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DER MARSIANER: Kritik zu Ridley Scotts Survival-Abenteuer mit Matt Damon (Blu-ray)

Von Riggs J. McRockatansky vor 9 Monaten geschrieben02 / 20162 Kommentare
DER MARSIANER Filmkritik

Story

In einer nicht näher bezifferten Zukunft: die sechsköpfige Crew der Ares III ist auf einer mehrwöchigen Mission auf dem Mars unterwegs, als sie während ihrer Forschungsarbeit von einem heftigen Sturm überrascht wird. Die Astronauten unter der Führung von Kommandantin Lewis sehen sich zum plötzlichen Abbruch ihres Aufenthaltes gezwungen und im Durcheinander der überstürzten Abreise wird das Crewmitglied Mark Watney von durch die Luft geschleuderten Trümmerteilen getroffen und von den anderen getrennt. Da Watneys Raumanzug eine Beschädigung meldet und seine Überlebenschancen damit vermeintlich bei Null stehen muss Lewis letztlich beschließen, den Mann zurückzulassen und sich auf die einjährige Heimreise zur Erde zu begeben. Nicht ahnend, dass der verwundete Watney den Zwischenfall mit einigem Glück überstehen konnte. Ohne Verbindung zur NASA oder zu seiner Crew ist der gestrandete Raumfahrer fortan gezwungen, auf dem unwirtlichen Mars zu überleben, wobei die eingerichtete Basisstation nur Vorräte für einen Bruchteil der Zeit bis zur Ankunft der Ares IV bietet, mit der Watney erst in vier Jahren rechnen kann. Doch der findige Botaniker weiß sich zu helfen…

Der Film

Die Crew der Ares III Mission in DER MARSIANER
Der inzwischen 78jährige Ridley Scott hatte seit seinen unwegdenkbaren SciFi-Klassikern „Alien“ und „Blade Runner“ immer wieder Schaffensphasen, in denen niemand drauf gekommen wäre, den Briten einen Meisterregisseur zu nennen. Mit dem vielversprechenden „Robin Hood“-Prequel, dem kopfkratzigen „Prometheus“, der prosaischen Cormac McCarthy-Adaption „The Counselor“ und der Bibel-Schleuder „Exodus: Gods and Kings“ gerieten Scotts letzte vier Filme allesamt so „hm… und was sollte das jetzt?“-mäßig (wobei einige diese Liste wohl runter zum Jahrtausendbeginn bis „Gladiator“ oder gleich zum Anfang der 1980er und „Blade Runner“ fortsetzen würden…). Ausgerechnet mit der Flop-Garantie Mars gelingt ihm nun eine Rückkehr zur Form, die nicht nur visuell überzeugt (da machen Scott ohnehin die wenigstens was vor). Basierend auf dem Roman von Andy Weir ist „The Martian“ locker der beste Mars-Film seit Paul Verhoevens „Total Recall“ und auch der beste Beitrag des jüngst trendigen Space Science-Trios, das er mit Alfonso Cuaróns „Gravity“ und Christopher Nolans „Interstellar“ bildet.

Überraschenderweise verbreitet der siebenfach Oscar-nominierte Film mehr Weltraum-Abenteuer-Optimismus als Survival-Thrill. Bisher waren die Weiten des Alls für Scott ein Ort des Terrors und Schreckens (you know, „In space, no one can hear you scream“), doch obwohl der Opening Shot von „The Martian“ an „Alien“ erinnert entdeckt der Regisseur im hohen Alter doch tatsächlich noch eine grundpositive Faszination für’s Erdferne, wie ein Arachnophobiker, der auf einmal das Schöne am Achtbein entdeckt. Und nach dem dramatischen Auftakt, der zwei laute Schockmomente aus „Prometheus“ maßstabsminimiert zitiert, ist „The Martian“ ein wunderschöner All-Film, nicht so technisch ausstellerisch wie bei Cuarón und Nolan und weniger direkt IM All unterwegs, aber Scott und Kameramann Dariusz Wolski ziehen große Mars-Panoramen auf, die auch über zweieinhalb Stunden gestreckt nichts von ihrer Überwältigungskraft einbüßen. Simply sad: der Rote Planet wurde noch nie so schön in seiner orangenen bedrückenden Weite der Unberührtheit gezeigt.
Ackerbau mit Mark Watney in DER MARSIANER
Doch als gestrandeter Grünzeugzüchter ist es an Matt Damon, dem Mars die Show streitig zu machen. Sein Mark Watney fühlt sich von der aussichtslosen Situation nicht über-, sondern herausgefordert, »zeig mir was du verlangst Mars, und ich zeig dir, was ich leisten kann«. Watney entwickelt einen koketten Trotz gegenüber dem Erdnachbarn, was die Momente nur stärker macht, in denen Hoffnung bloß ein Wagnis ist, Optimismus etwas selbstbetrügerisches an sich hat. Man ist dem galgenhumorigen Stehaufmarsmännchen als Protagonisten näher, als der nervend in hektischer Echtzeit um’s Überleben jappsenden Sandra Bullock in „Gravity“ und dem bedeutungsschwer brütenden Wurmlochdurchquerer Matthew McConaughey in „Interstellar“ (womit’s nu aber auch gut ist mit den Vergleichen) und Damon macht das glänzend: wie Watney die 70s-Disco-Playlist seiner Kommandantin Lewis eher zur Verzweiflung treibt, als die Unfruchtbarkeit des Marsbodens, sorgt für launige Unterhaltung, genau wie das teils lapidar, manchmal überheblich geführte Videolog des einsamen Astronauten.

