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DEADPOOL: Kritik zum etwas anderen Superheldenfilm mit Ryan Reynolds (Kino)

Von Riggs J. McRockatansky vor 9 Monaten geschrieben02 / 201613 Kommentare
DEADPOOL Filmkritik Review

Die Story

Den frechmäuligen Söldner Wade Wilson hat’s schwer erwischt: er hat sich in die Nutte Vanessa verliebt. Und ist überglücklich mit ihr. Vanessa sieht geil aus, ist ähnlich wahnsinnig wie Wade, der Sex ist der Hammer – scheiße nur, dass Wade eines Abends umklappt und die Diagnose am nächsten Morgen Krebs im Endstadium lautet. Krebs überall, Tumore in der Birne, Tumore im Sack, für Wade scheint’s gelaufen zu sein. Doch ein komischer Typ in seiner Stammkneipe lädt den Todeskandidaten zu einem strenggeheimen Experiment ein, das Wade heilen und ihm nebenbei sogar noch Superkräfte verleihen soll. Doch der ganze Kackdreck ist die Falle des gewissen- und gefühllosen Mutanten Ajax, der unter schwerster Folter zwar Wades enorme Selbstheilungskräfte aktiviert, ihn bei der Prozedur jedoch fürchterlich entstellt. Mit so einer Hackfresse will Wade seiner Vanessa nicht mehr unter die Augen treten, zwängt sich stattdessen in ein rot-schwarzes Ganzkörperkondom samt Maske und räumt als Deadpool erstmal ordentlich unter Ajax’ Männern auf…

Die Filmkritik

Merc with a Mouth - Deadpool hat Spaß in DEADPOOL
Und alle so, zur Melodie von „What’s Up?“ der 4 Non Blondes: ♫…and we say nay, nay, nay, nahay, nay, nay, nay, we say nay… that’s fuckin’ wrong!♫ Das die Reaktion der Fans auf jeden Versuch von Sexiest Man Alive 2010 Ryan Reynolds, es im Superhelden-Genre krachen zu lassen. Als sprücheklopfender Hannibal King ging er in „Blade: Trinity“ nicht nur den Vampiren auf’n Sack und statt SpinOffs gab’s das Ende der Daywalker-Reihe, im miesen „X-Men Origins: Wolverine“ schien er als sprücheklopfender Söldner Wade Wilson aka Deadpool gar nicht so fehl am Platz, bis der Film ihm die Fresse zutackerte und aus dem Nerdliebling einen schweizer Taschenmesser-Endboss machte, DCs „Green Lantern“ schließlich hätte Reynolds an die leading man-Front der sprücheklopfenden Comicrecken katapultieren sollen und entpuppte sich stattdessen als eine der miesesten Comicverfilmungen seit „Batman & Robin“. Und „Paper Man“, in dem der Ryan den imaginierten Helden von Jeff Daniels spielte, kennt keiner. Doch mit einem nun endlich fachgerechten Solo für den Merc with a Mouth darf’s Reynolds nochmal versuchen…

