträgen auf bislang über $8,5 Milliarden (!) belaufen, geben dem Produzenten-Übervater Kevin Feige letztendlich jedes Recht. Auch jenes Recht, sich im kreativen Prozess durchzusetzen, wenn angeheuerte Filmemacher sich mal zu weit von den Vorgaben und den Verknüpfungen mit dem großen Ganzen entfernen, künstlerische Freiheiten stehen weit hinter den vorgegebenen Erfüllpflichten der noch auf Jahre durchgeplanten Superhelden-Kracher. Und zumindest in dem Zusammenhang brauten sich zuletzt doch so ein paar kleine Unwetterfronten zusammen: Joss Whedon ist nicht unumwunden glücklich mit „Avengers: Age of Ultron“, „Terminator Genisys“-Macher Alan Taylor nennt seine Marvel-Erfahrung mit „Thor: The Dark World“ »particularly wrenching«, aber vor allem der Kick-Out von Nerd-Liebling Edgar Wright aus seinem jahrelangen Herzensprojekt „Ant-Man“ sorgte für Unruhe und kippte die Fanerwartungen an den Phase 2-Abschluss von „außergewöhnlich eigen und anders“ zu „meh…“.

Peyton Reed und Adam McKey übernahmen die Regie- und Scriptarbeit von Wright und Joe Cornish und liefern nun mit „Ant-Man“ einen Film, der an zwölfter Stelle des MCU sicher nicht die originellste Heldengeschichte erzählt, der aber dennoch ans obere Qualitätsdrittel der Marvel-Blockbuster anknüpft. Nach dem völlig überfrachteten „Age of Ultron“ wird der Held in Ameisengröße seinem Namen gerecht und schaltet zwei, drei Stufen runter, eine sehr willkommene Abwechslung, nachdem’s bei den Comic-Spektakeln zuletzt kaum noch unter städteweiter Zerstörung oder weltenübergreifender Mega-Bedrohung ging. Auf Playboy-Milliardäre, Supersoldaten und Donnergötter folgt hier ein Dieb von der Straße, einer der nicht zum Helden geboren wurde und sich nicht dazu berufen fühlt, in einen komischen Anzug zu steigen und mit einem lächerlichen Namen für Frieden und Gerechtigkeit auf Erden zu kämpfen. Dieser Scott Lang ist ein guter Kerl, den Heldenjob übernimmt er aber nur, weil er keine andere Wahl hat, weil als Alternative zum Anzug nur der Knast bleibt.
Evangeline Lilly, Paul Rudd und Michael Douglas in ANT-MAN
Vergebung finden und zuvor verwerflich eingesetzte Fähigkeiten verantwortungsvoll gebrauchen – das ordnet die Zahnräder des Genres auch nicht plötzlich so an, dass auf dem Ziffernblatt nicht mehr Zwei auf Eins und Drei auf Zwei folgt, und die „Ant-Man“-Uhr tickt so genau, dass man zu Anfang öfter mal ungeduldig den Sekundenzeiger tackern hört: die Exposition verknüpft den Film gut mit dem bestehenden Marvel-Kosmos, so gibt es ein Wiedersehen mit dem Triskelion, dem S.H.I.E.L.D.-Hauptquartier aus „Captain America: The Winter Soldier“, mit Howard Stark und Peggy Carter, und eine gelungene Eingliederung von Ur-„Ant-Man“ Hank Pym in den „Avengers“-Zusammenhang, danach lassen sich Reed und McKey mit dem Storyprogress aber etwas viel Zeit, um (selbst innerhalb des Marvel-üblichen) sehr simpel gehaltene Rollenbilder anzulegen. Hanks Tochter Hope, die zu ihrem Dad keinen Draht hat, der ebenfalls von seinem Mentor enttäuschte Darren Cross, dem das Wort EVIL quer über die blank polierte Glatze geschrieben steht, und dazu der nice guy-Kriminelle Lang mit seiner Heist-Gang aus ethnischen Stereotypen und der kiebigen Ex mit dem arschgesichtigen neuen Macker, die ihn von seiner Tochter fernhalten wollen…

