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THE REVENANT: Kritik zum Survival-/Rache-Western mit Leonardo DiCaprio & Tom Hardy (Blu-ray)

Von Riggs J. McRockatansky vor 11 Monaten geschrieben05 / 20160 Kommentare

Die Story

Amerika in den 1820ern: der Trapper und Fährtenleser Hugh Glass führt eine Expedition der Rocky Mountain Fur Company durch ein unwirtliches, weitestgehend unbesiedeltes und gesetzloses Territorium im verschneiten Norden der USA. An Glass’ Seite ist sein halbindianischer Sohn Hawk, der einst mit seinem Vater ein Massaker am Stamm der Pawnee überlebt hatte. Eines Tages wird das Lager der Pelzsammler um Captain Andrew Henry von einer Gruppe Arikaree angegriffen und stark dezimiert, ein Großteil der erbeuteten Pelze gestohlen. Lediglich ein knappes Dutzend der Männer kann sich auf ein Boot retten, jedoch hört Henry auf Glass’ Rat, dieses schnell wieder zu verlassen und sich auf der Flucht vor den Arikaree über die Berge durchzuschlagen. Dies weckt den Unmut des aggressiven John Fitzgerald, der einst von Indianern massakriert wurde und nun seine Entlohung gefährdet sieht. Als Glass getrennt von der Gruppe der brutalen Attacke einer Grizzlybärin zum Opfer fällt, bleibt Fitzgerald für eine zugesicherte Sonderzahlung gemeinsam mit Hawk und dem jungen Jim Bridger zurück, bis der tödlich verwundete und nicht mehr transportfähige Glass stirbt, um ihn angemessen beizusetzen. Doch Fitzgerald begeht stattdessen ein grausames Verbrechen und überlässt Glass schließlich seinem scheinbar besiegelten Schicksal – aber von Vergeltungsdurst und Überlebenswillen getrieben kriecht Glass aus seinem Grab…

Die Filmkritik

Die Welt schien still zu stehen, Konflikte wurden beigelegt, Kriege beendet, Religionen vereinigt, Kerzen in die Luft gereckt, Tränen der Rührung vergossen und die Bevölkerung der Erde lag sich friedvoll in den Armen, als am 28. Februar 2016 auf »And the Oscar goes to…« der Name »Leonardo DiCaprio!« folgte. Endlich. Einer der am längsten währenden Running Gags in der Geschichte der Traumfabrik ging seiner Pointe verlustig und Strahlebengel Leo konnte nach vier vergeblichen Anläufen seit 1994 doch noch den Goldmann in die Luft recken und die Bühne nutzen, um auf den Klimawandel aufmerksam zu machen. Hallelujah! Aber mal ehrlich, es war schon ziemlich affig, dieses Theater um DiCaprios überfällige Würdigung, bei der es zuguterletzt gar nicht mehr um die Anerkennung von Schauspielkunst, sondern bloß noch um einen befremdlich-stilisierten »Leo, we love you, und du verdienst es so sehr!«-Schluchzeifer-Hype ging. Die Kapriolen um DiCaprio schmälerten nicht nur den Beitrag der Mit- und einiger Nicht-Nominierter, selbst die eigene Leistung des Massenlieblings und auch des Film, in dem er sie erbracht hat, schienen fast nebensächlich.
Überlebenskampf - Leonardo DiCaprio als Hugh Glass in THE REVENANT
Shocking reveal, verdient hätte den Oscar für den besten Hauptdarsteller in diesem Jahr und für das Wildnis-Survival-Drama „The Revenant“ tatsächlich ein anderer: Emmanuel Lubezki. Klar, der mexikanische Kameramann legte nach „Gravity“ und „Birdman“ den ersten Academy Award-Hattrick in der Kategorie Best Cinematography und überhaupt hin, was ihn aber in eine der minderwahrgenommenen Technik-Sektionen „abschiebt“, bei denen’s am nächsten Morgen komische Blicke von den Arbeitskollegen gibt, wenn man sich darin auskennt. Doch in den meisterhaften und zahlreichen Plansequenzen in „The Revenant“, ohne künstliche Lichtquellen rein von der Natur ausgeleuchtet, Landschaften erfassend, dem Geschehen beiwohnend, es ätherisch durchtauchend und dann wieder daran teilnehmend, als wäre Lubezkis Blick ein mal faszinierter, mal verstörter und erstarrter Beobachter, unbemerkt von seiner Umwelt – in all dem war eine Kameraarbeit wohlmöglich noch nie weniger technisch, sondern ist lebendig und fließend, vital und immersiv, ein Quell der Geburt und der letzte Hauch vor dem Tod in Bildern, die in ihrer Poesie nie die Menschverneinung ihrer Natur verbergen. Lubezkis Kamera ist wie die unerklärliche Macht in „Star Wars“, umgibt und durchdringt den Film.