…und endlich bekommen die Fans nach der verschandelten Version von 2009 ihren „Deadpool“, den selbstgewahren Meta-Anti-Superhelden mit der Sabbelschnauze, zu dem sich die Kreation von Rob Liefeld seit ihrem 1991er Debüt in „New Mutants #98“ entwickelt hat. Deadpool ist eine Figur, wie es sie im Heft-Kosmos der Superhelden kein zweites Mal gibt und „Deadpool“ ist nach außen auch ein Film, wie es ihn im Superhelden-Genre so bislang nicht gab. Der Söldner mit der frechen Klappe kloppt dreiste Sprüche, anzügliche Gesten und Popkulturreferenzen raus, durchbricht die vierte Wand und redet ins Publikum, metzelt sich blutig durch seine Gegner, macht sich über seinen eigenen Darsteller Ryan Reynolds ebenso wie über Wolverine Hugh Jackman lustig und ist verwirrt, wer denn da nun eigentlich gerade in der X-Mansion auf ihn wartet, James McAvoy oder Patrick Stewart – eine Figur wie eine Amalgamierung aus großen Teilen der Nerd- und Netz-Sitten der modernen Web-Gesellschaft, sein eigener Hype-Train, seine eigene Besserwisser-Fan-Theorie, sein eigener Troll-Kommentar, Deadpool ist eine plappernde Clickbaiting-Schlagzeile und deren Fuck You-Verweigerung und dabei auch noch unverwundbar und ganzkörperverborgen, wie die Anonymität, mit der man im Netz fröhlich Scheißhaufen in virtuelle Vorgärten setzen kann.
Ryan Reynolds und Morena Baccarin in DEADPOOL
Der Umstand, zugleich Protagonist und Rezipient der ihm bewussten (Comic[film]-)Umwelt zu sein, macht Deadpool zu solch einem Phänomen, der löst die Schwelle und gewisse Distanz zwischen Werk und Konsument und liefert in seiner entgegengefieberten R-Rated-Glorie einen Impuls, den das stagnierende Superheldenkino gerade gebrauchen kann! Obwohl… echt, ein Ausrufezeichen hinter dem letzten Satz? Nee, das formulieren wir nochmal anders: „Deadpool“ liefert einen Impuls für das stagnierende Superheldenkino, der jetzt für zwischendurch ganz nett ist, wo genug Establishment und zum Teil Festgefahrenheit vorhanden ist, um eine Figur wie Deadpool überhaupt nutzbringend einsetzen zu können. Nur sollte dabei dringlichst aus dem Ausreißer nicht die nächste Gewohnheit werden. Rotzhumor, ein Feiertagsmotto-Fickmarathon, Trash Talk ohne Unterlass und Blutgespritze im Gliedmaßabtrennrausch – wenn, und jetzt wird’s hier mal Meta, das dann filmbesprechende Kollegen einen „Gamechanger für das Superhelden-Genre“ nennen wollen – coolio, klingt geil. Macht sich gut, der Spruch, auf der Facebook-Page von 20th Century Fox. Sagt über „Deadpool“ den Film und das Superhelden-Genre aber gar nichts aus.

R-Rated geht’s da eh nicht erst seit „Deadpool“ zu, nach drei „Punisher“n und drei „Blade“s, den Serienformaten „Daredevil“ und „Jessica Jones“ und auch den dekonstruktiven „Watchmen“- und „Kick-Ass“-Adaptionen dürfte bereits klar sein, dass „Deadpool“ die Nische der Gewalt nicht schlägt, sondern bedient. Durch seinen Entstehungszeitpunkt und die ausgebuffte Marketing-Kampagne allerdings mit höherem Mainstream-Appeal. Die swearword-Flut und seine reflexiven Einschübe darf der Regenerating Degenerate aber weiterhin exklusiv haben, da muss sich am game nichts changen [Siehe dazu weiterführend auch Alex Matzkeits Beitrag auf real virtuality]. „Deadpool“ macht in dem, was ihn von anderen Standart-Superheldenfilmen der vergangenen Jahre unterscheidet, vom bereits ohne Ende querverweisenden Vorspann an absolut Spaß, jedenfalls in seinen besten Phasen. Das sind überwiegend die, in denen Wade Wilson sich in Kostüm und Maske mit dem Taxi zum Einsatzort seiner Heldenschandtaten chauffieren lässt, flachsend und fluchend seine Killing-Faxen abzieht, das Genre attackiert, sich zum Leid der eigenen Knochen mit dem stählernen X-Man Colossus anlegt und halt all der ganze abgedrehte „Deadpool“-in-costume-Scheiß.
Avocadofresse - Ryan Reynolds ohne Maske in DEADPOOL
Mit einem längeren Flashback nach der ersten fetzigen Action-Szene ist dann aber schnell ersichtlich, dass das Gerüst von „Deadpool“ nur eine ganz und gar herkömmliche Origin-Story ist, der von „X-Men Origins: Wolverine“ sogar extrem ähnlich, da ist nix mit Gamechanger. Reynolds ohne die schützende Schale des rot-schwarzen Outfits ist der typische Reynolds mit seiner „sarcastic sharp edged wit“-Art und der Film erschlafft wie nach einer heißen, halbstündigen Nummer. Mit Morena Baccarins Vanessa steht Reynolds’ Wilson eine ähnlich abgeknatterte Frau zur Seite, weshalb sich der Mittelteil wenigstens nicht im taming of the beast-Kitsch verliert, der sonst meist herhalten muss, wenn es in Heldenfilmen ein romantisches Motiv für’s spätere Heldsein braucht. Mehr derbe Sprüche, unprüde Sexstellungen und beim Anstacheln von Wades Mutation mehr dezente Torture- und Horror-Elemente als üblich hat das zwar, dennoch ist „Deadpool“ in dieser Phase überhaupt nicht Ausnahme, sondern voll Regel und man kann’s kaum erwarten, den Merc with a Mouth wieder richtig in Action zu sehen.