Allerdings lässt der wohlig-optimistische Feel Good-Ton von „The Martian“ überhaupt nichts anderes, als ein umfängliches (und im Vergleich zur Romanvorlage nochmals verstärktes) Happy End zu, was die Spannung nicht komplett beschädigt und auch die Laufzeit nicht unnötig lang erscheinen lässt, aber das ganz heftige Mitfiebern und -leiden, das der Film über den Erdteil der Handlung und eine reiche Anzahl von Nebenfiguren suggeriert, stellt sich nicht ein. „The Martian“ hat keinen »Wilsoooon!«-Moment; wenn mal etwas richtig schief geht lässt die Alternativlösung doch nie lange auf sich warten, mit der nicht immer der logische wissenschaftliche Schluss, sondern schonmal der Cameo-Nerd aus’m Laptop-Labor um’s Eck biegt. Dazu vertraut „The Martian“ einer Pronoun Game- und Stichwort-Dramaturgie, um Gags, Ereignisse und Tension aufzubauen, jemand sagt oder deutet etwas an und hossa, in der nächsten Szene passiert’s so oder genau gegenteilig. Scott und Drehbuchautor Drew Goddard gelingt im Idealfall jedoch sinnvolle und unterhaltsame erzählerische Raffung, ohne dass Zufälle und „schnips, aus dem Ärmel gezaubert“-Lösungen Überhand nehmen.
Matt Damon allein auf dem Mars in DER MARSIANER
Großartige Bilder, gut gelaunter Space-Optimismus, termingerecht (sprich bevor alles zu behaglich wird) gesetzte Thrill-Spitzen mit Nägelkauer-Finale (das trotzdem so ein ganz bißchen absurd gerät), ein sehr sehenswertes Matt Damon-Solo und ein riesiges Supply-Paket an tollen Nebendarstellern von Jessica Chastain („Zero Dark Thirty“) und Chiwetel Ejiofor („12 Years a Slave“) bis Jeff Daniels („Speed“) und Sean Bean („Jupiter Ascending“)… oh, und dann noch Kate Mara („Fantastic Four“), Michael Peña („Ant-Man“), Aksel Hennie („Hercules“), Sebastian Stan („Captain America: The Winter Soldier“), Kristen Wiig („Bridesmaids“) und Donald Glover („Community“)… „The Martian“ macht sehr viel Spaß, ist visuell eines der schönsten Filmerlebnisse des Jahres 2015 und Scott beweist, dass er seine ästhetische Ausnahmekunst immer noch an eine gute und schlüssig strukturierte Story knüpfen kann. Mehr davon, und dann auch gerne wieder mit Xenomorphen!

Wertung & Fazit

Action: 2/5

Es kracht und stürmt auch schon mal auf dem Mars und im All, sicher aber keine Action-Granate. Halt dramaturgisch passend eingesetzt.

Spannung: 2/5

„Leidet“ ein bißchen unter dem grundsätzlichen Optimismus des Films und der Unerschütterlichkeit Watneys, es fehlt aber dennoch nicht an Suspense-Momenten und Aufregern.

Anspruch: 3/5

Merklich bemüht, mehr Science als Fiction zu bieten, ohne allzu trocken oder erklärig rüberzukommen. Hin und wieder hilft aber auch das Gesetz des Zufalls.

Humor: 2,5/5

Vom anachronistischen Disco-Pop über NASA-Nerderie bis zu Watneys flappsigem Umgang mit aussichtslosen Situationen – „The Martian“ gewinnt der lost in space-Dramatik viel gelungenen Humor ab. Hoher Unterhaltungsfaktor!

Darsteller: 4.5/5

Ein ausgezeichneter Matt Damon und eine so namhafte wie leistungsstarke Besetzung um ihn herum, bzw. weit von ihm entfernt und trotzdem da: stark.

Regie: 4/5

Puh, nah also Ridley Scott, du kannst es ja doch noch. Visuell gewohnt ohne Makel, diesmal aber auch erzählerisch passig ausgerichtet in der Inszenierung.

Film: 8/10

So geht ein gelungener Mars-Film und generell ein gelungenes Space-Abenteuer. Hoch unterhaltsamer und intelligenter Survival-Trip zum Roten Planeten, der ohne Schwermut oder Heldenpathos einige der wertvolleren menschlichen Eigenschaften wie Einfallsreichtum und Beharrlichkeit feiert.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • J0hannes 57 Kommentar(e)

    “aber das ganz heftige Mitfiebern und -leiden, das der Film über den Erdteil der Handlung und eine reiche Anzahl von Nebenfiguren suggeriert, stellt sich nicht ein”

    Mir ging das nicht so. Während Whatneys monatelanger Wüstenfahrt, nachts fahrend und tagsüber in der Hitze dösend, bei einer halben Kartoffel pro Tag und ohne Dusche – da hab ich mitgelitten.

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Ja, gen Ende spitzt es sich alles zu. Ich hab auch nicht GAR NICHT mit Watney gelitten, aber eben nicht so sehr, wie ich erwartet hätte, dass der Film es zumindest von mir will. Fand ich aber ok. Bleibt halt alles etwas sachlicher, statt mitleidheischend. Als Damon nach dem längeren Zeitsprung nackt und abgemagert durch seine Station marschiert ist, sowas erzeugt halt natürlicherweise einen bemitleidenswerten Anblick.

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