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KINGSMAN: THE SECRET SERVICE – Kritik zur Geheimagenten-Action-Comedy mit Colin Firth (DVD)

Von Riggs J. McRockatansky vor 2 Jahren geschrieben07 / 20152 Kommentare

Story

Getarnt als Gentleman-Schneiderei, unabhängig von Bürokratie, Politik und Regierung, operieren die sogenannten „Kingsmen“ auf höchster Geheimhaltungsstufe, hochprofessionelle und bestens ausgebildete Ehrenmänner im Kampf gegen internationales Verbrechen. Bei einem Einsatz im Nahen Osten Ende der 1990er opfert ein frischgebackener Kingsman seinem Mentor Harry Hart, Deckname „Galahad“, nach einer Unachtsamkeit sein Leben. Siebzehn Jahre später kommt für Hart die Gelegenheit zur Wiedergutmachung, als er den Sohn seines damaligen Retters, den begabten, aber sozial ins Proletariat abgerutschten Eggsy, vorm Gefängnis bewahren kann. Doch nicht nur das, Hart erkennt ungeahntes Potenzial in den ungeschliffenen Fähigkeiten des Jungen und macht ihn zu seinem Kingsman-Kandidaten für den Posten des „Lancelot“, nachdem dessen Inhaber auf einer Rettungsmission unter mysteriösen Umständen ums Leben kam. Während Eggsy die knallharte Ausbildung zum Geheimagenten aufnimmt untersucht Hart Lancelots Tod und die Entführung des Professors und Klimawandelmahners James Arnold. Die Spur führt schließlich zu dem schwerreichen Richmond Valentine, der als Geste der Menschlichkeit soeben den Launch einer SIM-Karte angekündigt hat, mit der telefonieren und Internetnutzung in Zukunft und für immer komplett kostenlos vonstatten gehen soll. Doch dahinter verbirgt sich eine Verschwörung ungekannten Ausmaßes…

Der Film

Austin Powers ist an allem Schuld! Mike Myers‘ dreiteilige Agenten-Persiflage hat die Katzen vom Schoß der Superschurken vertrieben, die Superschurken selbst aus ihren Vulkanen und Mondbasen verjagt, ihre Satellitenlaserwaffen aus dem Orbit geholt, all ihre absurden Pläne zur Unterjochung der Welt durchkreuzt. Und auch für ihre Widersacher auf Seiten des Guten sieht es nicht besser aus, diese swaggenden Womanizer-Geheimagenten, die betthupferlnd und Sprüche reißend durch ihre Missionen tänzeln und sich aus jeder noch so aussichtslosen Lage mit einem abstrusen Gadget befreien. Das kann man seit dem „Spion in geheimer Missionarsstellung“ alles nicht mehr bringen, will man den eigenen Agenten-Kosmos nicht einer ähnlichen Lächerlichkeit aussetzen, drum müssen die Schattenmänner mit den Lizenzen zum Töten heutzutage alle grimmige Attentäter mit diversen Komplexen sein, traumatisiert von persönlichen Dämonen und ständig am Hadern mit ihrem Leben als Killermaschine der Regierung. Bloß kein Spaß mehr beim Agentenfilm!
Colin Firth als Harry Galahad Hart und Taron Egerton als Eggsy in KINGSMAN - THE SECRET SERVICE
Bis „Kick-Ass“-Regisseur Matthew Vaughn und „Kick-Ass“-Comicbuchschöpfer Mark Millar sich der Sache annahmen und ihrem Sinnieren bei einem Humpen Guinness über die Frage »What happened to the spy films that were fun?« einfach selbst einen Agentenfilm folgen ließen, der Spaß macht wie Sau, Meta-Parodie und Hommage zugleich ist, der Comedy und klassisches Geheimdienst-Flair samt Grandseigneur-Charme mit rotzbrutaler Hard R-Action und bissigen Polit- und Sozialbezügen kreuzt. Ladys and Gentleman, „Kingsman: The Secret Service“, eine der größten BoxOffice-Überraschungen 2015. Vaughn ließ schon in das Mutanten-Prequel „X-Men: First Class“ ein gewisses Bond-Feel einfließen und legt nun seinen eigenen »Shaken, not stirred«-Ableger im lässigen Stile der 1960er Connery- bis 1980er Moore-Doppelnullfilme vor, mit einem Megalomaniac auf Schurkenseite, der eine schneidige Henchwoman und einen meilenweit hergeholten Plan zur Auslösung globalen Chaos mitbringt, während die Guten neben Asskicker-Qualifikationen auch Lektionen über Manieren und Etikette parat haben.

