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STRANGER THINGS: Kritik zur ersten Staffel der Mystery-Serie mit Winona Ryder & David Harbour (Netflix)

Von Riggs J. McRockatansky vor 9 Monaten geschrieben07 / 2016Review0 Kommentare

„Stranger Things“ Staffel 1 – Die Story

November, 1983: die Kleinstadt Hawkins im US-Bundesstaat Indiana ist ein friedliches Örtchen, in dem bereits Vogelattacken auf die Haarnester von Passantinnen für Aufsehen sorgen. Hier wachsen die befreundeten Kinder Mike, Will, Lucas und Dustin behütet auf, treffen sich zu Kinobesuchen und Rollenspielabenden, lesen Comics oder gehen ihren naturwissenschaftlichen Intessen nach. Doch als Will sich eines Abends nach einer zehnstündigen Runde „Dungeons & Dragons“ auf den Nachhauseweg macht fehlt am nächsten Morgen jede Spur von dem Jungen. Verzweifelt wendet sich seine Mutter Joyce an den örtlichen Polizeichef Jim Hopper, der die Ermittlungen aufnimmt. Als eine großräumige Suche nach Will ergebnislos bleibt, machen sich schließlich auch Mike, Lucas und Dustin auf die Suche nach ihrem Freund – und stoßen in den Wäldern von Hawkins auf ein seltsames Mädchen, das mehr über Wills mysteriöses Verschwinden zu wissen scheint. Während Hopper dem Fall nachgeht und die Jungs auf ihre eigenen Hinweise stoßen häufen sich unerklärliche Ereignisse…
Caleb McLaughlin, Finn Wolfhard, Millie Bobby Brown und Gaten Matarazzo in STRANGER THINGS

„Stranger Things“ Staffel 1 – Die Kritik

Hach, 1980er, du wunderbar verklärtes goldenes Zeitalter für unsere heutige Ü30- bis Anfang-40-Generation, du Synonym für unser filmkulturelles »früher war alles besser…«-Gejammer. Aber es ist halt auch was wahres dran, der Einfluss und die Dichte von Filmemachern, die in jenem und aus dem vorigen Jahrzehnt kommend auf dem Höhepunkt ihrer Schaffenskraft Kino für die Ewigkeit schufen, ist einfach beachtlich und vielleicht wirklich von keiner anderen Epoche übertroffen. Throwbacks wie J.J. Abrams’ „Super 8“, „It Follows“ oder Jeff Nichols’ „Midnight Special“ zeigen die Liebe für die visuellen und erzählerischen Konzepte von damals, das wohl ausgiebigste Bad im Schaumwirbel der Nostalgie gönnt sich und uns aber aktuell die Netflix-Eigenproduktion „Stranger Things“, die seit dem 15. Juli 2016 beim Streaming-Anbieter verfügbar ist. Die acht Episoden umfassende erste Staffel bietet wohlige Mystery-Grusel-Unterhaltung, wie sie retroversierter nicht sein könnte.

Man stelle sich vor, die Herren Spielberg, Carpenter, King, Dante und Hooper hätten sich in den 1980ern zusammengesetzt, gelegentlich Raimi, Donner und Scott konsultiert – nicht nur wäre der Thinktank vor kreativer Energie schwallartig übergesuppt, er hätte am Ende auch „Stranger Things“ ausgespuckt. Gemeinsam mit Regisseur/Produzent Shawn Levy (der bereits mit der „Night at the Museum“-Trilogie und „Real Steel“ klassisch-rückwärtsorientierte Unterhaltungsstoffe in modernem Korsett umsetzte) schaffen die Duffer Brothers Matt und Ross mit ihrer überbordend zitierfreudigen Hommage an Vorbilder und Filmpioniere eine wunderbare Nostalgie-Perle. Einen Großteil der Referenzen auch als solche deuten zu können und wahrzunehmen ist sicherlich nicht nur von Vorteil für die Serie, aber „Stranger Things“ eignet sich für begeisterte Retroisten ebenso, wie es sich einem neuen Publikum anbietet, diese zusammengeraffte Erfahrung jungfräulich zu machen.
Dan Harbour in STRANGER THINGS
Eine Gruppe von Kindern im Handlungszentrum, eine unheilvolle Regierungsverschwörung, das Übernatürliche, das langsam von Außen (oder von Innen nach Außen) ins Normale hineinkriecht, eine absente oder unverständige Eltern- und Erwachsenenwelt – die Grundzutaten von „Stranger Things“ sind universelles Repertoir der Jugendstoffe von damals, könnten direkt aus Stephen Kings Feder und wechselnd vom Auge Steven Spielbergs und John Carpenters eingefangen sein. Die Serie vereint in ihrer Erzählung deren Stile und Muster; die vielen, wirklich viiiiiielen Film-, Comic- und Buch-Referenzen wirken innerhalb der Story dennoch meist organisch und reichen vom Offensichtlichen wie der Beposterung der Zimmer der Jungs mit Motiven von „Jaws“, „The Thing“ oder „Evil Dead“ über narrative Gemeinsamkeiten wie das unsichere Erwachen der Sexualität und Identität bis hin zu Nebensächlichkeiten, eine beläufige Äußerung, ein Zitat, ein kleines Nicken in eine gewisse Richtung.

