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KILL YOUR FRIENDS: Kritik zur Musikbranchen-Satire mit Nicholas Hoult (DVD)

Von Flynn Hardy vor 4 Monaten geschrieben03 / 20160 Kommentare
KILL YOUR FRIENDS Filmkritik Review Rezension

Die Story

London, 1997: die britische Musikindustrie boomt, Britpop-Bands wie Blur, Oasis und The Verve oder die Girl-Power Sensation Spice Girls feiern weltweite Plattenerfolge – während die Gestalten dahinter dem nächsten Versprechen auf einen Hit nachjagen: der Mittzwanziger Steven Stelfox ist „Artists and Repertoire“-, kurz A&R-Manager bei einem großen Londoner Plattenlabel und sein Job ist es, den Markt abzuschätzen, sich Demotapes anzuhören, Konzerte zu besuchen und Kontakte zu Künstlern und Gruppen aufzunehmen, die Profit versprechen, und diese zu signen, bevor die Konkurrenz es tut und den Hit landet. Ein einziger Song kann in Stelfox’ Branche über Aufstieg und Fall entscheiden. Das Problem des zynischen, koksenden und rumvögelnden Arschlochs: Bands hasst er eigentlich und die Musikbranche interessiert ihn im Grunde einen Scheiß, die meisten Tapes landen ungehört im Müll und auf Tipps seiner Assistentin Rebecca hört er schonmal gar nicht. Stelfox treibt die Geld- und Karrieregier, die Aussicht auf den Posten des Head of A&R. Doch als er bei einer Beförderung übergangen und auch der Deal mit einem deutschen DJ und dessen Techno-Nummer „Why Don’t You Suck My Fucking Dick?“ zum Rohrkrepierer wird zieht Stelfox andere Saiten auf…

Die Filmkritik

Blur gegen Oasis, Damon Albarn oder die Gallagher-Brüder, die Feststellung, dass die „Drugs Don’t Work“en und das „Which Would You Bang??“-Game mit Posh, Scary, Baby, Sporty und Ginger Spice – das waren die Themen, um die man in der Musikbranche von den Früh- bis Spät-1990ern nicht herum kam. Am Scheitelpunkt der Britpopwelle, die während dieser Zeit Radiosender und CD-Regale dominierte, setzte der schottische Autor und vormalige Plattenfirmenmitarbeiter John Niven 2008 seinen Debütroman „Kill Your Friends“ an, einen all-out assault auf die Klimperindustrie Englands im Jahr 1997. Vom deutschen A&R-Manager, Produzenten, Journalisten und Autor Tim Renner als »Das „American Psycho“ der Musikindustrie« beschrieben, wurde die Thriller-Satire zum Erfolg und Niven persönlich verfasste nun auch das Script zur Filmadaption seiner wüsten, koksbeseelten Insidershow.
Nicholas Hoult als Steven Stelfox in KILL YOUR FRIENDS
„Kill Your Friends“ ist eine schrille Reise durch die Musikindustrie und die Gedankenwelt eines abgebrüht-chauvinistischen Karriereschweins mit ausgeprägt asozialem Geltungs- und Statussymbolbedürfnis und zunehmender Reue- und Schamlosigkeit im Durchsetzen seiner persönlichen Interessen. Stelfox ist einer dieser Leitermenschen, die jeden über sich am Bein packen, von den höheren Sprossen herunter reißen und in den Abgrund werfen, nicht weil einzig ganz oben ihr Idealismus für die Branche seinen Ausdruck finden würde, sondern weil’s da oben noch mehr Drogen, noch mehr Bitches, noch mehr Kohle gibt. Für Bands und Künstler hat Stelfox nur Zynismus und die Lächerlichmachung ihrer Philosophien übrig, setzen sie sich doch nach Untervertragnahme spätestens mit dem zweiten Album dem industriellen Kalkül profitgeiler Bosse aus und tauschen ihre musikalische Individualität mit dem Signing bei einem großen Label gegen Massenzuschnitt und Zielgruppenberechnungen.

