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THE WALK: Kritik zum Drahtseil-BioPic mit Joseph Gordon-Levitt (Blu-ray)

Von Flynn Hardy vor 4 Monaten geschrieben02 / 2016Kritiken0 Kommentare
THE WALK Filmkritik Rezension Review

Die Story

Frankreich, Anfang der 1970er Jahre: der Straßenkünstler Philippe Petit verdient sich mit pantomimischen Sketchen, Jonglier- und Zauberkunststückchen und bevorzugt mit Balaceakten auf dem Drahtseil seinen Lebensunterhalt. Bereits seit jungen Jahren hegt Philippe eine innige Leidenschaft für den Hochseillauf und ist stets auf der Suche nach der nächsten Gelegenheit, sein Seil zu spannen und seine Kunst aufzuführen. Und nachdem er in einer Zeitung auf eine Abbildung der im finalen Baustadium befindlichen Türme des World Trade Centers stößt lässt ihn ein Gedanke nicht mehr los: Philippe will unbedingt zwischen den beiden über 400 Meter hohen Gebäuden von einem Dach zum anderen laufen. Nachdem er vom kauzigen Artisten Papa Rudy sämtliche Tricks und Kniffe, aber auch die logistische Wissenschaft der Hochseilakrobatik erlent hat, macht sich Philippe mit seiner Freundin, der Musikerin Annie, und einigen treuen Helfern im Jahr 1974 auf den Weg nach New York, um sein illegales und hoch riskantes Unterfangen in schwindelerregende Tat umzusetzen…

Die Filmkritik

Respekt, Monsieur Petit. Und den bezeugt ihnen hier jemand, der’s mit Höhen so wenig hat, dass bei ‘nem Meter sechzig Schluss war mit wachsen 😉 Für den 1949 im französischen Nemours geborenen Hochseilkünstler hingegen konnte es gar nicht hoch genug hinausgehen, als er sechs Tage vor seinem fünfundzwanzigsten Geburtstag auf einen Draht stieg, gespannt zwischen den Türmen des World Trade Centers und mit seiner Balancierstange und ohne jede Sicherungsvorkehrung, die einen Sturz hätte abfangen können, zu einem Rendevouz mit dem Unmöglichen spazierte. Diesen seinesgleichen suchenden artistischen Akt, den enthusiastisch-besessenen Künstler dahinter und nicht zuletzt die Bühne seiner bewunderten Aufführung würdigt „Zurück in die Zukunft“- und „Forrest Gump“-Regisseur Robert Zemeckis mit dem HOCHspannenden und zugleich beflügelten Dramedy-Thriller „The Walk“, der Petits Werdegang, die akribische Planung seines Coups und in einem atemraubenden Finale den Drahtseilakt selbst portraitiert.
Charlotte Le Bon und Joseph Gordon-Levitt in THE WALK
Nach seiner gemischt aufgenommenen performance capture-Tech Demo-Trilogie „The Polar Express“, „Beowulf“ und „A Christmas Carol“, entstanden zwischen 2004 und 2009, und der Rückkehr zum herkömmlichen Realfilm mit dem besoffener Pilot-Drama „Flight“ ist „The Walk“ nun Zemeckis’ endgültige Besinnung auf klassisches Erzählkino, ein Film voller joie de vivre, zwinkernd und einnehmend, wenn Joseph Gordon-Levitt („Don Jon“, „Premium Rush“) einen von der Fackelspitze der Freiheitsstatur aus einlädt, den mehrjährigen Weg zu seinem legendären Gang zu begleiten. Dass Zemeckis und Co-Autor Christopher Browne bei ihrer Adaption von Petits Buch „To Reach the Clouds: My High Wire Walk Between the Twin Towers“ einige Schatten in der Persönlichkeit des Drahtseilakrobaten auslassen und was das angeht James Marshs Dokumentarfilm „Man on Wire“ die akkuratere Umsetzung sein mag, nimmt „The Walk“ nichts von der lebendigen Kraft dieser außergewöhnlichen „to beat the odds“-Geschichte.

Gordon-Levitt gibt Petit als flammend beseelten Hochseil-Hasardeur, dessen übersteigert scheinende Hingabe für seinen Twin Tower-Stunt in den ersten zwei Dritteln des Films nicht wirklich nachempfindbar ist, so verschmitzt und antrainiert artistisch-elegant sich das Bürschchen auch gibt, so ist seine Begeisterung doch der Klang einer Materie, deren Instrumente man als Zuschauer nicht zu spielen versteht – bis er schließlich auf dem Dach des Südturms, in über vierhundert Metern Höhe, das Seil betritt und „The Walk“ diesen Moment der Befreiung in der poetischen Magie des Gangs in fantastische Bilder bannt. Nahtlos gehen der praktische Dreh und unterstützende CGI ineinander über und man ist mit Petit da oben und Zemeckis schenkt dem high wire-Künstler nicht nur die Erinnerung an diesen Moment, sondern ganz New York einen atemberaubenden Ausblick, der der Stadt durch die Terroranschläge im September 2001 genommen wurde.
Joseph Gordon-Levitt und seine Crew in THE WALK
„The Walk“ ist ein pathetischer Film, die Huldigung eines Symbols einer symbolhuldigenden Nation, eines Franzosen, der sich amerikanisiert, um dem Word Trade Center, New York, Amerika und der ganzen Welt einen Moment zu schenken. Einen Moment Geschichte, gilt schließlich Petits „artistic crime of the century“ im übertragenen Sinne als Lebensspender für die bis dahin unpopulären, für ihr hässlich-zweckmäßiges Design kritisierten Zwillingstürme. Das geht der Film aber behutsam wie Petit seinen ersten Schritt auf’s Seil an; in der Herausforderung, die er darin sieht, wirkt seine Faszination für die Twin Towers nicht aufgesetzt, denn für einen Menschen, der jeden Ort nur nach der Möglichkeit absucht, seinen Draht zwischen zwei Punkten zu spannen, müssen sie wie für einen Fußballer das Estadio Santiago Bernabéu in Madrid, das Camp Nuo in Barcelona oder das Dortmunder Westfalenstadion gewesen sein: da will man unbedingt mal gespielt, da will man sich unbedingt mal bewiesen haben.

