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THE KEEPING ROOM: Kritik zum Western-Drama mit Brit Marling und Sam Worthington (Blu-ray)

Von Flynn Hardy vor 5 Monaten geschrieben03 / 201612 Kommentare
THE KEEPING ROOM Filmkritik Review Rezension

Die Story

Der amerikansiche Süden im Jahr 1865: der Sezessionskrieg zwischen der Konföderation der Südstaaten und der Union der Nordstaaten neigt sich seinem Ende zu, doch davon ahnen Augusta und ihre jüngere Schwester Louise nichts, die gemeinsam mit der Haussklavin Mad auf dem Familienbesitz zurückgelassen wurden und so gut es geht versuchen, ihr Land zu verwalten und sich unter den harten, abgelegenen Bedingungen am Leben zu halten. Als Louise eines Tages von einem Waschbären attackiert wird und schwer zu fiebern beginnt, macht sich Augusta auf den Weg, um irgendwo Medizin aufzutreiben. In einem Saloon trifft sie dabei auf zwei betrunkene, desertierte Soldaten der Unions-Armee, die plündernd, vergewaltigend und mordend durch den Süden ziehen. Zunächst kann Augusta den beiden Männern entkommen, doch die nehmen ihre Spur auf und folgen ihr zu ihrem Zuhause. Schon bald sehen sich die drei Frauen gezwungen, ihren Besitz, ihre Körper und ihr Leben gegen die brutalen Eindringlinge zu verteidigen…

Die Filmkritik

Mit Mystifizierung und Legendenbildung hat das Achtzehnhundertirgendwann angesiedelte US-Kino gegenwärtig nicht viel zu tun. Sang der Western einst verklärende und schematisch in ideologisch klar getrennte Bilder geteilte Loblieder auf den Aufbruch und die Erschließung des wilden Westens, auf heroische Gunslinger und den Entdecker- und Pioniergeist jener Tage, folgt mittlerweile häufig die vollkommene Desillusionierung. Filme wie Alejandro González Iñárritus Revenge/Survival-Thriller „The Revenant“, das nihilistische gold rush-Abenteuer „The Timber“ oder Tarantinos Blut- und Bleiballade „The Hateful Eight“ zeigen ein raues, brutales und gänzlich unromantisiertes Amerika im 19. Jahrhundert. An dieser Kerbe schnitzt auch „Harry Brown“-Regisseur Daniel Barber mit dem Home Invasion-Drama „The Keeping Room“ herum und ritzt einige oberflächliche Schnitte mehr in die abgenutzte Glorreichfärbung des Westerns.
Brit Marling in THE KEEPING ROOM
Dem schneegetränkten „The Timber“ in dessen kryptischer Stimmung (und einem Subplot, der hier Haupthandlung ist) gar nicht unähnlich, ist „The Keeping Room“ ein slow burner, zeigt den Alltag der Schwestern Augusta und Louise und ihrer Sklavin Mad als beschwerliches Abackern in verkehrten, durch den Krieg und die Verpflichtung ihrer Männer in sie zwangstransplantierte Geschlechteridentitäten und in einer Sehnsucht nach heteronormativen Verhältnissen: Kleider tragen, einen Mann lieben, Kinder gebären, statt zu jagen, zu schießen, kämpfen zu müssen. Männer allerdings sind in ihrer Welt, die sich mehr nach verwahrloster Postapokalypse denn nach einer historischen Epoche anfühlt, entweder absent, duckende Feiglinge oder seelisch vom Anblick des Kriegsschreckens im Hintergrund des Films zerfressene Monster.