Niven und Regisseur Owen Harris spielen auch mit der Filmfassung von „Kill Your Friends“ lieber harte Riffs statt Kuschelrock, allerdings bleibt bei allem Unterhaltungswert der stete Eindruck, diese Art von überspitzter Satire und ihre typischen Formeln schon oft und oft besser gesehen zu haben: der radikalere „American Psycho“, der abgründigere „Nightcrawler“, der derbere „Filth“ und der exzessivere „The Wolf of Wall Street“, mit denen hat „Kill Your Friends“ diese vorgestellten Adjektive grundsätzlich gemeinsam, er reizt nur keines davon derart aus. Gimmicks wie die nicht durchgehend stringente Narration, Traum- und Trip-Sequenzen oder Fourth Wall Breaks sind gut eingesetzte, aber kaum innovative Coverversionen großer Hits und „Kill Your Friends“ sozusagen das Best Off-Album der Branchensatire.
Nicholas Hoult sichtet Bands in KILL YOUR FRIENDS
„About a Boy“-Ententotschmeißer und „Mad Max: Fury Road“-War Boy Nicholas Hoult ist außerdem kein Christian Bale, kein Jake Gyllenhaal, kein James McAvoy und kein Leonardo DiCaprio, dem fehlt zum misogynen scumbag die kalte psychopathische Ader: Hoult spielt nicht völlig verkehrt oder an der Figur vorbei und in Stelfox’ halluzinogenen Räuschen ist er allein schon mit seiner junkiehaften Statur genau richtig, aber wenn er nicht unter Make Up wie in „Mad Max“ oder den „X-Men“-Filmen steckt hat Hoult so eine permanente verschüchterte Unsicherheit im Gesicht, die er merklich zu überspielen versucht, statt voll und ganz in der Figur Stelfox aufzugehen. Die kann (wenigstens im Film) ihrerseits auch nicht ganz mit den Batemans, Blooms, Robertsons und Belforts mithalten, deren charismatisch-böse Faszination erreicht Stelfox nicht.

Auch, weil die Musikbranche ein abgenabelter, um sich selbst zentrierter Kosmos ist, bei dem es einem als Konsument letztlich herzlich egal sein kann, ob diese suchtenden, bummsenden, narzistischen Kommerzgeier im Hintergrund sich nun die Birne wegdröhnen, sich (wortwörtlich) auf den Kopf pissen, sich bei Karrieresprüngen Stöcker zwischen die Beine werfen oder sich gleich umbringen. Sollen sie doch, denkt man sich bei „Kill Your Friends“, da sind Gyllenhaals skrupelloser Medienmanipulator, der am Tatort Leichen für bessere Belichtung verschiebt, oder DiCaprios kundengeldverschleudernder Börsenbetrüger einfach die (gegenwarts)relevanteren Schandgestalten, bei denen ihre Leidenschaft für ihr Gebiet sie umso verabscheuenswerter macht, während Stelfox seinen kühl-gelangweilten Egotrip schiebt.
Teamtreffen mit Georgia King und Nicholas Hoult in KILL YOUR FRIENDS
Mit seinem schmucken Soundtrack von Blur bis The Prodigy, zumindest einigen wirklich nadelspitzen Anspielungen auf die Musikkultur in einem dahingehend insgesamt etwas zu zahmen Film mit sehr offensichtlichen und dankbaren satirischen Zielen (wie Moritz Bleibtreu als deutscher Vokuhila-DJ mit bekloppt-dröhnender utz-utz-utz-Single oder einer abgeranzten „Spice Girls“-Wannabe-Truppe von talentfreien und stringtangabewährten Gossenbitches), den bitterbösen Dialogen und flotten Montagen ist „Kill Your Friends“ aber dennoch ganz unterhaltsam, grade wenn man vielleicht nicht jede der oben genannten, besseren Branchensatiren gesehen hat oder noch genau eine weitere dieser zynischen „asshole comes to riches“-Storys vertragen kann.

Wertung & Fazit

Action: 0.5/5

Blutige Kills und Partyrausch, an sich aber kein Kriterium.

Spannung: 1.5/5

Der Thriller-Part der Satire sorgt jetzt nicht wirklich für Gänsehaut, große Langeweile kommt aber trotz der inhaltlichen und gestalterischen Parallelen zu ähnlichen Business-Satiren auch nicht auf.

Anspruch: 1.5/5

Gnadenlos überspitzt oder doch authetisches Branchen-Abbild? Who knows, in jedem Fall kein Film, der auf eine subtile Abrechnung mit seiner Umgebung setzt sondern lieber all in geht.

Humor: 2/5

Aus der Vielzahl an derben, hintergründigen und bösen Sprüchen und Situationen geht man schon nicht ganz ohne Lacher heraus.

Darsteller: 2.5/5

Hoult ist keine Arsch-auf-Eimer-Besetzung, wirkt oft zu bemüht, dem Charakter von Stelfox seine austellerischen Merkmale zu verleihen.

Regie: 3/5

Owen Harris’ Spielfilmdebüt ist eine überzeugend vorgetragene, aber wenig innovative Coverversion vieler besserer Songs…ähhhh….Filme.

Film: 6/10

Hinterhältige Branchensatire, die aber insgesamt nur wie die B-Seite einiger weit besserer und schärferer Vorlagen wirkt. Dennoch, vor allem mit Faible für solche Arschloch-Geschichten, schon unterhaltsam.

Mehr zum Film

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