Diese angemessene Würdigung inszeniert Zemeckis als Synkretismus verschiedener Stile, märchenhaft entrücktes Künstler-BioPic, Liebesgeschichte und Heist-Thrill mit transzendentalem Höhepunkt, moderiert von der Ekstase, den Zweifeln und der Erfüllung Petits, ausklingend mit einer bittersüßen Schlusseinstellung. Zemeckis und sein etwas absonderlich frisierter und geschminkter Star Gordon-Levitt verneinen dabei keineswegs vollkommen die Schattenseiten und psycholgischen Auswirkungen des Unterfangens auf das Frohgemut ihrer Hauptfigur, die nicht nur ihre (erzählperspektivisch folgerichtig) nahezu profillos bleibenden Komplizen wie selbstverständlich für ihre Sache einspannt, sondern an einem besonders brenzligen Punkt ihrer waghalsigen Unternehmung nur eine einzige Impulsentscheidung vom wirklich kriminellen Wahnsinn entfernt ist. Gordon-Levitt spielt das durchweg überzeugend, kann seinen Bengelcharme genauso einsetzen, wie den Abgrund der Petit’schen Leidenschaft und die komödiantischen, showdivahaften Töne des Straßen-Entertainers.
Balanceakt - Joseph Gordon-Levitt in THE WALK
Noch vor den anderen Schauspielern sind ganz klar die Schauplätze, die visuelle Komposition und der gewinnende Schwung des Films die weiteren Stars in „The Walk“, Petits Helfershelfer Charlotte Le Bon, Clément Sibony und James Badge Dale, sowie Ben Kingsley als Manegen-Original Papa Rudy fallen aber keinesfalls negativ ab. „The Walk“ und Petits Coup sind nunmal nur am Rande auch ihre Geschichten. Robert Zemeckis beste Regiearbeit seit dem Verschollenen-Abenteuer „Cast Away“ (2000) ist besonders in der finalen halben Stunde aufregender als die meisten dicken Blockbuster, wenn „The Walk“ die Verve von „Ocean’s Eleven“ mit einer Stunt-Nummer aus „Mission: Impossible“ verbindet und man gar nicht anders kann, als um Petit zu bangen und ihn schließlich gerührt und begeistert zu feiern.

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Temporeich und zum Teil gerafft, aber nicht hektisch erzählt und ansonsten ist Action im klassischen Sinne hier eigentlich kein großes Kriterium.

Spannung: 3.5/5

In 3D und im IMAX-Format und mit Höhenangst sind bei „The Walk“ beim Fingernägelkauen bestimmt ganze Fäuste draufgegangen. So ein intensives Erlebnis kommt auf der 94cm-Heimglotze natürlich nicht rüber.

Anspruch: 3/5

Ganz so ein charmanter und leicht ins Herz zu schließender Schelm wie die meiste Zeit im Film ist der echte Philippe Petit wohl nicht unbedingt. „The Walk“ ist dennoch ein feines Portrait seines Protagonisten und seiner Zeit.

Humor: 1.5/5

Sehr locker und eingängig im Ton, aber jetzt auch keine Schenkelklopfer-Parade.

Darsteller: 4.5/5

Tolle Leistung von Joseph Gordon-Levitt, der mit Leichtherzigkeit, aber auch in Petits dunkleren Momenten überzeugt. Durch die Erzählperspektive bleiben alle anderen Figuren weitestgehend Staffage.

Regie: 4.5/5

Zemeckis’ beste Regieleistung seit anderthalb Jahrzehnten. Der hat nach wie ein tolles Händchen dafür, state of the art-Effekte beinahe unbemerkt und damit umso wirkungsvoller in einnehmende Storys zu integrieren.

Film: 8.5/10

„The Walk“ ist ganz wunderbares Erzählkino, dessen finaler Akt aufregender ist als die meisten Thriller und Blockbuster. Eine unterhaltsame Verbeugung vor Drahtseilkünstler Philippe Petit, dem Mut zum Verwirklichen seiner Träume, vor New York und vor dem Vermächtnis der Zwillingstürme mit tollen visuellen Effekten.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

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