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Das große SchleFaZ-Desaster 2016 #1: Musik, Musik – da wackelt die Penne

Von Janick Lynch vor 9 Monaten geschrieben07 / 2016Recap2 Kommentare

SchleFaZ – Die vielleicht schrecklich-schönste Zeit des TV-Jahres bricht wieder an: Tele 5 startet unter der Aufsicht der fachkundigen Filmexperten Oliver Kalkofe und Peter Rütten wieder die Mission „Betreutes Leiden“ und serviert zwölf neue Filmkatastrophen aus dem Giftschrank der Filmindustrie.

15.17.2016. 22.05 Uhr. Olli und Peter begrüßen ihr Publikum mit einem neuen Alliterations-Spektakel in einer (wie immer) äußerst liebevoll gestalteten Kulisse zum ersten SchleFaZ der diesjährigen Sommerstaffel. Um den Zuschauer wieder langsam in die Welt der grausamen Zelluloid-Abfälle zu entführen, hat man sich zum Auftakt die fröhliche Stimmungsbombe „Musik, Musik – da wackelt die Penne“ von Franz Antel ausgesucht. Ja, DEM Franz Antel, einem verkannten Meisterregisseur des deutschen Kinos, dessen Filmographie immerhin knapp 70 Filme umfasst. Darunter zum Beispiel das vergnügliche Heino-Spektakel „Blau blüht der Enzian“, „Die liebestollen Apothekerstöchter“, „Liebe durch die Hintertür“ oder auch „Frau Wirtin bläst auch gern Trompete“. Man kann also durchaus von einem Meister seines Handwerks reden, der hier mit „Musik, Musik – da wackelt die Penne“ im Jahre 1970 zur fröhlichen Schlagersause in den Sommerferien einlud und das „Fack ju Göhte“, ja sogar das „High School Musical“ der wilden Siebziger auf das Publikum losließ. In gewohnter SchleFaZ-Manier geht es anschließend mit Texteinblendungen, Kommentaren und Moderationen nach den Werbepausen auf in das frivole Filmvergnügen, mitten hinein in diesen ersten verstörenden Albtraum der neuen Staffel…
SchleFaZ - Klassenzimmer in Musik, Musik – da wackelt die Penne
Worum geht es denn eigentlich in diesem Film? Schwer zu sagen. Wirklich! Siggi (Hansi Kraus), der Sohn des Unterrichtsministers(?), soll sich in den Sommerferien für das anstehende Nach-Abitur(??) vorbereiten. Doch anstatt rund um die Uhr zu pauken, probt er mit seinen durchgeknallten Hippie-Freunden, die kurzerhand mit ihrem kunterbunten Flower-Power-Bus angedüst kommen, lieber für ein Musical und muss nebenbei die lästigen Lehrkräfte und den dusseligen Hausmeister mit Sprachfehler mit immer neuen Streichen bekämpfen. Das ist im Grunde genommen auch schon die ganze Handlung des Films. Klingt bescheuert? Ist es auch! Nun ist das hier aber ein filmisches Musical, was sich selbstverständlich ganz organisch aus dem Plot heraus ergibt, denn natürlich sind alle handelnden Jugendlichen große Schlagerfans und rüsten schon nach kurzer Zeit zum Angriff auf das Trommelfell des vernünftigen Fernsehzuschauers. So darf man sich schon beim ewig langen Vorspann, der übrigens aus selbst gebastelten Pappschildern besteht (die Computertechnik war damals ja bekanntlich noch nicht so weit), einen ersten Schock erleben, wenn man eine lange Liste zu sehen bekommt, auf der schon einmal sämtliche Lieder des Films angezeigt werden und einem klar wird: hier muss man sich auf so einiges gefasst machen.