Oft sind die Verweise aber unübersehbar, so findet zum Beispiel das Lichtgeorgel aus „Close Encounters of the Third Kind“ in der dritten Folge, „Holly, Jolly“ (dt. „Grausame Nacht“), seine Weihnachtsbeleuchtungs-Entsprechung, schneidet die vierte Episode, „The Body“ (dt. „Die Leiche“), in den Parallelsträngen direkte Versatzstücke und visuelle Referenzen an „E.T.“, „Carrie“ und „Poltergeist“ nebeneinander, während die beiden nachfolgenden Episoden, „The Flea and the Acrobat“ (dt. „Der Floh und der Akrobat“) und „The Monster“ (dt. „Das Monster“) szenisch auf „Stand By Me“ und „Die Goonies“ anspielen. Trotz der ganzen Nostalgie-Wohligkeit gelingt es „Stranger Things“ aber, ein eigenes Gefühl für seine Geschichte zu wecken, die Vereinigung eines unbeschwerten und humorigen Kinderabenteuers mit einem eher psychologischen Entführungs- und Ermittlungs-Thriller ist ein bißchen wie Kuscheltier und Kampfhund an der selben Leine führen, doch letztlich verträgt es sich.
Winona Ryder in STRANGER THINGS
Für die Jungs legen die Macher „Stranger Things“ an einer Schnittstelle des Heranwachsens an, an der Kinder und Jugendliche das Gefühl haben, dass die Erwachsenenwelt von Eltern und Autoritätsgestalten ihre Worte vernimmt, doch ihre Stimmen nicht mehr hört. Die Serie ist eine monster in the closet-Geschichte an jener Grenze, an der Kinder das Wunder und Staunen im Unerklärlichen noch erkennen und akzeptieren, was die Erwachsenen längst rational als Un- oder gar Wahnsinn betrachten. Ein Ausbruch aus Behütung und Bevormundung steht Mike und seinen Freunden bevor, eine Zeit der Geheimnisse und des Verbergens, die nicht in Frage kommt, mit den Erwachsenen und ihrer Welt der Vernunft geteilt zu werden. Inmitten von Vorstellungen, Träumen und Wahrheiten manifestiert sich das Unvortsellbare, das Alptraumhafte und Verschlagene im kleinen Hawkins und „Stranger Things“ schafft es, ein stetiges leises Unbehagen zu wecken, nur eine kleine Verschiebung der Normalität…