Das kommt alles bekannt und stark auf Sicherheit bedacht vor, nach „play it save before you play it strange“-Motto ausgeführt, um niemanden mit charaktermechanischer Komplexität oder großen Unbekannten zu überfordern, bevor man sich später auf den Winzhelden und mental befehligte Ameisenhorden einlassen muss, „Ant-Man“ klingt schließlich auf dem Papier fast (?) noch abstruser als ein schießwütiger Waschbär und ein drei-Wort-Satz-sprechender Baum. Deswegen sind erstmal Konventionen angesagt, aber mit viel Charme und Witz und einigen erhaltenen Wright-Tönen sorgt der Film dafür, dass man dennoch den Faden nicht verliert. Paul Rudd, das werden einem vermutlich drei Viertel aller Kritiken zu „Ant-Man“ an irgendeiner Stelle versichern, ist ein erzsympathischer Typ, der nach den unzähligen Besetzungscoups, die Marvel bisher gelandet hat, ein weiteres Beispiel für Arsch-auf-Eimer-Casting ist. Dazu macht sich auch Michael Douglas‘ besonderes und seit Jahrzehnten bekanntes Charisma perfekt für den Part des Hank Pym, dem man sofort abnimmt, einst selbst im Schrumpfanzug gesteckt und gekämpft zu haben, der als „éminence grise“ aber genauso überzeugt. Und mit Michael Peña wird sogar ein »Ese«-Slang-Klischee-Hispano eine witzige statt eine Witzfigur.
Miniheld ANT-MAN reitet in den Kampf
Story und Charaktere sind zunächst stark abhängig von den Leistungen und der Ausstrahlung der Darsteller, ab den Ausflügen des minimierten Helden in eine makromatisierte Welt spielt „Ant-Man“ aber seine Privilegien aus: diese Verschiebung von Relation und Perspektive ist ein richtig frischer, toll umgesetzter Impuls für Actionszenen in Comicverfilmungen. Scotts erste unfreiwillige Selbstschrumpfung platziert der Film in einer Badewanne, verbindet das Phantastische mit dem Alltäglichen, einlaufendes Wasser und Abflüsse werden zu gewaltigen Gefahren, später das Parkett einer Disco zum Hindernislauf durch rhythmisch niederstampfende Beine. Diese neue Sicht auf bekannte Dinge und Umgebungen nutzt „Ant-Man“ für durchweg coole Action und zwinkernden Humor, für den der Film ein ganz einfaches Mittel nutzt, indem er während der Sequenzen zwischendurch mal den Maßstab variiert, und was aus der Perspektive des Helden wie ein dröhnendes, intensives Gefecht wirkt ist dann bloß noch ein kleines leises pew pew. Die Größenverschiebungen sind ein erstklassig eingebundenes Element, auf ihre Art eine ebenso starke Bereicherung, wie es die harten Shootouts und Nahkampfduelle in „The Winter Soldier“ und die Space-Action in „Guardians of the Galaxy“ waren, und auf die Dauer wesentlich mehr Spaß machend, als die ermüdenden Dekonstruktionsschlachten in „Age of Ultron“.

Und auch der richtig verrückte Teil gliedert sich hervorragend in die Marvel-Welt ein: eines der Kunststücke des Cinematic Universe ist die mit jedem Film weiter getriebene Verzweigung in thematische Bezüge, nach historisch, mythologisch, technologisch, politisch und astrobiologisch wird es mit „Ant-Man“ nun… insektologisch. Der Ameisenmann ist kein Einzelkämpfer, sondern kann mit einer ganzen Armee aus Hymenoptera und Formicidae losziehen und sich die Fähigkeiten der unterschiedlichen Arten zu Nutze machen. Wie erwähnt, das klingt fast noch schräger als die „Guardians“ Rocket Raccoon und Groot, klappt im Film aber prima, um wirklich mal außergewöhnliche, mikroskopische Ein- und Andersblicke auf den Marvel-Kosmos zu erlauben, ein schöner „size doesn’t matter“-Kontrast zu hochgerüsteten HYDRA-, Chitauri- oder Metallmann-Truppen, mit denen es die Avengers solo oder gemeinsam sonst zu tun haben. Von den Erzählmustern her bleibt „Ant-Man“ bieder (zum Beispiel darf eine Trainingsmontage natürlich nicht fehlen), visuell und in der Wechselwirkung von Action und Humor mit seinen pfiffigen Scope-Verschiebungen ist der Film hingegen außergewöhnlich und hoch unterhaltsam.
ANT-MAN gegen Yellowjacket
„Ant-Man“ liefert ein paar der besten und unerwartetsten Gags der ganzen Marvel-Reihe (»It’s not a keychain…«), mit Corey Stolls manischem Darren Cross ist ein gewohnt eindimensionaler, aber ausreichend diabolischer Überbrückungsschurke dabei, der mal wieder die Kräfte des Helden spiegelt, die Story und das Science-Mumbo Jumbo um die Schrumpftechnik sind eher zweckmäßig, greifen aber in den rechten Momenten auf allen Ebenen von komisch über aufregend-actionreich bis emotional. Die Anspielungen auf die „Avengers“, Ereignisse aus „Age of Ultron“, die Starks und Scotts direkter Schlagabtausch mit einem der Rächer sorgen für Konnektivität, die nicht immer ganz zwanglos integriert wirkt, das kann man bei dieser riesigen Maschinerie, die das MCU mittlerweile ist, aber auch nicht erwarten. Die Referenzen sorgen trotzdem für ein zufriedenes Lächeln, ähnlich wie der Film selbst: „Ant-Man“ ist eine angenehm zurückgenommene und dennoch spektakuläre Comic-Comedy mit hervorstechenden Actionszenen; Paul Rudd, Michael Douglas und mit ordentlich Aussicht auf mehr auch Evangeline Lilly, die sich hier erst noch durch sentimentale Charakterbögen begeben muss, sind wunderbar eigenwillige Ergänzungen für den Marvel-Tross. Ein gut gelungener Unterhaltungsfilm, nicht ganz auf der Höhe der besten Marvel-Einträge, aber als Einstand für einen der ungewöhnlichsten Helden aus dem Roster der Avengers rundum zu empfehlen.