Die mussten Spielfilmregiedebütant Tim Miller und sein Team mit weniger als einem Viertel der Kosten von Mega-Comic-Blockbustern wie „Avengers: Age of Ultron“ oder „Man of Steel“ realisieren, das ist aber gar nicht schade: das $58 Millionen-Budget „zwingt“ die „Deadpool“-Macher zu geschrumpftem Ausmaß, städteweite Zerstörung und Duelle mit ein paar hundert CGI-Männeken gibt es nicht; das Maß ist aber genau passend, um Wilson als einen kleinen Teil des erweiterten „X-Men“-Universums zu verorten, indem sein Rachefeldzug gegen den Schurken Ajax, gespielt vom maskuklinen Nicholas Hould Ed Skrein, nicht so groß wird, dass Professor Xavier mehr seiner Schützlinge als lediglich Colossus und dessen Lehrling Negasonic Teenage Warhead ins Feld schicken müsste. Die Fights in „Deadpool“ sind schnell und doch übersichtlich, Style-Einlagen und Gepose passen zur Figur und dem Meta-Ansatz, das Finale kommt recht plötzlich und hat keinen einzigen Shot für’s Langzeitgedächtnis, dafür viele „damsel in distress“-Einlagen, aber ist schon okay so. Auch den visuellen Effekten muss man die Qualität nicht abquatschen, da ist nichts bahnbrechendes dabei, aber auch nichts kotzreizerregendes.
Negasonic Teenage Warhead, Deadpool und Colossus in DEADPOOL
Den „vor werkgetreu ham wir Scheu“-Typen von Fox war’s nicht mehr zuzutrauen, aber „Deadpool“ ist insgesamt wohl die vorlagengerechteste Marvel-Verfilmung, die nicht direkt von Marvel kommt. Und der gelungenste Beitrag aus dem „X-Men“-Universum seit 2003. Ein Fan-Film für einen Fan-Liebling, der die heilige Box Office-Kalkülkuh Comicverfilmung filetiert und sich in ihren Eingeweiden suhlt. Und darin nicht weniger Fan-Service-gerechte R-Rated-Berechnung beweist, als Marvels akribisch durchgeplantes Cinematic Universe. Ryan Reynolds kann sich also zufrieden auf’s Sofa legen und es sich selbst besorgen: mit der „Deadpool“-Redemption hat er sich endlich seinen Platz unter den Leinwandhelden erplappert und ihn sich sich nun auch verdient. Der Film ist ganz sicher nicht die neue *pun intended* Messlatte für’s Genre (obwohl die alte Avocadofresse Wilson das sicher anders sehen dürfte), mit einer Ader für diesen ganzen anspielungsreichen Shit und Crap und Schnetzelfrak kann man aber schwerlich kein Vergnügen an „Deadpool“ finden. Diese Art von Unsuperheldenfilm muss es jetzt allerdings nicht alle zwei Wochen geben (mit James Gunns „Super“ gibt’s da eh noch eine weitestgehend unentdeckte Alternative) und Deadpool sollte zukünftig auch nicht durch jeden „X-Men“-Film rennen und seine F- und Meta-Bombs droppen. Einige der Gags und Einfälle sind so bemüht edgy und infantil, die werden nicht allein durch einen Typen im hautengen Kostüm besser und das reicht dann alle paar Jahre mal…

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Jo, is cool. Berstiges Geschnetzel und krasse Kill Moves, der Maßstab bleibt angenehm klein und übersichtlich.

Spannung: 1/5

Zieht man Deadpools Meta-, Gag- und Metzelfaxen ab bleibt eine durch und durch gewöhnliche Origin-Story, daran ändert auch die nicht durchgehend chronologische Narration nichts. Somit bei aller Abgedrehtheit völlig vorhersehbar.

Anspruch: 0.5/5

Hätte das Genre und seine Flaws gerne noch öfter und hintergründiger auf’s Korn nehmen können.

Humor: 3/5

Ordinär wie ‘ne R-Rated-Comedy und brutal wie eine Fun Splatter-Party, aber am besten und witzigsten, wenn Deadpool das Genre dekonstruiert. Was er insgesamt zu selten macht.

Darsteller: 3.5/5

Das Ryan Reynolds’ Repertoir zu Deadpool passt war jedem klar, diesmal macht’s sich auch auf der Leinwand bezahlt. Morena Baccarin, Ed Skrein und T.J. Miller sind solider Support, genau wie Stefan Kapičić als gutmütiger Vorzeigeheldenethosvertreter Colossus und Brianna Hildebrand als X-Trainee Negasonic Teenage Warhead.