„The Revenant“ ist von einer organischen Erlebniswucht, die gar nicht zu erfassen ist mit Begriffen wie Story oder Charakterentwicklung; wie bei der furiosen Virtuosität von einem der größten Oscar-Konkurrenten des Films, George Millers „Mad Max: Fury Road“, geht es auch in Alejandro G. Iñárritus Vergeltungs-Thriller darum, eine auf dem Papier einfache Geschichte über ihre überwältigende Präsentation zu entfalten, visuelles Erzählen, Gefühlsregungen und Deutungs-/Bedeutungsebenen aus sprechenden Bildern herzuleiten. Iñárritu, Lubezki und der bis an die Grenzen der Selbstaufgabe agierende DiCaprio führen den Menschen ans Ursprüngliche zurück, an einen Scheitelpunkt, kurz bevor der Mensch das Bewusstsein entwickelte, der Natur überlegen zu sein, sie beherrschen und bestimmen zu können, dabei zeigt er sich in „The Revenant“ als nieder gegenüber dem Wesen der Natur, muss sie töten, sie ausbeuten, sie niederbrennen, ausweiden und herunterschlingen, um nicht zu vergehen in ihrem unerbittlichen Widerstand gegen diese unspezialisierte Spezies, deren evolutionärer Fähigkeitenvorsprung (intelligenz, Sprechen) sie nur von niederen Instinkten aus geleitet (Eigensucht, Vergeltung) bevorteilt, wenn sie ihn nicht gleich ganz einbüßt.
Die unbarmherzige Bären-Attacke in THE REVENANT
Das 19. Jahrhundert, oft als eine Zeit des Aufbruchs, Entdeckertums und Pioniergeistes skizziert, ist in seinem noch frühen ersten Quartal eine Welt im pristinen Rohzustand, die jenen Lebewesen, die sich nicht an sie angepasst haben, keinen Vorteil gestattet, ihnen kaum überhaupt ein Existenzrecht einräumt: unberührt und unbezwingbar und mit einigen esotherischen Metaphern versehen zeigt Iñárritu den Norden Amerikas, lässt DiCaprio durch Erde und Eis kriechen und einen existentialistischen Kampf um eine so schmerzlich nachvollziehbare wie primitive Auge um Auge-Gerechtigkeit führen, jedes Gramm an durchlittener Qual (und DiCaprios Hugh Glass stemmt davon tonnenweise) auf sich genommen, um den Schmerz im Innern zu tilgen, das verrottende und in Fetzen an ihm hängende Fleisch von einer instinktgesteuerten Gier angetrieben, die animalisch anmutet, aber doch zutiefst im Sein und der Essenz der menschlichen Identität verwurzelt liegen: auch dir sei genommen, was du mir entrissen, nicht zuvor werd ich ruhen und eher noch im Streben verwesen, als deine Tat zu verzeihen und weiter zu gehen…

Was zumindest in Teilen der wahren Geschichte des Trappers Hugh Glass folgend ein Hohelied auf den Überlebenswillen, das Durchhaltevermögen und den Mut eines Mannes hätte werden können, wird durch die Beimengungen des Scriptes wie DiCaprios halbindianischen Sohn und die daran anknüpfenden furchtbaren Geschehnisse um den aufrührerisch-verbitterten John Fitzgerald, denen der zerschundene Glass hilflos beizuwohnen gezwungen ist, zu einem barbarisch-fatalistischen Vergeltungs-Drama voll ungeschönter Grausamkeit, solidar- und zivilisationsnegierdener Brutalität – sich in Agressionen, Impulshandlungen und bluttriefende Raserei verkehrend, aber gebierend aus dem Instikt, zu beschützen, zu erhalten, das Land, die Kinder, sich selbst. Ureinwohner, die die Schätze ihrer Heimat und den eigenen Platz darin mit unbarmherziger Gewalt behaupten und einer entführten Stammestochter auf der Spur sind, eine Bärenmutter, die ihren Nachwuchs in Gefahr wähnt und über den Eindringling in ihr Refugium mit ungebändigter Härte herfällt, Glass, der ein Martyrium über das physisch verkraftbare hinaus auf sich nimmt, um das Vergießen seines Blutes mit dem Blute eines anderen zu sühnen.
Tom Hardy als John Fitzgerald in THE REVENANT
Die Hintergründe der Figuren in „The Revenant“ bleiben sporadisch, die spirituellen Anschläge einiger Terrence Malick-Gedächtnissequenzen mit wispernder Stimme aus dem Off und leicht entfremdeten Erinnerungsfetzen und -gespinsten sind nur Andeutungen eines vorigen Lebens, das für die Männer nur als finsterer Wiederhall des Schmerzes noch eine Bedeutung hat. »Life?« fragt Fitzgerald an einer Stelle sardonisch und lässt die Kernaussage des Films und seiner Epoche folgen. »What life are you talkin’ about I ain’t got no life! I just got a living and the only way I get to do that is through these pelts.« Es gibt kein Leben. Nur Überleben in einem wilden Land, einer fremden Heimat. Die Isolation von Geist und Seele und das Überleben des Leibes zeigt „The Revenant“ in eingeweideumklammernden Szenen wie der Attacke der Bärin auf Glass, eines dieser schnittlosen Kameraführungswunder des Films; das mächtige Tier zerfetzt Glass’ Körper, sein Atem beschlägt die Linse, Schreie und Stöhnen werden zu einem Röcheln erstickt, als der Grizzly ihm mit seinen Klauen die Kehle aufreißt, den wortkargen zum stimmlosen Helden macht, noch eine Gemeinsamkeit zu „Fury Road“.

