Cellurizon hat zu! Meine neue Website mit Filmkritiken, Kurzgeschichten und mehr Geschreibsel findet ihr seit Februar 2017 HIER
Skip to content

BRIDGE OF SPIES: Kritik zu Steven Spielbergs Cold War-Thriller mit Tom Hanks (Blu-ray)

Von Riggs J. McRockatansky vor 11 Monaten geschrieben05 / 20160 Kommentare

Die Story

New York gegen Ende der 1950er, inmitten des Kalten Krieges zwischen den Westmächten unter Führung der Vereinigten Staaten von Amerika und dem Ostblock unter Führung der Sowjetunion: der scheinbar völlig unauffällige Kunstmaler Rudolf Abel wird in Brooklyn verhaftet, des Verrates und der Spionage angeklagt. Der Schuldspruch scheint nur eine Formalie zu sein, denn die Beweislast ist erdrückend und vor dem Hintergrund der extrem angespannten politischen Weltlage droht Abel für seine geheimen Tätigkeiten die Todesstrafe. Um dem Spion dennoch zumindest zum Schein nach Außen einen fairen Prozess zu gewähren wird ihm der angesehene Versicherungsanwalt James Donovan zur Seite gestellt. Als Donovan jedoch auf Formfehler und Rechtsbrüche rund um Abels Verhaftung stößt weigert sich der moralisch absolut integere Verteidiger, den Fall bloß pro forma zu führen und setzt stattdessen gegen massive Widerstände alles daran, seinen Mandanten zumindest vor dem Tode zu bewahren. Auch, weil kurz darauf eine Situation eintritt, die Donovan vorausgesehen hat, als ein US-Spionageflugzeug über sowjetischem Luftraum abgeschossen wird und der Pilot Gary Powers in Gefangenschaft gerät. Daraufhin wird Donovan nach Ost-Berlin gesandt, um in der heiklen Lage als Unterhändler den Austausch der Gefangenen zu verhandeln…

Die Filmkritik

Einen kasseversprechenderen Kino-Event-Zusammenschluss als den zwischen Steven Spielberg („Jurassic Park“) und Tom Hanks („Forrest Gump“) konnte man sich in den 1990ern gar nicht vorstellen. Mehr Star-Power war zu der Zeit unmöglich zu kombinieren, der Award-prämierte Meister- und vielleicht beste Blockbuster-Regisseur aller Zeiten, dazu der überpopuläre Jedermann-Actor mit mehreren $100 Millionen + X-Hits und zwei Oscars im Regal – that’s what hollywood is aaaaaaaaall about. Mit dem Kriegs-Epos „Saving Private Ryan“ und der beschwingten Gauner-Komödie „Catch Me If You Can“ konnten Spielberg/Hanks 1998 und 2002 schließlich einlösen, was ihre Namen versprochen hatten, doch schon die dritte Zusammenarbeit „Terminal“ wurde 2004 weniger von Publikum und Kritik beachtet. Elf Jahre später gilt Spielberg längst nicht mehr als unfehlbar und Hanks’ Zugkraft hat ebenfalls merklich nachgelassen, in Zeiten von Comic-Blockbustern, R-Rated Comedys etc. verbindet man mit ihren Namen nicht mehr DAS GANZ GROßE Event eines Kinojahres.
Mark Rylance als Rudolf Abel und Tom Hanks als James Donovan in BRIDGE OF SPIES
So blieb dann auch der Spionage-Thriller „Bridge of Spies“ nicht gänzlich unbeachtet, rangiert aber für Star und Regisseur jeweils nur auf dem zweiundzwanzigst-erfolgreichsten Platz ihrer Box Office-Karrieren, ordnet sich bei Spielberg etwas über fast vergessenen Werken wie „1941“ und „Always“ und nahe dem Attentats-Drama „München“ ein. Nackte Zahlen und die Relevanz von Kassenergebnissen sagen jedoch, wie eigentlich immer, nüscht über die Qualität eines Films aus und „Bridge of Spies“ steht da unter einem Begriff, den man bei allen qualitativen Schwankungen blind sowohl auf Spielberg, wie auch auf Hanks anwenden kann: meisterhaft. Wie Spielberg mit seinem Stamm-Team um Kameramann Janusz Kamiński und Cutter Michael Kahn einen Film in Szene setzt, wie Hanks selbst one-note-Charaktere greifbar und sympathisch macht, das hat stets eine gewisse Grundklasse.