…das Zittern eines Lichts, unnatürliche Geräusche, ein Knistern im Telefon, das Wispern an einem anderen Ende der Leitung, das jenseits der Vorstellungskraft liegt. Die drei Auftaktepisoden „The Vanishing of Will Byers“ (dt. „Das Verschwinden des Will Byers“), „The Weirdo on Maple Street“ (dt. „Die Verrückte auf der Maple Street“) und „Holly, Jolly“ leiten das Abenteuer stimmungsdicht ein, die Spannungsspitzen sitzen, ohne dass sich die Duffer-Brüder und Levy auf billige Schockeffekte verlassen müssen: die Horrorelemente in „Stranger Things“ sind von ihrer Natur her milder Grusel, aber effektiv eingesetzt und vor allem durch Winona Ryder als verzweifelnde Mutter an eine emotionale Wirkung geknüpft, statt einen bloß mit einem jump scare aus dem Sessel zu katapultieren. Die Intensität der ersten drei Folgen entlädt sich in einem Magenschlag von Cliffhanger, danach beginnt „Stranger Things“, das Mysterium um den verschwundenen Will und das merkwürdige Mädchen Eleven weiter zu entschachteln.
Natalia Dyer in STRANGER THINGS
Kernmechanik solcher Mystery-Geschichten: der Wissensvorsprung oder -nachteil des Publikums gegenüber den Protagonisten. Diese variiert und verschiebt die Serie von Handlungsstrang zu Handlungsstrang und nicht jeder davon kann die Dichte des ersten Staffeldrittels aufrecht erhalten, kleinere Hänger machen sich in „Stranger Things“ aber allenfalls beim Teenie-Geplänkel zwischen Mikes älterer Schwester Nancy, ihrem Schwarm Scott und Wills schüchternem großen Bruder Jonathan bemerkbar. Auch in deren Teil der Geschichte türmen sich die Referenzen und Anspielungen und mit der strebsamen little miss perfect, dem High School-Beau mit seinen oberflächlich-dummen Freunden und dem Sonderling einige der abgelackteren Stereotypien. Spätestens auf der Zielgeraden macht „Stranger Things“ aber auch bei diesem Handlungsstrang alles richtig, wie überhaupt mit dem Zusammenlaufen der Storyfäden in den Abschlussfolgen „The Bathtub“ (dt. „Die Badewanne“) und „The Upside Down“ (dt. „Die andere Seite“) das Geschehen nochmal ordentlich anzieht und im Finale starke emotionale Punshes setzt.

Die zuvor zwar funktionable und unterhaltsame, aber nicht immer unbedingt packende Figurenkonstellation, die in ihren Interaktionen dann doch manches mal hinter dem ganzen Nostalgiezitat zurücktreten muss, bekommt im letzten Viertel der Serie schließlich das Gewicht, das die tollen Darsteller sich mit ihren Leistungen verdienen, denn die liefern hier weit über das Referenzieren von 80er-Schablonen hinaus großartiges: die fast vergessene Ryder gibt ein formidables Comeback, mit Finn Wolfhard, Gaten Matarazzo, Caleb McLaughlin und dem storybedingt weniger präsenten Noah Schnapp hat die Casting-Abteilung ein sehr gutes Händchen bewiesen, gleiches gilt bei Natalia Dyer, Charlie Heaton und Joe Keery. Und David Harbour mal nicht als abgewrackt-gewissenlosen Arsch, sondern als abgewrackten Arsch mit Gewissen zu sehen ist ‘ne feine Sache, auch wenn man locker die halbe Staffel lang mit einem heel turn rechnet ist sein schicksalsgebeutelter und wie aus einem Kleinstadt-Tiefschlaf erwachender Chief Hopper einer der Sympathieträger der Serie. DIE Standout-Performance in „Stranger Things“ liefert allerdings die zwölfjährige Millie Bobby Brown, der als außergewöhnlich begabte Eleven am meisten abverlangt wird und die das mit einer umwerfenden Entrücktheit, inneren und geäußerten Qual und schließlich tief zu Herzen gehend spielt.
Finn Wolfhard und Millie Bobby Brown in STRANGER THINGS
Also, binge-watchen oder bügeln? Ganz klar ersteres: „Stranger Things“ ist zum Eintauchen und Einsaugen und darauf Einlassen gedacht, empfiehlt sich mit all seinen Vorzügen und nur wenigen Haken und verschmerzbaren Lücken in der Handlungsführung zur Marathon-Sichtung. Das Setting ist unglaublich liebevoll umgesetzt, ohne an Hommagen und Traditionspflichtigkeiten zu ersticken oder sie nur auszustellen. Der Carpenter-Gedächtnis-Synth-Score und die Songauswahl (die Songauswahl!) sind herausragend und tragen in unzähligen Szenen ihren unermesslichen Teil zur eerie atmosphere bei, die die Macher in so respektvoll-referentielle wie außergewöhnliche Bilder kleiden. „Stranger Things“ weidet sein Nostalgiegefühl nicht aus, sondern schöpft aus Einflüssen und Motiven von Meistern ihres Fachs eine eigene kreative Energie, die vollwertig neben den Werken steht, bei denen die Serie sich bedient.

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