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BY THE SEA: Kritik zum Ehekrisen-Melodram mit Angelina Jolie & Brad Pitt (DVD)

Von Riggs J. McRockatansky vor 10 Monaten geschrieben06 / 20162 Kommentare

Die Story

Südfrankreich in den 1970ern: das New Yorker Paar Roland und Vanessa Bertrand quartiert sich in einem malerisch gelegenen Küstenhotel ein. Nach vierzehn Jahren und einem einschneidenden Schicksalsschlag gleicht die Ehe der einst berühmten Tänzerin und des hadernden Schriftstellers nur mehr einem Schatten ihres früheren Glanzes, sie haben einander kaum noch etwas zu sagen und verbringen ihre Zeit meistens getrennt. Während der Trinker Roland seinen Weltschmerz mit dem verständnisvollen Café-Betreiber Michel teilt, zieht sich die kummervolle Vanessa ganz und gar zurück, gibt sich an ihre Seelenpein und Tablettensucht hin. Die beiden finden jedoch zu einer ungewöhnlichen Gemeinsamkeit, als sie ein Loch in der Wand zum Nachbarzimmer entdecken, in dem das frisch vermählte Paar Léa und François seine Flitterwochen in Harmonie und mit ausgiebig-leidenschaftlichem Sex verbringt. Die geheime Obsession und die nach außen gelebte aufkeimende Freundschaft mit Léa und François scheint sich zunächst positiv auf Rolands und Vanessas Verhältnis auszuwirken…

Die Filmkritik

Keine Ahnung, ob über irgendein supercouple in den letzten zehn Jahren so viel skandalträchtiges, anrühriges, banales und amouröses berichtet wurde, wie über die Gemeinschaft zwischen Brad Pitt und Angelina Jolie. Ihr Zusammenfinden am Set der Action-Comedy „Mr. & Mrs. Smith“, während Pitt noch mit Jennifer Aniston verheiratet war, Jolies sexuell ausgefallene Vorlieben, die Adoption von geschätzt sechsundvierzig Kindern, Streit- und Trennungsgerüchte, ihre Hochzeit nach neun Jahren Beziehung im August 2014 – alles und nichts wurde da von der Boulevardpresse schlagzeilenwirksam unter’s Volk getragen. Und als sich das Ehekrisen-Melodram „By the Sea“ mit den beiden in den Hauptrollen ankündigte, rumorte es sogleich wieder in Gossiphausen los, ob Jolie mit ihrer dritten Regiearbeit und nach eigenem Script wohlmöglich zur privaten Problemverarbeitung mit ihrem Gatten vor laufender Kamera ansetzt.
Angelina Jolie in BY THE SEA
Unter diesem may or may not be-Aspekt dürften aber höchstens die Sibylle Weischenbergs, Vanessa Blumhagens, Perez Hiltons und andere Profi- und Hobby-Celebrity- und V.I.P.-Freier dieser Welt Spannung an „By the Sea“ gefunden haben. Jolie selbst gab an, von der Trauer über den Tod ihrer Mutter Marcheline Bertrand zu dem Film inspiriert worden zu sein, den sie im Stile deren geliebten 60er/70er-Jahre-Kinos inszenierte und das Ehepaar im Zentrum der Geschichte nach ihr benannte. So wirkt „By the Sea“ vom schwelgerischen Beginn an wie aus der Zeit gefallen, unterlegt von Jane Birkins „Jane B.“ fährt das Paar im fünfzig Jahre alten Sportwagenklassiker Citroën DS Cabriolet Chapron die Küstenlandschaft entlang und Miss Jolie Pitt beweist ihr Gespür für Bildkomposition, schöne Einstellungen und einen vintage cinema-Look, der Lust weckt auf das wohlig-knisternde Kino von vor einem halben Jahrhundert.