„Kingsman: The Secret Service“ legt dabei ein paar schrittspreizende Spagate hin, die zu bösen Rosettenüberdehnungen hätten führen können, überwiegend aber in sicherer Ausführung münden: der Film wechselt Tonfall und Gangart zigmal, britisches Arbeiter- und Unterschicht-Drama mit der Gräuel häuslicher Gewalt im einen Moment, abgefahrenes Coming of Age(nt)-Young Adult-Entertainment im nächsten, lässig-genrereflexiver Klamauk hier, hypergewalttätige Blutrausch-Fights da. »Nowadays«, meint Agent Harry Hart im Gespräch über Agentenfilme mit dem lispelnden Schurken Richmond Valentine, »they’re all a little serious for my taste. But the old ones… marvelous. Give me a far-fetched theatrical plot any day«. Der Meta-Zug fährt also nicht unterirdisch, sondern düst ungebremst offensichtlich durch den ganzen „Kingsman“, dem es dennoch gelingt, eigenes Gewicht anzusetzen, und dass der Anspielungsreichtum nicht in autotelischer Redundanz endet: die Welt der Gentleman-Spione und ihres Geheimbundes hat genug eigene Substanz, um dem wilden Abenteuer und den treffend skizzierten Figuren zu folgen.
Samuel L. Jackson und Colin Firth in KINGSMAN - THE SECRET SERVICE
Colin Firth ist der schneidige Part des Schein-Schneiders auf den Leib geschneidert, der Oscar-Preisträger hat den aristokratischen Snob und liebenswürdigen charming Brit mit everyman‘s-face im Morgentee, wird in der „Kingsman“-Absurdität aber auch fließend zum Actionhelden mit Schirm und Schusswaffe und ist der zentrale Punkt in zwei der herausstechendsten Kampf-/Choreographie-Sequenzen des Jahres. In einem Pub legt Harry Hart einige Thugs lahm, und was später im Film in einer amerikanischen Konservativen-Hass-Kirche abgeht kann man gar nicht beschreiben: diesen gnadenlos auf Anschlag geschraubten Ultra-Violence-Kill-Exzess muss man gesehen haben. Vaughn kennt da keine Verwandten bei irgendwelchen Freigabegremien und geht nochmal gehörig weiter, als in der Superhelden-Action-Satire „Kick-Ass“, was die Rabiatheit der Gewalt und ihren manipulativen Kontext angeht, wenn es in der Kirchen-Szene einer Horde von ekelerregenden Minderheiten-Hassern und ihrem Parolen ausspeienden Prediger an die Eingeweide geht.