DiCaprio ächzt, keucht und stöhnt sich fortan wie ein Damentennis-Match durch die Wildnis, wühlt und kriecht und schleift seinen beinahe unbrauchbaren Körper voran, ringt sich diesen Hugh Glass als anatomisch beeindruckende Willensleistung ab und natürlich durchbrechen bisweilen die echten Leiden eines Schauspielers die dargestellte Rolle, wenn sich Leo rohe Büffelleber einverleibt und das Würgen kriegt, er von der Kälte durchgeschüttelt wird, die Strapazen des Drehs in seinem ausgelaugten Gesicht stehen, das er zu sabbernden und schmerzverzerrten Fratzen entgleisen lässt – das spielt DiCaprio weniger, als dass er es während des „The Revenant“-Shots tatsächlich durchlitt, was diesen Akt der self-torture aber in seiner Kraft und als Ausdruck der Themen des Films nicht mindert. Vom Sunnyboy, der sich auf Yachten und an Stränden mit Supermodels vergnügt, dem Swarve und Charme DiCaprios, vom Image eines Hollywood-Stars bleibt vor Lubezkis entlarvender Kamera nichts übrig, diese Hingabe und Aufopferungsbereitschaft zeichnen ihn seit Jahren aus, dieser abrackernd-intensive Schauspielstil, „The Revenant“ als Opus magnum seines heavy actings.
Leonardo DiCaprio in THE REVENANT
Gegenspieler Tom Hardy („Legend“, „Warrior“), sonst selbst eine physische Urwucht, spielt seinen John Fitzgerald dagegen fast minimalistisch aus, lauernd auf seinen Vorteil bedacht, adaptiv und gerissen, ausharrend, bis er zuschlägt. Dabei gibt Hardy keinen messerwetzenden Psychopathen, Fitzgerald meckert und mault zwar fortwährend über die Umstände, hat sich ihnen jedoch angepasst und sieht die rohe Welt um ihn herum mit einer kaltblütigen, klaren Rationalität, die ihm oft sogar einen Anflug von Recht in seinen Einwänden gibt, nur hat die Verbitterung und das eigene Leid ihn grausam gemacht, immun für jede Regung und jedes Gefühl, das dem Eigennutz im Wege steht. Eine nur sich selbst und den eigenen Absichten verschriebene Figur, ein »better you than me«-Utilitarist, erst ein Kratzen an Glass’ Nerv, dann die bohrende Klinge in seiner Seele. Ein über weite Strecken des Films in großer Entfernung voneinander ausgetragenes Duell mit einem grandiosen Schlussbild.[SPOILER voraus]Die Vergangenen mögen ihren Frieden in der Vergeltung finden. Doch jene, die zurückbleiben, verlieren den Blick auf sie, sehen ins Ferne, in die Leere, ins Nichts und finden dort nichts menschliches mehr. Wer bleib ich nun, wo nichts übrig ist, was ich einst war? Die Rache bleibt sinnlos, der Weg umsonst zurückgelegt, der Verlust ist nicht umzukehren und fern schweift ab der Geist von Erfüllung und Erinnerung und was bleibt ist nichts… Also, bis auf den Oscar auf DiCaprios Badezimmerschrank oder wo immer er den aufbewahrt.[SPOILER Ende]

Wertung & Fazit

Action: 3/5

Zurückhaltend in der Menge, aber intensiv und brutal und von Lubezki beispiellos elegant und voll archaischer Rohheit zugleich eingefangen.

Spannung: 3.5/5

Allein die schiere Wucht des Films und seine vieuslle Außergewöhnlichkeit sind hier schon Punkte wert.

Anspruch: 4/5

Die tiefgründigste Abhandlung über den Sinn der Vergeltung und den Kampf des Menschen gegen die Natur bietet „The Revenant“ sicher nicht, dennoch ein fordernder und über seine urgewaltige Präsentation reich ausgestatteter Film.

Humor: 0/5

Kein Kriterium

Darsteller: 5/5

DiCaprio spielt aufopferungsvoll, Hardy verschlagen, auch Domhnall Gleeson und Will Poulter glänzen in weniger ausstellerischen, aber wichtigen Rollen.

Regie: 5/5

Zweiter Regie-Oscar nacheinander für Alejandro González Iñárritu, und das wohlverdient.

Film: 9.5/10

„The Revenant“ ist ein Film von ungebändigter Erlebniswucht, ein existenzialistisches Western-Drama um Überleben und Vergeltung mit einem Hauptdarsteller, der sich für seine Rolle komplett aufopfert. Der wahre Star ist aber Emmanuel Lubezki, denn dessen unfassbare Kameraarbeit schafft eine visuelle Überwältigung, die in ihrer Art ganz und gar einzigartig ist.

Mehr zum Film

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