An Stil und Ästhetik mangelt es „By the Sea“ nicht und mit ihrem zeitlosen Glamour-Faktor und eingefangen in der Aufmachung des Films wirken auch Jolie und Pitt wie mit der Zeitmaschine an Sets und Locations der 1970er verfrachtet. Als Regisseurin übt sich Jolie nach „In the Land of Blood and Honey“ und „Unbroken“ weiterhin visuell am Fach der Meister und meistert die Kunst meist schon selbst ganz bemerkenswert. Erzählerisch jedoch, wenn es also daran geht, den Stil einem Inhalt zuzuführen und eine Narration daran zu knüpfen, der Gestaltung einen Sinn zu verleihen, hinter dem sich mehr verbirgt als ausstellerisches Handwerk und Ausstattungsgüte – in all dem verhebt sich Jolie ein weiteres Mal an einem sperrigen Thema und „By the Sea“ ergeht sich in einer trägen Erzählung, angeordnet in endlosen Kreisläufen der gleichen, gleichen und immer wieder gleichen Begebenheiten.
Brad Pitt in BY THE SEA
Jolie entwirft ein voneinander entfremdetes Paar, das in Leid und Selbstmitleid badet und zergeht, Depressionen, Bittermienen, Tränen und Geschluchze, ausgiebiger Alk- und Pillenkonsum, Gespräche nur (bewusst so geschriebene) platitüdenhafte Annäherungsversuche, zwei Menschen als schemenhafte Abrisse eines verlorenen Selbst und Miteinanders und alles kreist konzentrisch um eine Mitte, deren Ereignis Jolie zunächst verschweigt, das unangesprochen zwischen dem Paar und nur in Bruchstückfetzen angedeutet für’s Publikum bleibt. „By the Sea“ fehlt dadurch aber das emotionale Gewicht, man sieht nichts als zwei Künstler und Kunstmenschen, die sich einem hedonistischen Weltschmerz hingeben und sich wie eitel-dekadente Arschlöcher aufführen, denen ein Fleck auf der Hose und eine Falte in der Bluse schon den Tag versaut.

Das ein düsterer Schatten aus der Vergangenheit die Gegenwart des Paares verdunkelt und ihre Zukunft in die Nebel der Ungewissheit hüllt ist schnell klar und bald auch, dass es etwas körperliches, sexuelles, etwas im gegenseitigen Lusterfahren- und bereiten begründetes ist, von dem die Liebe der beiden belastet ist. Dieses Tal der Berührungsabscheu durchschreitet Jolie aber in dermaßen elegischem Stillstand, das ihr keine psychologische Ausleuchtung und Betrachtung ihrer Charaktere gelingt, sondern bloß ein sich endlos in Szenen- und Wortwahl wiederholendes Exposé ihres Zustandes, beinahe als müsse Jolies Drehbuch Minuten und Sequenzen schinden, bis es sich entscheiden kann, wo es mit diesen Figuren überhaupt hin will und was es über sie zu erzählen gibt.
Durch's Loch beobachtet - Melvil Poupaud und Mélanie Laurent nackt in BY THE SEA
Mit dem bummsenden und stöhnenden Paar im Nachbarzimmer öffnet der Film einen weiteren Kreislauf, den des obsessiven Voyeurismus, der sich sogar als geschickte Symbolisierung einer späteren Offenbarung entpuppt: wie die Föten vor dem Geburtskanal hocken die Bertrands am Loch in der Wand zum Zimmer nebenan, hoffend auf die (Wieder)Geburt ihrer Liebe – oder ihr endgültiges Absterben. Das Paar geilt sich weniger körperlich als vielmehr an den eigenen verschrumpelten Gefühlsorganen an den mannigfaltigen Stellungsakten der Nachbarn auf, an der jungen ungehemmten Leidenschaft der frisch verheirateten Léa und François, die ihre sexuellen und psychischen Sehnsüchte gleichermaßen harmonisch befriedigen, während sich die Unglücksgestalten Roland und Vanessa unbemerkt daran laben…