Zu narrativen Zwecken müsste der Film sicher nicht in derartiges Blutgesudel ausarten, worin einige der Vorwürfe in Richtung „Kingsman“ begründet lagen, aber fuck it: der Film geht in seiner Stilisierung und politischer Unkorrektheit so derbe zu weit und ist eben genau darin so ein bombiges Vergnügen, dass man hier nicht mit abmahnenden Begriffen wie „Verherrlichung“ wedeln muss. Sicher war keine der altmodisch-klassischen Agenten-Episoden der Bond-Ära auch nur ansatzweise derart explizit, zu „Kingsman“ und seinen dutzendfach zelebrierten Stilbrüchen passen diese unvorhergesehenen Gewaltexplosionen aber schon wieder bestens und „Fun with Violence“ war seit Tarantino nicht mehr so spaßig. Mit offenem Visier richtet sich der Film dabei vornehmlich gegen Fundamentalismus auf religiöser, politischer und ökoaktivistischer Basis, zieht das alles gehörig durch den Earl Grey-Tee und postiert die Kingsmen als Bastion des Liberalismus, vorgehend gegen die Utilisierung und Selektion des Individuums, selbst wenn dem ein höherer, durch den Plan des Bühnen-Gutmenschen Valentine vertretener „the needs of the many (oder hier eher: the needs of the privileged)“-Zweck innewohnt.
Colin Firth und das Kirchen-Massaker in KINGSMAN - THE SECRET SERVICE
Ideologisches Anecken stört natürlich weder Vaughn noch Millar, der gemeinsam mit Dave Gibbons die lose adaptierte Comicbuch-Vorlage „The Secret Service“ lieferte. „Kingsman“ ist ein frecher Fun-Flash im Blockbuster-Einerlei, so witzig wie der beste „Austin Powers“, so galant wie ein klassischer Bond, das Szenario so sehr Persiflage wie tiefe Verbeugung vor der Abstrusität, die das Genre einst prägte. Gadgets überall, am Schluss kommt sogar noch der gewisse Schuss Schlüpfrigkeit zur Mischung dazu, die Darsteller sind allesamt bloody charming, neben Firth und einem knallig wie lange nicht mehr aufdrehenden Samuel L. Jackson auch Newcomer Taron Egerton, der als Straßenbengel die Ausbildung zum Kings- und Gentleman antritt und das mit Coolness rüberbringt. Ein Schlag in den Magen der Selbstgewahrheit des Films Ende des zweiten Akts zeigt, wie knackig das Konzept aufgeht, das es eben nicht nur für Zitate, sondern handfeste Überraschungen sorgt (auch wenn das in sich fast schon vorhersehbar konsequent ist) und zum Glück rudert Vaughn das finale Dritte anschließend nicht so steil weg wie noch bei „Kick-Ass“. „Kingsman: The Secret Service“ zieht voll durch und ist einer der spaßigsten Blockbuster-Bastarde des Jahres.

Wertung & Fazit

Action: 4,5/5
Kneipen-Kloppe und Kirchen-Keile gehören zweiffellos zu den herausstechendsten Action-Momenten des Jahres. Brachial brutal und knallhart choreographiert, fast schon in „The Raid“-Dimensionen.
Spannung: 2,5/5
Zitiert so sehr den Spannungsbogen klassischer Agenten-Abenteuer, wie es ihn an manchen Stellen einfach frech gegen dessen Konventionen kehrt.
Anspruch: 1,5/5
Der Film verbalisiert mehrmals offen seine Meta-Bezüge, ist aber dennoch keine oberflächliche „winke winke, zwinker zwinker“-Übung.
Humor: 3,5/5
Rotzfreche Agenten-Persiflage, ohne sein Sujet lächerlich zu machen.
Darsteller: 4,5/5
Colin Firth würde zumindest dem Pre-Craig-Bond ziemlich den Martini schütteln, Taron Egerton spielt cool-charmant den Straßenbengel turned Superagent, Samuel L. Jackson hat ewig nicht mehr so viel Spaß gemacht.
Regie: 4/5
Vaughns beste Regiearbeit seit „Layer Cake“.
Fazit: 8/10
Einen »postmodern love letter to spy films« nennt Vaughn seinen „Kingsman: The Secret Service“ und liefert ein rotzderbes, ultrabrutales Vergnügen und einen der Überraschungshits des Jahres 2015, Fortsetzung nicht ausgeschlossen.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • Lasse Vogt 32 Kommentar(e)

    Ich hab ihn so geliebt, ich war dreimal im Kino!

  • Flo Lieb 96 Kommentar(e)

    Für mich ein einziger Graus und mit Karacho einer der schlechtesten Filme des Jahres.

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