Regie: 3/5

Das Studio musste sich vielleicht erst dazu durchringen, „Deadpool“ zu machen, aber „Deadpool“ zu machen ist letztlich eine ziemlich dankbare Aufgabe: Action und Gemetzel günstig einfangen, bei Reynolds einfach laufen lassen, was dem so an quibs und jokes aus der Fresse rutscht… Keine Meisterleistung, aber für diesen Film genau richtig.

Film: 6/10

„Deadpool“ matscht eine Standart-Origin-Story mit Blut, Gedärmen, Gliedmaßen, infantilem Humor und Meta-Brüchen zu und alle schreien »Hurra, Bestwertung!«??? Na ja, lassen wir den Schwanz lieber alle mal in der Hose. Der Film macht Spaß, hängt zwischendurch aber wie ein schlaffer Sack und ist mit seinem R-Rated-Gewichse genauso durchkalkuliert, wie die ganzen anderen Superheldenfilme, statt richtig mit dem Genre abzurechnen. Als zugekacktes Fan-Fest schon geil, aber überall muss der Merc with a Mouth seine Ausflüsse oder gleich direkt seine Hackfresse jetzt nicht reinhalten.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • Tom nochmal 1 Kommentar(e)

    Bitte schreib’ eine einigermaßen positive Kritik zu Batman vs. Superman. Ein weiterer Verriss würde mich mit einem ganz unguten Gefühl ins Kino gehen lassen. 🙁

  • Tom 1 Kommentar(e)

    Der Humor hat für mich meistens gut funktioniert, aber ich fand’ enttäuschend, das der Film nach der großartigen Autobahn-Szene actiontechnisch nichts mehr gezeigt hat, was da auch nur annähernd mithalten konnte. Der Film hat sein Pulver schon ganz am Anfang verschossen. Außerdem war die Deadpool-Entstehungsgeschichte deutlich zu ausführlich erzählt. Hätte man das kürzer gefasst und dafür mehr Splatter-Zeitlupen-Action im hinteren Drittel eingebaut, wäre ich deutlich zufriedener aus dem Kino gegangen. Der Showdown auf diesem Flugzeugträger (oder was auch immer das war) war dann leider ziemlich lahm. Naja, ist ja nichts Neues…

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Joa, kann man so sehen, gerade bezüglich der Entstehungsgeschichte, die nun wirklich ‘ne ziemliche 08/15-Superheldenfilm-Nummer war. Der “Flugzeugträger” am Ende (auch wenn’s die Macher nicht offiziell zugeben wollen/dürfen) war übrigens sehr wahrscheinlich ein abgestürzter Helicarrier, kleines MCU-Easter Egg halt 😉

  • Deadpool 4 Kommentar(e)

    6 von 10, was für ein Scheiß! 69 und zwar zehn Mal die Nacht, Baby! Aber was weiß so ein ungebummster Blogger mit Tom Hardy-Avatar schon von Sexstellungen 😀 😀 😀 😀

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Keine Ahnung, Poolboy. Können uns ja zum Sequel ‘n Chimichanga teilen und du zeigst mir ein paar 😉

    • Deadpool 4 Kommentar(e)

      grrrrrr, sexy 😛

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Aber nur, wenn du deine Hugh Jackman-Maske trägst 😉

    • Deadpool 4 Kommentar(e)

      …………….ok, der war gemein 🙁

  • Jolie 6 Kommentar(e)

    Hm, also irgendwie ist dieser “Humor” der Grund, warum ich diesen Film nicht sehen will… Wirkt irgendwie billig, aber es kann gut sein, dass ich dem Film damit unrecht tue…

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Nö, gar nicht mal, der Humor ist schwer ordinär 😀 Aber die ganzen Anspielungen und Querverweise wiederum sind ziemlich cool. Zweischneidig halt, das Ganze…

  • donpozuelo 198 Kommentar(e)

    Ich würde beim Humor noch einen Punkt mehr geben, aber ansonsten gebe ich dir überall Recht. Die Story ist wirklich einfachste Origin-Story überhaupt. Ich fand’s auch sehr schade, dass die Nebencharaktere viel zu kurz kommen. Sie sind zwar alle solide, aber hätten ein bisschen stärker sein können. Aber letztendlich ist es halt die Ryan-Reynolds-Show… und die war durchaus unterhaltsam 😀

    • Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Ja, ging schon klar. Humor-Punkte sind halt so ‘ne (Geschmacks-)Sache, ab irgendwann haben bei den ganzen Pimmel- und Furzwitzen einfach im Kinosaal die Grille gezirpt. Hatte da auf viel mehr Meta-Sprüche vom Poolboy gehofft 😉

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