…und das Nachbarpaar gar manipulieren, um die Qualitäten ihrer Rammelkompetenz unter gewissen Umständen und mit ernüchterndem Ergebnis zu prüfen. Darin offenbart „By the Sea“ seine Hauptfiguren als empathieamputierte Degoutanten, die andere in das verstümmelte eigene Gefühlsleben mit hineinreißen, Vorwürfe erheben, Provokationen und Unterstellungen aussprechen, wer eigentlich wen ficken will. Um eine Mitfühlebene bemüht sich Jolie nicht, ihr Film ist ein ziemlich schonungsloser Seelenstrip und die herzlichen und sympathischen Nebenfiguren verschwenden Zuvorkommenheit und Freundlichkeit geradezu an diese Bertrands, die es mit Launenausbrüchen und Verwerflichkeiten „danken“. Das Schicksal dieser leidenslüsternen Elendsepigonen lässt das Herz völlig kalt…
Angelina Jolie und Brad Pitt leiden in BY THE SEA
…wodurch „By the Sea“ nach der ersten von zwei zermürbenden Kummerstunden zur Ausdauerprüfung wird. Obwohl gerade Angelina Jolie durch ihre Schauspielleistung eine große Intimität zulässt: sie zeigt sich nach ihrer (wie könnte es anders sein: schlagzeilenträchtigen) doppelten Mastektomie und Brustrekonstruktion erstmals nackt vor der Kamera, wirkt besonders in diesen Szenen so verletzlich und angeschlagen wie noch nie, womit sie die Rolle unterstützt, sei es gespielt oder ihr natürliches Empfinden während des Drehs. Auch Pitt kann man als schöpferisch aufgebrauchtem Autor nichts vorwerfen, der Star-Glamour von Brangelina verschwindet zusehends hinter den Figuren. Melvil Poupaud und Mélanie Laurent sind als Léa und François verspielt-zeigefreudig und charmant, ein stilles Highlight ist hingegen Niels Arestrup als besonnener Michel, der mit seiner eigenen traurigen Geschichte eine weitere Facette der Liebe, nämlich ihre Beständigkeit in den Film bringt. Denen allen wünscht man jedenfalls eher alles Glück und Gute, als man es am Schluss Brad und Angie nach ihrer ermüdenden, selbst- und andere zerstörenden Jammertour gönnt.

Wertung & Fazit

Action: 0/5

Kein Kriterium.

Spannung: 0.5/5

Wie bei Jolies „Unbroken“ ist das Story-Alphabet des Leidens schnell aufgesagt, die Regisseurin/Autorin buchstabiert es aber immer und immer wieder durch…

Anspruch: 2.5/5

Das Leid der Liebe als ewiger Kreis, anstrengend abgewandert, nicht sehr vielschichtig ausgedeutet.

Humor: 0/5

Kein Kriterium.

Darsteller: 4/5

Keine Ahnung, ob und inwieweit Brangelina hier privates Krisenmanagement vor der Kamera ausleben, sie spielen es aber zumindest gut. Ebenso die sehr natürlichen Nebendarsteller.

Regie: 2/5

Die Jolie Pitt kann das Handwerk, hat bei Meistern gelernt und hat Händchen und Auge für Bilder und Einstellungen, das alles einer Erzählung nutzbar zuzuführen gelingt ihr aber auch im dritten Anlauf nicht.

Film: 4.5/10

Ehekrisenbewältigungs-Downer aus dem Hause Jolie-Pitt: zwei zähe, selbstmitleidige Stunden, die in eine gepasst hätten und sich deshalb wie fünf anfühlen. Schöne Bilder, schöne Menschen, an sich auch gut gespielt und alles, aber seeeeehr anstrengend.

Mehr zum Film

IMDb Link moviepilot Link

Kommentare

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  • donpozuelo 198 Kommentar(e)

    Also ein bisschen wie erwartet… und vor allem wie alle Jolie-Filme, in denen sie Regie führt. So richtig schafft sie es nie, wirklich eine packende Geschichte zu erzählen.

    BTW: cooles, neues Layout. Gefällt mir echt gut!!!

    • Riggs J. McRockatansky Riggs J. McRockatansky 201 Kommentar(e)

      Danke, freut mich!

      Was Frau Jolie angeht: ja, irgendwie zergeht sie immer in (Über)Ambition und Leidensporno und es kommt kein einnehmender Film dabei heraus. Schade eigentlich, weil sie’s handwerklich durchaus drauf hat.

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