Wertung & Fazit

Action: 4/5
Kommt spät, aber dann gewaltig. Oder winzig, je nach Perspektive. Spielt wahnsinnig geschickt mit Ausmaßen und Relationen, die Tricktechnik ist auf der Höhe und der Actionansatz einfach mal was ganz anderes.
Spannung: 2/5
Baut ein paar Heist-Mechaniken ein, die sich aber in der Ausführung eher unraffiniert gestalten und den klar von A über B nach C erzählten Film nicht spannender machen.
Anspruch: 0,5/5
Unterhaltung geht vor. Die verschiedenen Familien- und Vater-Kind-Dramen sind zweckmäßig eingebunden, aber zumindest für die Figuren bedeutungsvoll und nicht einfach runter geschludert.
Humor: 3/5
Locker einer der witzigsten Marvel-Filme bisher. Nicht jeder Gag geht auf, aber die Trefferquote ist sehr ordentlich.
Darsteller: 4/5
Allesamt sympathisch und passend besetzt, der Film stellt aber auch an niemaden schauspielerisch unlösbare Aufgaben.
Regie: 3,5/5
Um die hypothetische Frage, ob Edgar Wright den besseren „Ant-Man“ geliefert hätte, wird Peyton Reed in einigen Fanlagern nicht herum kommen, stellt seinerseits aber einen durch und durch sicheren Unterhaltungs- und Comedy-Garanten hin.
Fazit: 7,5/10
„Ant-Man“ ist das gelungenste Solo-Debüt eines Marvel-Helden seit dem ersten „Iron Man“. Simpel strukturierte und kleiner skalierte, aber durch die Eigenschaften des Winzhelden trotzdem spektakuläre Comic-Unterhaltung mit sympathischen Darstellern, die das MCU vom Fleck weg bereichern.

Mehr zum Film

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Kommentare

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  • Hauke 4 Kommentar(e)

    Zutreffende Rezension. Tatsächlich zu hundert Prozent meine Meinung, inklusive dem Seitenhieb auf den überfrachteten Age of Ultron. Auch das Ticken der inneren Uhr (es zieht sich ein wenig ohne zu langweilen, man weiß ja, dass man gerade beim setup ist) am Beginn ist korrekt beschrieben.

    Lobhudel!

  • Michael Turner 1 Kommentar(e)

    Schöne Kritik. Ich kann dem im Wesentlichen nur zustimmen. Ant-Man ist mit Sichherheit kein Dark Knight, aber als actiongeladener feel-good Superhelden-Film funktioniert er allemal.

    Meine Kritik findest du unter: http://www.superheldenkino.de/filme/ant-man-filmkritik.

    PS: Der Captcha ist hier irgendwie buggy.

    • Hauke 4 Kommentar(e)

      Ich habe – nachdem man mich lange belatschert hat, doch mal DCU mit dem ach so tollen Joker zu probieren, The Dark Knight gesehen. Ich war unterbeeindruckt. Jetzt meinte jemand, man müsse die ganze ßserie sehen, um die Filme schätzen zu lernen.

      Macht das Sinn, wenn man mit ernsten Superheldenfilmen wie MoS oder The Dark Knight oder X-Men nichts anfangen kann?

      Die Rezension entspricht zu hundert Prozent meiner Ansicht, anders als Eure Kritik, aber Eure passt schon. Aber dass Age of Ultron bei Euch mit solchen Spitzenwerten rausgekommen ist – really? Wie bekommt man das hin? Einer der enttäuschendsten Marvel-Filme aller zwei Phasen bisher. Oder mögt Ihr Transformers?

    • Flo Lieb 96 Kommentar(e)

      The Dark Knight wird auch durch Sichtung von Batman Begins nicht zu einem besseren Film. Wobei Batman Begins besser ist als The Dark Knight.

  • Flo Lieb 96 Kommentar(e)

    der aber dennoch ans obere Qualitätsdrittel der Marvel-Blockbuster anknüpft

    Dem kann ich zustimmen, auch wenn ich nicht finde, dass er auf demselben Level wie IRON MAN spielt – sondern diesem weit überlegen ist. Aber das ist natürlich Ansichtssache.

    Den Keychain-Gag hab ich gleich bei der Einführung kommen sehen, die Szene selbst fand ich dann auch etwas (Achtung, Wortwitz) zu heavy. Dafür gab es genug andere Visual Gags, schade jedoch, dass das Train-Finale schon im Trailer etwas verbraten wurde, obschon es auch im Film noch sehr gut funktionierte. Toll fand ich auch den kurzen Mikrokosmologischen Ausflug zum Abschluss. Rudd selbst finde ich – selbst wenn ich zu denjenigen gehöre, die ihn als total sympathisch erachten – gar nicht mal so “Arsch-auf-Eimer”. Eigentlich kauf ich ihm weder die “Meisterdieb” noch Superheldenrolle wirklich ab, störend fällt es aber auch nicht aus.

    Und jetzt hoff ich mal, dass es der Kommentar durch den Spam-Filter schafft (und Copy alles zur Sicherheit mal) 😉

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