Kein Schnitt zu viel, keiner zu wenig, kaum eine Einstellung, die nicht auch etwas erzählt und nicht bloß abbildet, dazu Spielbergs sichere Inszenierung, wie bei all seinen moralischen Lehrbuchstoffen ganz im Stile klassischen Erzählkinos aufgezogen, Cold War-Paranoia mit Gerichts- und Agenten-Thrill, einem Touch von Familien-Drama und charakterstarken Aussagen vereinend – das ist eine Ausnahmekunst, die man in Zeiten von Stakatto-Schnittfesten und hibbeligem ADHS-Storytelling einfach zu schätzen wissen muss. Tom Hanks ist in „Bridge of Spies“ die moralische Kompassnadel, die unbeirrbar den rechten und ehrenhaften Weg durch ein Labyrinth aus Trug und Vorverurteilung, aus Angst und Lügen weist, er verkörpert mit dem Juristen und ehemaligen Navy-Offizier James Britt Donovan einen Mann hehrer Prinzipien, der unnachgiebiger an deren Gültigkeit festhält, je mehr sie von den Umständen in Frage gestellt werden.
Scott Shepherd als Agent Hoffman und Tom Hanks in BRIDGE OF SPIES
Voreingenommene Richter, die das Urteil gegen den Sowjet-Spion Abel noch vor Prozessbeginn bereits unter der Robe tragen, die Besorgnis seiner Gattin, schattenhafte CIA-Gestalten, Schlappen vor der Justiz und schließlich die sich zuspitzende Lage in Ost-Berlin bringen Donovan nicht von seinem Pfad der Rechtschaffenheit ab und mit dem bodenständigen Hanks in der Hauptrolle, der das in den passenden Momenten mit einem amüsierenden besserwisserischen Flachs vorträgt und seine Kontrahenten damit ausspielt, wird die klar vom Script gesteuerte Figur nicht zu einem banalen Botschaftsträger gutmenschlicher Überkorrektheit, sondern zu einem stillen Helden, der den Krieg im Hintergrund mit gutem Gewissen und reinen Vorstellungen ausficht. Das beinahe zu Freundschaft, mindestens aber gegenseitiger Anerkennung wachsende Verhältnis zwischen Donovan und Abel kommt etwas zu kurz, sobald die Parallelhandlungen des Films um den abgestürzten US-Piloten und einen in der DDR festgesetzten amerikanischen Studenten eingreifen, doch Hanks und der Oscar-prämierte Mark Rylance genügen die gemeinsamen Szenen für die richtigen Ansätze.

Die von Kriegspanik und -paranoia gesteuerte Wahrnehmung des vermeintlichen Staatsfeindes (der ja tatsächlich höchst ertragreich Atomspionage betrieb und als einer der erfolgreichsten in die USA eingeschleusten Agenten der UdSSR gilt), dessen Kopf lauthals gefordert wird und durch dessen Verteidigung der Volkesunmut auf Donovan niederprasselt, wird durch Rylance’ zurückgenommene, gleichmütige Performance konterkariert und von Spielberg nicht für die Schuldfrage, sondern für Ursprünge von und Umgang mit Schuld eingesetzt: die Regeln eines fairen Prozesses und die stete Gültigkeit von Recht und Verfassung sind nicht durch aufgeheizte Stimmung für nichtig zu erklären, sondern umso klarer einzuhalten. Donovans Grundsätzen und Vorstellungen einer freien Demokratie stellt Spielberg in der zweiten Hälfte von „Bridge of Spies“ die Begegnung mit der kommunistischen Unterdrückung des Ostens entgegen.
Passkontrolle im Berliner Winter - Tom Hanks in BRIDGE OF SPIES
Schniefend und erkältet, sich die voranschreitende Abgrenzung zum Westen und die Durchsetzung der Ideologien eines kommunistischen Herrschaftsmonopols in Ost-Berlin also sehr bildlich wie einen viralen Infekt zuziehend, wird Donovan in Deutschland des Mauerbaus und eines Schreckensregimes ansichtig, das Spielberg nicht mit Orwell’scher Härte zeichnet, vielmehr erinnert „Bridge of Spies“ bisweilen an die Episode aus „Asterix erobert Rom“, in der der wackere Gallier sich mit dem Bürokratie-Irrsinn in der Präfektur herumschlagen muss, um den Passierscheins A 38 zu besorgen. Ebenso nervenaufreibend, gescheucht von A nach B, verläuft der Geiselaustausch für Donovan, wenn er an pythoneske Gestalten gerät, wie Abels Scheinfamilie oder Sebastian Kochs windigen Winkeladvokat Vogel, der die Deutsche Demokratische Republik mit unreif-kindlicher Bockigkeit und „wenn ihr mir kein Stück abgeben wollt spucke ich euch eben auf die Torte“-Mentalität an den Tisch der Großmächtigen zu zwängen versucht.