Antel hat es sich nicht nehmen lassen, ein paar hochkarätige Stars in seinem Stimmungs-Meisterwerk zu versammeln. Licht aus! Spot an! So spielt beispielsweise Ilja Richter, der spätere „Disco“-Moderator, persönlich den inoffiziellen Anführer der Schlagerbande und psychoterrorisiert in einer der ersten längeren Gesangseinlagen des Films das Publikum mit seinem herrlich penetranten Lachorgan in bester Spongebob Schwammkopf-Manier, sodass man froh sein kann, nicht auch noch im Schlaf von diesen verstörenden Klängen heimgesucht zu werden. Weil das aber noch nicht krank genug ist, kommt nach etwa einer halben Stunde Howard Carpendale im roten Cabriolet um die Ecke gefahren und startet eine weitere nervtötende Musicalnummer mit anschließender Schlagerpolonaise im Alpengrün, bei der man sich fragt, welche Vorstellung der Regisseur denn bitte von der Jugend seiner Zeit hatte. So dürfte sie sich allerdings kaum verhalten haben, wenn man sieht, wie die Verrückten mit eigenartigen Lauten über die Wiese tollen.
SchleFaZ - Ilja Richter in Musik, Musik – da wackelt die Penne
Erklären lässt sich das aufgesetzt lebenslustige Spektakel nur mit den mysteriösen Haschischdämpfen, die, wie die Protagonisten im späteren Verlauf des Films erfahren müssen, einem Feuerlöscher entströmen. Scheinbar haben die Macher dieses „Films“ selbst etwas zu viel davon eingeatmet. Spätestens wenn dann nach 50 Minuten endlich mal der Titelsong des Films während einer Traktorfahrt geträllert wird, kommt es schließlich wieder zum altbekannten SchleFaZ-Phänomen, das sich in Zwangsgedanken und Gefühlsschwankungen äußert, die man als Zuschauer nur selten in derartiger Form erleben kann. Diese Sendung ist eben am Ende doch nichts für schwache Nerven, auch wenn die wunderbar sarkastischen Kommentare der Redaktion den „Filmgenuss“ einigermaßen erträglich gestalten und man mal wieder herzhaft lachen kann. So sehr man sich das Ende des Films aber herbeisehnt, es kommt einfach nicht. Stattdessen inszeniert sich „Howie“ Carpendale selbst auf einem Boot, während er „Das Mädchen von Seite 1“ singt, was vermutlich eine Anspielung auf den OTTO-Katalog oder eine XXL-Ausgabe seiner liebsten Nackedei-Zeitschrift sein soll, die er in den Händen hält.

Außerdem gibt sich noch Chris Roberts in zwei musikalischen Einlagen mit der Ausstrahlung einer Trauergemeinde die Ehre. Jugendschutz wird bei „Musik, Musik – da wackelt die Penne“ übrigens eher kleingeschrieben. Immerhin lernt hier eine Grundschulklasse das Rechnen anhand eines Liedes über tragische Eskimo-Tode und zwei kleine Rabauken sprengen bei einem „Streich“ gleich ein ganzes Schiff in die Luft. Und dann gibt es ja noch die verstörend zweideutige Szene, in der besagter Chris Roberts sich in der Klasse an ein kleines Mädchen schmiegend und ein Liebeslied über einen Teddybären singt. Gruseligere Szenen gab es wohl selten in einem solchen Genrefilm zu sehen. Ja, es ist eine grausame Parallelwelt, in der „Musik, Musik – da wackelt die Penne“ spielt und diese Parallelwelt kehrt der Film auf unheimliche Art und Weise nach außen, um den geknebelten und verwirrten Zuschauer in das kunterbunte Universum der Volksmusik zu entführen, bei dessen dämlicher Singerei, der unterirdischen handwerklichen Inszenierung (selbst der Ton ist zeitversetzt!) und den grauenhaft schlechten schauspielerischen Leistungen sich die Fußnägel aufstellen, sich losreißen und weglaufen…

Am Ende bleibt nur noch die Tatsache, dass sich bereits mit diesem Auftakt der vierten SchleFaZ-Staffel erneut bestätigt, dass das Format „Die schlechtesten Filme aller Zeiten“ ein Geniestreich des Senders ist, dessen Kultfaktor an jedem Freitag völlig berechtigt wieder Einzug in den sozialen Netzwerken hält. Damit wird die aufgebaute Metaebene des Tele 5–Filmprogramms nicht nur immer lustiger, sondern auch die aufwändige Produktion des Rahmens um die einzelnen Filme geben dem Zuschauer viel zurück, nämlich wunderbar ironische Fernsehunterhaltung mit zwei tollen Moderatoren, bei denen man sich als Filmfan gemütlich zurücklehnen kann und jede Woche neu entdeckt, wie schmerzhaft, aber auch genussvoll und lustig es doch auch sein kann, mal einen so richtig schlechten Streifen zu sehen, von denen uns in den nächsten Wochen noch elf weitere erwarten, darunter unter anderem die Free TV–Premiere der Küblböck-Katastrophe „Daniel der Zauberer“. Aber nächste Woche geht es erstmal mit dem Creature Feature „Arachnoquake“ weiter!

Wer die Sendung verpasst hat, kann den Trashgenuss übrigens jeweils eine Woche nach Ausstrahlung noch in der Mediathek von Tele 5 nachholen.

Kommentare

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  • Tora_Larsson Tora_Larsson 38 Kommentar(e)

    Hi, Tora_Larsson! Sag was zum Artikel…
    ja, das habe ich hiermit getan. UM GITTES WILLEN! :O 😀

    • Tora_Larsson Tora_Larsson 38 Kommentar(e)

      und Gitte ist die kleine Schwester von Gott. 😉

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