Mit einer von wehleidenden Violinen und Mundharmonika akustisch und von spontanen, manchmal zittrigen Handkamerabildern und wide shots visuell getragenen Atmosphäre ist „The Keeping Room“ eine allgemeingültige Moralgeschichte vom Überwinden aufoktroyierter Genderverständnisse und rassistischer Vorurteile, die Wichtigkeit von Zusammenhalt über Geschlechter- und Hautfarben-Präjudizien hinaus, um ein gemeinsames Wohl-, zumindest ein Besserergehen zu bewirken. Die stimmungsvolle Gestaltung und die zeitungebunden erstellten Parabeln, die eindeutig ins Jetzt und Heute hallen und nicht bloß Historie abbilden wollen, sind Barber und Drehbuchautorin Julia Hart dabei vorrangiger, als Storyreize und Figurentiefe.
Sam Worthington in THE KEEPING ROOM
Die beiden Schwestern und ihre Sklavin, noch davor aber die Mann-Monster des Films sind die Litfaßsäulen dessen, was Barber und Hart mit „The Keeping Room“ aufzeigen wollen. Das Verhalten der Frauen und ihrer Peiniger ist draufplakatiert und der Film shiftet seine Charaktere hin und wieder zum Betrachter der Litfaßsäule, wenn Mad auf das N-Word nicht mit gleichmütiger Gewohnheit nach Jahren in der Sklaverei, sondern offensichtlich brüskiert reagiert oder eine schallende Ohrfeige nicht schweigend hinnimmt, sondern erwidert. Das ist nicht die chronistische Aufarbeitung von Ungleichberechtigungen im 19. Jahrhundert, dass ist der offensiv geführte Kampf um Gleichberechtigung und -behandlung einer Gegenwart, die noch immer nicht angekommen ist, wo sie in diesen Belangen hingehört.

Barber beschreibt teilweise qualvoll offensichtlich den Weg zum besseren Selbst, im Unterscheiden der Zurückgebliebenen und den direkt Betroffenen schaden Krieg und seine soziologischen Umstände jedem, aber er stärkt manche und zerstört die anderen. Das vermittelt „The Keeping Room“, ohne direkt ein Film über den Krieg mit Kanonen und Explosionen zu sein, die erst ganz am Ende als dumpf voraushallende Bedrohung am Horizont aufziehen, sondern über den ständigen Krieg des Menschen im Streit mit seinen speziesinternen Vorstellungen, den Trennlinien zwischen Geschlechtern und Rassen. Das ist nur alles zu vage gehalten und der Film absorbiert die Kraft seiner engagierten Haltung, wenn er lieber Lektionen über die Figuren erteilt, statt sie und ihre Situation psycholgisch zu ergründen.
Muna Otaru und Brit Marling in THE KEEPING ROOM
Dafür sind viele der Storymuster zu bekannt und die Dialoge, wenn auch spärlich, zu belanglos und aufgesagt, obwohl Brit Marling, Hailee Steinfeld und Muna Otaru tadellose Schauspielleistungen liefern, sind diese auch sehr auf Leidensemotionen limitiert und können dem kargen Drehbuch keine Subtilität abgewinnen. Die Charakterentwicklung erfolgt oft zu plötzlich, hat was vom abgenudelt-volksmündigen „geteiltes Leid ist halbes Leid“ und mitten im wesentlich straffer als zuvor inszenierten home invasion-Endspurt des Films macht ein reingeschustertes Ereignis mit „die generösen Schwarzen verzeihen den Weißen ihre Sünden“-Implikation einen allzu bornierten Eindruck. Dem als Blockbuster-Leading Man gescheiterten Sam Worthington gehört die vielleicht stärkste Szene des Films und ihm gelingt es im Ansatz, hinter der Überzeichnung der mordenden und vergewaltigenden Schweine eine traumatisierte Tragik von Verlorenheit durchscheinen zu lassen, sein Kumpan Kyle Soller hingegen bedient, unter anderem in der unangenehmsten Sequenz, ausschließlich dieses bestialisch verrohte Mannbild.

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Nur wenig relevant, es fallen zwar Schüsse, aber einen ausgewachsenen Gunslinger- oder Bürgerkriegs-„Actioner“ sollte man bei „The Keeping Room“ nicht erwarten.

Spannung: 1/5

Bisweilen sehr mühevoll langsam erzählt, die Plot Beats sind bekannt und die innere Reise der Figuren vorhersehbar.

Anspruch: 2.5/5

Ambitioniert, aus liberaler Sicht spricht der Film natürlich die „richtigen“ und „wichtigen“ Themen an, bleibt dabei aber zu vage.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4/5

Engagiert gespielt, von der Zeigefingerhaltung und dem Lektionsgestus des Films aber nicht immer unterstützt.