Da macht sich dann der Einfluss der Coens bemerkbar, die Matt Charmans Drehbuch mit einigen Humor- und fast grotesken Spitzen angereichert haben, so lässt ein Treffen von Donovan mit dem ostdeutschen Generalstaatsanwalt Ott, gespielt von Burghart Klaußner, an die frühen und oft absurden Werke der Brüder oder an Terry Gilliam denken, genau wie eine kleine, pointierte Unterhaltung zwischen dem ausgebufften US-Lawyer und „Stromberg“-Azubi Maximilian Mauff. Durch diese Ton-Shifts lässt der versierte Cold War-Thriller aber das letzte Zupacken vermissen. „Bridge of Spies“ mag chronologisch, kann aber nicht an die Wirkung von „Saving Private Ryan“ und „Schindlers Liste“ anknüpfen. Selbst die härteren Szenen mit Ungerechtbehandlung durch willkürliche Staatsgewalt und Verwaltungsabläufe, Folter und Erschießungen reichen nicht an deren Schonungslosig- und Schwerverdaulichkeit heran.
Am Telefon in Berlin - Tom Hanks in BRIDGE OF SPIES
Das „kurz vor zwölf auf der doomsday clock“-Setting zeigt Spielberg mit weinenden Schulkindern während der Vorführung eines Lehrvideos über Atomkraft und Donovans duck-and-cover-Ratschläge naiv beherzigendem Sohn und lässt es Hanks mit einer Kernaussage des Films artikulieren (»The next mistake our countries make could be the last one…«), doch scheint der Regisseur sich bewusst zu sein, dass das Wissen um die große historische Wirklichkeit vor der fiktionalen Aufbauschung stünde und wählt den Ansatz eben anders. „Bridge of Spies“ rafft Handlungselemente zeitlich näher zueinander, spitzt sich aber nie so überdramatisiert zu, wie zum Beispiel Ben Afflecks Geiselbefreiungs-Thriller „Argo“. Dennoch halten Spielberg und Hanks zweieinhalb erlebenswerte Geschichtsstunden ab, allemal fesselnder und moralisch bildender als dröger Schulunterricht.

Wertung & Fazit

Action: 1/5

Ein heftiger Flugzeugabsturz, ansonsten wird der Kalte Krieg in „Bridge of Spies“ vorwiegend mit Worten ausgetragen.

Spannung: 2.5/5

Schon ein spannendes Kapitel der Geschichte des Kalten Kriegs, durch die historische Wahrheit und zum Teil im Ton des Films begründet entsteht aber nie ein nervenzerrender Zweifel, ob hier alles glimpflich ausgeht.

Anspruch: 3.5/5

Streckt die Tatsachen ein bißchen, liefert aber ein beeindruckend gestaltetes und moralisch einfach entworfenes, aber dennoch komplexes moralisches Stück Geschichte.

Humor: 1/5

Die grotesken Spitzen der Coen-Brüder und Hanks’ nonchalantes über den Schnabel-Fahren sorgen für amüsante Momente vor ernster Droh-Kulisse.

Darsteller: 4.5/5

Hanks sehr überzeugend als Held der Worte und Überzeugungen, über Mark Rylance’ Oscar-Auszeichnung kann man streiten, über die stille Güte seiner Leistung hingegen nicht.

Regie: 4/5

Nach über vierhundert Filmen in achthundertfünfzig Jahren muss man über die Leinwanderfahrung und inszenatorische Ausnahmeklasse von Spielberg nicht mehr viele Worte verlieren.

Film: 8/10

„Bridge of Spies“ ist nicht Steven Spielbergs bester oder wichtigster Film, aber für einen klassisch und mit Klasse erzählten Polit- und Agenten-Thriller reicht das allemal.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

Ja... weißt du... das ist vielleicht... deine Meinung, Mann...
...also schreib doch einfach einen Kommentar!

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Weitere Artikel
Navigiere zum vorigen/nächsten Artikel

86 Aufrufe