Regie: 2.5/5

Daniel Barber schafft keinen rechten Einklang zwischen dem deprimierenden Stimmungsbild, den Abhandlungen über Rassismus und Geschlechtervorstellungen und der eigentlichen Handlung des Films und der Entwicklung der Figuren.

Film: 5/10

Endzeit-Atmosphäre im Jahr 1865: „The Keeping Room“ ist ein ungewöhnliches Bürgerkriegs-Drama, das sich nicht auf seine Epoche spezifiziert, um über menschliche Konflikte zu referieren. Das tut der Film allerdings recht illustratorisch, ohne seinen konkreten Figuren nahe zu kommen.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

    So. Endlich mal gesehen. Um es nett zu formulieren: Es ist kein schlechter Film, aber sehr wahrscheinlich bis jetzt der Schwächste mit Brit Marling. Hoffentlich wir der nächste wieder besser. 🙂 Aber (!), und das ist jetzt wieder typisch für mich, ich fand die Musik im Abspann sehr ansprechend und inspirierend, 🙂

    • Flynn Hardy 198 Kommentar(e)

      Na immerhin 😀

  • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

    Nur 5 von 10 sagt der Boss. Nun gut. Ich kauf den trotzdem, denn ich mag diese Brit Marling und will alles von und mit ihr haben! 😀
    PS: Weiß jemand, wann I Origins hierzulande auf DVD rauskommt? 🙂

    • Flynn Hardy 198 Kommentar(e)

      Die Marling macht das sehr gut, wenn man’s mit der hat ist “The Keeping Room” sicher einen Blick wert.
      “I Origins” ist über Streamingdienste bereits erhältlich, Amazon Instant Video hat den z. B. im Angebot.

    • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

      Hej, das ist ja super! 😀 Aber ich habe noch nie einen Film digital bei Amazon gekauft. Weißt du eventuell, was mich da so erwatet? Kann man das dann auf den Fernseher ansehen (so wie bei Prime- oder Leih-Filmen gegen Bezahlung) oder nur am PC? 🙂

    • Flynn Hardy 198 Kommentar(e)

      Also ich bin Prime-Kunde und streame Filme über die Xbox-App von Amazon. Ansonsten geht das noch mit dem Amazon Fire TV Stick, oder halt am Computer gucken.

    • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

      Ich wer’s mal testen. Ich gucke Amazon-Prime-Inhalte über eine Sony-Bravia-Box. Mal sehen, ob das funktioniert. 🙂

    • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

      Ui, das war ja einfach. 🙂 Einfach mal auf “kaufen” geklickt über die Box, und die Transaktion wurde tatsächlich vollzogen. Somit besitze ich jetzt meinen ersten digitalen Film in der Amazon-Video-Bibliothek. *eine Handvoll Konfetti schmeißt* 😀
      Allerdings möchte ich diesen Film trotzdem im Schrank als DVD oder Blu-ray stehen haben! *grummel*
      😀

    • Flynn Hardy 198 Kommentar(e)

      Yay, hurra hurra 😀
      Ich kenne das, aber ich gewöhne mich mittlerweile ans digitale Gucken, zumal’s mir zunehmend an Platz mangelt…

    • Tora_larsson 37 Kommentar(e)

      Das mit dem Platz ist auf jeden Fall ein Argument FÜR diese Art des Filmekaufens. Aber trotzdem…. Nein, es wird schwer für mich sein, sich daran zu gewöhnen, denn so wie es aussieht, wird das die Zukunft des Filmkonsums sein. 🙂 Und wer weiß, was passiert, wenn Amazonien und Co. doch mal platt gehen? Dann hat man am Ende vielleicht nix mehr – aber einen Haufen Geld ausgegeben für dieses Nix. :-/

  • Flo Lieb 94 Kommentar(e)

    Ich sag’s mal so: Filme mit Sam Worthington können schwerlich gut sein.

    • Flynn Hardy 198 Kommentar(e)

      Trifft meistens zu, der ist hier aber nicht unbedingt ausschlaggebend 😉

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